Das dunkle Herz der Niederen Tauern

Heute gilt es, den Hochgolling zu besteigen. Er ist mit seinen 2862 Metern der höchste Berg der gesamten Niederen Tauern.  Jeder, der in seine Nähe kommt, kann ihn körperlich wahrnehmen. Alles rundum scheint sich im engen Tal zu ducken, auf dem er als dunkle, urwelthafte Masse wuchtet. Er ist ein Monument an Intenstität, und sein Selbstverständnis lässt schwache Charaktere ängstlich werden.


Ich möchte diesen wundervollen Berg über die Westflanke besteigen. Der Erschließer der Niederen Tauern Hans Wödl schreibt über die Westflanke des Hochgollings: „Die Westflanke ist steil, aber ungegliedert, ein von verwitterten Felsrippen und Geröllrinnen gefurchter, einförmiger Hang“.
Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass der Normalweg durch den oberen Abschnitt dieser riesigen Flanke (siehe das verwendete Titelbild) führt.

Noch in seinem Nachtpyjama, ist er nicht mehr ganz so furchteinflößend.

Die Morgensonne wird von allen Moosen und Gräsern und wahrscheinlich auch den Wassergeistern sehnsüchtig erwartet.

Wenige Minuten nach der Hütte, drängt sich diese grandiose Felswand in den Weg.

Auch der vielleicht schönste Berg der Niederen Tauern bekommt sein Morgenlicht: Rechts ist die Spitze des Kaserecks (2740 m) zu erkennen.

Ich steige ca. 150 Höhenmeter am gestrigen Anstiegsweg bis zu dieser Weggabelung ab.

Im Anstieg quere ich wild gefurchte Wasserrinnen…

…und dränge mich im engen Steig an langsameren Bergkameraden vorbei.

Der Weg zieht, durch von Felstürzen aufgerissene und von Regenstürzen ausgewaschene Grasköpfe, aufwärts.

Oberhalb des Schneefeldes kann ich den Verlauf des Höhenweges an den abgetretenen Felsen und in den anschließenden Rasenschrofen erkennen.

Zwischen Zwerfenberg und Gollig eingezwängt zieht der Steig zur Scharte.

Ich komme an der gesperrten Abzweigung des Höhenweges vorbei. Für Überschreiter von der Kleinprechthütte zur Gollinghütte bedeutet es, den erzwungenen Abstieg zur Landawirseehütte mit ca. 130 Höhenmetern und nochmals 150 Höhenmetern Höhenverlust zu dem einzig verbliebenen Anstieg zur Gollingscharte.

Oberhalb der Bildmitte ist der Verlauf des Höhenweges erkennbar. Bei Altschnee oder Nässe sicher eine spannende Angelegenheit. Vielleicht ist er auch darum gesperrt.

Die letzten Meter vor der Gollingscharte.

Alles ist riesig in den Schladminger Tauern. Selbst die Gollingscharte (2326 m) überragt  einige der hohen Berge in meiner näheren Heimat, wie zum Beispiel den Großen Pyhrgas mit 2244 m, oder die Reichensteine mit 2165 m  und  2251 m. Selbst der Hochschwab mit 2277 m wird von der Scharte überragt.

Blick zurück zur nur noch Nadelkopf grossen Landawirseehütte.

Blick in die Ostseite zu Greifenberg und Pöllerhöhe.

Von der Scharte führt der Weg über Schotter…

…und etwas ausgesetzt in die Westflanke. Wer hier schon ängstlich ist, wird mit dem Weiterweg nicht glücklicher werden.

Fast senkrecht, schwarz grün gefleckt und hoch geschichtet, beginnt die Felsenkrone des Gollings. Links im Bild ist der „Steckenparkplatz“, einem Schidepot ähnlich, zu erkennen. Im Abstieg habe ich danach  Mühe, diesen im zerfurchten Gelände wieder zu finden.

In allen, wirklich allen Büchern über den Golling, wird die Geschichte des historischen Weges erzählt. Ich erspare mir das Wiederkäuen und berichte nur, dass ich mich in einem Anfall von Höhenrausch für den Nordwestgrat entscheide. Etwas geringschätzig schreibt Engelbert Katschner in seinem Buch „Erlebnis Lungau“ über diesen historischen Weg:“ Wir überlassen diese an diesem schönen Bergsommertag überlaufene Anstiegsroute den „Auchbergsteigern“ und wählen den lustigluftigen Nordwestgrat, der uns ohne Schutt direkt zum Gipfel bringt“.

Ein junger Bursch trifft zeitgleich dieselbe Entscheidung und eilt mir voraus.

Der erste Teil des Grates ist für mich spannend, aber nicht zu schwierig. Durchgehend markiert, geht es auf festem Fels weiter.

Es wird zunehmend wolkiger, der junge Bursch ist gewandter und schon weit voraus. Ich befinde mich auf 2700 m und der Grat wird schwieriger. Lustigluftig ist so eine Sache. Jetzt beginne ich, nachdenklich zu werden. Was ist, wenn ich an eine Stelle komme, welcher ich nicht mehr gewachsen bin? Was ist, wenn das Wetter schlechter wird? Was ist, wenn ich weder vor noch zurück kann? Was ist, wenn…?

Ich klettere noch bis zum letzten Steilaufschwung. Hier soll es eine „sich selbst erklärende II-er Stelle“ geben und beschließe, mein Unterfangen hier abzubrechen, um auf den knapp unterhalb verlaufenden Normalweg zurückzusteigen.

Der Himmel bewölkt sich immer stärker, und aus Sorge auf einem aussichtslosen Gipfel zu stehen, mache ich noch ein paar vorsorgliche Panoramafotos.

Ich fühle mich wie ein Zugvogel auf dem Weg in den Süden.

Durch rutschiges, schrofiges Gelände steige ich zum Normalweg ab. Zurück an meinem mir zugedachten Platz in der Bergwanderei bei den „Auchbergsteigern“, fühle ich mich gleich bedeutend wohler.

Aber auch der Normalweg hat seine Schlüsselstelle. Diese wurde aber mit Eisenangeln entschärft.

Dieser Anstieg verlangt schon etwas, und trotzdem ist er für einen Wanderer immer noch gehbar. Durch die gewaltige Größe des Gollings, fühle ich mich auch nicht so ganz ausgesetzt, obwohl es schon tief hinabgeht.

Die letzten Meter vor dem Gipfel. Der junge Bursch vom Nordwestgrat bricht gerade zum Abstieg auf. Ein Anblick wie aus einem kitschigen Bergfilm.

Direkt über den schmalen Grat gehe ich in Wolkennähe zum Gipfelkreuz. Mir fällt der Anfang von K. Weckers „Genug ist nicht genug“ ein: Daß der Himmel heut so hoch steht,
kann doch wirklich kein Versehen sein…

Der Weg führt exakt  über  diese scheinbar künstlich aufgeschichtete Pyramide.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Hochgolling (2862 m).

Wolkennähe ganz ohne Zoom fotografiert.

Die angekündigte Schlechtfront schickt ihre Vorboten schon jetzt zu den hohen Bergen im Westen.

Die Gollinghütte kann ich nicht erkennen. Sie müsste in der Bildmitte, bei der Verengung des Tales, zu sehen sein.

Noch ist es ein Hin- und Herwehen. Ein Gemisch aus Nebel und Wolkenfetzen. Immer wieder sind Ausblicke über diese Dachfirste möglich. Ich stehe hier sozusagen an oberster Stelle. Selbst zwischen dem zweithöchsten Gipfel der Niederen Tauern, der Hochwildstelle, klafft zum Golling immerhin ein Höhenunterschied von 115 m.

In Anbetracht der heikleren Stellen im oberen Drittel des Berges, verzichte ich auf den Wohlgeschmack meines sonst so zelebrierten Gipfelbieres und verlege den Trinkgenuss einige Höhenmeter tiefer.

Im Gegensatz zum Aufstieg (Blickrichtung berggewandt),  kann ich im Abstieg bei gewaltigen Tiefblicken erschaudern. Das Absteigen gestaltet sich aber alles in allem einfacher, als zuvor gedacht.

Nicht weit vor der Gollingscharte, setze ich mich ins Geröll und spüre in meiner Müdigkeit eine tiefe Befriedigung. Zumindest so lange, wie ich nicht von oben mit Steinen traktiert  und regelrecht beworfen werde. Mit der Gelassenheit eines Gollingbesteigers schaue ich hoch und der Verusacher der Steinschläge blickt mir einigermaßen belämmert ins Gesicht.

Von diesem Blick zur Landawirseehütte und dem dahinter aufragenden Pietrach, kann ich einfach nicht genug bekommen. Immer wieder bleibe ich stehen (das ist in diesem Gelände ratsam) und blicke mich um.

Ein riesiger Felsblock mitten im Geröll ist dunkel angekohlt. Ich streife mit den Fingern darüber und rieche Verbranntes. Er dürfte durch einen Blitzschlag entweder aus dem Fels gesprengt, oder hier, wo er sich befindet, getroffen worden sein.

Kurz nach der Scharte beginnt es leicht zu regnen. Ich beschleunige meine Schritte so gut es geht, und komme noch vor dem großen Regen bei meinem Auto an.

Dunkle Wolken und dazwischen blaue Himmelsfetzen begleiten mich am Heimweg. Bei meiner Fahrt über die Radstädter Tauern taucht eine Berggruppe nach der anderen im anstürmenden Regenlicht auf. Im Radio höre ich ein Lied aus den 80er Jahren von Reinhard Fendrich. Die Schlusszeilen dieses „Chansons“ beschreiben ein kleinwenig meine Gefühlslage nach diesen wunderbaren Bergtagen:

„Doch will uns lähmende Geborgenheit verhüllen
ist jede Leidenschaft dahin.
Noch ist die Zeit in der wir blühn und wachsen können
was schert uns Zucht und Sicherheit.
Noch können wir uns die Vergänglichkeiten gönnen
zum Sterben bleibt noch soviel Zeit.
Wir wollen uns noch rasch soviel von allem nehmen
wie wir zu tragen fähig sind.
Wir müssen uns vor unserem Gott bestimmt nicht schämen
denn um zu leben waren wir bestimmt“.

(R. Fendrich „Leben“ 1980)

Im Anstieg ca. 1035 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 11,7 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Quellen

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

 

Auferbauer (2000): Bergtourenparadies Steiermark: Alle 2000er vom Dachstein bis zur Koralpe. Verlag Styria, Graz.

Auferbauer (1987): Niedere Tauern. Verlag Stocker, Graz-Stuttgart.

Buchenauer (1987): Höhenwege in den Niederen Tauern. Verlag Bruckmann, München.

Buchenauer(1975): Verliebt in die Heimat. Leykam Verlag, Graz.

Hödl (1998): Vom Dachstein ins Weinland: Neue prachtvolle Touren am Dachstein, in den Tauern und zu den hohen Almen. Verlag Styria, Graz.

Holl (1972): Schladminger und Radstädter Tauern. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Holl (2005): Niedere Tauern. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Wödl (1924): Schladminger Tauern. Verlag Artaria, Wien.

Zahel (2006): Die schönsten Gipfelziele zwischen Rätikon und Tauern. Verlag Bruckmann, München.

Zeller (2010): BergErleben Bd. 3, Wölzer Tauern, Rottenmanner Tauern, Schladminger Tauern. Verlag Gertraud Reisinger, Spielberg.

 


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.