Enns, Schleifenbach, Borsee und Hochbrand

Etwas weiß ich nach diesem langen, heißen Tag ganz gewiss. Vom Ufer der Enns zum Gipfel des Hochbrands aufzusteigen, gibt diesen weitläufigen Waldalpen ihre Würde zurück. Erst dadurch bekommt der Besteiger deren ureigene Dimension zu spüren. Eine Besteigung an einem Tag – durch dichtes Unterholz und brusthohe Sträucher, vorbei an schulterhohen Brennesseln, über glitschige, unsichtbare Äste am Boden –  wäre ohne die vielgeschmähten Forststraßen gar nicht möglich – denk‘ ich mir nach diesem Tag.

Nicht ganz fit mache ich mich an diesem schwül-heißen Tag auf den Weg. Unzählige Male bin ich bei meinen Fahrten zu den Bergen der Steiermark schon an dieser Abzweigung vorbeigefahren, und viele Male habe ich dabei an eine Wanderung zum Borsee entlang des Schleifenbaches gedacht.

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Und heute ist es so weit, ich setze den Blinker und biege ab, fahre über diese Ennsbrücke und…

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…parke mein Auto gleich nach der Brücke, noch vor dem Bahnübergang und der Bahnstation Schönau.

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Auf der anderen Seite des Bahndammes findet sich neben diesem natürlichen Bilderbuchbiotop ein kleines Wochenendhäuschen. Wahrscheinlich gehört den gesegneten Inhabern auch noch eines der kleinen Boote am Ennsufer. Eine beschauliche Idylle offenbart sich hier dem neidenden Betrachter.

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An der ehemaligen Jausenstation Jagahansl vorbei führt mich die Straße…

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…in ein schlichtes dorfähnliches Gebilde mit mehreren kleinen Jagdhäusern. Fast vor jedem Haus steht ein Toyota oder Subaru oder Rover und zweimal muss ich hinschauen, weil ich meinen Augen nicht traue…

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…kein Wackel-Dackel, sondern ein Wackel-Hirsch ziert dieses Armaturenbrett.

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Mein Horizont hat sich somit wieder ein wenig erweitert, dagegen verengt sich nach den Jagdhäusern der Taleinschnitt.

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Leiternsteiles Gelände wird hier beim Wort genommen.

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Je weiter ich in den Graben hineingehe, umso wilder wird die Landschaft.

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Vom Bachgrund tönt es rauschend die Wände hoch, und von den Wänden gluckert es  freundlich zur Forststraße herab. „Auch wenn es nur ein tropfendes Rinnsal ist – fallende Wasser sind alle geschwätzig.“ (Botho Strauss)

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Mein GPS-Signal hat sich schon lange vor dem ersten Tunnel verabschiedet. Zu eng und tief wurde ihm der Graben.

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Das ist kein Tal und kein Graben mehr, das ist schon eine tiefe Schlucht, die ich entlang wandere.

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Nur selten weitet sich der blaue Himmelsstreifen über meinen Kopf zur Fußballfeldbreite.

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Sobald meine Schritte hörbar sind und mein Schatten auf diese schwarzen Schmetterlinge fällt, ruckeln und stolpern sie hoch in die Luft und torkeln wie Betrunkene über den hellen Forststraßenboden.

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Weil keine Wurzelhände diesen Hang festhalten, poltert er mit jedem Gewitterregen weiter in den steilen Graben.

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Nur selten bekomme ich das schäumende Antlitz des Schleifenbaches tief unter mir zu sehen. Die meiste Zeit verhüllt eine grüne Burka seine wässrige Gestalt.

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Hoch aufragende Waldwände und senkrechte…

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…Steinwände begleiten mich die ganzen vier Kilometer bis zum Borsee.

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Vor dem zweiten Tunnel sendet mir der See schillernde Vorboten. Märchenhafte Libellen tanzen über dem Abgrund.

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Der letzte seiner Art. Endlich stehe ich am einzig verbliebenen Klaussee im Hintergebirge.

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Die renovierte Schleifenbachklause staut das Wasser. Zur Holzdrift wird das nicht mehr gemacht, die Fischzucht ist der Grund, warum dieser See heute noch besteht.

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Der obere Teil des Sees ist bereits verlandet und bildet ein kleines Flachmoor. Zum Baden ist das flache, wasserpflanzenreiche Gewässer nicht geeignet, vielleicht sogar gefährlich. 2010 ertrank ein Forstarbeiter in seiner Mittagspause im See.

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Ich verweile nicht lange und wandere die südlich ansteigende Forststraße hoch. Den Kühberg (1415 m) habe ich von dieser Seite noch nie betrachten können.

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Links von mir sehe ich zu meinem ersten Gipfelziel. Den Kraxenkogel will ich, wenn irgendwie möglich, auch besteigen.

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Die Forststraße führt mich nahe an ihn heran, und nur eine kleine Steilstufe will überwunden werden.

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Kraxenkogel (946m).

Der Gipfel befindet sich in der Mitte eines kurzen Grates. Links und rechts geht es steil hinab. Der Abstieg am Aufstiegsweg ist das eigentliche Kriterium bei dieser Besteigung.

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Waldberge und hinter den…

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…Waldbergen wieder Waldberge (Bildmitte der Kraxenkogel).

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Die Forststraße führt immer weiter südlich hoch. Unter mir kann ich schon Altenmarkt erkennen.

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Die Sonne entfaltet ihre ganze Kraft, und mein einsamer Forststraßenweg beginnt sich zu strecken und zu dehnen.

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Ich besuche den unbenannten Punkt mit 1019 m oberhalb der Neuhammer Mauern. Es gibt außer einem niedrigen zugewachsenen Wandl unter dichter Vegetation nichts zu sehen.

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Ich wandere auf der Forststraße weiter bis zu diesem verwachsenen Waldschlag. In meiner Vorstellung waren bis zu dieser Stunde (mit wenigen Ausnahmen) Forststraßen nicht gut. Jetzt, wo mir Altäste und tiefe Wurzellöcher den Aufstieg schwer machen, wandelt sich mein Bild. Ich stehe knietief im „Nicht-Gut“ und ein schämenswerter schwacher Teil in mir sehnt sich nach einer Forststraße. Der andere Teil in mir, der wilde, sture, unzivilisierte zieht die Plackerei im Steilen durch.

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Wie ein Büßer in der Unterwelt suche ich einen Ausgang (den Sattel über mir) aus diesem elendiglichen, dornenreichen Waldschlag. Auch diese Marterqualen finden ein Ende. Am Sattel angekommen, trennen mich nur noch wenige Meter vom baumfreien Gipfel des Hochbrands.

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Hochbrand (1242 m).

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Müde von der Sonne, vom Anstieg und vom Selbstmitleid gleite ich ins weiche Gras und falle im Angesicht der Bodenwies (1540 m) in ein friedliches, sanftseliges Dösen.

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Dann gewinnt meine Neugier oberhand und ich sehe mich um. Vom Rapoldeck zur Lärmerstange und Stumpfmauer und Gamsstein.

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Admonter Reichenstein, Maiereck und Haller Mauern.

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Hochdreizipf (1466m) und rechts im Bild Saugrabenspitze (1185 m).

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Für den Abstieg suche ich mir mit sicherer Hand eine noch schlechtere Variante als beim Aufstieg. Schneisenschlagend stolpere ich über noch steileres Gelände durch brusthohe Brennessel und Farne meiner neuen Freundin (Forststrässchen, mon amour) entgegen.

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Durch dieses Gelände steige ich irgendwie ab. Dabei fällt mir der Werbetext von La Blabla  zu einem Wanderschuh ein. In diesem Text wird der Schuh mit einem Sportwagen verglichen und weiter heißt es: „Die asymetrische Schnürung reicht extrem weit nach vorne und ermöglicht eine optimale Anpassung an den Schuh und das bespielte Gelände“? Bitte erkläre mir jemand, was ein bespieltes Gelände ist. Dieser  Staudenruachler etwa? Der hat nichts mit Spielen zu tun, der wollte mich meucheln. Ich frage mich, in welchem Gelände die Werbetexter sich ihre Inspirationen holen. Bespieltes Gelände – so ein Blödsinn.

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Meine unaussprechlichen und lichtscheuen Gedanken gelten natürlich mir selbst und nicht dem Berg und seiner Vegetation. Aber diese Gedanken verlieren sich rasch und ich gleite  wieder in meine übliche, eher friedliche Gemütsverfassung zurück. Ich schlendere den weiten Weg heimzu. An dieser Quelle kann ich kaltes Wasser fassen, und das ist in diesem Moment das Allergrößte.

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Fraglos ist dieser Taleinschnitt über seinen ganzen Verlauf, in seiner ganzen Art, ein prächtiger, ein besonderer.

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Diese Steintürme leuchten in der Nachmittagssonne hell auf. Im Aufstieg habe ich sie nicht wahrgenommen.

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Auch wenn ich zwischendurch einmal mit meiner Wegsuche gehadert habe, will ich diese Wanderung auf jeden Fall bis zum Borsee oder gar zur Viehtaler Alm (Niglalm) empfehlen. Zur Alm sind es vom See auch nur noch ca. 250 Höhenmeter. Ob eine Kammüberschreitung von Norden zum Gipfel des Hochbrands die elegantere Variante darstellt, weiß ich nicht. Aber so oder so ist diese Tour für einsamkeitsliebende Wanderer (ich bin keinem Menschen begegnet) eine feine Angelegenheit. Und jedes Mal, wenn ich nun an der Abzweigung zum Borsee vorbei fahre, werde ich an diese Wanderung denken.

Das Schlusswort möchte ich einem besonderen Kenner dieser Landschaft überlassen. Wolfgang Heitzmann (1999) schreibt in seinem Kapitel über den Borsee: „Vom Borsee aus lässt sich der blumenreiche Gipfel der Bodenwies erwandern oder – ein wenig kürzer – der Kuhberg über die Niglbauernalm. Man kann aber auch nur wegen des Borsees den Borsee erwandern und wird dabei sicher viel mehr finden, als man sich erwartet hat!“

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Im Anstieg ca. 985 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 20,8 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Heitzmann, Harant (1996): OÖ-Voralpen. OeAV-Führer, Ennsthaler Verlag, Steyr.

Heitzmann, Harant (1999): Reichraminger Hintergebirge (Neuauflage) Ennsthaler Verlag, Steyr.

Sieghartsleitner(2000): Wandern rund um den Nationalpark Kalkalpen. 45 ausgewählte Familienwanderungen. Ennsthaler Verlag, Steyr.


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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.