Gowilalm und Kleiner Pyhrgas

Wenn Ursache und Wirkung Jahre auseinander liegen, kann es sich nur um einen Geburtstagsgutschein meiner Kinder für eine gemeinsame Wanderung handeln. Nicht einmal miteinander können wir uns an den Geschenktag des Gutscheins exakt erinnern, aber für meine Kinder gleicht dieses Wanderversprechen einem unverbrüchlichen Eid. Und heute ist er gekommen, der Tag der Einlösung, der Reaktion, der finalen Tat.

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Diese Vaterhingezogenheit muss gewürdigt werden, und darum habe ich mich für eine Wohlfühl-Streichel-Schon-Wanderung zur Gowilalm samt Verzehr aller speisekartenverzeichneten Genussmittel entschlossen.

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Aber so weit sind wir noch nicht. Bis zu den Gaumenfreuden müssen erst 524 waldige Höhenmeter überwunden werden. Aber noch davor werden wir nicht umhinkönnen, einen Abstellplatz für unser Auto zu finden. Am Parkplatz der Gowilalm könnte man annehmen, dass heute eine große Bauernhochzeit stattfindet. Aber nein – das sind die vielen Anderen, die diesen wunderbaren Septembertag ebenso nutzen wollen.

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Wir finden noch einen Stellplatz und können loswandern. Meine Gedanken spinnen sich wieder einmal ganz von selbst: Zum Beispiel, dass „art brut“ (franz. für unverbildete, rohe Kunst) ganz etwas anderes meint, als die ähnlich klingende Bezeichnung „marche brut“ (nach meiner freien Übersetzung: Wandern mit der Brut bzw. Wandern mit den eigenen Kindern). Unsinn, Unsinn, Unsinn.

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Wir wandern zu viert. Ria und Thomas, Rias Freund Christoph und ich.

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Ich habe den Kindern eine tolle Aussicht versprochen. Vom Blick zum Großen Priel und der Spitzmauer geschwärmt. Davon ist zu Beginn der Wanderung nichts zu sehen.

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Nach nur gefühlten 15 Minuten gelangen wir zu diesem ausdrucksstarken Motivationsbild und können es gar nicht glauben, nur noch eine halbe Stunde zu gehen. „Das ist ja gar nix“ sind sich meine Nestflüchtlinge einig.

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Beim nächsten Motivationsbildchen treffen wir zwei kinderreiche Familien. Auf die müde und schon etwas verzweifelte Nachfrage eines kleinen Mädchens, wie lange es denn noch dauert, antwortet eine der Frauen mutterklug: „Nicht mehr lange, nur noch so lange, wie eine Barbapapa-Folge“. Sofort spürt meine Tochter (Barbalala oder besser Barbablabla) ebenso Wind unter ihren Flügeln.

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Sonderbares geschieht an diesem Tag. Vor lauter plaudern und quatschen, erzählen und tratschen stehen wir nach ungemessener Zeit und mit nur wenigen Fotos auf den Speicherkarten unserer Kameras vor der Gowilalm. Höhenmeter und Zeit wurden von unserem Redestrom einfach davongespült.

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Die Gowilalm, (Gowidlalm) auf 1375 Meter Seehöhe gelegen, ist schon ein besonderes Plätzchen. Mein Versprechen mit Spitzmauer und dem Großen Priel habe ich auch gehalten (links im Bild).

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Meine Nestlinge können es gar nicht glauben, dass das die ganze Anstrengung gewesen sein soll. Somit war ihre angstvolle schlaflose Nacht vor dieser Wanderung ja völlig unbegründet. Das kann nicht sein. Erschöpfung muss her. Das Kollektiv beschließt noch im Niedersetzen, die Besteigung des Kleinen Pyhrgas (2023 m) in Angriff zu nehmen. Die Idee gefällt mir natürlich viel zu sehr, als dass ich davon  abraten würde. Insgeheim denke ich mir aber, dass sie die Anstrengung ein kleinwenig unterschätzen. Wir regulieren unseren Flüssigkeitshaushalt und steigen über den herrlichen Lärchenboden hoch.

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Ich sammle noch Bilderinnerungen…

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…von der Gowilalm, und Christoph sammelt ebenso Bilderinnerungen…

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…von Ria und unvermeidlich auch von Thomas und mir.

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Viele Wanderer kommen uns bereits entgegen. Durch unseren späten Aufbruch – es war ja nur der Besuch der Alm geplant – gehen wir jetzt gegen den Strom.

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Wir erreichen den felsigen Aufbau. Der „Einstieg“ ist eine kleine, unschwierige, aber ausgesetzte Steilstufe.

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Die sessile Lebensweise meiner studierenden Kinder hat noch keinen großen Schaden angerichtet, und geschickt klettern sie hoch.

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Dann ein Notfall, eine hinterlistige Blase hat sich an der Ferse meiner Tochter festgebissen. Auf der Stelle verwandle ich mich in Dr. Bob Kelso, und unter Einsatz eines hydrophilen polymeren Netzwerkes kann ich sie retten – ein Gelpflaster kommt zur Anwendung.

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Wir gelangen zum Startplatz der Abstiegsfaulen.

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Während wir von absteigenden Wanderern regelrecht umzingelt und überrollt werden, blicken wir neidvoll auf die Nachkommen des Ikarus.

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Mühsam sind jetzt nicht nur die letzten Höhenmeter zum Gipfel, auch das mittlerweile lästige Grüßen lässt meinen Mund austrocknen: “ Griaß di, Servas, Servus, Hallo, Grüß Gott“  schnauft oder grummelt es uns von fast allen Wanderern entgegen. Werde ich am Berg nicht gegrüßt, passt es mir nicht. Jetzt werde ich von so vielen Bergwanderern gegrüßt, und mir passt es auch nicht. Muss ich mir Sorgen machen – werde ich zu einem Misanthropen?

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Noch eine kurze Fotorast.

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Im Hintergrund ist das Sengsengebirge mit dem Hohen Nock (1963 m) zu sehen. Eine Überschreitung ist ein langgehegter Wunsch von mir. Jetzt beim Schreiben dieses Berichtes weiß ich ja schon, dass…

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Umgeben von Schwerkraft klammert sich der Rucksack ängstlich an Rias Rücken.

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Stufe um Stufe führt der Weg durch die grünweiße Schichtung des Gipfelaufbaus.

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Viel besser als zuvor gedacht gelingt uns die Besteigung. Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto mit Brut und Christoph: Kleiner Pyhrgas (2023 m).

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Das Wenige was wir mithaben wird am Gipfel geteilt. Nur von Rias Vanille Coca-Cola will niemand trinken. Unser Durst ist ein ehrenhafter, und darum verdient er auf der Gowilalm ein naturbelassenes Getränk. Trotzdem wird jetzt einmal ausgiebig gipfelgelungert.

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Ich bin erst am gestrigen Tag von der Preintalerhütte heimgekommen. Als Erinnerung an solche Hüttenübernachtungen begnügt sich der vernünftige Wanderer mit einem Hüttenstempel. Ich habe den Stempel in Form einer Fieberblase, so groß wie eine Sonderbriefmarke, im Gesicht.

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Der Kleine Pyhrgas steht im Schatten seines großen Bruders. Die Oberösterreicher wissen aber sehr wohl um die Schönheit dieses Gipfels und die Vorzüge der Gowilalm. Ich war vor 11 Jahren mit meinem Freund Franz schon einmal hier.

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Während sich Christoph mit großer Akribie den kleinen Kunstwerken am Gipfel widmet..

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…gilt mein Blick dem näheren Bergumfeld.

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Der Verbindungsgrat zum Großen Pyhrgas (2244 m). Dieser Grat (Stellen im zweiten Schwierigkeitsgrad) wird auch überschritten, ist aber sicher die seltenere Aufstiegsvariante auf den höchsten Punkt der Haller Mauern.

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Der Scheiblingstein (2197 m).

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Die felsige Wand im Vordergrund reicht vom Mannsberg (1603 m) ganz links, gerade nicht mehr im Bild, zur Laglmauer (1839 m) links der Bildmitte. Dahinter ist in der Bildmitte der Langstein (1998 m) zu sehen und rechts davon die Kreuzmauer (2091 m). Zwischen der Wand mit der Laglmauer und dem Langstein kann ich noch den Mitterberg (1916 m) erkennen.

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Sobald sich eine Wolke vor die Sonne schiebt, kühlt es ab. Es wird Zeit zu gehen. Unterschätzen darf man diese Tour aber nicht, wie dieser Tiefblick über das Abstiegsgelände zeigt. Im grünen Talboden ist die Holzeralm zu sehen, und in der Waldstufe rechts darüber die Gowilalm.

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Thomas und Christoph sind immer ein paar Schritte voraus.

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Von dieser Schotterrinne werden wir im Abstieg noch mehr geschunden, als schon im Aufstieg.

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Endlich ist die finale Schwierigkeit erreicht, und…

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…die letzten Meter vor der Alm spüren wir ihren Magnetismus. Wir werden immer schneller.

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Und dann ist es geschafft. Die Köchin wird zur angebeteten Zeremonienmeisterin, die Orgie kann beginnen…

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Erst nachdem jedem von uns die Wanderhose spürbar enger an den Körper gerückt ist,  denken wir an den Abstieg.

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Nicht weit von unserem Auto entfernt, ein letzter Blick zurück. Schon ist es unfassbar,  dass wir vor wenigen Stunden noch, nur von der Kraft der eigenen Beine hochgetragen, am Gipfel in der Sonne saßen. Wir versuchen den Wegverlauf im steil abfallenden Gelände zu rekonstruieren und können es nicht glauben, dort herumgeturnt zu sein. Vor lauter Freude darüber, wird der heutige Tag in einem Wirtshaus Waidhofens zum morgigen.

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Weil es so schön war, bin ich ja der Meinung, dass diese Wanderung lediglich die Zinsen des Gutscheins darstellt und die eigentliche Einlösung noch ansteht. Denn schon Tolstoi schrieb: „Die Verbindung von Ursache und Folge hat weder Anfang noch Ende“.

Im Anstieg ca. 1144 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 9,9 km.

Senf dazu? Sehr gerne

blog@monsieurpeter.at

 

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Heitzmann (1989): Gesäuse. Landesverlag, Linz.

Heß/Pichl (1966): Gesäuseführer. Verlag Adolf Holzhausens Nfg., Wien.

Hochhauser (2008): Oberösterreichische Almen 78 traumhafte Alm- u. Hüttenwanderungen. Verlag Styria, Graz.

Kren (2011): Tourenbuch Gesäuse Wege, Hütten, Gipfel. Schall Verlag, Alland.

Neuweg/Peham (2004): Schutzhütten Touren, Wanderwege, Geschichte. Verlag Ennsthaler, Steyr.

Radinger (2009): Wandererlebnis Kalkalpen mit Haller Mauern. Residenz Verlag, St. Pölten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Epilog

Mein erster Besuch des Kl. Pyhrgas am 24.8.2002 mit Franz. Warum Franz auf keinem meiner Fotos zu sehen ist, kann ich nicht erklären. Es sind nur wenige Bilder, die ich von dieser Tour besitze.

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Sieh da, sieh da – eine Gipfeltschick. Lang, lang is‘ her.

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FIN

 


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.