Die Wunderbarkeit des Hochschwabs im Westen: Hochturm (2081 m) und Lamingegg (1959 m)

Die Verführung durch diesen lasziven Bergkerl wünscht sich Gabriele schon seit unserer Polsterbesteigung; denn nur was man kennt oder gesehen hat, kann man auch begehren. Im Vorjahr, auf der Vordernberger Griesmauer (2015 m), hat sie dieses Foto von ihm gemacht und den Charmebolzen geschickt ganz oben in meine Gipfelvorratsdose gefuzzelt.

Bei diesem Anblick braucht es für mein Mitkommen nicht viele Überredenskünste. Überhaupt huldige ich bei Berggipfeln der Polyamorie und sowieso bin ich in dieser Ecke des Schwaben, nahe an den Eisenerzer Alpen, am liebsten.

Von der Vordernberger Griesmauer fotografiert.

Im Abstieg vom Polster fotografiert.

Diese Corona-Tage haben die Atmosphäre eines immerwährenden Feiertages. Wie ausgestorben sind viele Innenstädte, und in Waidhofen/Ybbs parkten heute Morgen weniger Autos, als jetzt hier am Präbichl. Aus unserer Zweisamkeit wird eine Mehrsamkeit – was jedoch nicht schlimm ist, weil die Landschaft Weite besitzt und die meisten Wanderer Hurtige sind.

Mit einer nadelneuen Hose hat sich Gabi für den Hochturm herausgeputzt, und ich habe mich mit einer ebenfalls neuen Hose…

…für Gabriele aufgebrezelt. Meine Hose ist ein stoffgewordener buddhafarbener Alptrancezustand. Mir gefällt sie jedoch sehr.

Östlich der Leobner Mauer klettert langsam die Morgensonne hoch, die will sich „anscheinend“ auch meine Hose ansehen.

Wie eine wehrhafte Burg, so kompakt und geschlossen, erhebt sich die Griesmauer (2015 m) über dem Hirscheggsattel. Dabei ist sie ja gar nicht so fest und widerständig, wie es von hier aussieht. In einem hohen Maße verdanke ich ihrem Besuch im Vorjahr die heutige Tour: Jahresgipfel TAC-Spitze (2019 m) in der Triple-St-Ecke des Schwaben: Steine, Stahlseile und Steinböcke.

Wir wandern den freundlichen Handlgraben hoch. Der Polster (1910 m) dehnt und streckt sich im warmen Morgenlicht.

Am Fußpunkt der Materialseilbahn zur Leobner Hütte befindet sich die Abzweigung zur Handlalm.

Nach Überquerung des Handlgrabenbaches und nach einer Kehre der Forststraße stehen wir…

…unterhalb der Alm. Noch im Weitwurfschatten der Leobnermauer befindet sich die Obere Handlalm (1367 m).

Dort schon könnte ich sitzen bleiben und auf die Sonne warten. Dessen ungeachtet wollen wir weiter. Mit dem Ausblick zur Reichensteingruppe können wir uns nicht lange aufhalten.

Hinter der Alm betreten wir den bei solchen Touren unvermeidlichen Wald.

Es ist fast immer so: Wald vor Gipfel, so wie die Schale der Frucht vorausgeht.

Aber schon der komfortabel-kühle Waldaufstieg im Schatten der Bäume und dem noch mächtigeren Schatten der Leobner Mauer gefällt Gabriele. Und wenn schon Schale, dann handelt es sich hier um eine Schmuckschale. Im Nahen,…

…wie im Weiten.

Nach diesem kurzweiligen Anstieg erreichen wir den Lamigsattel (1677 m). Wir treffen auf fröstelnde Bergwanderer weil es hier wie immer zugig ist. Wie bei einem Trichter ist dieser Sattel der Hals zwischen den Felsen der Griesmauern und des Trenchtlingstockes. Und dass der Wind hier ständig weht, ist an den zerzausten Latschen und Bäumchen gut zu erkennen. Im Besonderen fällt uns ein ungehetzter, eilfreier, in genussvoller Ruhe Müsliriegel verspeisenden Herr auf. Mit jungen Augen betrachtet er uns aufmerksam und nur sein malmendes Kauen verrät den alten Mann. Selbiger Herr wird uns später noch zum Mysterium.

Blick von der Einsattelung über den Gropperwald in den Nordosten. Die Lamingalm kann ich nicht ausmachen.

In den steilen Hang gebaut (Bildmitte) versinkt die Leobner Hütte scheinbar unter ihrem Dach.

Wir halten nur für eine kurze Trinkpause und machen uns sogleich an den Aufstieg in den Leobnersattel (1780 m) und das Wildfeld.

Bleiche Latschenkieferwurzeln ragen wie urzeitlichen Knochen aus einer Mammutfundstelle aus dem Boden.

Latschenkiefern gibt es schon viele tausend Jahre, sie sind die pflanzlich-alpinen Mammuts unserer Berge.

Diese Zoomaufnahme zeigt Besucher auf der TAC-Spitze (ins Bild klicken).

Im Leobnersattel (1780 m) bietet die Hochspannungsleitung mit ihren aufragenden Gittermasten dem Auge weniger Angenehmes. Jedoch gewöhnt man sich mit der Zeit an ihren Anblick und bestenfalls hat man, wie ich, einen Störende-Elemente-Radierer im Kopf. Der macht den Masten selbst bei diesem Blick auf die Leobnermauer für mich unsichtbar.

Am Wildfeld angekommen, bleibt Gabriele wie in den Boden geschlagen stehen. Die erschrockene Überraschung steht ihr ins Gesicht geschrieben. Mit den Augen deutet sie auf den Müsliriegelverzehrer vom Lamingsattel. Der sitzt wieder mit so einem Riegel in der Hand neben dem Weg, ohne uns zuvor überholt zu haben. Es gibt jedoch nur diesen Steig und keine andere Möglichkeit, hierher zu gelangen. Wir finden keine Lösung dafür, wir verstehen es nicht. Das entzieht sich jetzt jeder Erklärbarkeit. Gab es einen Zeitsprung in der Matrix? Oder gemeinsamen Sekundenschlaf beim Wandern? Das Rätsel bleibt ein Rätsel, außer Scotty hat seine Finger im Spiel.

Gar nicht rätselhaft geht es weiter. Vor uns klappt die Landschaft geradezu auseinander, und es öffnet sich eine leicht verzogene grüne Schüssel. Am rechten Schüsselrand liegt die einfach zu erwandernde Leobnermauer. Nahe beim Strommasten kann man den Wegbeginn erkennen.

Der linke Schüsselrand zeigt eine ungeahnte Dimension. Herrlich ist der Blick auf unseren Weiterweg. Groß wie dreißig Fußballfelder erstreckt sich das Wildfeld vor uns. Pure Gehfreude liegt in der Luft.

Der Bewegungslust muss ich gleich zu Beginn für einen fotodokumentarischen Moment Einhalt gebieten.

Die Überschreitung der Leobnermauer…

…zum Zirbenkogel, Himmelkogel, Hoher Schilling und Großer Schilling nach Vordernberg befindet sich schon lange in meiner Gipfelvorratsdose. Dass ich für diese Wanderung sogar noch dieses Jahr Zeit finde, ist eine andere Geschichte, und soll ein andermal erzählt werden.

Aus dem reichlich beblumten Wildfeld…

…taucht eine steinerne Barriere auf. Es wird felsiger und felsiger. Grundanders ist es hier. Jetzt zeigt der Hochschwab sein zwittriges Gesicht.

Alle die dort stehen wissen, wie es sich anfühlt klein zu sein in den hohen Bergen.

Der Weg ist breit, und trotzdem ahne ich, dass hier für so manchen Wanderer „schwindlige Stellen“ sind.

Während Gabriele in der Einschartung auf mich wartet,…

…findet sie besten Zeitvertreib in der geologisch-fossilen Geschichte des Hochschwabs.

Von der Scharte könnte man jetzt unmarkiert direkt hochsteigen – diesen Pfad werden wir erst im Abstieg nehmen. Wir bleiben am markierten Weg und queren hinein in diese jetzt so verwandelte Landschaft.

Zirka fünfhundert Meter später treffen wir auf einen verbeulten Wegweiser, und keine…

…hundert Höhenmeter trennen uns noch vom Gipfel.

Ein ewiger mich verfolgender Relaps ist die bei jeder Tour, egal ob nach 600, 800, oder 1200 Höhenmetern, eintretende Finalschlaffheit.

Ein selten buntes obligatorisches und unverzichtbares Gipfelfoto: Hochturm (2081 m).

Der Gipfel ist eine riesige Klebefalle für Wanderer: krachbunte Wandererinsekten bedecken die Felsen, Gipfelwiesen und die Pfade – einfach alles. Die Stimmung ist entspannt, die meisten scheinen bestens gelaunt und sehr zufrieden zu sein. Die verschwitzte Freude, auf diesem Gipfel zu sitzen, steht vielen ins verklebte Haar geschrieben. Gute Bergkleidung tragen alle hier, oder doch die meisten, und auch der Chic zählt ebensoviel wie der Gipfel.

Der Hochturm ist wirklich ein Womanizer. Gabriele hat er auf Blumen gebettet, und sie ist bis in die Zehenspitzen zufrieden.

Bekannte Stimmen lassen uns aufhorchen. Waidhofner trifft man auf den Bergen in der Steiermark sehr oft. Liebe Grüße an Manfred, Joe und Manuel. Die sind im Anschluss noch den direkten (weglos und unmarkiert) Anstieg aus dem Lamingsattel auf die Vordernberger Griesmauer gegangen (geklettert).

Die Überschreitung der gesamten Griesmauer wurde erstmals am 2.7.1893 von S. Höfele und Gefährten unternommen. Dabei galt die Eisenerzer Griesmauer bis um 1880 noch als schwierigster Gipfel des Hochschwabgebietes.

Was den Hochturm noch so besonders macht, sind seine Aussichtsqualitäten. Durch die Tektonik zur engen Nachbarschaft gezwungen, kann man viele Gipfel zählen.

Der gesamte Trenchtlingstock ist ein Arkadien für Gipfelneugierige.

Gipfel zu betrachten und zu bestimmen gehört zu meinen liebtsten Beschäftigungen. Berggipfel nehmen für mich einen besonderen Rang in der Hierarchie der Daseinsformen ein, sie sind nicht gänzlich auf der Erde angesiedelt, nicht gänzlich in der Wirklichkeit verwurzelt. Heilige Berge gibt es in allen Religionen, und etwas von dieser Heiligkeit besitzt jeder Berg.

Weit im Norden beginnen sich Wolken zu bilden. Wie angekündigt. Als hoch talentierte Herumlunger-Bergsteiger kommen wir unter dem jetzt noch blauem Himmel nur schweren Herzens und steifen Beines in die Höh‘.

Wir steigen über den zwar gut sichtbaren, aber unmarkierten, hoch oben verlaufenden Steig…

…zur Einschartung ab.

Von dort geht es am markierten Weg wieder ein Stück zurück, jedoch mit einer Abweichung. Gleich nach der Felsformation (obere Bildmitte) verlassen wir den Pfad und steigen noch einmal hoch, um das eigentlich nur im Winter beliebte Lamingegg (1959 m) zu besuchen.

Während ich zum Gipfel vorauseile, hört der Hochturm einfach nicht auf, hinter meinem Rücken…

… Gabriele zu betören. Den Weg zum Lamingegg hat er für sie mit reichlich vielen Nettgewächsen angereichert.

Mein Vergnügen, auf der riesigen grünen Rasenfläche des Wildfeldes zu wandern, ist unschwer an meinem federnd-glücklichen Ausschreiten zu erkennen.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Lamingegg (1959 m).

Wieder und wieder fasziniert mich das Gezacke des schartigen Griesmauersägeblattes.

Kaum kann man die Form im Gedächtnis behalten.

Viel schneller, als zu erwarten war, ist der Himmel über dem Hochturm zugewachsen. Immer robuster wird die Wolkendecke, und trotzdem befinden sich noch viele, jetzt nur noch mückengroße Bergwanderer, neben dem Gipfelkreuz.

Noch ein letzter Blick auf die uns zur guten Freundin gewordenen Landschaft.

Auch im Abstieg erinnert uns der Pfad in den Lamingsattel an eine paläontologische Ausgrabungsstätte.

Vom Lamingsattel könnte man

  • über die Lamingalm (1263 m) zum Grünen See (Tragöß) absteigen.
  • über den Leobnersattel (1780 m) nach Vordernberg absteigen.
  • in den Hirscheggsattel (1690 m) queren und über den Polster absteigen.
  • in den Hirscheggsattel (1690 m) queren und über den Neuwaldeggsattel (1575 m) zur Gsollkehre absteigen.
  • in den Hirscheggsattel (1690 m) queren und zur Leobner Hütte (1582 m) absteigen.
  • direkt zur Leobner Hütte (1582 m) wandern und über den Knappensteig absteigen.
  • zur Leobner Hütte (1582 m) wandern und über den Handlgraben absteigen.

Das sind jetzt nur die Abstiegsmöglichkeiten. Gipfelmöglichkeiten gäbe es da auch noch einige.

Wir gestalten den Abstieg wie den Aufstieg: an der aus dem Schatten getretenen Oberen Handlalm vorbei,…

…über den Handlgrabenbach in den Handlgraben und zurück zum Präbichl.

Im Anstieg etwa 835 Hm und zurückgelegte Entfernung nahezu 13,4 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at


Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region Hochschwab (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.

Meine Quellen:

Ausschnitt aus Kompass Logo Karte 4309, Österreich digital.
ⒸKartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit:
PanoLab Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Ⓒ Christian Dellwo.

Im Netz finden sich einige Tourenbeschreibung. Ich möchte jedoch einen  Blogger-Neuzugang Willkommen heißen:  Bergfex Martin und seine Wanderung auf den Hochturm.

Auferbauer (1990): Hochschwab. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Hödl (2003): Wandererlebnis Hochschwab & Hohe Veitsch, Almen, Gipfelwege, Hütten. Verlag Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten.

Nachgereichtes

Am 17.8.2002 machte ich meine allererste Bergtour mit Franz († 2.1.2016) auf den Hochturm.

Wir sind über den Handlgraben zur Leobner Hütte aufgestiegen.

Franz brauchte nie eine Karte, um die umliegenden Gipfel benennen zu können. Oft wusste er sogar die Gipfelhöhe auch anzugeben.

Am 2.8.2009

bin ich mit Moritz und Mike über den Edelweißboden aufgestiegen. Gabriele und Karin blieben lieber liegen auf der herrlichen Blumenwiese über dem Hiaslegg.

Vom Hiaslegg bis zum Hochturm ist es ja fast eine komplette Trenchtling- Überschreitung.

Ein wenig fordernder, als der Aufstieg vom Präbichl,…

…ist der Weg schon.

Aus dem Mojo von damals ist ein fantastischer Gitarrist und Komponist geworden. Und auf Berge wandert er immer noch. Hier eine Kostprobe:

(Alle Fotos von Mike, ich habe nur den Modeljob gemacht.)

FIN