Kl. Bosruck (1466 m) und Karleck (1582 m)

Immer wenn sie nicht weiter wissen, kommen sie zu uns. Und wir können einfach nicht nein sagen. Ob Land, Nationalrat oder Stadt – alle paar Jahre sagen wir ihnen, wie es weitergehen soll. Diesmal lässt sogar die EU bei uns nachfragen, welche Kandidaten die nächste Saison aufgestellt werden sollen. Obwohl das Krawattenträgermaterial etwas schwächelt, stellen wir der Europäischen Gemeinschaft eine leidlich gute Truppe zusammen.  Vielleicht halten sie sich diesmal an unsere Empfehlung.

Nach unserer Stimmabgabe fahren wir ins mittlere Ennstal bis zu den Hütten der Ardningalm. Noch finden sich wenige Fahrzeuge am großen Parkplatz. Es ist Wahlsonntag und ich stelle mir vor, dass manche Wandersmänner von den unterschiedlichen, sich vermischenden Parfümdüften der Wählerinnen vor ihnen in der Wahlkabine so richtig aufgeweckt und angespitzt werden. Denn bereits J.K. Galbraith meinte schon: „Demokratie ist wie Sex. Ist sie gut, ist sie sehr gut. Ist sie nicht so gut, ist sie immer noch ganz gut“.

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Gleich am Parkplatz werden wir Zeugen eines seltenen Ereignisses. Vor lauter ungeschickter Fressgier stürzt diese Ziege im steilen Wiesenhang unterhalb der Alm ab. Während sie sich derappelt, frisst sie ununterbrochen weiter. Nur ihr Blick sagt etwas verschämt:„Es gibt nichts zu sehen, es ist nichts passiert, gehen Sie bitte weiter, und wenn Sie etwas gesehen haben, vergessen Sie es“.

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Unsere Wanderung nimmt auf einer breiten Forststraße ihren Anfang. Vor uns können wir unsere Ziele von Beginn an sehen. Der kleine, bewaldete Mugel in der Bildmitte ist der Kleine Bosruck, und durch einen Sattel von ihm getrennt „ragt“ das Karleck auf. Diese Tour ist eher als ungefährliche Wintertour mit fantastischer Aussicht bekannt. Und wird auch gerne von der anderen Seite von der Bosruckhütte mit Schiern oder Schneeschuhen begangen. Vielleicht haben gerade darum beide, so unbedeutend sie auch in den Haller Mauern sein mögen, Gipfelkreuz und Gipfelbuch.

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Vielleicht passt aufragen besser zum Bosruck (1992 m). Wir haben die ganze Zeit einen herrlichen Blick auf seine Südabbrüche und die Frauenmauer.

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Wolkenpampe verdeckt die Haller Mauern fast zur Gänze.

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Der Blick ins Tal hinaus zeigt uns gerade noch Ardning und darüber aufragend das Dürrenschöberl (1737 m).

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Für meine Frau zählen diese schroffen, steinigen Berggebilde viel weniger, als das blühende, lebendige Almgelände.

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Selbst das Wasser überschlägt sich vor Lebensfreude. Endlich Frühjahr, denkt sich das lebendige Nass und freut sich über das Ende der weißen Stagnation.

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„Und wenn es deiner Frau gut geht, geht es auch dir gut“ (Originalzitat Gabi).

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Wir beobachten Gämsen in den Schuttfeldern der Wildfrauenmauer. Würden wir jetzt dort wandern, hätte ich die obige Weisheit missachtet.

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Wir erreichen den Arlingsattel auf 1425 Meter. Für viele Besucher ist er das Ziel vor der Einkehr auf der Ardningalm. Übersteigt man den Zaun nicht und geht in Richtung Kleiner Bosruck, kommt man zu einer versteckten Bank mit herrlichem Ausblick.

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Nur 380 Meter unter uns und einen guten Kilometer entfernt, liegt die Bosruckhütte. Westlich können wir am Gratbeginn den Einstieg zum Wildfrauensteig erkennen. Ich war mit Gabi bereits einmal am Bosruck, allerdings von der anderen Seite. Über Lahnerkogel (1854 m) und Kitzstein (1925 m) sind wir bei einer unserer ersten Bergtouren (nix Lowa oder ähnliches, sondern in Doc Martens – siehe Bild!) am Gipfel gestanden. Gabi am Bosruck am 31.8.2002.

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Dass der Kleine Bosruck ein Wintergipfel ist, ist schon alleine an den geringen Wegspuren zu erkennen. Fast keine sind zu finden.

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Aber auch so ist der Gipfel leicht besteiglich, und darum wieder einmal ein Gipfelfoto: Kleiner Bosruck (1466 m).

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Das Karleck erweist sich von dieser Seite als langgezogener, bewaldeter Rücken, und ich…

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…erweise mich im Abstieg als Pfadverlierer und lotse uns durch kratzbürstiges  Latschendickicht.

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Nur wenig bluten die Kratzer an unseren Armen und Beinen. Im Sattel angekommen, empfangen uns Steinmännchen und bringen uns zum feuchten, nassen Steig aufs Karleck. Der Pfad zieht, in der Südflanke zuerst nur wenig steigend und erst ganz zum Schluss steil werdend, auf den Gipfel.

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Vor uns ist bereits das Gipfelkreuz zu sehen. So klein ist es nur, weil es von der Masse des dahinter aufragenden Berges niedergedrückt wird. Es ist noch dazu der höchste der Haller Mauern, der Große Pyhrgas (2244 m).

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Karleck (1582 m).

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Wir treffen auf zwei sportlich-schlanke nicht mehr ganz junge Wandersfrauen. Ob Freundinnen oder Schwestern lässt sich nicht mit Bestimmheit feststellen, und nachfragen kommt mir unhöflich vor. Wir plaudern ein paar nette Worte miteinander, und schon bald machen sie sich an den Abstieg. Das Besondere an den beiden ist die völlig idente Kleidung und Ausrüstung. Als würde eine mit ihrem Spiegelbild wandern.

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Jetzt, wo sie weg sind, fällt mir auch ein, an wen sie mich erinnern: an Schulze und Schulze aus Tim und Struppi:

Schulze

© Hergé / CARLSEN Verlag GmbH

Die hohen Gipfel um uns sind alle wolkenumspült: Der Bosruck (1992 m),

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…der Große Pyhrgas im Zoom…

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…und ohne Zoom. Danach die Lange Gasse, der Scheiblingstein (2197 m) und die Kreuzmauer (2091 m).

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Am Pleschberg gibt es Stress. Ein ÖAMTC Hubschrauber schwirrt hin, schwenkt ab, kommt wieder, steht lange in der Luft. Hoffentlich kein Ernstfall, sondern nur die Übung eines solchen. Auch Tage danach finde ich keinen Hinweis auf ein Unglück am Pleschberg.

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Das Becken von Windischgarsten hat noch blauen Himmel, weil sich das Sengsengebirge erfolgreich gegen die wilden Wolkenhorden stemmt

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Hinweggewölkt dagegen ist das Warscheneck (2388 m). Nur der Stubwieswipfelgipfel (1786 m) ist zu sehen. Wie eine Wasserschildkröte reckt er seine Nase in die Höhe. Das gefällt mir jetzt besonders: Stubwieswipfelgipfel!

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Noch ein letztes Foto von Gipfelkreuz und Bosruck. Es gruselt mich, wenn ich daran denke, dass der Bosruck noch 1991 ein Favorit für ein Atommüll-Endlager war. Manchmal ist es doch besser, wenn man seiner Favoritenrolle nicht gerecht wird.

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Mit einem nördlichen Blick zu den Arlingalmen steigen wir am selben Steig ab.

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Wir steigen nicht nur vom Karleck ab, sondern gehen auch in der Jahreszeit zurück. Märzenbecher, Sumpfdotterblumen und Seidelbast sind ebenso noch anzutreffen, wie Erika und Buschwindröschen.

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Wieder im Schredlsattel angekommen, finde ich doch den richtigen Weg zum Kleinen Bosruck. Somit gelingt mir die Rückverwandlung vom Pfadverlierer zum Pfadfinder.

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Vom Arlingsattel geht es an vielen Ausflüglern vorbei, auf die Forststraße zurück.

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Habe ich die Trollblumen in ihrer überreichen Fülle schon erwähnt?

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„Lauf! Geh! Nur zum Bersten hält die Wolke inne, und nur zum Weinen bleibt der Abenteurer stehen!“ (Isabella Eberhardt, Sandmeere)

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Viele Wanderer wuseln mittlerweile durch die Gegend. Auf der Ardningalm sind aber noch genug Plätze frei. Der Parkplatz ist derweilen voll, aber unsere Mägen sind leer,…

…darum gönnen wir uns diesen saftig-schmackhaften Heidelbeerkuchen und stellen Überlegungen an, wie es uns gemeinsam gelingen könnte, in Würde dick und alt zu werden.

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Zu guter Letzt glückt uns doch noch ein Blick auf die Kette der Haller Mauern. Sogar den Hexenturm (2176 m) können wir noch sehen.

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Im Anstieg ca. 650 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 7 km.

Senf dazu?Sehr gerne

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

Karleck_150 Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

End (1988): Gesäuseberge. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Frischenschlager  et al. (1996): Ennstal – Vom Dachstein bis zum Gesäuse. Wanderführer, Leopold Stocker Verlag, Graz.

Heitzmann, Kren (2002): Gesäuse Nationalpark & Ennstaler Alpen. Steirische Verlagsgesellschaft, Graz.

Kren (2011): Tourenbuch Gesäuse Wege, Hütten, Gipfel. Schall Verlag, Alland.

Mokrejs/Ostermayer (2009): Bergwander-Atlas Steiermark. Schall Verlag, Alland.

Pürcher (2000): Erlebnis Ennstal, Schladminger Tauern, die schönsten Wanderungen und Bergtouren. Verlag Styria, Graz.

 

 


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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.