Achnerkuchel & Wolfleiten

Den Sinn des Eigenen hat schon Hermann Hesse gerühmt. Meine heutige Tour entspricht so ziemlich diesem beschriebenen Eigensinn. Fordert doch dieser Eigenwille von mir hundertdreißig Kilometer Anreise, um eine Rückfallkuppe des Zeiritzkampels zu besteigen, ohne einen vermeintlich handfesten Grund dafür vorweisen zu können (brennender Dornbusch, zehn Gebote oder ähnliches). Denn die Achnerkuchel ist ein klassischer Hintergrundberg. Also eine echte B-Seite.

Viele Bilder von Zeiritzkampel-Besteigungen haben folgende Textvarianten bei der Bildbeschriftung: Im Hintergrund die Achnerkuchel, oder links im Bild gut zu erkennen: die Achnerkuchel usw. usw. Meine Vorliebe für diese vernachlässigten Bergexistenzen habe ich ja schon kundgetan und heute ist es wieder einmals soweit: Let’s play the B-Side.

Bei meiner Auffahrt auf den Präbichl kann ich schon die Sonnenbrille aufsetzen. Aber mit jedem Abfahrtsmeter, den ich Trofaiach näher komme, wird der aufkommende Nebel dichter und dichter.

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Von Kammern im Liesingtal fahre ich den kurzen Teichengraben bis auf fast tausend Meter Seehöhe zum Jagdhaus Thon (Don). Ich falte mich etwas steif aus meinem Auto und starre unglücklich zur dichten Hochnebeldecke. Das habe ich mir anders vorgestellt.

Jetzt geht es zuerst drei Kilometer auf der Forststraße entlang. Gleich zu Beginn auf einer Forststraße zu wandern hat auch seine Vorteile. Ich kann meine Körpermaschine in der leichten Steigung optimal warmlaufen, die Steifigkeit aus den Gliedern treten und durchatmen.

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Als ich noch jung war, gab es Fernsehverbot von den Eltern verordnet, und heute verpasst mir der Nebel ein viel grausameres Weitsichtverbot. Somit gilt meine ganze Aufmerksamkeit den nahen, wundergelben Herbstgebilden.

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An dieser Stelle mit der astlosen Stimmgabel versuche ich die Forststraße abzukürzen und einen alten Jagdsteig zu finden. Aber ohne Erfolg. Vor wenigen Jahren wurde hier aufgeforstet und dabei alle Spuren zerstört. Ohne Weg, durch Wirbeln von Unterholz schlage ich mich durch.

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Ich erreiche die Forststraße direkt unterhalb des Bergrückens und gehe diese bis zu ihrem südlichsten Punkt aus. In einfacherem Gelände kann ich mich jetzt zur ersten unbenannten Höhenkote (1388 m) durchschlagen. Wie die Kritzelei auf einer Kinderzeichnung kreuzen Wildspuren in wildem Durcheinander den Berg.

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Noch ist eine Pfadspur nicht eindeutig erkennbar. Aber meine Erfahrung sagt mir, ob in einer Karte verzeichnet oder nicht, dass fast immer an solchen Rückfallkuppen Jagdsteige zu finden sind.

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So ist es auch hier. Der Rücken wird schmäler und der Steig immer deutlicher.

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Ein großer Felsen lässt sich leicht umgehen, und beim Blick in den Himmel kann ich zusehen, wie die Nebeldecke blaue Risse bekommt.

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Auf ca. 1500 Meter steigt wie ein Bergphönix die Wolfleiten aus dem Nebel empor.

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Mächtig streckt sich der dritthöchste Gipfel der Eisenerzer Alpen über die Nebeldecke. Der von allen Seiten wunderschön anzuschauende Zeiritzkampel (2125 m).

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Diese mächtige breite Rinne führt zur Achner Kuchel. Rechts, gerade nicht mehr im Bild, befindet sich die Wolfleiten

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Der Blick zurück zeigt mir den nebelverhüllten bewaldeten Grat, dem ich soeben entstiegen bin.

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Manchmal gibt es Spuren und dann wieder nicht. Jetzt brauche ich sie noch weniger als zuvor.

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Vom Seckauer Zinken bis zum Bösenstein kann ich sehen.

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Hochreichart  (2416 m) und Geierhaupt (2417 m) in den Seckauer Tauern.

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Die letzten Meter vor der Wolfleiten. Im Hintergrund die Kaiserschildgruppe und der erste Aufschwung zur Achnerkuchel.

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelimpressionen Wolfleiten (1702 m). Hier habe ich das Gefühl, wie ein Engel auf weichen Federpolsterwolken direkt zu den Seckauer Tauern wandern zu können. Auch das Frohlocken fällt mir leicht: „Hosianna zeefix, Himmi Herrgot Halleluja, sog i“ (Thoma).

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Der Weg zur Achnerkuchel führt jetzt immer den Kamm entlag. Herrlich. Solche Kammwanderungen sind mir fast das Liebste.

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Aus diesem Blickwinkel ähnelt das Wildfeld (2043 m) zum Verwechseln dem Tafelberg (1087 m) in Kapstadt. Nur die Schneereste verraten seine steiermärkische Heimat. Dahinter Stadelstein und Schwarzenstein. Der unscheinbare, bewaldete Berg links im Bild ist der Kragelschinken.

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Blick zurück.

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Der waldreiche Rücken im Vordergrund ist die Verbindung zu Wildfeld und Eisenerzer Reichenstein. Der Rücken dahinter führt vom Plöschkogel über den Ochsenkogel (1629 m) und dem Lichteck (1462 m) zum Radmerhals.

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Wegspuren fallen in die Flanke der Achnerkuchel. Ich bleibe aber im weichen Gras am Grat. Die Aussicht rundum ist einfach fantastisch.

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Der Blick zurück zeigt den überschrittenen Kamm. In der Bildmitte ist die halbbewaldete Wolfleiten zu sehen.

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelkopfstand Achnerkuchel (1824 m).

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Ob die Liselotte Buchenauer bei diesem Anblick ebenfalls einen Kopfstand gemacht hat? Ich weiß es nicht, aber was ihr in die Feder geflossen ist, kann man in ihrem Buch „Bergwandern in der Steiermark“ nachlesen: „Aber von Osten, über dem Brunnecksattel gesehen, erhebt sich der Zeiritzkampel zu wahrer Größe. Wuchtige Strebepfeiler aus Gras und Fels tragen den Aufbau des Gipfels, eine hochgewölbte Schneide, die mir wie eine hohe Brücke erscheint“.  Das ist so treffend beschrieben, einfach schön.

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Versunken im Kartenstudium, ganz alleine in dieser windstillen Welt, bin ich von jeder Tagtäglichkeit losgelöst, ganz bei mir.

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Nach einer ausgiebigen Gipfelrast und Erkundung der näheren Grate, Bergrücken und ihrer Gipfel, mache ich mich auf den Weg zum Brunnecksattel.

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Im Zoom ist der Rauchfang des Lugauers gut zu sehen. Er trennt den SW-Gipfel vom NO-Gipfel. Ich war nur auf dem SW Gipfel, und darum plane ich für die nächsten Jahre eine Überschreitung.

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Dominierten bei meiner Triebenfeldkogel-Wanderung die Rottöne in unglaublicher Vielfalt, so sind es hier bereits die Brauntöne, welche in allen nur denkbaren Varianten den Boden bedecken, die Hänge einfärben und die Hügel in der Ferne grundieren: Vom kräftigen Beigebraun, über helles Gelbbraun zum roten Kupferbraun…

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Unzählige Wasseraugen beobachten aus dem Ransbachtal mein Fortkommen. Irgendwo dort drüben, über dem Tal, befindet sich eines der eigenartig vielen Antonikreuze dieser Gegend. Zu diesem pilgerten die ledigen Kalwanger, um sich eine Ehefrau zu erbitten, vielleicht brauchte es die anderen Antonikreuze, um sie umzutauschen oder wieder zurückzugeben.

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Kein noch so dicker Teppichboden kann meine Schritte so federnd dämpfen, wie dieses herbstmüde, rehbraune Gras.

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Bevor ich zum Brunnecksattel absteige, noch ein letzter Blick zurück.

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Abseits des Weges in der Sonne sitzt ein Pärchen. Meine Güte, schauen die zufrieden aus. Ob es nur an der Sonne und der Jause liegt? Es bleibt die einzige Begegnung mit anderen Wanderern an diesem wundervollen Tag.

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Der Rücken nördlich des Zeiritzkampels mit dem grünbraunen Adlerkogel (1803 m) und dem Antonikreuz rutscht mir unversehens in meine Gipfelvorratsdose. Vielleicht nächstes Jahr mit einer Übernachtung? Schön wär’s.

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Ich erreiche den irgendwie alaskahaften, moorbraunen Brunnecksattel (1619 m).

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Der Abstieg zur Achneralm führt über eine erlengeschütze, felsige Steilstufe.

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Auf verstreut liegenden Steinen finde ich spärliche Spuren einer Markierung

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Diesen hellsonnigen, warmen Oktobertag werde ich noch lange in Erinnerung behalten.

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Man findet die Distel neben der Rose und der Lilie oft als Wappenblume. In Schottland gilt die Distel gar als Nationalblume. Hätte ich ein Wappen, würde sich auch eine Distel darauf befinden. Vor allem die ungekämmte Herbstfrisur hat es mir angetan.

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Ich werde langsamer um, nicht zu schnell beim Auto anzukommen. Auch die Schitourengeher werden hier ohne Stockeinsätze nicht vorankommen.

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Ein riesiges Steinpodest erregt meine Aufmerksamkeit.

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Trotz Verzögerungstaktik erreiche ich die wenigen Häuser der Achneralm auf 1217 m.

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Den Weg ignorierend, wandere ich über diese bachdurchzogene Weidelandschaft.

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Ich bewege mich schon den ganzen Tag in ehemaligem Bergbaugelände. Vor allem wurde Kupferbergbau betrieben. Selbst Schmelzöfen standen hier in der kurzen Teichen. Endgültig wurde der Bergbau erst 1928 eingestellt. Überall, selbst am Parkplatz, kann man noch Spuren der Verhüttung und Eisensilikat-Schlacke finden. Selbst vor dieser Kapelle gibt es Reste davon. Auch in meine engere Heimat gelangte das Kupfer von der Achnerkuchel. Die Hammerwerke Berger in Hollenstein wurden mit Kupfer beliefert. Von Erich Brandl findet sich eine tolle Aufbereitung zur wirtschaftlichen Nutzung dieser Gegend auf der Seite von Kalwang.

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Gleich neben diesem Bildstock haben Wildschweine gewühlt und dabei eine ganze Wiese umgedreht.

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Im milden Präabendlicht gelange ich wieder zum Jagdhaus Thon (Don).

Achnerkuchl_141 (CC)

Richtig glücklich beende ich einen durch und durch gelungenen Bergtag. Wunderschön, bildbunt ist diese Überschreitung. Wanderer, die mit unmarkierten Wegen weniger am Hut haben, empfehle ich die Tour umgekehrt zu gehen und eventuell am selben Weg wieder abzusteigen. Es lohnt sich in jedem Fall.

Achnerkuchl_144 (CC)

Im Anstieg ca. 970 Hm – und zurückgelegte Entfernung ca. 13,1 km.

Senf dazu? Sehr gerne

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

Achnerkuchl_200

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

 

Der Münchner im Himmel nach Ludwig Thoma (1867-1921).

Buchenauer (1976): Bergwandern in der Steiermark. Tyrolia Verlag, Innsbruck.

Frischenschlager  et al. (1999): Mürztaler Berge (Rax, Schneealpe u. Hohe Veitsch), Hochschwab, Eisenerzer Alpen. Wanderführer, Leopold Stocker Verlag, Graz.

Peterka (1982): Eisenerzer Alpen. AV Führer, Bergverlag Rother, München.

Zeller (2006): BergErleben Bd. 2, Eisenerzer Alpen, Hochschwab West. Verlag Gertraud Reisinger, Spielberg.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Epilog

 

Wieder einmal kann ich mein Faible für Schwarzweißbilder nicht unterdrücken:

 

Hochkogel und Kaischerschild

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Seckauer Tauern

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Kamm von der Wolfleiten zur Achnerkuchel, dahinter der Zeiritzkampel

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Zeiritzkampel

Achnerkuchl_206(CC)

Seckauer Tauern über dem Liesingtal

Achnerkuchl_207 (CC)

Disteln

Achnerkuchl_20230 (CC)

 

FIN

 

 

 

 

 

 


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