Globuligipfel über der Lamprechthütte

Wir alle haben unsere Schwächen. Manche sind dem Spielteufel verfallen, manche von uns trinken, manche sind Schürzenjäger oder Lokalpolitiker. Meine Frau ist den Nockbergen verfallen. Die Berge, die sie liebhat, sind nicht schroffe, abweisende, schuttrige Kalkfluchten, sondern mugelige gewölbte Weiten, mit Gräsern, Blumen und Seen versehen. Somit packen wir wieder einmal unsere sieben Wanderzwetschken und schippern über den Sölkpass und die Turracher Höhe nach Kärnten, zur wanderbaren alten Charme-Landschaft der Nockberge.

Diesmal zieht es uns in den Nordwesten der Nocken. Über dem Millstättersee, hinter dem Tschiernock (2088 m), befinden sich unsere heutigen Gipfelziele. Von Radenthein und dem kleinen Ort Kaning gelangen wir über die einspurige schmale „wuide“ Zufahrtsstraße, durchs Magnesitbergbaugebiet über den Noringsattel, zur Thomannbauerhütte.

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Bei dieser Autofahrt sollte man nicht Herbergsvater von Höhenangst oder Genicksteife sein, denn schnell kann es passieren, dass man auf der schmalen Straße über den ungesicherten Abgründen ein gutes Stück zurücksetzen muss, um entgegenkommenden LKWs auszuweichen. Dieses Bild zeigt einen Teil des Bergbaugeländes an der Nordostseite der Millstätter Alpe.

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Weil die Nocken keine besonderen Gefahren aufweisen oder gefinkelte Anforderungen an die Orientierung stellen, ist die Planung der Wanderungen keine Hexerei. Den Praxisnachweis liefere ich am heutigen Tag auch gleich dazu. Alles vergesse ich im Quartier: GPS, Karte und Fotoapparat. Zum Glück hat Gabi ihre Kamera dabei, und somit gibt es doch Bilder von der Tour. Wir parken nahe der Thomannbauerhütte (1697 m) und wandern bei leichtem Nieselregen los.

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Wir bleiben immer auf der sanft steigenden Forststraße und hoffen auf ein gnädiges Wettergeschehen.

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Von Beginn an gefällt uns unser Tun. Wir durchwandern von zahlreichen Zirben besiedelte sanfte Hänge und sind uns einig, dass es hier im goldenen Herbst besonders Besonders sei muss.

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Neben dem alten Ziehweg vertreiben sich grasend und in friedlicher Eintracht Kühe und Pferde die Zeit. Beim Anblick dieses gesprengelten Pferdes pausiert allerdings die Harmonie zwischen Gabi und mir einmal kurzzeitig, weil wir über eine zentrale Frage des Lebens uneins sind: Heißt der Apfelschimmel bei Pippi Langstrumpf „Kleiner Onkel“ oder „Herr Nilsson“?

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Nach gemütlichen, gar nicht aufwendigen, 350 Höhenmetern erreichen wir unseren ersten Gipfel. Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Rabekofel (2059 m).

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Wir sind unentschlossen. Wolkentürme haben im Norden eine graue Großstadt errichtet. Werden sich ihre feuchtnassen Stadtränder noch bis zu uns ausdehen? Sollen wir weitergehen?

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Links im Bild ist unser nächstes Ziel zu sehen, das Stileck (2179 m).

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Weil ich mich nicht von einem Blitz vom Berg schnippen lassen will, bin ich ein wenig zögerlich. Damit habe ich allerdings heute bei Gabi keine Chance. Weil nur einzelne Regentropfenirrläufer bis zu uns gelangen, meint die nockbergesüchtige Gebieterin meiner Gedanken, ich soll nicht so mädchenhaft sein, um dann zur entscheidenden Formulierung  auszuholen:

Sei_Pippi,_nicht_Annika

Creative Commons Namensnennung: (reisen8)

Das ist jetzt die Zauberformel, die mich bis aufs Stileck weitergehen lässt.

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Wir machen uns auf den Weg und können schon bald auf den Rabenkofel zurückblicken. Dahinter ist der langgezogene Rücken mit dem Tschiernock (2088 m), Hochpalfennock (2099 m), Kamplnock (2101 m) und der Millstätter Alpe zu überblicken. Auch dieser Rücken ist einfach zu bewandern und bietet herrliche Tiefblicke zum Millstätter See.

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Das Stileck steht etwas nordwestlich vor und überragt die vielen Almhütten rundum.

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Es sind nicht viele Steigungen auf dieser Wanderung zu bezwingen, und trotzdem pflücken wir einen Gipfel nach dem anderen vom grünen Bergrücken. Nicht gerade ausgemergelt erreichen wir das Gipfelkreuz.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Stileck (2179 m).

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Welcher Schicksalsschlag das Gipfelbuch so zugerichtet hat, wird ein Geheimnis bleiben,…

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…hindert aber weder wandernde Sachsen, noch uns an einem Eintrag.

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Gabis Wetteroptimismus am Rabenkofel verdankte sich nicht dem Ausblick, sondern hatte seine Wurzel nur in Gabi selbst. Jetzt allerdings zeigen sich immer öfter blaue Inseln im grauen Gebräu, und einzelne Sonnenstrahlen tasten vorsichtig die Bergrücken ab.

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Gut gelaunt gehen wir wieder ein Stück zurück und steigen östlich in einen kleinen Sattel Richtung Langnock (2109 m) ab.

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Großer Rosennock (2440 m) und unser morgiges Ziel, Kleiner Rosennock (2361 m), rücken mächtig ins Blickfeld.

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Blick zurück zum Stileck.

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Uns fällt überhaupt nichts ein, aber schon gar nichts, was wir gerade eben lieber täten, als unser Dahinschreiten über diese grünen Berg-Bordüren

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Hoch über der Lamprechthütte und ihren Forellenteichen zieht es uns entlang…

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…bis zum nächsten Gipfel.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Langnock (2109 m).

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Eine niedriger Stein, auf dem man gerne sitzt und von dem man schwer aufsteht.

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Würden wir ein wenig ehrgeiziger sein und weitergehen, kämen wir nach einem Abstieg und Wiederaufstieg aufs Großleobeneck (2196 m) und weiterwandernd bis zum Plattnock (2316 m). Bei dieser Überschreitung gibt es allerdings ein paar heikle Stellen zu überwinden. Von „brothers“ gibt es eine Beschreibung dieser Überschreitung auf gipfeltreffen.at: (Stileck-Saunock-Plattnock-(2-316m)-SG-II-Nockberge-15-09-2016)

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Auf diesem Bild kann man ganz links den Rabenkofel und ganz rechts das Stileck sehen.

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Es mag sich aus meiner Tastatur komisch anlesen, aber die Magie des Livemoments lässt sich nicht konservieren.

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Wolken und Gletscher der Hohen Tauern teilen sich den Horizont.

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Ich würde ja gerne die geringfügigen Belanglosigkeiten in meinen Tourenberichten weglassen, nur mir fehlt die Gabe der Unterscheidung. Ist eine zerrupfte, verblühte Schönheit belanglos oder der eigentliche Grund meines Hierseins?

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Weil diese Tour nicht von Hunger und Durst regiert werden soll, machen wir uns nach einer langen Rast zur Lamprechthütte auf. Direkt vom Gipfelkreuz können wir über einen sanften Grat absteigen.

Blick zurück auf Langnock und die Einsattelung mit dem Großleobeneck (2196 m)…

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…und die Fortsetzung des langgezogenen Rückens bis zum Plattnock (2316 m). Rechts im Bild der Große Rosennock (2440 m)

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Dort, wo der Pfad vom Grat in Richtung Hütte abbiegt, steht dieser…

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…Himmelsjagdstand. Unweigerlich erinnert mich sein Anblick an…

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…dieses Bild…

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© Gary Larson.

Angenehme Düfte entsteigen dem angewärmten Ästen und Gräsern und verstärken das besondere Fluidum dieses wunderschönen Almgeländes. Diese Landschaft dürfen wir…

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…hinab zur bewirtschafteten Lamprechthütte durchwandern.

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Die vierhundert Jahre alte Hütte ist sehr gepflegt und einladend, nur meinen Rucksack stelle ich auf den Boden, denn diese „Haken“ finde ich dann doch mehr makaber als urig. Überhaupt sind mir ausgestopfte, staubige, seelenlose Jagdtrophäen an Wänden oder sonstwo in Räumen, ein Gräuel.

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Der nutzbringende Gebrauch eines Sonnenschirms war zu Beginn dieser Wanderung in keiner Weise ahnbar.

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Eine junge Frau aus dem fernen Sachsenland versorgt uns fürsorglich mit ungewohntem Dialekt und vorzüglichen Getränken.

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„Genießen wir den verstreichenden Augenblick und den leichten Rausch, der bald verflogen sein wird. Eine Knospe blüht nicht zweimal, und ein Wasser kann das Bett desselben Bachs nicht zweimal baden.“ (Isabelle Eberhardt, Tagwerke)

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Den letzten Kilometer zurück zur Thomannbauerhütte wandern wir gemächlich am Güterweg.

Eine Wanderung ganz ohne Abgründe, die die Nerven ansägen und so milde in der Anstrengung, dass auch gering optimierte Körper sie vergnügt und unverbeult überstehen werden.

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Im Anstieg ca. 685 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 9,7 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at.

Meine Quellen:

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

 

BuchenauerGallinKärntnerWanderbuch

Buchenauer/Gallin (1976): Kärntner Wanderbuch. Tyrolia Verlag, Innsbruck.

BuckNockberge

Buck (1997): Die Nockberge Natur und Kultur. Verlag Carinthia.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

KatschnerErlebnisNockberge_

Katschner (1989): Erlebnis Nockberge: Eines der schönsten Wandergebiete Kärntens. Leopold Stocker Verlag, Graz.

LehoferKärntenRotherWF

Lehofer (2007): Kärnten: Wanderungen rund um die Kärntner Seen. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wikipedia über Pippi Langstrumpf (abgerufen am 5.2.2017)

Stileck-Saunock-Plattnock-(2-316m)-SG-II-Nockberge-15-09-2017  (abgerufen am 5.2.2017)

Eberhardt (1981): Sandmeere Bd. 1 Tagwerke. März Verlag bei Zweitausendeins, Berlin

 


Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region Nockberge (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.