Firewall (1277 m) via the West Ridge oder wie es im Mostviertel heißt: Brandmäuer über den Westgrat

Im Herbst war es noch so, dass mein Bauch es sich im Sitzen auf den Oberschenkeln bequem machte. Dagegen bin ich in den ersten Monaten dieses Jahres vorgegangen. Wie man einen verzogenen, überfütterten Hund von der Wohnzimmercouch scheucht, habe ich ihn, in der gebotenen Strenge, von den Oberschenkeln geholt. Diese längst überfällige Dezimierung hatte aber Nebenwirkungen. Denn auch in Bergdingen bin ich dadurch geradezu in besorgniserregende Unterernährung geraten.

Um hier und nur hier wieder zuzulegen, folge ich dem (unmarkierten) Tourtipp eines netten Bergwanderers, welchen ich im Oktober des Vorjahres am Bärenleitenkogel (1635 m) getroffen habe: Im steinigen Vorgarten des Dürrensteins. Und dieser Tipp geht so:

Am westlichsten Eck der zwölf Kilometer langen Ötscher-Panoramastraße (zwischen Puchenstuben und Trübenbach) befindet sich ein Aussichtspunkt mit Kreuz.

Die Ansicht der Aussicht ist der Ötscher (1893 m).

Von diesem Punkt kann man allerdings auch auf die Brandmäuer blicken. Und dorthin will ich mit Reinhard aufsteigen.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite…

…wird ein unmarkierter Pfad sichtbar.

Der Beginn dieser Besteigung gleicht mehr einer Waldwanderung.

Die Wegspuren führen weiter in diese Waldschneise und zur oberhalb befindlichen Forststraße. Die Fortsetzung der Pfadspuren nach der Querung der Forststraße finden wir nur wenige Meter rechts.

Mit jedem unserer Schritte verbessert sich die Aussicht von eh schon gut in immer guter.

Zirka fünfhundert Meter und hundert Höhenmeter nach der Forststraße wird es kurz einmal kniffliger. Das Gelände steilt auf, und die sichtbaren Pfadspuren verlieren sich vor einem dicht gepflanzten Buchenjungwald. Der rechts in einen steilen Hang verlaufende Pfad ist der richtige. Ich erwähne das so ausdrücklich, weil unglaublich viele Wildwechsel die ganze Zeit den Bergrücken und den Pfad ritzen. Der erdige Steig quert den Hang nur und dreht sich oberhalb von Steilwiesen…

…zu diesen Föhren hoch. Wir waren ein kurzes Stück zu tief dran, haben das aber rasch bemerkt und wenige Meter über unseren Köpfen den Pfad wieder gefunden.

Der Wald lichtet sich immer mehr, und weiße Felsen beginnen zunehmend das Grün der Wiesen und Bäume zu verdrängen.

Jetzt führt der Weg knapp an diesem Steinhaupt vorbei. Es ist heiß, und alles duftet nach Frühjahr. Noch blühen nicht irgendwelche Duftduschen, und darum trauen sich die anderen Gerüche vortreten: Das trockene, die Seele wärmende Hölzeln von Baumrinde oder das Auftrocknen von morgenfeuchtem Geröll. Diese zarten Holz- und Steindüfte schmecken gar nicht modrig, ganz anders als im Herbst.

Ungewöhnlich ist, dass gar keine Steinmännchen zu sehen sind oder andere Zeichen den Weg bestätigen. Es gibt „stichhaltige Gerüchte“ (das ist die kleine sprachliche Schwester der „alternativen Fakten“), denn von den Einheimischen wird Folgendes vermutet: Weil Jäger diese Überschreitung durch Wanderer überhaupt nicht schätzen, verfügen Steinmänner nur über eine begrenzte Lebensdauer – steinerne Eintagsfliegen sozusagen.

Aber auch so reiht sich für uns eines zum anderen. Sobald man den Abzweiger (ansteigend gegen die Gehrichtung) gefunden hat, braucht es etwas weniger Spürsinn. Auf Trittspuren im Geröll geht es mäßig steigend zu den Mäuern hoch.

Doch wir sind nicht allein am Berg. Ein großes Rudel Gämse ist über unsere Anwesenheit nicht „amused“ und schickt gar nicht so kleine felsene Beschwerden zu uns herab. Zum Glück verfehlen uns diese polternden, hoch aufspringenden Proteste um wenige Meter.

Abschnittsweise ist das Gehen jetzt mühsam, denn der Berg hat schon einiges an Kopfmaterial verloren. Dieses Gebrösel war einmal seine Haut. Und weil es für Berge kein Antischuppenshampoo gibt, sieht es hier aus, wie auf den Anzugsschultern eines mäßig gepflegten Wiener Nachtcafekellners…

…oder französischen Präsidenten.

Kurz unterhalb des westlichen Gratrandes erreichen wir diese Felsen.

Von hier ist es nicht mehr weit zum eigentlichen…

…Gratbeginn.

„Die Sonne brannte, und der Himmel war blau, und der blaue weite große Himmel schien sich immer mehr auszudehnen, als werde, was groß sei, immer größer, und was schön sei, immer schöner, und was unaussprechlich sei, immer unermesslicher, unendlicher und unaussprechlicher.“ (Robert Walser, Fußwanderung)

Auf bereits sonnengetrockneten Warmfelsen scheuche ich eine kleine Kreuzotter auf. Die bekommt fast einen Herzinfarkt, so aufgeregt und bewegungsunkoordiniert stürzt sie sich vom Felsen ins schützende Gras. Dieses völlig übertriebene Fluchtverhalten – bin ja nur ich, der da daherkommt – verhindert ein brauchbares Foto. Ich werde sie als „Paniksnake“ lange in Erinnerung behalten.

Anschließend gelangen wir auf den Vorgipfel. Dieser Aussichtspunkt wird als einer der schönsten Rastplätze im Ötscherland bezeichnet.

Ötscher und Rau(h)er Kamm im Zoom.

Wenige Meter nach dem Aussichtspunkt breitet sich die wildverworrene Gipfelfläche vor uns aus. Baumbewuchs, aufragende Felsen und die langgezogenen Karstgassen machen das Gelände unübersichtlich – und einzigartig.

Ganz eigenwillig, wie nirgendwo sonst, sieht es auf den Brandmäuern aus.

Wir halten uns eher links (nördlich)…

…und suchen zuerst den höchsten Punkt auf.

Firefighter auf der Firewall: Brandaus auf der höchsten Brandmauer (1277 m).

Drei oder vier Erhebungen weiter, finden wir dann auch noch das Gipfelkreuz.

In diesem Areal, und vor allem darunter, wurde im achtzehnten Jahrhundert Silber und Blei abgebaut. Wie sieht es jetzt in diesen Minen aus? Kann man sie noch betreten? Es gibt die Mineneingänge noch, aber das Betreten sollte man lieber erfahrenen Profis überlassen.

Brandmäuer ist schon ein seltsamer Name für einen Berg. Vielleicht wurden die Blei- und Silberfunde gleich hier verhüttet, und die dafür errichteten Feuerstätten leuchteten glutrot, weithin sichtbar in die dunklen Nächte über den Holzbergen. Das wäre eine mögliche Erklärung.

Weil mir das Hinterherspüren längst vergangener Dinge fast ebenso großes Vergnügen bereitet, wie das Wandern selbst, habe ich Informationen zu den unter unseren Fußsohlen befindlichen, unsichtbaren Silber- und Bleiminen gesucht.

Und bin bei Gert Knobloch fündig geworden. Er war mit Christian Auer in wissenschaftlichem Auftrag hier und hat die Silberminen betreten, beklettert und bekrochen. Die folgenden Fotos von mindat.org darf ich mit seiner Zustimmung veröffentlichen. Weitere Fotos finden sich auf dieser Seite: mindat.org – Photo Gallery: Silver mines, Brandmäuer, Puchenstuben, Mostviertel, Lower Austria, Austria.

Mine entrance (mit Christian Auer)

© G.Knobloch (Feb. 2004)

G. Knobloch in the Mine (Feb. 2004)

© G.Knobloch (Feb. 2004)

18th century wooden timber covered with ice; (Feb. 2004)

© G.Knobloch (Feb. 2004)

Galena ore (Bleiglanz) Feb. 2004

© G.Knobloch (Feb. 2004)

In der Kartause Aggsbach (Mineralienzentrum Steinstadel) hat Gert Knobloch mit anderen Mineraliensammlern eine Dauerausstellung von heimischen Mineralien aus der näheren und weiteren Umgebung eingerichtet.

Wir wenden uns aber wieder unseren Holzkreuz-Suchbemühungen zu. Die bis hierher oft nur hingehauchten Spuren-Elemente nehmen jetzt konkretere Formen an. Eine ziemlich deutliche Fährte verrät uns den Weg zum Gipfelkreuz.

Es ist völlig windstill und bereits sehr warm. Wir befinden uns gewissermaßen am Endpunkt der meisten Tourenbeschreibungen auf die Brandmäuer (vom Turmkogel kommend) wie zum Beispiel dieser von Bernd Orfer im Standard: Silber, Blei und der beste Ötscherblick.

Am eindringlichsten empfinden wir jetzt die Abgeschiedenheit, die Wärme…

…und die wohlriechenden Duftspuren um uns.

Wir dehnen die Gipfelrast so gut es geht, doch auch das beste Gipfelliegen muss einmal enden. Langsam erheben wir uns gegen die Schwerkraft vom Gipfelboden. In faultierhafter Slow-Motion bewegen wir uns den bebaumten Gipfelfelsen entlang.

Manchmal mit, jedoch meistens ohne Wegspuren wandern wir durch Windwurfgelände auf den…

…Turmkogel. Seine Besteigung ist jetzt keine große Herausforderung.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Turmkogel (1246 m).

Auch die noch so kleinen unscheinbaren Gipfel heften wir uns, ruhmsüchtig, wie glitzernde Orden, an die unsichtbare Wanderuniform. Ganz so wie koreanische Generäle ihre Auszeichnungen. Und wenn die Uniformjacke und die Uniformärmel voll sind, geht’s an den Hosenbeinen einfach weiter:

Vom Turmkogel ist es nicht mehr weit zum Berghaus (1108 m).

Hier befindet sich das Loipenzentrum und ein Kinderlift. Jetzt ist es geschlossen. Aus einem Fenster des gegenüberliegenden Hauses blickt ein freundlicher Herr mit einem mildtätigen Herz, wie sich gleich zeigen wird. Weil unsere durstigen Gesichter furchtbar mitleiderregend dreinschauen, schenkt er uns zwei Flaschen vom gesunden Hopfengetränk. Einfach so. Nochmals ein herzliches Dankeschön dafür.

Jetzt geht es durch Liftschneisen und…

…Schipisten zum nächsten Gipfel.

Neben den Liftstützen muss er irgendwo sein, der letzte „Gipfel“ des heutigen Tages.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Roßkogel (1040 m).

Ein steiles Waldstück trennt uns noch von der Forststraße. Wie zwei gleichzeitig abgeschossene Flipperkugeln stoßen wir uns von Baum zu Baum, immer wieder ruhend, um anschließend wild beschleunigend die nächsten Stämme nur antippend das steile Waldstück hinabzuflippern. Das Spiel dauert bis zur Forststraße an und findet erst dort sein „Game over“. Denn die nun folgenden drei langen, sich hinziehenden Kilometer Forstweg durch den Brandebenwald sind jetzt nicht mehr Teil des Spiels, sondern nur noch hatschende Pflicht. Die allerletzten achthundert Meter an diesem Tag wandern wir wieder den Anstiegsweg zurück zum felswandgrauen Vauwe.

Diese Tour ist schon etwas Besonderes und erfordert einigen Spürsinn. In der Literatur habe ich nur bei Baumgartner (Ötscher Ybbstaler Alpen), unter Extremtouren, zwanzig Zeilen Wegbeschreibung gefunden. Weitere Informationen fand ich nicht. Auch im Internet gab es keine Auskünfte für mich. Diese publizistische Funkstille musste ich einfach mit einem langen Beitrag beenden. Das habe ich hiermit getan.

Im Anstieg ca. 700 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 12 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at.

Meine Quellen:

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit: PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version: 1.0.3  © Christian Dellwo.

Bernd Orfer „Silber-Blei-und-der-beste-Oetscher-Blick“ in standard.at am 7. Juli 2005 https://derstandard.at/2098415/Silber-Blei-und-der-beste-Oetscher-Blick (abgerufen am 20.5.2018)

Christian Auer „Silver mines, Brandmäuer, Puchenstuben, Mostviertel, Lower Austria, Austria“ in mindat.org Februar 2004 https://www.mindat.org/loc-61904.html (abgerufen am 20.5.2018)

 

Baumgartner/Tippelt (2013): Wandererlebnis Ötscher, Ybbstaler Alpen. Kral Verlag, Berndorf.

Hauleitner (2003): Ötscher, Mariazell, Türnitz, Traisentaler Berge. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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