Von der Erleuchtung zart gestreift oder der glückliche Briefträger von Großraming

Die ersten beiden Monate im neuen Jahr verbringe ich gutteils daheim. Draußen schneit es sanft in dicken Flocken vom grauen Himmel, und drinnen patschen von mir gut befüllte Taschentücher auf den Schlafzimmerboden und das Fensterbrett. Ganz ohne Einladung feiern unzählige Pneumokokken eine Broncho-Loveparade in meiner Lunge. Mir fehlt die Drachentöterhaut, und darum finden solche Veranstaltungen gerne wiederkehrend bei mir statt.

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Das Schlafzimmer unter dem Dach wird mir für Wochen zum Zauberberg.

Ich übe Geduld.

Ich blicke aus dem Fenster und beobachte schneeglückliche Kinder.

Ich übe Geduld.

Ich wache, lese und schreibe lange E-Mails.

Ich übe mich in Geduld üben, so lange, bis ich völlig gesund bin.

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Und heute ist es endlich so weit. Heute darf ich wieder wandern. Für diese erste Wanderung im frischen Jahr befolge ich den Rat Theodor Fontanes:

„Die Kunst der Lebensführung besteht bekanntlich darin, mit gerade so viel Dampf zu fahren, wie gerade da ist“ .

Darum will ich mit Reinhard zwei, vielleicht auch vier, freundliche, nicht allzuhohe Waldberge bei Großraming besuchen. Bei meiner Reutkogelbesteigung im Vorjahr habe ich mir über die heutige Tour schon fotografische Gedanken gemacht. Hier der Blick vom Reutkogel (1025 m) zu unseren heutigen Zielen.

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Wir parken am Kirchplatz von Großraming und ziehen los. Frühlingshaft startet dieser Tag in unser Leben.

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An einer Straßenbiegung, bei dieser Tafel, verlassen wir den Asphalt (Parkmöglichkeit) und treffen auf Fremdenverkehrsverantwortliche aus Großraming. Reinhard meint: „Ihr seids bestimmt der Bürgermeister, der Pfarrer und die Gemeindeskretärin!“ Knapp daneben. Tatsächlich ist es der Bankdirektor, ein Kalkalpenranger und eine Nationalparkverantwortliche. Wir wechseln ein paar freundliche Worte und wandern am Guck-Naz-Weg weiter.

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Diese Tafel macht aus unserer Wanderung gar eine Pilgerei. Anstatt angeblichen Grabstellen und halbwirklichen Heiligen (halbheiligen Wirklichen) irgendwohin nachzuwandern, können wir hier den Spuren eines Weisen aus Großraming folgen. Der weltliche Name dieses Lebensklugen lautete Ludwig Lirscher. Er war Briefträger in Großraming und besaß die besondere Gabe der unbeschränkten Freude am Leben.

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Die Gedenktafel befindet sich an diesem Aussichtspunkt auf der Schartenmauer. Ein feines Platzerl hoch über der Enns.

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Wir folgen jetzt nicht dem Forstweg Richtung Bertelkapelle, sondern der gelben Empfehlung und bleiben weiter am Guck-Naz-Weg.

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Belohnt werden wir mit einer hellen Gratwanderung hoch über Großraming. Der Steig im Buchenwald ist wunderbar angelegt.

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Wir gelangen zu einer Forststraße und legen unsere wattierten Oberschichten ab. In- und auswendig ist es mittlerweile sehr warm.

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Bei der Einmündung des Anstiegs von der Hubertuskapelle verlassen wir den Guck-Naz-Weg und steigen weiter zum Gipfel hoch. Allerdings wird der Ludwig Lirscher auch diesen Steig oft begangen haben.

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Er muss schon ein besonderer Landbriefträger gewesen sein, wenn nach so vielen Jahren noch so viel Erinnerung in den Köpfen der Menschen verblieben ist. Ein einfacher Briefträger, dessen bescheidenes Leben zur Parabel wurde.

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Ludwig Lirscher

Die Einheimischen wissen sich heute noch viele Geschichten von ihm zu erzählen. Wie zum Beispiel diese:

Guck Naz nannten ihn die Großraminger wegen seines größten Schatzes. Sein Feldstecher, der „Gucka“, wurde von ihm auf vielen Gipfeln aufgebaut, um der aufgehenden Sonne so weit als möglich (12-fache Vergrößerung) entgegenzukommen. Dann sang und jubilierte er über die Schönheit der Schöpfung.

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An diesem Waldschlag jubilieren auch wir – über die herrliche Aussicht. Vom Katzenhirn (1159 m) bis zum Almkogel (1513 m) überblicken wir den Dürrensteigkamm. Auch meine Überschreitung aus dem Vorjahr vom Schafkogel (739 m) bis zum Wasenriedl (1129 m) ist ganz im Bild.

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Auf der anderen Seite können wir zum Fahrenberg (1253 m), zur Hohen Dirn (1134 m) und natürlich zum Schieferstein (1206 m) sehen.

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Erst kurz vorm Gipfel fällt mir der Verlust meines neuen Daunen-Gilets auf. Dieses rutscherte Ding ist mir aus dem Rucksack geschlüpft und liegt jetzt irgendwo am Weg. Gleich zurückgehen kommt für mich nicht in Frage. Zuerst möchte ich die geplante Runde wandern. Anstatt über die Bertelkapelle abzusteigen, müssen wir zum Schluss dann nochmals hier herauf steigen und den Anstiegsweg zurückwandern. Diesen Kummer hebe ich mir für später auf, jetzt freue ich mich über den ersten neuen Gipfel im neuen Jahr.

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Haingrabeneck (841 m).

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Der kleine Gipfel besitzt eine wunderbare Aussicht. Maria Neustift und das sanfte bergliche Ausklingen der Oberösterreichischen Voralpen.

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Wir halten uns nicht lange auf, denn jetzt wollen wir den unmarkierten, höheren Bertelkogel (922 m) besteigen. Zuerst führt ein guter Steig abwärts.

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In der Senke zwischen den beiden Waldbergen zieht der deutlichere Steig östlich hinab, und schwächere Steigspuren leiten…

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…weiter in die Flanke des Bertelkogels.

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High-Society-Steine hüllen sich in exklusive, maßgeschneiderte, flauschig-grüne Moosmäntel. Ihre grün schimmernde Arroganz ist unübersehbar.

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Zu den ausgeprägten Wegspuren meint Reinhard nur: „San ma schon wieder net die ersten“.

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Und in einem durchwegs steilen Direktanstieg gelangen wir zum Milleniumstein am Bertelkogel.

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Bertelkogel (922 m).

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Von Westen führt der Hans-Hans Steig direkt hierher (nicht in der Karte verzeichnet, aber vorhanden). Wir besuchen den tatsächlich höchsten Punkt, wenige Meter entfernt, und steigen danach direkt östlich ab.

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Der Guck Naz beschäftig weiter unsere Gedanken. Das war sicher kein leichtes Leben damals. Bei jedem Wetter musste so ein Landbriefträger über weite Strecken bergauf und bergab die Post zustellen. Die entlegensten Höfe wurden von ihm aufgesucht. Nicht nur in heißen Sommern und kalten Wintern harte Arbeit. Viel verdient hat so ein Landbriefträger auch nicht. Was aber meinte der Guck Naz dazu?

„Ich bin der glücklichste Mensch der Welt!“

 

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Junge Buchenstämme umschließen mich wie die Schatten der Gitterstäbe meines selbstgeschaffenen „Wie-lebt-man-richtig-Fragen-Gefängnisses“. Kann man überhaupt  einwandfrei richtig leben? „Denn sieht man etwas genauer hin, kann man sehr wohl den despotischen Umriss des hinkenden Guten erkennen“  (A. Komarek).

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Bis wir zu den Wiesenflächen gelangen, küssen unsere Hinterteile unersättlich und immer wieder den seidigbraunen lehmigen Laubboden. Schmutzverklebt wie Schafhintern erreichen wir die Weideflächen.

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Links im Bild erhebt sich unser nächster Gipfel. Über den Wiesen des Schönlehner Bauern habe ich mit hellsichtigem Blick schon unsere Aufstiegsroute ausgemacht.

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Rechts vom Schönlehner ist der letzte Gipfel des heutigen Tages zu sehen. Den werden wir aus dem Sattel (links im Bild) angehen.

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Eine neue Forststraße zieht bis zum Gratbeginn, und von dort steigen wir problemlos hoch. Ganz niederträchtig (er ist bereits sehr hungrig und sehr durstig) zeigt Reinhard auf meine schmutzige Hose. In solchen Momenten wünsche ich mir nur entferntere Bekanntschaft mit ihm, aber diese Chance habe ich vor Jahrzehnten vertan.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Schönlehnerkogel (878 m).

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Im Windschatten und in einem Sonnenflecken rasten wir ausgiebig.

Hoppala, falsches Foto, aber die Ähnlichkeit ist doch verwirrend. Plastikgewandete Fässer mit zweifelhaftem Inhalt hier, und…

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…hier. Das ist jetzt das richtige Foto.

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Blick zurück zu den heute bereits überwanderten Bergrücken.

Ganz in der Nähe, aus unserer Gehrichtung, vernehmen wir Motorsägenlärm und Motorengeräusche. Hoffentlich werden wir in unserem Tatendrang nicht von Holzarbeiten aufgehalten.

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Tatsächlich wird hier eifrig geholzt und gebaggert. Aber zwischen Bagger und Holzfällern öffnet sich doch noch eine freie Gasse. Am linken Rand einer Felswand steigen wir steil hinauf zum letzten neuen Gipfel des heutigen Tages.

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Obligatorisch und unverzichtbar im flüchtigen Glanz des kurzen Gipfelerlebnisses: Gipfelfoto am Häusererkogel (840 m).

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Die Überschreitung lassen wir bleiben. Zum einen, weil die enggeschichteten Höhenlinien unserer Karte auf steiles felsdurchsetztes Gelände schließen lassen, zum anderen, weil ich ja wieder unplanmäßig wegen der verlorenen Jacke aufs Haingrabeneck muss. Somit steigen wir am Anstiegsweg in den Sattel zurück und werfen noch einen letzten Blick zum sonnenbeschienenen Schönlehnerkogel.

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Es ist schon eine große Kunst, dem Leben keine Vorwürfe zu machen. Wie groß ist dann das Kunstwerk des eigenen Lebens, wenn man dankbar sein kann? Der Guck Naz hat nach dem Erhalt seiner ersten Pensionszahlung einen Dankesbrief an die Postdirektion geschrieben. Das macht heute keiner mehr. Heute ist es immer zu wenig, und nur die anderen haben mehr. Dieses immer mehr haben wollen und dabei nie genug haben, ist die Seuche unserer Zeit:

„Ich habe mehr Kleider, als ich brauche. Von mir werden Schuhe bleiben und Hemden wie neu. Ich habe mehr Raum, als ich brauche. Ich habe Angst, mir werde, was ich nicht brauche, genommen.“ (Martin Walser)

 

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Hinterm Bauernhaus Bertel zieht eine Forststraße in Richtung Haingrabeneck. Statt zur Kapelle zu gehen, wandern wir diese Forststraße jetzt hoch.

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Im späten Nachmittagslicht glitzern die feuchten Wiesen, und die…

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…unachtsamen, flatterhaften, weißen Gespenster der Nacht wurden von weitarmigen Gespensterfängern vom Himmel gekehrt.

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Das Bauernhaus Bertel und nicht ganz im Bild, die Bertelkapelle. Vor allem die um 1500 von einem unbekannten Künstler geschaffene Marienstatue in dieser Kapelle ist das Ziel vieler Wanderer.

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Über dem Dürrensteigkamm und den Lumplgraben verfinstert sich der Himmel.

Im Lumplgraben, mit Blick zu den Haller Mauern, hat der Guck Naz gewohnt. Sein kleines Häuschen (ein umgebauter Getreidekasten) wurde schon bald das „Juchazahäusl“ genannt, weil er an schönen Tagen die Fenster öffnete und  „Juhuuuuuuuu“ in die Welt hinaus rief. Nur besondere Menschen sind mit dem eigenen Leben so versöhnt.

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Am Ende der Forststraße, bei diesem Jagdstand, steigen wir über die Wiese zum Waldrand hoch und finden die Markierung, die von der Bertelkapelle kommt.

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Abendlicht am Haingrabeneck (841 m)

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Auf altbekanntem Weg steigen wir ab. Wo habe ich die Jacke ausgestreut? ist jetzt die spannende Frage.

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„Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf“. Also Schlaf trifft es nicht ganz, denn der zusätzliche Aufstieg aufs Haingrabeneck hat uns zweihundert Extra-Höhenmeter eingebracht. Aber hier hängt er, der Rucksackflüchtling. Das Innere nach außen gekehrt, eingefangen und gepfählt. Weil ich nie Zweifel hatte, die Jacke wiederzubekommen, konnte ich die ganze Wanderung auch ohne sie genießen. Der Finderin oder dem Finder danke ich somit sehr.

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Wolkennadeln über den Größtenbergen. Das blaue Auge des Himmels beginnt sich zu schließen.

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Vermutlich hat der Ludwig Lirscher seine Post ausgetragen, seine Berge bestiegen, die Sonntagsmessen besucht und das eine oder andere kleine Geheimnis gehabt. Er war verzeihlich kein Heiliger, denke ich mir, nichts Extremes. Bestimmt einer von uns, aber doch gnädig von der Erleuchtung gestreift…

Vor der Erleuchtung: Holz hacken und Wasser tragen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken und Wasser tragen. (Zen)

 

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Im Anstieg ca. 1000 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 13,6 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Bildnachweis: S/W von Ludwig Lirscher (Fremdenverkehrsverband Großraming)

Auf die Idee zu dieser Besteigung brachte mich unter anderm ein Haingrabeneckfoto von meinem einsilbigen unsilbigen Freund Steilgernot.

Heitzmann, Harant (1996): OÖ-Voralpen. OeAV-Führer, Ennsthaler Verlag, Steyr.

Heitzmann (1987): Die Eisenstrasse Landschaft und Geschichte, Alltag und Freizeit. Landesverlag, Linz. Aus diesem Buch habe ich die meisten meiner Informationen. Dafür danke ich vor allem Alexander Kronsteiner. Er hat in seinem Beitrag auf sehr liebevolle Weise das Leben von Ludwig Lirscher nachgezeichnet.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit:

PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version:  v 1.0.2    © 2007 Christian Dellwo.


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.