Großer Geiger in den wilden Alpen

Bereits bei meiner Wanderung auf den Buchberg habe ich den mächtigen Klotz des Großen Geigers bewundert und mir dessen  „Erschließung“ vorgenommen. Überhaupt ist dieser nördliche Zugang zum Hochschwab der am wenigsten touristisch erschlossene und damit selbst heute noch, einsam zu nennen.


Ausgangspunkt für diese Wanderung ist Hinterwildalpen. Ich parke mein Auto in der Ortsmitte, vor dem Gasthaus „Zum Krug“. Wolkenreste verhängen die wilden Alpen, und auch der Blick zum Grossen Geiger ist verstellt.

Direkt hinter dem Gasthaus findet ich dieses überdachte Wegweiserpotpourri. Ich gehe erst einmal zur Eisenerzer Höhe.

An blaublühenden Schätzen vorbei, wie den fast strauchartig auftretenden Schwalbenwurz-Enzian und …

…großen Büschen Fingerhut.

Die ersten Meter führen auf dieser eigenartigen „neuen“ Forststraße entlang. Rechterhand befindet sich lediglich das Bachbett des Eisenerzer Baches ohne dazugehörigen Bach. Ich habe mich über den Verbleib des Wassers erkundigt und nachgefragt, ob es anderer Nutzung zugeführt wurde wie zum Beispiel Quellwasser nach Wien oder Stromerzeugung. Dies wurde verneint, der Bach sei einfach versiegt.

Nach einer halben Stunde erreiche ich die malerische Lichteneggalm auf 946 m. In das Fenster gelehnt, kann ich eine Parte der verstobenen Theresia Ganser erkennen. Günter und Luise Auferbauer erwähnen in ihrem Hochschwab-Wanderführer ein ausführliches Gespräch mit der „Lichtenegg-Oma“.

Der Weg zur Eisenerzer Höhe war ein wichtiger und viel genutzer Saumpfad nach Eisenerz. Holzkohle zur Eisenverhüttung wurde auf diesem Weg ebenso transportiert, wie dieser von Säumern, Hausierern, Holzknechten und Knappen benutzt wurde.

Gleich nach Lichtenegg wuselt der Weg schmäler und steiniger in die Höhe.

Diese Landschaft scheint einem Fantasy-Roman entsprungen zu sein, und in den von Nebelresten umspielten Steinen und Sträuchern wohnen sicher viele Elfen und Trolle. Warum in Island selbst Baubehörden auf „Elfenwohnungen“ Rücksicht nehmen, erklärt sich aus den Seeleneindrücken, die diese Landschaften auf ihre Betrachter haben. Mir geht es hier jetzt nicht anders.

Am Jungfernsprung überquere ich das leere Bachbett des Eisenerzer Baches. Kurz nach dieser Überquerung habe ich meine einzige Begegnung mit drei entgegenkommenden Wanderern. Der Einsamkeitsfaktor dieser Wanderung ist sehr ausgeprägt.

Ich erreiche die Eisenerzer Höhe auf 1549 m. Der Weiterweg zum Leopoldsteinersee sieht sehr…

…einladend aus. Dafür sind aber immerhin noch drei Gehstunden aufzuwenden. Auch der Weg auf die Kaltmauer (1929 m) ist mit 3,5 Stunden noch ein weiter.

Ich habe noch genug Zeit und sehe in östlicher Richtung Pfadspuren abzweigen. Ein kurzer Blick auf die Karte weist auch einen Gipfel in unmittelbarer Nähe aus.

Ich begebe mich, anfangs noch auf Pfadspuren, später in direkter Latschenkonfrontation, in ein vielarmiges Latschenfiasko. Der Weg ist ein sogar in den Karten verzeichneter Jagdsteig, verzeiht aber keinerlei Abweichung. Sobald ich ihn in südlicher Richung verlassen will, um zum Kreuzbühel zu kommen, werden die Legföhren lebendig. Ich werde zurückgehalten, an meinen Haaren wird gerissen und zurückwippende Äste schlagen mir ins Gesicht.

Unter großen Leiden und Mühen erreiche ich den Gipfel des an diesem Tage aussichtslosen Kreuzbühel (1610 m).

Ganz ohne Aussicht ist er doch nicht. Hier ein Blick zu meinem Tagesziel, dem Großen Geiger.

Gerade noch erkennbar, im Vordergrund der Brennkogel (1639 m), dahinter der Zargenkopf (1792 m) und die sehr abgelegene Kaltmauer (1929 m).

Zurück an der Eisenerzer Höhe, suche ich den unmarkierten Wegbeginn zum Geiger. Die „Auferbauers“ schreiben noch: “ Der Steig ist nur schwach ausgeprägt, doch mit ensprechender Aufmerksamkeit gut wahrzunehmen“. Mittlerweile ist er nicht mehr zu verfehlen und auch mit Farbpunkten markiert.

Warum diese fantastische, urige Landschaft Sauriegel heißen muss, kann ich mir nicht erklären. Helle Steine wachsen aus dem Boden und liegen angehäuft wie Berg-Puzzleteile herum.

Der Sauriegel geht sanft ansteigend in den Geierboden über. Der Gipfel scheint noch weit entfernt.

Der Steig leitet in logischer Führung auf Höhe des Kleinen Geiger. In der völlig missglückten F&B Karte, Hochschwab-Aflenz-Wildalpen-Salzatal 1:35 000, ist dieser Weg rot markiert, direkt über den Kleinen Geiger eingezeichnet. Das stimmt in keiner Weise. Der Weg zieht ca. 300 m östlich an diesem Gipfel vorbei.

Jetzt befinde ich mich am Steig auf Höhe des Kleinen Geigers und schlage mich ins Gebüsch, um auch diesen zu besuchen.

Der kurze Aufschwung macht weniger Probleme, als die neuerliche Überlistung der dichten Latschenfelder.

Für das Gipfelfoto weiche ich von den überlichen Gepflogenheiten, nämlich genau am Gipfel zu fotografieren, fünfzehn Meter ab, da am verwachsenen Gipfel einfach kein Platz für ein Foto ist. Siehe nächstes Foto mit Ameisenhügel. Darum versetzt, obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Kleiner Geiger (1838 m).

Von hier kann ich schon den letzten steilen Aufschwung aus dem Sattel zum Gipfelkreuz erkennen.

Viel schneller, weil auch steiler als angenommen, erreiche ich…

…den Gipfel und mache wiederum mein Gipfelfoto: Große Geiger (1723 m).

Das Gipfelplateau empfiehlt sich für eine ausgiebige Rast. Wolken begrenzen den Horizont und haben der Weite einen Riegel vorgeschoben. Somit genieße ich mit geschlossenen Augen die letzten Sonnenreste dieses Tages.

Rechts im Bild kann ich oberhalb von Hinterwildalpen den Kleinen und Großen Hagler erkennen. Dahinter schroff und felsig den Wilden Jäger. Dann schon unter der Wolkenhaube die Riegerin und die Kräuterin (Hochstadl).

Ich will den unmarkierten Weiterweg zur Winterhöhe gehen, und vom Gipfel weg ist der Pfad in den Latschen leicht zu finden.

Unterhalb des Kammes und der Latschenfelder wird die Orientierung schwieriger. Oft wird der Steig nur mit wenigen aufeinanderliegenden Steinen gekennzeichnet. Unten auf dem Bild, im Vordergrund erkennbar: Zwei kleine Steine auf einem großen sind der ganze Hinweis. Es sind nicht wirklich Pfadspuren erkennbar.

Der künstlich eingeklemmte Ast stellt eine weitere Markierung dar.

Vor mir tauchen die Nordabbrüche des Wasserkogels auf.

Spontan entscheide ich mich auch für dessen Besteigung. Wiederum werden mir die wenigen Meter abseits des Weges unerhört erschwert. Windwürfe der gröberen Art machen die Besteigung einigermaßen mühsam.

Als Belohnung wartet ein Gipfelerlebnis der latschenhaften Art auf mich. Schon leicht genervt ob der eigenen Obsession, aber obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Großer Wasserkogel (1512 m).

Nach diesem Gipfelbesuch finde ich im Abstieg auch den Jagdsteig wieder und folge ihm nur ein kurzes Stück. Ich lasse mich dummerweise immer etwas tiefer fallen und bemerke erst sehr spät, dass der Weg über die Kammkante führt. Ich muss daher jeden bereits abgestiegenen Meter wieder hochsteigen und das in diesem sehr ungänglichen Gelände. Nach dieser Plackerei erreiche ich schon zu einer späten Nachmittagsstunde den Kamm und kann steil, und wieder den Weg verlierend, zur Winterhöhe absteigen.

Mittlerweile existiert wider jeder Kartenauskunft eine neue Forststraße, die den Abstieg zum Bärenloch erleichtert, aber sicher nicht verschönt.

Die Abendsonne lässt die Wassermäuer (Westabbrüche des Großen Geigers) noch einmal aufleuchten.

Diesen Teil des Abstieges habe ich bereits bei meiner Buchbergwanderung begangen.

Dieser Zufluss zum Lurgbach unterhalb der Pumperhochalm ist ebenfalls versiegt und dürfte nur nach Gewittern große Wassermengen ins Tal schwemmen.

Ich gelange nach einem ausgiebigen Straßenfußmarsch bei völliger Dunkelheit, wieder zu meinem Auto. Trotz aller Mühen, komme ich bestimmt wieder, da der Große und Kleine Hagler auf mich warten…

Im Anstieg ca. 1365 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 20,3 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Quellen

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

 

Auferbauer (1990): Hochschwab. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Auferbauer (2001): Hochschwab. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

Hödl (2003): Wandererlebnis Hochschwab & Hohe Veitsch, Almen, Gipfelwege, Hütten. Verlag Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten.


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.