Auf den Schienen der Ybbstalbahn

Diesen Fußmarsch auf den Gleisen der eingestellten Ybbstalbahn von Waidhofen/Ybbs nach Ybbsitz wollten wir noch unternehmen, bevor die Bahntrasse ihrer Schienen beraubt, oder gar selbst unwiederbringbar zerstört wird. Diese Wanderung ist gewissermaßen unser Abschied von einer einzigartigen und denkwürdigen Institution des Ybbstales.

Wir starten bei „unserer“ Haltestelle Kreilhof. Bis zum Bahnhof Gstadt wird dieser Streckenabschnitt noch von der Citybahn befahren.

Die Gärten an der Haltestelle sind sehr gepflegt und haben die schneereichen Wintertage gut überstanden.

Entlang der stark befahrenen Bundesstraße gehen wir von verwunderten Autofahrern angestarrt, konsequent auf den Schienen.

Allerdings müssen wir bald von den Gleisen, denn für drei ist auf der Schmalspur einfach zuwenig Platz…

Auf dem Abschnitt zwischen Waidhofen und Gstadt wird der Gleiskörper noch für die City-Bahn instandgehalten. City-Bahn ist für mich nominell die Vorstufe zur U-Bahn, somit zeigt Waidhofen/Ybbs ihr weltstädtisches Selbstverständnis als City. Allerdings haben sich die Bezeichnungen City-Tower für unseren Stadtturm und Downtown für die Innenstadt noch nicht durchgesetzt.

Wir gehen an der Zentrale der Firma Bene Büromöbel vorbei. Das eigenwillige, preisgekrönte Gebäude wurde von Laudris Ortner entworfen.

So sieht die Einfahrt im Bahnhof Gstadt für den Lokführer aus.

Von hier an kann uns kein Zug mehr begegnen, der zugbefreite Streckenabschnitt beginnt.

Schon an den ersten Schienenmetern empfinde ich Trauer für diese in Stich gelassene Bahnstrecke.

Das Gleis rechts im Bild führt immer die Ybbs entlang, oft eng an Felswände gedrückt, durch einen Tunnel bei Opponitz, nach Hollenstein, Lunz am See und Kienberg Gaming.

Wir zwängen uns an den Absperrgittern der denkmalgeschützten Fischbauchträgerbrücke vorbei und überschreiten die höhere der drei Ybbsbrücken in diesem Bereich.

Im Vordergrund die alte Straßenbrücke und dahinter die neu errichtete.

Wir klettern immer seitlich an den Gittern vorbei. Dieses Vorbeischwindeln an den Sperrgittern ist der schwierigere Part an diesem Unternehmen.

Haltestelle Schütt. Kein Aufenthalt. Weiter geht’s.

Uns fasziniert die Rückeroberungskraft der Natur. Der große Reiz an dieser Wanderung findet sich auch in den vielen kleinen Kunstwerken, auf, zwischen und neben den Schienen.

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Diese Gitter sind wirklich lästig, vor allem wenn es seitlich gleich steil abwärts geht.

Ab der Haltestelle Steinmühl verläuft der Schienenstrang parallel zu unserer bevorzugten Laufstrecke (Radweg von Waidhofen nach Ybbsitz).

Die Ybbstalbahn ist wirklich die wunderhübsche Schmalspurschwester der Mariazellerbahn.

Praktische Bauernhände nutzen klug die stillgelegten Gleise auch zu anderem.

In der nahen „Ferne“ ist der Maisberg schon zu sehen.

Lange 25 Jahre halten soche Holzbohlen, und diese hier haben ihre Zeit schon abgelegen. Die Müdigkeit ist den geschundenen Schwellen anzukennen, trotzdem blühen sie noch ein letztes Mal aus ihren Rissen und Schrunden. Auch im Vergehen kann soviel Schönheit liegen.

Spöttisch-liebevoll wurde die Ybbstalbahn auch „Schafkäsexpress“ genannt. Sie nahm  ihren Betrieb am 9. März 1899 auf und beendete ihn am 11. Dezember 2010.

Die Schienen mit 760 mm Bosnische Spurweite suchen ihren perspektivischen Fluchtpunkt.

Der menschgemachte, starre Bahnkörper muss nach hundert Jahren weichen. Wie als Fingerzeig veranschaulichen die knospenansetztenden Bäume in ihrem steten Wandel das Beständige.

Mittlerweile sind wir beim Steigen zwischen den Schienen ganz achtsam, um die „Gesichter“ der greisen Holzschwellen nicht zu beschädigen.

Über ganzen Gleisabschnitten liegt wintermüdes Dammgras wie schützend auf den Schienen.

Die mutige Vorhut wird sich nie und nimmer wegducken.

Wir nähern uns einer der vielen Kreuzungen mit der Straße. Jede der Kreuzungen war mit einer Stopptafel versehen und damit ein sich wiederholender Autofahrerfluch.

Nicht nur die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit, auch die Patina der Schienen – der Rost.

Wir bekommen eine Ahnung, wie sich die Streckenwärter in den Zeiten vor der Einführung der Messwagen gefühlt haben müssen. Diese Streckenkontrollore sind ihre Bahnanbschnitte zu Fuß abgeschritten, um die Gleise und den Oberbau auf Schäden zu überprüfen. Bis zu 5000 km im Jahr ist so ein Streckenläufer bei jedem Wetter unterwegs gewesen. Selbst außerhalb des Dienstes konnte man sie an ihrer automatisierten Schrittweite erkennen, da diese an den Schwellenabständen ihrer Bahn eingeübt wurde.

Die letzte Haltestelle und zum Autofahrerglück auch die letzte Straßenkreuzung vor Ybbsitz ist erreicht.

Dahinter ist der Prochenberg samt Haselsteinmauer im diesigen Licht zu erkennen.

Noch eine Brücke kurz vor dem Bahnhof Ybbsitz müssen wir überschreiten,…

…um in den Bahhof Ybbsitz „einfahren“ zu können.

Die Szenerie, die uns erwartet, erfüllt jede Klischeevorstellung eines aufgelassenen Provinzbahnhofes…

Ulrich Seidl stand Pate bei dieser „Bildkomposition“. Obligatorisch und unverzichbar: Bahnhofsfoto Ybbsitz (414 m).

Unsere Schienenwanderung endet in Ybbsitz. Ich habe viele durchrüttelte Stunden auf den harten Holzbänken der Ybbstalbahn abgesessen und habe eine Modernisierung eingefordert, schneller und komfortabler müsste die Bahnfahrt sein! Danach bin ich jahrelang nicht mehr mit der Ybbstalbahn gefahren und jetzt fahren Busse!

Ich finde ein letztes symbolisches Motiv: Die untergehende Sonne spiegelt sich im Bahnhofsfenster…

Im Anstieg ca. 55 Hm und zurückgelegte Strecke ca. 8,7 km.

Senf dazu? Sehr gerne

blog@monsieurpeter.at

Quellen

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Wikipedia über Eisenbahnstrecken und noch vieles mehr.

Wikipedia über die Ybbstalbahn und noch vieles mehr. 


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.