Gamsstein (1770 m): №4 der Big Five in den Ybbstaler Alpen

Meine Big Five Liste der Ybbstaler Alpen besteht aus unverhandelbaren acht Gipfeln. Details dazu kann man hier nachlesen: Stumpfmauer (1770 m): One of the Big Five from the Ybbstaler Alpen. Die willkürliche №4 der Liste ist der Gamsstein (1770 m) mit seinem höchsten Punkt, dem Hochkogel (1774 m). Besonders abwechslungsreich und lohnend ist dieser langgezogene Rücken von der Nordseite, aus dem Sandgraben, zu erwandern.

Heute ist der Tag des kleinen Finales bei der Fußball WM in Russland. Früher, ein anderes Leben früher, wäre das ein wichtiges Ereignis für mich gewesen. Das gilt schon lange nicht mehr. Wichtig ist mir heute, dass ich meiner Lebenskomplizin, die auch meine Frau ist, morgens im Bett noch gefalle und sie gerne mit mir einen Tag am Berg verbringt.

© Gary Larson

Wir fahren durchs malerische Hollenstein bis zum Parkplatz am Sandgraben. Mit ihrem Instinkt fürs Zweckmäßige hat mir Gabriele zum Schuheanziehen einen Hocker geschenkt – nicht irgendeinen, sondern einen Jagdsitz! Einen Schemel mit tarnfarbenem Bezug, dreibeinig und klappbar aus der Jagdabteilung eines großen Sportartikelanbieters. Die Inthronisierung des camouflagen Sitzmöbels verleiht dem Beginn unserer Tour sofort einen feierlichen Anstrich. Das Morgengesicht verliert sich nur langsam.

Und erbaulich geht es gleich weiter. Auf uns wartet der vielleicht allerschönste Waldanstieg unter den vielen, auch wohlgestalteten Waldanstiegen, in den Ybbstaler Alpen. Mit Ausblicken zur nahen Voralm…

…führt uns der Tischeksteig durch steile Waldhänge,

…an Felsköpfen vorbei, immer in moderater Steigung (er übertreibt nie) bis zur Niederscheibenalm.

Der Weg scheint nicht grob gebahnt und wild hineingeschlagen in den Waldboden zu sein, sondern sanft, mit Sinn und Verstand hineingewoben in die Geländefalten und den dünnen Waldwiesenboden des Gamssteins.

Zart gelegte Wegschlingen, suchen sich den steigungsfreundlichsten Weg.

In diesem Schongang-Programm gelangen wir fast schweißfrei auf die Niederscheibenalm (1174 m).

Sonderbar finden wir, dass so wenige Kühe auf der Weide stehen. Jede einzelne könnten wir mit Handschlag begrüßen, wenn nicht der Weg durch einen Zaun von der Bauernwiese getrennt verlaufen würde.

Weiter führt der Weg etwas steiler und steiniger, durch immer gut ausgeschnittenes Windwurfgelände.

Vorbei an hoch gewachsenem Allerlei.

Auf einem Serpentinensteig rücken wir mit Klein-Klein-Tritten hoch, durch diesen umgeblasenen, ausgefransten Hochwald.

Nur dieser, gottseidank kurze, Wegabschnitt könnte besonders wankelmütige Personen zur Suderei (Wehklagen bzw. Lamentieren) einladen. Die kann man aber leicht vertrösten, denn als Belohnung erwartet den Ausdauernden jetzt das schönste und abwechslungsreichste Kapitel dieser Wanderung. Nämlich noch ein guter Grund, den Gamsstein von der Nordseite zu bewandern.

Das bisherige Waldgesicht der Wanderung ändert sich jetzt völlig und nimmt eine überraschend andere Wendung, als man sich die Besteigung des Gamssteins vorstellt. Am Hasenfuß (1615 m) östlich vorbei, ab dieser Einsenkung (Gelände der aufgelassenen Moarhochalm auf 1550 m) wird alles anders.

Feuchte Wiesen, Mulden, mit Latschen bewachsene Berghänge, keine Aussicht und absolute Stille – wir werden regelrecht von der Landschaft verschluckt und gleichzeitig bezaubert, wie von diesen…

… Offenbarungsgebilden der Natur.

Ewige Geometrie in einem Schneckenhaus.

Kleinstkunstwerke überall.

Mehrmals vermeint Gabi schon den Gipfelanstieg zu erkennen, sie glaubt uns dem Gipfel schon ganz nahe und irrt sich dabei.

Er ist in diesem unübersichtlichen Versteckgelände immer noch nicht zu sehen.

Nicht umsonst habe ich dem Gamsstein als Big-five-Patentier den Leoparden zugeordnet. Denn der Leopard ist ein Lauerjäger, der versteckt, fast unsichtbar auf seine Beute wartet. Gerne benutzt er erhöhte Ansitze und lässt mit bemerkenswerter Geduld seine ahnungslosen Opfer herankommen. Das tun wir gerade eben auch, wir nähern uns dem Unsichtbaren, dessen Opfer wir gerne werden würden.

Südlich unseres Weges erstreckt sich ein tiefgrünes Latschenkiefermeer, aus dem Wetterfichten-Fontänen hochspritzen, wie verblasen vom harten Dauerkampf gegen den Wind.

Wer oft glücklich sein will, muss zum Überschätzer des Augenblicks werden! Man kann den Augenblick nicht genug überschätzen!

Hugo von Hofmansthal

Rot aufflackernde Schmetterlinge naschen an versteckten…

…Almrauschresten.

Auch diese Erhebung vor uns ist noch nicht der Gipfel.

Der Blick zurück zeigt die hellgrünen Flächen der soeben durchwanderten Moarhochalm.

Dann ist es endlich so weit, und wir sehen auf der langgezogenen Schneide den Gipfel vor uns.

Und wenn man dann glaubt, man sei schon oben,…

…ist es doch noch ein gutes, feines Wegstück zum Kreuz.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Gamsstein (1770 m).

Wir bleiben jedoch nicht hier, sondern wandern ratzfatz weiter zum zweihundert Meter entfernten, höchsten Punkt.

In minutenkürze erreichen wir den Hochkogel und mit uns…

…leider auch immer mehr Wolken. Davon lassen wir uns jetzt aber auch nicht beeindrucken. Aufs Nahrungsmittelmanagement darf man bei so einer Unternehmung nicht vergessen. Volle Aufmerksamkeit ist angesagt. Die Jause will uns und wir sie. Beim Managen blicken wir uns um.

Stumpfmauer und Tanzboden sind keine fünfzig Steinwürfe entfernt.

Hollenstein, Königsberg und Oisberg im Norden.

Der Südosten bewölkt sich leider immer mehr.

Auch im Südwesten zieht es schön langsam zu. Die Weitsicht ist schlecht, und darum…

…verlinke ich auf dieses beschriftete Panorama von Sigerl Steiner.

Sigerl Steiner auf alpen-panoramen.de

Auf der Gratschneide befindet sich vor uns noch das Gamssteineck (1766 m). Das ist jetzt gar nicht so einfach erreichbar, wie es von hier aussieht. Leopold beschreibt das sehr ausführlich in diesem Blogeintrag: Gamsstein, Hochkogel und Gamssteineck von Palfau.

Wir beschließen den Abstieg, aber zuvor braucht es noch ein Foto.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Hochkogel (1774 m)

Die Kleinschönheit ist es, die uns oftmals mehr zu fesseln vermag, als das Meer der Berge um den soeben bestiegenen Gipfel herum.

Apropos Kleinschönheit. Nahe des Ostgipfels erinnere ich mich vor allem an ein Foto, das ich 2007 hier irgendwo gemacht habe. Ein paar weitere Erinnerungsbilder finden sich im Epilog dieses Blogeintrags.

Am 28. April 2007 war ich mit meinem damals 74-jährigen Vater schon einmal hier. Und so lustig wie mein Papa hier aussieht war’s dann auch. Alle, die vorbeiwanderten, bekamen von ihm eine kleine Lügengeschichte aufgetischt.

Lesenswert sind diese Anmerkungen im AV-Führer Ybbstaler Alpen: „Die Hochfläche und die Schneide oben bieten besonders im späten Frühjahr einen außerordentlichen Pflanzenreichtum, unter anderem ist hier in der Krummholzregion der einzige Standort der Zirbelkiefer in Niederösterreich. Beim Wandern und Lagern ist wegen der Häufigkeit der Kreuzotter (Schwarze Höllenotter, Bergstutzen) erhöhte Vorsicht am Platz.“

Ost-Vorgipfel (1739 m).

Wir gelangen wieder in das verwinkelte Moarhochalmgelände. Vorbildlich ist die Markierungsarbeit des Waidhofner Alpenvereins in diesem Bereich. „Frische“ Markierungsstecken erleichtern die Wegfindung.

Steine haben wir viele gesehen, und im Abstieg flüchtet auch noch eine Gams vor uns – jetzt ist der Gamsstein auch semantisch geschafft.

Wieder zurück im Almgelände wollen wir uns noch ein wenig an die Sphäre des erlebten Schönen klammern, bevor wie sie mit dem letzten Abstieg ganz aufgeben müssen. Über dem Weideland liegt ein zarter Klangteppich, gewebt von den Glocken der weidenden Kühe. Das beruhigt unsere bukolischen Seelen.

Im Abstieg ist der Weg noch immer so schön wie zuvor, nur mit den bergab gewandten Gesichtern fällt uns seine gelegentliche…

…Schmalheit auf – manchmal ist der Pfad so ein Schmalschlaks, dass wir nicht wissen, auf welcher Seite wir gehen.

Ein „So-viel-schöner-Tag“ kommt ans Ende. Den „Schneck“ legen wir unbewusst in die Schale der Erinnerung, und noch viele Jahre später, wenn die Rede auf diese Wanderung kommt, wird sein Bild sofort wieder da sein, fast wie gestern erst gesehen.

Im Anstieg ca. 1100 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 15,4 km.

 

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen:

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit: PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version: 1.0.3  © Christian Dellwo.

Steffan/Tippelt (1977): Ybbstaler Alpen. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Lenzenweger (2009): Eisenwurzen, Nationalpark Kalkalpen. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Baumgartner/Tippelt (2013): Wandererlebnis Ötscher, Ybbstaler Alpen. Kral Verlag, Berndorf.

Tippelt (1995): Wanderführer Ybbstal & Ötscherland. Ennsthaler Verlag, Steyr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

EPILOG

Am 28.4.2007 war ich mit meinem Vater schon einmal am Gamsstein.

Eine Leiter gibt es heute nicht mehr.

Dies war der verzweifelte Versuch einen „Bergstutzen“ – wie von Steffan/Tippelt beschrieben – zu fotografieren. So sieht das beste Ergebnis meiner damaligen Bemühungen aus.

Der Ausblick auf der Niederscheibenalm sieht genau so aus wie heute.

Selbst diese Infotafel befindet sich auch heute noch auf der Alm.

Der Schnee war zu unserem Glück fürs Queren weich genug.

Den gelben Deuter-Futura-Rucksack habe ich aus der Hinterlassenschaft meines verstorbenen Bergfreundes Heinrich erhalten. Seine Eltern schenkten ihn mir. Unsere letzte gemeinsame Wanderung verwendete er diesen Rucksack zum Allererstenmal und führte mir jede Funktion vor, jeden Reißverschluss öffnete er. Zur Zeit verwende ich ihn wieder.

Ich kann mich einfach nicht mehr erinnern, ob wir auch den Hochkogel besucht haben.

Papa war im Jänner 74 Jahre alt geworden.

Das ist mein Lieblingsbild dieser Wanderung. Nahe des Ostgipfels machten wir eine ausgiebige Pause. Papa plauderte mit Allen die an uns vorbeizogen. Für jeden Wanderer und für jede Wanderin hatte er eine eigene, lustige kleine Lügengeschichte. Einige dieser Geschichten werden ich von Zeit zu Zeit im Blog posten.

FIN

 


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.