Berge ohne Mitlaut: die Akogeln

Wildnis, Abenteuer und Entdeckermut signalisieren die Bergnamen vieler Bergsportartikel. K2, McKinley, Eiger, Meru usw… Auch unser heutiger Gipfel hat seine eigene Produktlinie. Wofür könnte so ein Tausendermugel (1190 m) mit dem Namen Akogel wohl werben? Das und warum man die Nothklamm im November nicht durchschreiten soll, findet sich in diesem Blogeintrag. 

Mitleidlose Berge gibt es viele, gefährlich wie der Nanga Parbat oder brutal wie die Eiger Nordwand im Winter. Mitlautlose Berge (quasi Vokalberge) sind schon viel seltener. Der oft besuchte Astein bei Windischgarsten ist so ein Beispiel. Wir besuchen heute seine Cousins in der Steiermark: Akogel (1190 m), Großer Akogel (1171 m) und Kleiner Akogel (ca. 940 m).

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Ausgangspunkt ist der Parkplatz bei der Geo Werkstatt in Gams. Hier befindet sich das kleine Parkbad und der Beginn des Geopfades und der Nothklamm. In diesem Dezember ungeheuerliche, ungewohnte -2 Grad halten uns lange im Auto und bringen uns altkalte Schitourengefühle ohne Schi.

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Wir wollen über die Forststraße bis zum Akogelbauern und den Gesäuseblick wandern. Von dort findet sich hoffentlich eine Möglichkeit, auf den ersten Gipfel des heutigen Tages zu gelangen. Noch im Morgenschatten liegen der felsige Bergstein (1215 m) und der Wiedenberg (1297 m). Aber nicht mehr lange, denn schon bald sind sie in der Morgensonne und in meiner Gipfelvorratsdose.

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Nach einer Viertelstunde auf der Forststraße, entkommt mir über diesen, wie ein gemaltes Bild anmutender Gesäuseanblick, ein lautes bewunderndes „Pfauhhhh“!

Großer Buchstein (2224 m), Tieflimauer (1820 m), St. Gallener Spitze (2144 m) und Kleiner Buchstein (1990 m).

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Lugauer (2206 m), Hochzinödl (2191 m), Almmauer (1764 m), Tamischbachturm (2035 m).

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Zu zweit ist selbst der lange Forststraßenanstieg kurzweilig. Dort oben, an der Felskante, vermuten wir den „Gesäuseblick“.

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An der Eschaujagdhütte vorbei…

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… gelangen wir zum Akogel Bauern. Es sieht so aus, als wäre das Bauernhaus unbewohnt, aber die Weideflächen rundum reichlich genutzt. Die robusten Hochlandrinder werden wohl den ganzen Winter hier verbringen.

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Wir folgen der Forststraße so lange, bis die Markierung in den Wald verzweigt und wir zu dieser Teilung gelangen. Wir halten uns rechts in Richtung Gesäuseblick.

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Moosgrün und ganz still (moosgedämmt) ist dieser herrliche Waldabschnitt. Aber nur so lange, bis kurz vorm Gesäuseblick ein lauter Ausruf die Stille zerstört, aber diesmal kommt er von Reinhard:…

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„Das gibt es ja nicht, hier war ich schon einmal, das kenne ich“ fällt ihm beim Anblick des Ausblicks ein. Wie schon von der Forststraße gesehen, ragen elefantös und weiß…

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…die Gesäuseriesen in den immer weniger blauen Himmel.

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Einem sprichwörtlichen Elefanten gleich ist üblicherweise das Gedächtnis von Reinhard. Zum Beispiel kann er auch weit zurückliegende Ereignisse tagesgenau (mit Datum und Benennung der Anwesenden) erinnern. Muss ich mir um ihn Sorgen machen, weil die Wölfe der Demenz und des Vergessens schon zubeißen und einzelne Stücke seiner wertvollen Erinnerungen herausreißen und wegfressen? Bei Reinhard gäbe es wirklich viel zu holen: Unzählige weite Reisen auf allen Kontinenten und viele Bergbesteigungen. Eine große Anzahl gelesener Bücher und noch mehr besuchte Konzerte.

Aber nein, ich muss mir keine Sorgen machen, denn der Besuch des „Gesäuseblicks“ war nur eine kurze Episode, ein Abstecher bei einer Stangl (1592 m) Besteigung. Ohne großes Gewicht wurde die Erinnerung ganz hinten gereiht und erst jetzt, beim Wiedersehen, hervorgeholt (auch das Datum fällt ihm ein).

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Über den unter uns liegenden Ort Gams schreibt L. Buchenauer: „Man hat den Kessel von Gams einmal das „Verlorene Tal“ genannt, dieser Name besteht zu Recht im Sinne von weltabgeschieden und weltverloren. (…) Voller Naturschönheiten und voller Bodenschätze, voll von geologischen Besonderheiten steckt dieser waldige Talkessel in den Westausläufern des Hochschwabgebietes“.

Heute habe ich die weniger schöne Sekretärin mit, und die trägt uns jetzt ins Gästebuch ein, damit dieser Besuch nicht auch noch in Vergessenheit gerät.

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Zarte Wegspuren führen zu einer Forststraße. Wegen Schlägerungsarbeiten liegen immer wieder Äste am Weg und verdecken ihn.

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Auf der Forststraße bleiben wir nur kurz und wandern einen Holzziehweg hoch. Der bringt uns an einer kleinen Jagdhütte vorbei zu einem von dort wegführenden Steig zur nächsten Straße. Diese verlassen wir aber ebenso rasch, und im unschwierigen Gelände gelangen wir auf den Akogel.

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfreude am Akogel (1190 m).

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Die Südostseite fällt fast senkrecht ab. Wir wandern in nördliche Richtung weiter…

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…und gelangen an ein Forststraßenende. Die südöstlichen Abbrüche zeigen auch den Straßenbaggern ihre Grenzen auf.

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Und vor uns entfaltet sich ein herrlicher Ausblick in den Hochschwab.

Riegerin (1939 m), Hochschwab (2277 m), Großer Griesstein (2023 m) und Ebenstein (2123 m).

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Rechts im Bild der Brandstein (2003 m) und die Kaltmauer (1929 m).

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Wir verbleiben nicht lange auf der Forststraße und verlassen sie, um die etwas darunter liegende „Straße in den Norden“ zu begehen.

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Ameisen-Halloween.

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In einer Linkskurve schwenken wir unbeirrt auf einen Ziehweg und verlassen diesen erst, als er endet.

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Jetzt geht es nochmals richtig steil zum…

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…felsigen Gipfelaufbau. Unwillig gefunden zu werden, versteckt sich der Gipfel im dichten Gebüsch. Aber wir scheuchen ihn aus dem Unterholz, und darum gibt es wieder ein…

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…obligatorisches und unverzichtbares Gipfelfoto: Großer Akogel (1171 m).

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Jetzt ist es soweit, und ich möchte das pflegende Geheimnis des Akogels enthüllen. Er wirbt nicht für eine Versicherung oder Bank, er macht sich nicht für ein Putzmittel oder eine Automarke stark: Unsere Haut- und Haarpflege ist sein großes Anliegen.

Akogel™und Akogel Plus™ nennt sich seine Pflegeserie. Ich nenne das eine echte  Überraschung.

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Eine gemeinschaftliche Unachtsamkeit lässt uns den Abstieg zum Kleinen Akogel in der falschen Himmelsrichtung annehmen. Und so gelangen wir in diese Abbrüche. Jetzt erst merken wir unseren Verhauer und wandern wieder hoch, zum Gipfel zurück. Von diesem…

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…steigen wir in die richtige Himmelsrichtung…

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…über einen tieflaubigen Hang hinab.

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Knietief, pudrig und trocken wie karamellisierter Pulverschnee sind die Verhältnisse. Geschwind  „rascheln“ wir den Hang hinab.

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Der Laubhang mündet in einen felsigen Grat – das gefällt uns sehr.

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Die Höhe können wir nur schätzen, und trotzdem gibt es ein obligatorisches und unverzichtbares Gipfelfoto: Kleiner Akogel (ca.940 m).

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Wir halten uns nicht lange auf und eilen wieder zurück, bis…

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…wir mit einem giftig-steilen Abstieg…

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…eine Forststraße erreichen.

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Diese bringt uns zur Reiteralm. Hier kommt es zu einer kurzen Weiterwegverwirrung, weil die Markierung fehlt.

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Unser Weiterweg führt hinab zu den Almhäusern (keine Markierung sichtbar) und…

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…den noch nicht gut erkennbaren Graben entlang. Erst nach zweihundert Metern im Graben ist ein erster Markierungspunkt zu sehen und der alte Fahrweg erkennbar.

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Unsere Schuhe sind durchs Laubwaten picobello sauber, aber das ändert sich jetzt porentief.

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Beim Bauernhaus Sonnleiten (Nomen es Omen) verliert sich die Markierung wiederum. Wir wandern über die große Wiese hinterm Haus und finden den aufgelassenen Forstweg dann doch noch.

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Wieder im Tal, will ich den letzten Kilometer unbedingt durch die Nothklamm wandern.  Bereits 2007 beeindruckte mich diese Steiganlage nachhaltig. Diese Klamm gilt als eine der interessantesten der Alpen. Ein Schild warnt zwar vor Sturmschäden und sperrt den Durchgang, aber ich Gesetzloser kann Reinhard mit einem sonderpädagogischen Kniff ebenfalls zum Weitergehen animieren.

Bei der Kugelmühle und dem Schneckenfriedhof (hier finden sich unzählige, versteinerte Schnecken im Erdreich) betreten wir das Ufer des Gamsbaches.

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Sorgen bereiten uns allerdings nicht Sturmschäden, sondern völlig glatte, rutschige, seifige Holzbretter, die ohne Querlatten gar nicht mehr zu begehen wären. Hier kämen  ausgetrocknete Weinbergschnecken auch gut voran. Schneckenvaseline überall, oder…

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…die ganze Jahresproduktion einer Seifenfabrik ist über die Steiganlage geflossen.

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In Minischritten zaudern wir den Steig entlang.

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Die Klamm selbst ist eine beeindruckende Angelegenheit.

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Man sollte sich selbst mit einem Besuch dieser Klamm, samt der Möglichkeit, Versteinerungen zu finden (siehe Epilog) und einen Blick in die nahe Kraushöhle, beschenken.

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Diese Höhle ist eines der größten Naturwunder Österreichs. Sie ist eine Gipskristallhöhle, und davon gibt es immerhin nur drei auf der ganzen Welt.

Weltbekannt in Gams sozusagen…

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So haarsträubend wie schön war dieser letzte Kilometer unserer Wanderung, und mein Wiederkommen wünsch‘ ich mir.

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Besonders interessant ist das Kapitel „Von Gipsgrotten, Eishöhlen und Schwefelquellen“ in Liselotte Buchenauers Wanderführer Steiermark. Hier schreibt sie über Gams, die Kraushöhle und die Nothklamm. Sogar den Akogel erwähnt sie als Kohlefundstätte (im 15. Jh wurde am Akogel nach Kohle gegraben).

So ein langer Bericht für drei Waldberge, dabei habe ich wieder sehr viel weggelassen. Ich dürfte ein altes Klatschweib in mir haben – neugierig, mitteilungswütig und tratschsüchtig. Tschuldigung.

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Im Anstieg ca. 930 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 16,2 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Auferbauer (1990): Hochschwab. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Auferbauer (2001): Hochschwab. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

Buchenauer (1971): Wandern in der Steiermark. Tyrolia Verlag, Innsbruck.

Direkter Link ins Buch „Die eherne Mark, Band 2“

EPILOG

Am 13.5.2007 war ich mit Gabi und Christian bereits einmal in der Nothklamm.

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Wir wollten sie durchwandern und dabei…

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…auch Versteinerungen suchen.

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Und Gabi ist zu Beginn der Klamm gleich einmal ur-erfolgreich.

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Dieser Stein hat es wirklich in sich.

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Die Steiganlage führt rund 700 Meter durch die Klamm.

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Fossilienjäger am hölzernen Ansitz.

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Am Ende gelangt man zur Kugelmühle (Steinkugeln werden hier geschliffen)…

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…und dem Schneckenfriedhof. „Der Schneckenfriedhof erinnert an eine Sturmkatastrophe vor 80 Millionen Jahren. Hier sind eine ganze Ansammlung an Schnecken zu Stein geworden.“ (GeoDorf Gams – Nothklamm)

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Schnecken checken einmal anders.

Allerdings Finden findet heute offenbar nicht statt. Gabi und Christian geben aber nicht auf.

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Am Bach werden Steine gewaschen, gewendet und genau betrachtet…

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…und selbst die Mitte des Gamsbaches…

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…bleibt von den Fossilienjägern…

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…nicht unbesucht.

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Und, wenn man keine Fossilien findet, macht das auch nichts,…

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…denn die Klamm ist den Besuch alleine schon wert.

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FIN


Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region Hochschwab (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.