Aufschubumkehr: Wanderung auf den Arthofberg (861 m) und Höhenberg (875 m)

Echtes Neuland wartet auf mich – und das ganz nah.  Zwischen Waidhofen/Ybbs und Großraming, dort wo Waldberge zu unbedeutenden Höhen aufsteigen, verbergen sich gut versteckte Kuttel-Gipfel, sozusagen die Weichteile und Eingeweide der OÖ Voralpen. Ein wenig ist das wie in der Küche: Die Filetstücke Beirid und Steak kennt jeder und isst bald einer. Für die Innereien braucht es schon Schleckermäuler und gaumengeschulte Wertschätzer. Wen das jetzt interessiert, setzt sich mit mir an den Tisch.

Beim morgendlichen Jausenkauf in der Stadtmitte Waidhofens stehe ich vor einem „verschneiten“ Freisingerberg. Gewöhnlich asphaltiert und zugeparkt wurde er im Rahmen eines Maturaprojektes am TZW Waidhofen mit 1000 m³ Schnee, das sind immerhin fünfzig LKW-Fuhren,…

…für einen Parallel-Skislalom zur Piste präpariert. Ehemalige Absolventen des Trainingszentrums haben ihre Teilnahme zugesagt: zum Beispiel Katharina Gallhuber, Thomas Sykora oder Jimmy Steiner.

Kurz stelle ich mir die Frage, wie sinnvoll diese Aktion in Zeiten des Klimawandels für einen zehn Sekunden langen Flachlauf sein mag. Aber auch bei mir kommt es oft zu einer Verzwistung des eigenen Klimafreundlichen-Denkens und des persönlichen Klimaschädlichen-Handelns. Um moralisch den Zeigefinger zu heben, sitze ich selbst viel zu oft im Flugzeug. Einsichtig lasse ich meinen Zeigefinger im Enrüstungsfutteral stecken.

Etwa fünf Kilometer vor Großraming, dort wo der Steinergraben in den Neustiftgraben mündet, halte ich beim Bauernhaus nahe der Bundesstraße an. Ein gummibestiefelter Landwirt zeigt mir eine Stellfläche für meinen felswandgrauen Zubringer, damit ihn nichts bei der Arbeit stört.

Gleich zu Beginn zeigt sich der Grundgeschmack meiner Wanderung. Besser gesagt ist es eine Wanderung mit Duftbegleitung. Das ist bei Innereien auch so. Wer Kutteln mag, muss auch ihren Geruch aushalten. Was hier so geruchstark die Straßenmitte ziert, sieht wie ein Maistrich unter Kühen aus.

Beim Brauch des Maistriches wird quer durchs Dorf, vom Haus des Liebenden zum Haus des Objekts der Liebe, eine Kalkspur gezogen. Dieses Anbetungswürdige kann eine Sie oder ein Er sein. Der Brauch ist eine alte Tradition, um zwei Liebende zueinander zu führen. Oft geht der Kalkstrich viele Kilometer weit von Dorf zu Dorf und von Haus zu Haus des Liebespaares. Dieser Brauch kann sowohl ein Paar betreffen, das offiziell zusammen ist, oder aber auch so weit gehen, ein heimliches Pantscherl öffentlich zu machen. Klatsch und Tratsch gedeihen in Dorfgemeinschaften ja besonders gut.

Die Kalkspur und auch diese Jauchespur sind wasserlöslich. Sie verschwinden mit dem nächsten größeren Regen. Nur das hilft mir jetzt nix.

Weil ein undichter Jauchewagen einfach nicht so romantisch ist, wie der Maistrich zwischen Kühen, bleibe ich bei meiner Interpretation, dass es sich um eine Sehnsuchtsäußerung handelt. Es erleichtert mir ein wenig das geruchsbegleitete Entlangwandern. Dabei geht mir so einiges durch den Kopf. Ich liebe diese erinnernde Phantasiearbeit beim Wandern. Zum Beispiel das Thema Sehnsuchtsäußerung: Wer kann sich nicht an die Zeit erinnern, in der die Hormone der Rechtschreibung einen Schritt voraus waren:

Diese Zettelchen sind in Handyzeiten vermutlich erledigt und vergessen. Eigentlich sollte ich sie als immaterielles UNESCO Weltkulturerbe vorschlagen.

Beim Weiterweg zum Bauernhaus Neuhager verliert sich der kuhliche Maistrich endlich.

Es ist warm und diesig.

Kurz vorm Bauernhaus nehme ich diesen Traktorweg (den ohne alte Obstbäume).

Ein weiter Blick in den Süden.

Abgelenkt von einem Himmelsschauspiel verliere ich diese Forststraße, weil sie sich in der Wiese verläuft – vielmehr selbst zur Wiese wird.

Weil am Waldrand wieder eine Forststraße zu sehen ist, steige ich zu dieser hoch. Das ist nicht ganz falsch, aber auch nicht richtig.

Jetzt passiert wieder so ein großzügiger Augenblick, den einem die Natur frei und unvorbereitet schenkt: Lautlose Luftkämpfe! Ein mächtiger Airbus A380 gegen zwei wendige Sportflugzeuge, welche beide mühelos in seinem Rumpf Platz finden würden.

Kein flugfähiges Hausgeflügel könnte sich so hoch hinaufwinden, dazu braucht es schon königliche Schwingen, wie sie auch ein junger Steinadler besitzt – oder den revierverteidigenden Angriffswillen eines Bussardpärchens. Die Bussarde versuchen mit wilden Anflügen, den jungen Adler aus ihrem Revier zu vertreiben.

Der dreht allerdings in Seelenruhe seine Runden. Mit wenigen faulen Flügelschlägen zieht der majestätische Vogel seine Kreise – er braucht nicht zu arbeiten, weil er so erhaben ist. Etwas später dürften die streitlustigen Kleinen dann doch ihren Willen bekommen haben. Alle drei verschwinden vom Himmel über mir und hinterlassen nur dunkle Bläue.

Ich bewege mich an der Grenze zum Nationalpark Kalkalpen. Tieren ist diese Grenze egal. Dass die Begegnung mit einem Steinadler echten Seltenheitswert hat, kann man hier nachlesen:  Der_Steinadler_im_Nationalpark_Kalkalpen.

Über den sonst so geordneten Nutzwald ist die Unordnung hereingebrochen.

Am offenen, sonnigen Ende wende ich mich etwas nach rechts.

Das ist die steilsteinige Ostseite meines Gipfels. Irgendwo unterhalb soll eine alte Forststraße verlaufen, die in die Einsattelung links des Gipfels mündet.

Ich hätte gleich unten bleiben können und den Zaun entlang wandern. Beim Baum in der Bildmitte sehe ich dann die gesuchte Straße.

Vom Ausblick lasse ich mich jedoch gerne aufhalten.

Die alte Forststraße ist so verwachsen, dass sie fast unsichtbar ist.

Ich gelange auf den Grat zur Einsattelung. Da schaut es jetzt gar nicht gut aus. Die holzliche Gemengelage möchte ich abweisend nennen. Links oder rechts vorbei geht im steil abfallendem Gelände gar nicht.

Ein wenig ist es so, als hätten zwei Sturmtiefs miteinander einen Raumteiler gezimmert.

Die folgenden fünfzig Meter bereiten einzig Waldberge-Ultras Freude.

Dann gelangen das Schmerzensgeld und die Mühsalszulage endlich zur Auszahlung.

Blätter wirbeln im Wiesenwindhosenspiel reigentanzend, flatternd wie Schmetterlinge, aufwärts. Und ein herrlicher Felsgrat mit moosüberwachsenen, kindskopfgroßen Steinen nimmt seinen Anfang.

Dieser gastliche, buchenbestandene Felsgrat bringt mich auf den Gipfel.

Gleich hinter dieser besenhaften Buche befindet sich eine endende Forststraße, die von der Nordseite hierher führt. Wenige Meter daneben ist der Gipfel.

Dieser Gipfel und sein Nachbar sind selbst im Umkreis von 50 km kaum bekannt, was sie aber nicht zu kränken scheint. Mich auch nicht. Den Gipfelsteinmann verdankt er Helmut Seiringer.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Höhenberg (875 m).

Die Blumen der Holzberge.

Im Weitergehen bleibe ich auf der Forststraße bis zur ersten strengen Kehre.

Die noch winterbraunen Weiden des Arthofbergs sehe ich jetzt vor mir. Da will ich hinauf.

In einer Kehre gehe ich gerade weiter hinab…

…bis in die Einsattelung mit der Baumkapelle.

Jetzt gehe ich ein Stück auf dem beschilderten Rundweg um den Arthofberg.

In meiner schwerflüssigen Art tropfe ich Schritt für Schritt auf der Forststraße weiter. Es ist heiß geworden…

…und diesig. Die Luftqualität fürs Fotografieren ist mies. Weil ich an meinen Bildern selber nur wenig Freude finde, verweise ich gleich einmal auf den Tourenbeitrag von Helmut Seiringer (den bis dato einzigen im Internet). Dort finden sich die Bilder, die ich gerne gemacht hätte: Helmut’s Bergtouren: Arthofberg

Hier ist mein Abstiegsgelände gut zu sehen. Über die Wiese mit dem Schneeflecken bin ich zur Baumkapelle gewandert.

Der Schieferstein und sein vorspringendes Kinn, der Steinere Jäger, sind das Beirid und Steak unter den Wanderungen in den OÖ Voralpen. Allerdings nicht in der von mir gewählten Variante: Die Überstolperung des Schiefersteins.

Bei diesem Stadel findet sich eine Markierung. Der Weiterweg geht über den Wiesengrat…

…bis hinauf zum baumumgrenzten Gipfel.

Bäume, Bäume, nichts als Bäume
Und dazwischen Zwischenräume.
Und in jedem Zwischenraum,
Man glaubt es kaum,
Steht noch ein Baum.

(Heinz Erhard)

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Arthofberg (861 m). Das zweibalkige Gipfelkreuz (Patriarchenkreuz) ist 2009 erneuert worden. Im Gipfelbuch ist auch Karl A. aus W/Y eingetragen. Karl ist ein Spezialist für die ganz seltenen Gipfel. Mit dem sollte ich mich wieder einmal austauschen. Auf der Grimminghütte waren wir gemeinsam mit Doris und Stefan: Versuch über das Bleibenlassen.

Unterhalb des Gipfelkreuzes setze ich mich auf die Wiese in die Sonne und genieße meine Jause. Danach steige ich der Markierung entlang, am Ostgrat, zum Bauernhaus Arthofer (im Bild) ab.

Kurz vorm Bauernhaus mündet der Ostgrat in diese Forststraße auf welcher der Arthofberg-Rundweg geführt wird.

Der Weg führt an der renovierten Hauskapelle vorbei. Das alte Gipfelkreuz lehnt an der Südseite der Kapelle.

Diese Hauskapelle stammt aus dem Jahr 1859. Ich mag sakrale Bauten – in allen Kulturen und Religionen. Meine engere Heimat ist das Habitat des Katholischen. Allüberall ist es da anzutreffen. Ein Ganzkörper-Katholik war ich nie. Es gibt so Stellen an mir, die sich mit dem Katholizismus nicht so gut vertragen. Zum Beispiel habe ich an der nicht reproduktiven körperlichen Liebe immer schon Sinn und Gefallen gefunden.

Weiter unten, zwischen den Bauernhäusern Vorderkatzberger und Hinterkatzberger, steht die alte Dichlberger-Kapelle. Heute bin ich nicht zu ihr abgestiegen, wiewohl es eine besondere Kapelle ist. Wenige Tage später habe ich sie mit Gabriele aufgesucht:

 Warum diese Kapelle etwas anders ist, wird in mehreren Sagen erzählt. Berichtet wird unterschiedlich, jedoch hat die Geschichte immer das selbe Thema: Tod durch Kitzeln! Das erschüttert mich jetzt, weil diese Form der Zuneigung für mich immer schon die kleine Rache an meinen Kindern war. Wenn ich sie schon nicht schlagen durfte, so konnte ich sie zumindest kitzeln, bis es wehtat, und das mit freundlichem Gesicht. Weitere Bilder dazu finden sich im Epilog dieses Blogeintrags.

Vom Bauernhaus Arthofer wandere ich weiter zum Bauernhaus Dichlberger. Gleich hinter dem Haus entlang des Grabens steige ich weiter ab.

Noch vor dem Bauernhaus Hinterkatzberger wandere ich über den vor mir liegenden…

…namenlosen Wiesenkogel…

…mit der Höhenkote 624 m…

…auf Augenhöhe mit Maria Neustift (635 m).

Unter mir die Bundesstraße und gegenüber zwei bereits besuchte Berge: Von der Erleuchtung zart gestreift oder der glückliche Briefträger von Großraming.

Blick zum Bauernhaus Hinterkatzberger und den überschrittenen Gipfelgrat. 

Ich steige über den unbenannten Kogel ab, zur „Jauchewiese“ – unverkennbar frisch geodelt – rechts im Bild.

Wie ein Reality-Landschaftsmaler hat der Bauer die Güllegrundierung dick aufgetragen. Ganz an den Rand, zu den Sträuchern, gelangte er mit dem Traktor nicht, und dort versuche ich mich entlangzudrücken. Jedoch hilft mir alle Vorsicht nicht. Ich bekomme einiges vom braunen, stinkenden Material in das Profil meiner Schuhsohlen. Wer Stollenfußballschuhe schon einmal von hängengebliebenen Erd- und Rasenstücken befreit hat, weiß, wie das aussieht. Noch dazu sind es meine neubesohlten Schuhe und das bedeutet: tiefes Profil und damit viel Material und somit ganz viel Aroma!

In meinem felswandgrauen Auto kann ich noch tagelang das Odeur dieser Tour wahrnehmen. Die Fahrt zur Arbeit überstehe ich nur in dichte Wolken von Lieblingsparfüms gehüllt. Wäre ich die Geliebte eines Landwirts, würde ich auf das Vorhandensein dieser Parfüms im Alibert meines Mannes achten. Denn als Neutralisierer oder dezente Übertrumpfer von Güllegeruch haben sich bei mir besonders bewährt:

Parfümbeschreibung: Der Duft Christian Dior Fahrenheit ist speziell für alle richtigen Männer bestimmt, die unter ihrer rauhen Schale ein gefühlvolles Inneres verbergen.

 

Parfümbeschreibung: Das ParfümGuerlain L’Homme Idéal L’Homme Idéal ist ein vollkommener, moderner Duft, der Ihnen zu einem unverwechselbaren Charisma verhilft und Sie all Ihre Ziele erreichen lässt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Parfümbeschreibungen stimmen immer und treffen zu neunundneunzig Prozent zu!

Das ist schon eine besondere Runde. Einzig und allein Helmut Seiringers Beitrag ist dazu im Internet zu finden. In den Publikationen zur Region, Wanderführern und ähnlichen Werken gibt es nicht einen einzigen Hinweis. Wer den holzverseuchten Grat auf den Höherberg nicht gehen will, könnte den markierten Knappenweg wandern und von der daran anschließenden Arthofbergrunde einfach zum Gipfelkreuz aufsteigen.

Im Anstieg etwa 755 Hm und zurückgelegte Entfernung nahezu 12,2 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at


Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region OÖ Voralpen (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.

Meine Quellen:

Ausschnitt aus Kompass Logo Karte 4309, Österreich digital.
ⒸKartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit:
PanoLab Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Ⓒ Christian Dellwo.

Helmut’s Bergtouren: Arthofberg (abgerufen am 9.6.2019)

Nationalparkregion: Rundweg Arthofberg (abgerufen am 9.6.2019)

Die drei heiligen Jungfrauen auf sagen.at (abgerufen am 9.6.2019)

Den Begriff „Aufschubumkehr“ habe ich mir von Sasche Lobo stibitzt.

 „im nicht-reproduktiven Geschlechtsverkehr Sinn sehen“ ist eine Anlehung bzw. Ausborgung von Ned Beauman und seinem Buch „Warum der Wahnsinn einer Niederlage vorzuziehen ist.“

EPILOG

Am 18.5.2019 habe ich mit Gabriele die Dichlberger Kapelle besucht.

Unter einer sehr alten, sehr vitalen, sehr hoch aufragenden Linde…

… in einer engen Straßenkehre, schmiegt sich die Kapelle an den Berghang.

Neben der Kapelle ist der geweihte Brunnen zu sehen dessen Wasser kein Trinkwasser mehr ist, vermutlich wegen der Straße, die sich zwischen die eigentliche Quelle und ihn geschoben hat.

Die ganze Legende ist hier nachzulesen:

Die drei heiligen Marien.

FIN