Aus dem Nebel meiner Alltagsroutine: Alpstein (1143 m) und Trämpl (1424 m)

Heute fällt in Waidhofen/Ybbs wieder der Startschuss: Es wird im Kollektiv gegeneinander gelaufen, und das nennt sich dann Stadtlauf. Dass mir Wettbewerb und gemeinschaftliche Verausgabung nicht so am Herzen liegen, habe ich bereits mehrfach kundgetan. Ich bin ganz klar ohne Wettkampf-Gen geboren. In meinem Chromosomensatz fehlt dieses „Vergleichen-wollen-Gen“ und „Ich-besieg-dich-Gen“ vollständig. Noch dazu scheue ich den vermassenden Erlebnischarakter solcher Veranstaltungen.

Nur der Wunsch meines damals sechsjährigen Sohnes hob mich 1993 über alle diese Hürden. Mit ihm lief ich am Waidhofner Stadtlauf mit. Weil ihn seine Überfreude am Beginn viel zu schnell werden ließ, bremste ich seinen Lauf wohl dosiert und amtierte  als verkehrter Schrittmacher. Dabei wurde seine Freude zu meiner Freude.

Heute verlasse ich die Stadt schon früh am Morgen, lange vor dem Startschuss. Am Neustifter Sattel halte ich kurz mein Fahrzeug an und mache dieses grüne Foto.

Jedes Mal denke ich mir das wieder: Die Anfahrt von Molln bis zum Bodinggraben zieht sich und dauert gefühlt ewig. Und das sollte man wissen, denn die Weiterfahrt vom großen Parkplatz beim Nationalparkzentrum zum 1,5 km entfernten Jägerhäusl ist vom 1. Mai bis 31. Oktober nur bis 9:00 Uhr möglich. Danach ist die Zufahrt verboten, und das Auto bleibt hier stehen.

Parkplatz beim Nationalparkzentrum.

Gleich hinter dem Jägerhäusl befindet sich die wesentlich kleinere Stellfläche und der Ausgangspunkt…

…für die Wanderung zur Ebenforst Alm.

Auf diesem steinigen, neongrünbedachten Waldaufstieg wandere ich die erste Stunde hoch. Die rein gewaschene, neue Luft lässt sich schlucken wie klares Quellwasser, und dabei kommt mir…

…eine Stelle aus Emanuel Coccias Buch „Die Wurzeln der Welt“ in den Sinn: „Es waren die Pflanzen, die der Welt die heutige Form gegeben haben. Dafür mussten sie nichts weiter tun, als nur zu sein, mussten sich nicht bewegen, nicht handeln und veränderten doch die Welt maximal global. Sauerstoff, den wir zum Leben brauchen, ist nichts anderes als ein Abfallprodukt aus dem Leben der anderen. Sie bringen das Meisterstück fertig, Sonnenlicht und Kohlenstoff in Leben zu verwandeln, sie streben der Sonne entgegen und sind doch fest mit dem Boden verbunden (…)“.

Später bleibt der Weg laubbedeckt wie schon die ganze Zeit zuvor und wird in der Südseite der Rotwagmauer für ein kurzes Stück etwas schmaler.

So schmal habe ich den Steig jetzt auch nicht empfunden.

Weil Wurzeln in Aufbau und Funktion so sehr dem Gehirn ähneln, gibt es die Überlegung, ob Bäume nicht so etwas wie ein Bewusstsein, ein Weltempfinden haben.

Schon fast auf der Ebenforst Alm angelangt, quere ich eine Forststraße. Von da an begleiten mich mopedhafter Motorsägenlärm und der echotische Widerhall von Axtschlägen. Vor dem Eintreffen des Viehs auf den Weideflächen werden rund um die Alm die Zäune repariert und falls erforderlich, auch erneuert. „Einhagern“ bzw. Einhagen nennt man diese von den Bauern gemeinschaftlich erbrachte Arbeit. Mit einer ordentlichen Holzrampe wird dem Wanderer das Übersteigen des erneuerten, wieder hosenreißfreudigen Stacheldrahtzauns gehörig erleichtert.

Weil ich nicht zur Alm wandere, sondern am breiten Wiesenriedel bleibe, erspare ich mir einige Abstiegsmeter.

Den Trämpl (1424 m) kann ich schon einmal genau betrachten. Sein herrlicher Anblick dominiert diesen Abschnitt des Weges.

Ein Wegweiser zeigt auf den von Kuhtritten verwüsteten Aufstiegsweg. Stacheldraht soll seine drohende Vernichtung durch juckende Kuhhintern, schruppende Kuhflanken und scheuernde Kuhköpfe verhindern.

Unter dem spektakelhaften Gipfelaufbau des Trämpls wende ich mich dem linken Wiesenrand zu. Denn zuerst will ich über den…

…Geißluckensteig auf den höheren Alpstein (1443 m) wandern. Sogar diese Abzweigung wird von einem Wegweiser, zumindest richtungsmäßig, angedeutet.

Ich habe diese Wanderung in ähnlicher Form bereits einmal im Mai 2006 mit Reinhard unternommen. Das nächste Bild vom Trämpl ist damals entstanden. Sturm und Borkenkäfer waren in dieser kurzen Zeit offensichtlich sehr eifrig am Werk.

6. Mai 2006

Der Steig, welcher durch die Nordseite führt, ist anfangs feucht und irgendwie dunkel.

Lawinenrestenass ist der Boden.

Der Weg quert den Hang, der viel steiler daherkommt, als es auf diesem Foto aussieht.

Märzenbecher stehen Kopf an Kopf ganz nah beieinander. Pixeldicht wie die Bildpunkte eines HD-Fernsehers. Und bilden hoch über den Abhängen…

…zur Ebenforst Alm ein florales Massenornament.

Auch das Holz kommt in diesem Anstieg nicht zu kurz. Wenn ich ans Hintergebirge denke, kommen mir zuallererst umgefallene Bäume mit ihren aufragenden, erdverklebten Wurzelstöcken in den Sinn.

Mit dem Höhersteigen wird der Pfad immer trockener, bis endlich der Luchsboden (1308 m) erreicht ist.

Vor mir der ungeheure Körper des Großen Größtenbergs (1724 m).

Daneben tümpeln die Gesäuseberge im Dunst.

Der Blick auf meinen späteren Aufstiegsweg auf den Trämpl lässt mich an der Unvollkommenheit der Welt zweifeln. Nach dem Fotografieren bleibe ich gleich einmal staunend in der Wiese liegen…

Danach gehe ich in die Gegenrichtung weiter auf den Alpstein zu.

Immer steiniger und steiler wird das Gelände.

Die letzten Meter auf den Alpstein sind felsig, und da darf man auch die Hände verwenden.

Und auch im letzten Anstieg finden sich genügend Ausbuchtungen, in denen meine Schuhspitzen passgenau Platz finden. Auf Zehenspitzen ist man leichter.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Alpstein (1424 m).

Auf der Gamsplan (1902 m) war ich noch nicht.

Schon fast alle diese Berge habe ich bestiegen.

Blick zur Ebenforst Alm (1105 m). Seit mehr als dreihundertfünfzig Jahren wird sie bewirtschaftet.

Nur schwer kann ich mich von der Gipfelschau losreißen. Allerdings ist der Trämpl noch nicht mein nächster Gipfel. Über einen kleinen Umweg möchte ich zuvor…

…den östlich befindlichen Boßbrettkogel (1304 m) besuchen.

Bis zu diesen deutlichen Wegspuren steige ich ab. Jedoch verliert sich der Pfad schon bald im Gelände.

Über umgefallene Bäume und letzte Schneereste, immer darauf achtend, nicht zu viel Höhe herzugeben,…

…überschreite ich größer werdende Wiesenflecken und gelange…

…solcherart auf den aussichtslosen Boßbrettkogel (1304 m).

Zurück wandere ich nur auf ähnlichem Weg, weil ich die Spuren meines Hinwegs schnell aus den Augen verliere.

Wieder am markierten Weg gehe ich in Richtung Trämpl.

Der Blick zurück auf den Felssplitter in der Landschaft, der sich Alpstein nennt.

Samt Gipfelkreuz im Zoom.

Zentimeter für Zentimeter gibt der Winter die unter seiner weißen Nässe atmende Welt frei.

Eine letzte steile Querung im trittweichen Schnee,…

…und schon kann ich die letzten Meter zum…

…Gipfel hochsteigen. Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Trämpl (1424 m).

Blick vom Gipfelfelsen des Trämpls zur Ebenforst Alm (1105 m) und zur südlich gelegenen…

…wieder errichteten Schaumbergalm (1140 m) am Fuße des Größtenberges.

Auch von diesem windstillen, menschenfreundlichen Gipfel löse ich mich nur ungern. Aber meine Runde will fertig gewandert werden.

Am markierten Westgrat steige ich zu dieser aussichtsreichen Einsattelung ab.

Nur noch dreißig Minuten sind es von hier zur Schaumbergalm und nicht viel mehr bis zur Ebenforst Alm.

Unweigerlich beginne ich zu trödeln, weil ich diese herrliche Wanderung nicht enden lassen will.

Mit einem kleinen Gipfeleinschub könnte ich die Tour doch noch ein wenig strecken, fällt mir zu meinem Wanderglück ein. Am Anstiegsweg gehe ich zur Ebenforst Alm und zur hölzernen Zaunüberwindungsrampe zurück.

Gleich nach der Rampe wende ich mich nach links und wandere den Stacheldrahtzaun entlang hoch. Bis ich auf diese Weise ganz einfach auf den nächsten Gipfel gelange.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto mit sammelseligem Gipfelliebhaber am Schirmkogel (1195 m).

Den Gipfel überschreite ich, und schon wenige Minuten danach stehe ich am Endpunkt der Forststraße, die mich zum markierten Anstiegsweg zurückbringt.

Im Anstieg ca. 1100 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 13,5 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at.

Meine Quellen:

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit: PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version: 1.0.3  © Christian Dellwo.

„Auf den Zehenspitzen ist man leichter.“ habe ich mir von Clemens J. Setz ausgeborgt.

Heitzmann, Harant (1996): OÖ-Voralpen. OeAV-Führer, Ennsthaler Verlag, Steyr.

Lenzenweger (2009): Eisenwurzen, Nationalpark Kalkalpen. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Radinger (2009): Wandererlebnis Kalkalpen mit Haller Mauern. Residenz Verlag, St. Pölten.

Heitzmann, Harant (1999): Reichraminger Hintergebirge (Neuauflage) Ennsthaler Verlag, Steyr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sieghartsleitner(2000): Wandern rund um den Nationalpark Kalkalpen. 45 sorgfältig ausgewählte Familienwanderungen. Ennsthaler Verlag, Steyr.

Loderbauer/Luckeneder (2012): Wandern & Bergsteigen Oberösterreich. Kral Verlag, Berndorf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neuweg/Peham (2004): Schutzhütten Touren, Wanderwege, Geschichte. Verlag Ennsthaler, Steyr.

Hochhauser (2008): Oberösterreichische Almen 78 traumhafte Alm- u. Hüttenwanderungen. Verlag Styria, Graz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Coccia (2018): Die Wurzeln der Welt. Carl Hanser Verlag, München.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

EPILOG

Mit Reinhard habe ich diese Wanderung in ähnlicher Art und Weise bereits einmal im Mai 2006 unternommen. Einige wenige Schnappschüsse existieren von dieser Tour.

Gipfelkreuz Alpstein (1443 m)

Schneereste gammelten noch faul in den Nordseiten.

Gipfelfoto Trämpl (1424 m)

 

Rotgsol.

Im Abstieg noch ein Blick zurück auf den Trämpl.

Am Weg zur Ebenforst Alm ein Blick auf den Alpstein.

Trämpl und Luchsboden von der Ebenforstalm.

Infotafel auf der Ebenforst Alm.

 

Ebenforstalm.

Mehr Fotos gibt es nicht zu dieser Tour.

F I N


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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.