Eigentlich langsamer Schnellschuss: mit Schi auf die Bürgeralpe (1270 m)

Das Wochenende konnte ich nichts unternehmen, weil wir endlich das Badezimmer ganz an meine besonderen Bedürfnisse angepasst haben. So fröhlich und zufrieden mit mir, wie an diesem Montagmorgen, habe ich das Haus noch nie verlassen.

meinmorgen

Heute will ich nur schnell etwas im Büro erledigen und gleich danach eine Schitour machen. So klein sind die Kleinigkeiten, die ich manchmal noch zu tun habe, leider meistens nicht. Darum gelange ich mit übergroßem Zeitverlust nach Mariazell. Eigentlich wollte ich auf den Großen Zellerhut und uneigentlich lasse ich es bleiben.

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Das Wort eigentlich ist ja schon eine verräterische Angelegenheit. Eigentlich ist eigentlich eine verkleidete Ausflucht, ein Ausredeadverb. Eine einzige Halbherzigkeit ist dieses Eigentlich. Eigentlich fing der Streit an, als das Opfer zurückschlug. Eigentlich bin ich nett und geduldig, aber wenn mir jemand so kommt. Eigentlich esse ich nur ganz wenig, und woher meine Kilos kommen, wissen nur meine Gene und der Liebe Gott!

„Und eigentlich sind wir überhaupt ganz anders, als man glauben könnte, wenn man uns so leben sieht. Wonach es aber nicht geht. Und so leben eigentlich viele Leute (…) und spielen sich ein Dasein vor, das sie gar nicht führen (…)  schrieb schon Peter Panter (Kurt Tucholsky) 1928 in einer seiner Glossen.

Der Föhnwind beginnt bereits das Tal zu heizen, und der Schnee ist jetzt schon patzig. Die Zufahrt zum Hechtensee ist auch nicht mehr möglich, weil die Forststraße mit einer videoüberwachten Zauntüre abgesperrt ist. Darum müsste ich die Schi noch 1,5 km tragen, und irgendwie freut mich das nicht mehr. Auf diesem Wege werde auch ich, zum wiederholten Male, zum Eigentlichen.

Eigentlich könnte ich jetzt heimfahren, aber unentschlossen fahre ich weiter und bummle zum Erlaufsee.

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Doch beim Anblick der Bürgeralpe hans-im-glücke ich meine Schitourenansprüche und tausche die Schitour auf den Großen Zellerhut (1639 m) gegen eine Pistentour zur Erzherzog Johann Warte auf der Bürgeralpe (1270 m).

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Mit diesem Entschluss wandle ich, ohne es auch nur zu ahnen, auf den Spuren des glücklichen Hans, wie sich später noch zeigen wird.

VorderseiteDie Postkarte zeigt einen Scherenschnitt von Käte Bunnemann, der eine Szene aus dem Märchen "Hans im Glück" darstellt. Der Scherenschnitt ist mittig mit der Bild-unterschrift "hans im Glück" abgedruckt. Er zeigt Hans, ein junges Schwein vor sich hertreibend, das er zuvor für seine Kuh eingetauscht hat. Zunächst unter dem Titel "Hans Wohlgemut" von F. A. E. Wernicke verfasst und 1818 in der Zeitschrift "Wünschelruthe" erschienen, wurde die Geschichte von den Brüdern Grimm stilistisch verfeinert und in der Zweitausgabe der "Kinder- und Hausmärchen" (1819) als Nummer 83 veröffentlicht. Die Rückseite der Karte ist durch zwei kurze Striche, oben und unten, in zwei Hälften geteilt. Die linke Seite ist für den Text, die Rechte allein durch eine dünne Linie für Postleitzahl und Ort gekennzeichnet, für das Adressfeld vorgesehen. Links oben stehen noch einmal die Angaben zu der Abbildung: "Hans im Glück, Scherenschnitt von Käte Bunnemann - Bad Pyrmont". Links unten ist der Verlag angegeben: "© Verlag Rainer Schönbach, 31812 Bad Pyrmont, Motiv geschützt - Nachdruck verboten - 2000" sowie das Logo des Verlages und die Angabe KB 8.

Die Fahnen am Parkplatz stehen schon gut im Föhnwind, und nur wenige Autos parken vor der Piste.

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Gemächlich hole ich meine Schi aus dem Auto, und die wenigen Dinge, die ich für so eine Tour benötige, sind schnell langsam gepackt.

Bedächtig biege ich die erste Piste rechts von mir hoch. Der hartgepresste, noch gefrorene Schnee im steilen Hang ist ohne Harscheisen gleich einmal eine ordentliche Herausforderung für meine miserable Schitechnik.

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Danach geht es weniger happig, aber immer noch gemächlich, weiter.

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Erste herrliche Ausblicke auf die nahe Gemeindealpe (1626 m) und den Ötscher (1893 m).

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Es ist wenig los auf den Pisten, und die geringen Einnahmen sichern lediglich Schulklassen, Pensionisten und…

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Eigentliche wie ich. Wobei das jetzt auch nicht stimmt, denn auf meine Nachfrage an der Kasse, ob ich als Tourengeher etwas bezahlen muss, wird mir von der flott-fröhlichen Kassierdame mit: „Bei uns net, geh auffi wosd willst“, geantwortet

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Im Mittelteil steilt der Hang sich wieder gehörig auf. Vielleicht auch gut an der Mäuseschrittweite eines Schneeschuhgehers vor mir zu erkennen.

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Obwohl ich kunstvoll getrödelt habe, um die Tour ein wenig in die Länge zu ziehen, erreiche ich schon bald die Bauten auf der Bürgeralpe.

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Unter einem Zebra-Wolken-Himmel weitet sich das Mariazellerland.

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Ich suche den Gipfel…

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…und komme zur märchenhaft anmutenden Warte. Auf meine Rapunzel, Rapunzel-Rufe erhalte ich die verdiente Abfuhr.

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Dass ich zu früh auf einem Gipfel ankomme, ist mir auch noch nicht passiert.

Rapunzelzufrüh

Neben der Erzherzog-Johann-Warte befindet sich die Edelweißhütte und das Gipfelkreuz.

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Nicht gerade abgelegen, aber dafür heute romantisch einsam (ich bin lange Zeit alleine), steht das Gipfelkreuz gleich neben der Hütte. Leicht zwänglerisch und darum so befreiend: Gipfelfoto Bürgeralpe (1270 m).

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Die Aussicht beim Kreuz ist sehr beschränkt und die Warte ist nicht zugänglich. Somit rutsche ich zum Berggasthof zurück und genieße den Rundumblick und vor allem das föhnwindbewegte Himmelsspektakel.

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Ob das der Göller (1766 m) sein kann?

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Die Zellerhüte kenne ich.

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Die Sauwand (1420 m) liegt gegenüber.

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Hier erreicht mich das erweiterte Glück in Form eines Anrufs mit einem wunderbaren Versprechen. Sollte ich es bis 14 h nach Waidhofen schaffen, könnte ich noch zwei Burgtheaterkarten für „Die Komödie der Irrungen“ ergattern.

Wie Hans im Glück geht es mir durch den Kopf: „Ich muss in einer Glückshaut geboren sein“, denn säße ich jetzt am Großen Zellerhut, wäre das nicht mehr machbar. Aber von der Bürgeralpe bin ich mit fünf langen Schwüngen wieder beim Auto und in einer Stunde in Waidhofen/Ybbs.

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Folglich sitze ich am 10. März 2017 (Cercle rechts Reihe 1 Platz 2) in meiner Glückshaut und mit meiner Frau im Burgtheater. Ganz nah an der Aufführung (Schauspielerschweiß spritzt glitzernd von der Bühne auf unsere Schuhe) erfreuen wir uns an einem comicbunten, pittoresken, kindischen, slapstickhaften, mit großer Spielfreude aufgeführten Shakespeare.

Komoedie_der_Irrungen_CopyrightReinhardWernerBurgtheater

Wenn etwas nicht so läuft, wie man es geplant hat und es läuft dann so, wie es bei mir heute gelaufen ist – damit könnte ich auch in Zukunft gut leben.

Im Anstieg ca. 415 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 4,7 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at.

Meine Quellen:

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

CoverHauleitnerRotherWFÖtscher

Hauleitner (2003): Ötscher, Mariazell, Türnitz, Traisentaler Berge. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

CoverTucholskySpracheisteineWaffe

Tucholsky (2010): Sprache ist eine Waffe. Sprachglossen. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg.

 

 

 

 

 

 

 

 


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.