Vielleicht am höchsten Grasberg Europas: Geißstein (2363 m)

„Das Licht grell, tötend; der Himmel vogellos; erledigt vor Hitze liegen die Hunde. Dort, in dem Staub, den verdorrten stacheligen Sträuchern, den geborstenen Felsbrocken, hat sich die Hitze gemein und nackt und flimmernd breitgemacht.“

So beginnt Werner Herzogs Filmerzählung „Cobra Verde“ und mein Blogeintrag von unserer Wanderung auf den Geißstein. 

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Ihren Anfang nimmt die Geschichte mit einer Hitzeperiode im Westen und unserem dringlichen Wunsch, den Kitzbühler Alpen wieder einmal einen Besuch abzustatten. Wir reisen ins hitzegebremste Kirchberg bei Kitzbühel.

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Um den Temperaturen vielleicht ein Schnippchen zu schlagen, suchen wir einen möglichst hohen Ausgangspunkt; den meinen wir auch mit der Bürglhütte auf 1700 Meter gefunden zu haben.

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Die lange Autofahrt über den Pass Thurn und eine sehr abenteuerliche Straßenzufahrt zur Bürglhütte ermöglicht der Hitzeglut vor uns einzutreffen. Und so kommt es zum unerwünschten Battle, zum Showdown in den Glemmtaler Alpen:

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Werden diese Badetemperaturen schneller Saunatemperaturen erreichen, als wir den Gipfel des Geißsteins?

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Durch eine örtlich begrenzte Blitz-Evolution sind bereits einige Kühe hitzeangepasst. Die weiße Fellfarbe absorbiert die Hitze nicht so stark; dunkle Tiere wären jetzt schon  kurz vorm Garpunkt.

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Auch im KdK (Kunstschaffen der Kühe) hat diese Hitzeperiode bereits ihre Spuren hinterlassen. Dieses Schüttbild, eine braune Sonne mit Strahlen, wurde von der Künstlerkuh Hermine Nitschella als vergängliches Momentum in den hellen Forststraßenschotter appliziert. Unsere Anerkennung ist ihr gewiss.

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Wir lassen die betafelte Abzweigung zur Murnauerscharte und zum Sommertor rechts liegen und wandern zur Sintersbachscharte weiter.

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Es macht Freude, über diese noch grünen Weiden zu wandern. Arnikadüfte schmeicheln sich in unsere Nasen,…

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…und Wollgrasfelder…

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…werfen mit Wattebällchen nach uns.

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Links der Bildmitte ist auch unser heutiges Ziel schon zu erkennen. Der Geißstein soll mit seinen 2363 Metern der höchste grasbewachsene Berg Europas sein. Andere Stimmen meinen, dass der um 101 m höhere Gamskarkogel (2467 m) in der Ankogelgruppe der höchste Grasberg sei. Welches Fremdenverkehrsprospekt hat wohl recht?

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Wir gelangen zu den Resten der verfallenen Kesselalm auf ca. 1950 m. Im Hintergrund ist der Rinnkogel (2147 m) zu sehen.

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Metallene Überreste einer alten Materialseilbahn halten immer noch einen riesigen Stein umfangen.

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Zuerst noch leise, dann immer lauter, durchzüngeln Trompetentöne das Hitzegeflimmer um uns. Am Gipfel des Geißsteins bläst nicht der Wind, sondern, wie wir später aus dem Gipfelbuch erfahren, der Eisenbahnermusikverein aus Bruck/Mur. Hannes und Peter sind zur Weisenbläserprobe angetreten. Jetzt wird’s kitschig.

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Südwestlich der Sintersbachscharte wäre der Rescheskogel (2182 m) einfach zu erreichen. Mein Gipfelsammelwille ist aber hitzegeschädigt, und ich ignoriere leichtherzig diese Möglichkeit.

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Wir gelangen in die Scharte. Westlich von ihr öffnen sich die riesigen Weideflächen der Sintersbach Hochalm.

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Das schaut nach fantastischem Schitourengelände aus. Der Kitzstein (2032 m) gegenüber ist so ein Schitourenziel.

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Wir verlassen die Scharte und wandern an weiteren verfallenen Alm- bzw. Stallgebäuden vorbei.

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Blick zurück zur Scharte und den von mir verschmähten Rescheskogel (2182 m).

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Von der Granatspitzgruppe und dem Großvenediger (3662 m) ist im Süden nicht viel zu sehen.

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Auch den Schwarzpalfen (2203 m) lassen wir unbestiegen rechts liegen – es ist uns einfach zu heiß.

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Wir begrüßen freudig jede Wolke, die sich von den Hohen Tauern zu uns verirrt. Doch wie ein missgünstiger Fünfjähriger Sandburgen am Strand zerstört, zerdampft die Sonne jeden dieser Schattenspender über unseren Köpfen.

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Unter der steinernen Nordseite vorbei, zieht der Steig steil,…

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…allerdings unschwierig, zum Gipfelgrat hoch.

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Die Senke nördlich unter uns heißt Schlaberstatt. Dahinter ist der Schusterkogel (2207 m) zu sehen.

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Wir befinden uns schon fast auf Augenhöhe mit dem Gipfel.

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Vom Gipfel trennt uns nur noch diese versicherte schmale Stelle am felsigen Grat.

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Geißstein (2363 m).

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Jedenfalls die Wiesen können wir dem Geißstein bestätigen, das mit dem höchsten Grasberg Europas – ?

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Oberhalb der Sintersbachscharte sind der Rescheskogel (2182 m) und dahinter der Maurerkogel (2129 m) zu erkennen. Links der Bildmitte die felsigen Abbrüche des Schwarzpalfen und darüber Wegspuren, die wir soeben „verwandert“ haben.

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Östlich des Gipfels finden sich oberhalb des Vogelalmgrabens viele Almen und noch mehr Forststraßen. Der felsige, langgezogene Rücken gegenüber endet im liftbestücken Zwölferkogel oberhalb von Hinterglemm, das ist aber auf diesem Bild nicht mehr zu sehen.

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Gabi sitzt trotz der Hitze langärmlig am Gipfel. Sie schützt sich, denn

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…unzählige Mücken-Lemminge stürzen sich in die Schweißmeere auf meiner Haut und hauchen auf diese Weise ihr filigranes Leben aus. Seebestattung. So werde ich unfreiwillig zum feuchten Grab. Das wiederum verleidet mir den Aufenthalt am fast windstillen Gipfel, wer will denn schon gerne Grab sein?

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Wer nicht zum Nassengrab taugt, darf unbehelligt seinen Apfel essen.

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Wir verlassen den Gipfel mit seinem Schlammgezücht und wandern…

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…den feinen Grasgrat entlang.

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In einer kleinen Einsenkung, noch vor der Leitenscharte, verlässt der Steig den Grat und seilt sich (ohne Seil) durch die fast senkrecht aufgerichteten Wiesenhänge ab. Der Steig ist aber immer gut zu gehen, nur eben abseilsteil.

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Hitzeblinde Frösche finden ihre vertrockneten Teiche nicht und brutzeln auf glühenden Steinen vor sich hin. Das stimmt jetzt nicht ganz, sieht aber so aus.

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Am Fuße dieser Wiesenwand angelangt, machen wir uns so unsere Gedanken. Wenn die Hitze weiter anhält, ist es bald mit den fetten Weiden vorbei. Und die Glemmtaler Alpen werden die Heimat von Griechischen Landschildkröten, Korsischen Ziegen und Eseln aus Dalmatien sein.

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Die Bewölkung hat jetzt kräftig zugenommen, und wir machen das, was schon Konstantin Wecker, Nadja Auermann und Fürstin Gloria von Thurn und Taxis getan haben. Wir kehren auf der urigen Bürglhütte ein.

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Seit 1707 sitzt sie an ihrem Platz und wurde seither nur wenig verändert. Sogar Schlafplätze finden sich oberhalb des Stalls.

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Im Anstieg ca. 660 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 7 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Auferbauer (1990): Hochschwab. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Herzog (1987): Cobra Verde. Carl Hanser Verlag, München Wien.

Leopolds Bericht von seiner Begehung des Pinzgauer Höhenwegs (abgerufen am 18.11.2015)

Bericht über die Bürglhütte auf meinbezirk.at (abgerufen am 18.11.2015)

PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version:  v 1.0.2    © 2007 Christian Dellwo.

EPILOG

Am nächsten Tag reicht unsere Motivation wandertechnisch nur für einen halbherzigen Versuch. Wiederum suchen wir einen hohen Ausgangspunkt, aber diesmal ganz in Quartiernähe. Wir lassen und uns von der Fleckalmbahn auf 1800 Meter hinauftragen.

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Vom Kitzbühler Horn (1996 m) trennt uns nur noch der Hahnenkamm und die Talsenke mit dem darin metastasierenden Kitzbühel.

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Die breiten schottrigen Zubringerstraßen und die Gondelbahnen in Sommerruhe errinnern an verlassene Industriezeilen am Rande von Großstädten.

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Der Baulärm vom Hang gegenüber, dort wollten wir eigentlich wandern, fügt sich unmelodisch ins Industriezeilenbild.

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Wir gehen dem Baulärm zögernd ein paar Schritte entgegen und entschließen uns bei diesem…

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…Anblick zur Umkehr. „Njet“ sagt der soeben erfundene Russe in mir.

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Im Schigebiet Natur zu suchen, ist ebenso verkehrt, wie im Bordell nach Liebe Ausschau zu halten.

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Wir tragen selber Schuld an diesem kleinen Schlamassel. Rund um Kitzbühel, im Epizentrum des Tiroler Fremdenverkehrs wandern zu wollen, ist doch reichlich naiv. Es finden sich zwar viele Kühe, aber auf jede Kuh kommen zwei Lifte und auf jeden Lift drei Pisten. Das alles muss natürlich gebaut und instand gehalten werden.

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Schnell sind wir uns einig. Wir wissen schon, wo wir den Tag verbringen werden. Wir „steigen“ mit der Seilbahn ab und gondeln mit dem Auto zum Fuße des Kaisergebirges. Oberhalb von Scheffau befindet sich der kleine feine Hintersteiner See, vielleicht der schönste und sauberste Gebirgssee Tirols.

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Dieser Bergsee befindet sich auf 882 m im Naturschutzgebiet Wilder Kaiser.

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Monsieur Peter kann auch anders, zum Beispiel sommerfrischeln: Es gibt eine Liegewiese und das sauberste Bergseewasser, das man sich nur vorstellen kann. Ein wenig kalt erfrischend ist es auch.

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Lesen und schwimmen sind unsere Antworten auf die hohen Temperaturen in den Bergen.

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Wohltuende Stunden verbringen wir…

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…bis in den Spätnachmittag an diesem wunderbaren Gewässer. Und so endet dieser Wandertag ganz ohne obligatorischem und unverzichtbaren Gipfelfoto. Trotzdem hätte er nicht schöner sein können, denn wenn ich diesen See seh, brauche ich kein Meer mehr – und Berg auch nicht (angelehnt an das Theaterstück von Michal Frowin/Jochen Kilian).

Keinen weiteren Berg und kein Gipfelkreuz sehen wir in diesem Kurzurlaub, denn wir verbringen ihn am See. Wir können auch das.

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FIN


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.