Berg mit geringer Mortalitätsrate nebst Dann-und-wann-Tsunami: Ringkogel (1668 m)

Aktueller Hinweis (28.01.2018) Nach unserer Besteigung dürfte ein Sturmgeschehen einen riesigen, noch nicht aufgearbeiteten Windwurf im Hocheck-Sattel hinterlassen haben. Ein Besteigung ist zurzeit sehr mühsam.

Vollkommen überraschend, auch für sie selbst, verbringt Ria ein Wochenende in Waidhofen/Ybbs. Und in einer unglaublichen Steigerung dieser Überraschung, in einem Überraschungstsunami sozusagen, will sie mit mir auf den Ringkogel wandern. Das rührt mich jetzt. Den Rucksack und eine etwas zu große Berghose borgt sie sich aus. Ein eventuell damit verbundenes Attraktivitätsmanko ist ihr einerlei. Dass noch ein Tsunami auf uns wartet, wissen wir zum Zeitpunkt unseres Aufbruchs nicht.

Der Ringkogel (1668 m) befindet sich im Gratverlauf zwischen dem Hochkar (1808 m) und dem Dürrenstein (1878 m). Besucht wird er zumeist bei einer Überschreitung des langen Kamms oder im Winter, bei einer Schitour. Seine Mortalitätsrate ist sehr gering.

Unser Ausgangspunkt ist das Hochmoor Leckermoor auf dem Hochplateau Hochreit bei Göstling an der Ybbs. Und unsere gute Laune nennt sich demnach Hochstimmung.

Der erste Abschnitt unserer Wanderung führt auf einer Forststraße das Moor entlang…

…und weiter hoch bis zum eigentlichen Steigbeginn. Abschnittsweise steil und steinig führt der Pfad durch Wald…

…fast dreihundert Höhenmeter bis in den Hocheck-Sattel und auf das Weidegelände der Wiesenalm.

Nicht nur die Sonne gewinnt am Horizont an Höhe und strahlt uns mehr und mehr an. Mit vielen kleinen Tritten nähern auch wir uns dem Bergkamm.

Je höher wir kommen, desto heller und freundlicher wird der Tag. Mit jedem Schritt wird es um uns blauer und…

…lichter und luftiger. Bereits einmal habe ich hier, bei einer Schitour, dieses Aufblauen und Aufklaren erlebt.

Im Februar Zweitausendzehn war ich mit Freunden unterwegs.

Wir durchstiegen eine großartige Winterlandschaft,…

…mit einer ganz ähnlichen Wegführung.

Mit dem Erreichen der Wiesenalm begannen sich die Winterschönheitsmomente zu überschlagen. Im Epilog zu diesem Beitrag erzähle ich in feinen Bildern von dieser feinen Schitour.

Wie von einem starken Magneten werden wir von der Wiesenalm (1486 m) angezogen.

Gleichfalls sind auch diese frühherbstlichen Schönheitsmomente nicht von schlechten Eltern. Der markierte Pfad zieht hier rechts weg, hinein in das wunderbare Almgelände. Bei der Alm verlassen wir den markierten Pfad,…

…und auch danach bleibt es um uns almhaft und kuhgemütlich.

Der Anblick des mächtigen Dürrensteins (1878 m) am Plateaurand bremst uns immer wieder ein wenig aus.

An dieser kleiner Jagdhütte (mit prächtigem Dürrensteinblick) vorbei…

…beginnen wir den unschwierigen Aufstieg auf den Kesselberg.

Blick zurück zur Jagdhütte.

Etwas später, eine weitere Rückschau auf die durchwanderte Landschaft. Jetzt ist es nicht mehr weit bis zu unserem ersten Gipfel, dem Kesselberg (1657 m).

Kurz davor werden wir indes von diesem Anblick ganz und gar überrumpelt.

Im rechten Bildteil ist das Gipfelkreuz des Ringkogels zu erkennen und dort, wo der Hochschwab aufragen sollte, rollt in gespenstischer Zeitlupe ein riesiger Nebeltsunami auf uns zu.

Das stürzt uns in gehörige Aufregung. Diesem Naturschauspiel wollen wir rasch näher kommen. Zuvor müssen wir noch den ersten Gipfel des heutigen Tages überschreiten.

Ich erkläre, ein wenig aufgeblasen, dass das der Kesselberg (1657 m) ist, und wir jetzt, gemäß den obligatorisch-und-unverzichtbar-Richtlinien, ein Foto anzufertigen haben. Ria kann nicht glauben, dass das jetzt ein Gipfel sein soll. Fröhlich zertrümmert sie meinen Gipfelstolz: „Da ist ja nix, gar nix“ meint sie lachend. „Aber in der Karte ist hier ein Gipfel verzeichnet“ erkläre ich etwas zaghaft. „Das ist bestenfalls ein Hügel“ meint Ria. „Trotzdem“ sage ich!  Ich weiß in diesem Moment: „Das Zauberwort der Machtlosen heißt trotzdem“ .

Um ihr die gefühlte Denkwürdigkeit des Augenblicks vor Augen zu führen, werfe ich mich in Pose, und sie haut sich vor Lachen weg. Für dieses Gipfelgieren, Gipfelhorten hat sie jetzt gar kein Verständnis.

Sie murmelt irgendetwas wie: „Mein Vater ist ein Gipfelmessie“, erklärt sich doch zu einem zweiten Foto bereit. Am Synchron-Gipfel-Posieren müssen wir noch arbeiten. Guter Wille und gute Ansätze sind erkennbar, aber auch nicht mehr.

Dass es vielleicht doch ein Gipfel sein kann, verrät die weite Sicht ins Land hinein. Für meine schwächelnde Selbstachtung versuche ich, die Gipfel um uns zu benennen.

Das gelingt mir ganz gut, aber natürlich nicht vollständig.

Wir überwandern den Kesselberg und gelangen zum markierten Aufstieg, welcher von der Schwarzalm heraufzieht. Dabei darf man nicht ungeduldig sein und sich nicht in den Latschen verlieren. Lieber etwas unterhalb des Latschengürtels bleiben.

Wir nähern uns dem letzten Aufschwung.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Ringkogel (1668 m).

Vor sieben Jahren gab es hier noch kein Gipfelkreuz. Mannerhauben und himmlisches Blau allerdings schon.

Auch wir blicken heute in eine arktische Bläue. Dem Nebel gelingt es nicht aufzusteigen, und jetzt rutscht er die feuchten Wiesen und Felsen des Hochschwabs entlang.

Eine weiße Nebelgischt überspült das bläuliche Gipfelmeer um uns. Wir blicken auf den lautlosen Nebeltsunami. Wäre er aus Wasser, müsste man sein Rauschen, sein Überschlagen und wildes Toben bis hierher hören können.

So riesig ist die Welle und so tief der Sturz ins Tal.

Damit die kühle Brise am Gipfel nicht zum Vernichter unserer Gesundheit wird,  verkriechen wir uns in den von Latschen geschenkten Windschatten. Wir räumen unsere Rucksäcke aus und halten uns an die Weisheit Perrudjas: „(…) den Bauch füllte er sich unmäßig. Der Magen ist ein Sack, sagte er, ein voller Sack ist wertvoller als ein leerer“. An diese Wertvoll-Metapher halten wir uns gerne und genau.

Immer wieder finden sich köstliche Eintragungen in Gipfelbüchern. Dass es OHNE Ria besonders schön am Gipfel sein könnte, erfahre ich erst aus diesem Gipfelbucheintrag.

Wir sehen hinab zum Lassingbach – auf eine äußerst einsame Gegend.

Dort drüben ist es nicht mehr so einsam. Das Hochkar ist zu sehen und ein Abschnitt der langen Alpintour, welche hierher und weiter auf den Dürrenstein führt.

Der Dürrenstein (1878 m) mit seinen ausgebreiteten Armen und darunter die Wildnis Dürrenstein: ein UNESCO-Weltnaturerbe, wie der Yellowstone Nationalpark oder die Galapagos Inseln!

Der letzte Teil unserer Wanderung, über den Kesselberg bis zum Ringkogel, hat uns an der südlichen Begrenzung des Schutzgebietes entlanggeführt.

Auf Mountainpanoramas.com findet sich dieser fantastische Rundumblick, von Anton Theurezbacher großartig fotografiert und zu diesem Panorama bearbeitet: Ringkogel by Anton Theurezbacher ©. Einfach ins Bild klicken.

Ringkogel by Anton Theurezbacher ©

Weil wir nicht so tolle Bilder von den Bergen um uns zustande bringen, fotografieren wir uns vorm Aufbruch einfach gegenseitig.

Unter der Kesselhöhe ist die Bernlehnerhütte zu sehen. Ich meine zu dieser Stunde die Schwarzalm zu erblicken. Dieser Fehlglaube ist an einem Orientierungspatzer mitschuld und bringt mir heute noch Schmach und Schande bei meiner Tochter ein.

Wir hören kein Muhen und keine Glocken. Ohne diese Sommerbewohner auf der Alm ist es ganz sonderbar still.

Wir gelangen zu einem Kuh-Wellness-Wasserloch. Ria sucht an den Rändern und im Wasser nach Lebenszeichen. Über ein wenig Schlammgezücht würde sie sich freuen.

Noch im Frühjahr sahen Rias Wasserlöcher so aus:

© Foto: Andrius Pašukonis

In Französisch Guayana erforschte sie für ihre Masterthesis das Territorialverhalten eines kleinen Froschzeitgenossen: Allobates femoralis.

© Foto: Susi Stückler

Ich vermute ja, sie wollte gar nicht wieder heimkommen. „Irgendwann gewöhnt man sich gegen alles.“ meinte schon Clemens J. Setz in Indigo.

© Foto: Andrius Pašukonis

Jetzt bin ich sehr froh, mit ihr die heimatlichen Berge durchstreifen zu können und mir möglichst viele ihrer Erlebnisse schildern zu lassen. Mehr Anteil am Leben der Kinder kann man nicht verlangen.

© Foto: Susi Stückler

Rias Suche am Wasserloch bleibt ergebnislos, und wir wandern weiter. Auch ein blindes Korn findet manchmal kein Huhn. Der Boden ist sehr zertreten. Zum Glück finden sich dann und wann Markierungen. Nur eigenartig, dass diese den Weg so weit westlich ziehen. Ich bin ja noch der (falschen) Meinung, dass die Hütte südlicher liegen muss.

Und dann passiert es. Wir verlieren den Weg. Den markierten Weg wohlgemerkt. Das ist mir jetzt peinlich. Nach einigem GPS unterstützten Hin- und Hergerenne finden wir wieder auf den Pfad zurück.

Ich äußere sorgendes Mitgefühl mit dem jungen tschechischen Pärchen, das wir am Ringkogel angetroffen haben. Sie sind über den Grat der Alpintour vom Hochkar gewandert und wollten, wie wir, zur Schwarzalm absteigen. „Hoffentlich schaffen die das ohne GPS“ sage ich noch zu Ria. Und dann sitzt dieses Pärchen bei unserer Ankunft auf der Schwarzalm schon da. Ihre Jause ausgepackt, völlig entspannt.

Ria lacht sich bei ihren Anblick schwindlig, und ich erkenne in diesem Moment, dass ich die Hose des Vertuschens nicht über diesen Vorfall ziehen kann. Wäre jetzt meine wahrheitsliebende Tochter (miese Verräterin) nicht Zeugin dieser Geschehnisse, würde ich diesen Umstand nicht erwähnen und versuchen, besser wegzukommen, als mir zusteht. Aber Ria wird alles ausplaudern. Jeder. Jedem. Überall. Das zwingt mich zu dieser Selbstpreisgabe.

Die Alm wird nicht mehr bewirtschaftet, denn gestern war der letzte Tag in diesem Jahr. Darum verzichten wir auf eine Rast und wandern weiter. Der Weg führt durch sehr unübersichtliches Gelände: Im Kessel heißt es hier. Immer die Westseite des Kesselbergs entlang.

Markierungen gibt es, Wegspuren gar nicht so viele.

Wir gelangen wieder zur wunderbaren Wiesenalm und ihren riesigen Weideflächen.

Im rechten oberen Bilddrittel ist sogar die kleine Jagdhütte am Plateaurand zu erkennen.

Mit den letzten Sonnenresten tanken wir noch wertvolles Vitamin D…

…und wandern, vorbei an steinernem Zierrat und wuchernden Latschen, am Aufstiegsweg zurück.

Mit einer Abweichung meinerseits. Geduckt, wie geprügelt unter dem Spottdrosselgesang meiner Tochter, zweige ich für die Besteigung noch eines Gipfels vom Hauptweg ab.

Leicht zwänglerisch und darum noch befreiender: Gipfelfoto Hocheck (1390 m).

Ria wartet, bereits weit unten, am Steigbeginn, auf mich. In der Sonne sitzend, dort, wo diese Leuchtreklame für den Herbst im sanften Wind flackert.

Lässig, wendig, geschickt: Monsieur Peter bei der Wegfindung. Das hat es heute nicht gespielt. Und vielleicht gerade deswegen und wegen des Tsunamis und des lustigen Gipfeleintrags und unserer guten Jause und der gefühlten vielen Gipfel und des gemeinsamen Lachens, war das ein verdammt guter Tag für einen Vater, der mit seiner Tochter wandert.

 

EPILOG

Am 14.2.2010 war ich bereits einmal am Ringkogel: mit Angelika, Muck und Reinhard.

Zweitausendzehn muss ein fantastischer Winter gewesen sein.

Das Kriterium dieser Schitour sind die…

…dreihundert Höhenmeter durch den steilen Wald. Im Anstieg wie im Abstieg.

Ab der Hocheckeinsattelung, vor der Wiesenalm, wandelt sich die Mühe in pures Glück.

Kurz vor der Wiesenalm durchstoßen wir die Nebeldecke.

Das bringt sogar meine drei tourenerfahrenen Mitgeher ins Staunen.

Unzufriedenheit sieht anders aus.

Dass mir meine Person in einem gewesenen Augenblick der Selbstzufriedenheit entgegenblickt, freut und rührt mich beim Erstellen dieses Epilogs besonders.

Über die ruhenden Weideflächen…

…der Wiesenalm…

…geht es den Kesselberg hoch, dem Strahlenkranz der Sonne entgegen.

Nebelwogen schwappen über den Rand des Plateaus und gischten das Jagdhaus.

Auch damals sind wir über den Kesselberg gewandert.

Auf der Kesselhöhe der Blick zum Hochkar.

Unter uns die verschneite Bernlehnerhütte.

Der letzte Anstieg auf…

…den Ringkogelgipfel (1668 m).

Es gibt noch kein Gipfelkreuz, sondern lediglich eine upgegradete Markierungsstange.

Angelika beseligt sich im wärmenden Sonnenlicht, an der…

…großartigen Aussicht…

…und den Späßen…

…der bestens gelaunten, ausgelassenen, Mannerhaubenmänner. Optisch bieten Hauben und Männer auf jeder Bergtour einen Mehrwert, und für die gute Laune sind sie schier unersetzlich.

Erst im Dezember dieses Jahres erhalte auch ich meine rosarote „Schitourenhaube“ von Reinhard überreicht, in einer berührenden Zeremonie: Sonntagberg mit Schi.

Blick zurück auf den Kesselberg…

…. und zum Hockkar.

Die Abfahrt war ein einziges Dahinfliegen, ein segelfliegerähnliches Gleiten über den Kesselberg. Sogar für mich.

Der Nebeltauchgang war unvermeidlich.

Ohne die Wahrheit zu strapazieren kann ich behaupten, dass meine Schwünge nicht so aussahen…

…wie die von Muck, Reinhard und Angelika.

FIN

Im Anstieg ca. 1020 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 15,8 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit: PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version: 1.0.3  © Christian Dellwo.

Jahnn Hans Henry (2017): Perrudja. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg.

Clemens J. Setz (2012): Indigo. Suhrkamp Velag, Berlin.

Zimmermann Peter (2017): Das Zauberwort der Machtlosen heißt trotzdem, Ö1 Exlibris.

Steffan/Tippelt (1977): Ybbstaler Alpen. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Lenzenweger (2009): Eisenwurzen, Nationalpark Kalkalpen. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Baumgartner/Tippelt (2013): Wandererlebnis Ötscher, Ybbstaler Alpen. Kral Verlag, Berndorf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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