Grüne Weltabsage im Mörsbachtal oder wie ich zum Stillekoster wurde

Vor vielen Jahren gelangte Liselotte Buchenauers Buch „Höhenwege in den Niederen Tauern“ in meinen Besitz. Dieses Buch ist einer der Anlässe, und nicht der geringste, warum ich heute hier bin. Buchenauer schreibt von den Granatbergen in den Niederen Tauern und der eigenartigen Mörsbach-Stimmung. Darauf will ich mich einlassen und auch noch den einen oder anderen Granatberg besteigen.

Bei Irdning fahre ich in Richtung Süden, immer meine heutigen Bergziele vor Augen. Ist das ein Vorgewitterhimmel oder gelten die blauen Flecken? frage ich mich. Der Wetterbericht ist für diesen Teil der Steiermark vielversprechend gewesen. Das hat aber diesen Sommer nicht viel zu bedeuten. Denn die mangelnde Vorhersagbarkeit des Wetters zeigt, dass man nicht nur vor Gericht und auf hoher See in Gottes Hand ist, sondern auch auf einer Bergtour, die man ganz im Vertrauen auf eine Meteorologenauskunft unternimmt.

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Der Parkplatz befindet sich nur zweihundert Höhenmeter unter der Mörsbachhütte. Auf einer Tafel steht die Telefonnummer des Mörsbachwirten. Selbst für diesen kurzen Anstieg kann man ein Taxi bestellen.

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Ich wandere die festgewalzte Forststraße hoch. Es ist laut. Bachlärm, Wasserlärm und viele Bäume lassen mich an der Namensgebung von Donnersbach und Donnersbachwald keine Millisekunde zweifeln.

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Ich komme an einem Rübezahlbartbaum vorbei. Wenn dieser Berggeist Waschtag hat, hängen hier alle seine unter-der-Woche-Bärte zum Trocknen.

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Erste Ausblicke sind möglich. Hier in Richtung Planneralm zur Schoberspitze (2128 m) und zum Schreinl (2154 m), wenn ich mich nicht täusche.

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Beim Mörsbachwirten ruhen noch die Lebensgeister.

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Gleich nach dem Wirten komme ich an der großen Mörsbachhütte vorbei.

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Wiehernd vermelden die Pferde untereinander mein Kommen. Aufmerksam beobachten sie mich. Um nicht unangenehm aufzufallen, habe ich dieses Foto paparazziartig im Vorbeigehen geschossen.

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Auf wenigen Gehminuten kommen ich an so vielen Bachläufen vorbei, wie überhaupt noch nie bei meinen Wanderungen. Buchenauer schreibt dazu: „In Betten kleiner Bäche, oft auch am Weg selbst, liegt ein besonder helles, seidiges Schiefergestein, in dem kleine dunkelrote Granate stecken, wie Rosinen im Kuchen.“

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Der Himmel blaut auf, und ich muss mich für meine Meteorologenschelte zu Beginn dieses Berichtes entschuldigen.

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Wie Steinböcke im Felsen stehen oberhalb der Hinteren Mörsbachalm Kühe hoch oben in den tiefgrünen Hängen. Nur wenige Wochen der Sommerüppigkeit wollen ausgekostet werden.

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Der Wegverlauf ist anders, als in der Eichamtkarte verzeichnet, und darum frage ich bei der hinteren Mörsbachalm nach. Schon vor der Hütte, in der Nähe eines Baches, muss man nach Aufstiegsspuren Ausschau halten. Hat man diese Brücke gefunden, ist man schon wieder richtig.

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Erstmals kann ich das Gipfelkreuz am Großen Bärneck glitzern sehen. Aber bis dahin muss ich noch durchs ansteigende Silberkar.

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Blick zurück zur Hinteren Mörsbachalm.

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Der Weg zieht über zwei Geländestufen hoch.

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Wassergrün ist die soeben durchwanderte Landschaft.

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Ich gelange in die Flanke unter dem Gipfel und steige in steilen Pfadkehren hoch.

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Amüsant finde ich diese kniehohe Tafel mitten im Hang.

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Denn der Weg zur Gstemmerscharte führt nicht zwangsweise über den Rücken, sondern läuft höhenmetersparend den Hang entlang. Auf diesem Foto gut zu sehen. Im Sonnenlicht leuchtet bereits der Gstemmerzinken (1996 m) über der Gstemmerscharte.

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Ich gelange auf den grasigen Rücken und kann in die Westseite sehen. Das müsste der Kamm mit der Unholdingspitze (2293 m) bis zum Schafdach (2314 m) sein – denk‘ ich mir.

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Dann erreiche ich den höchsten Punkt meiner heutigen Wanderung. Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Großes Bärneck (2071 m).

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Manche Gipfel in den Niederen Tauern sind eine beschissene Angelegenheit (so auch das Gumpeneck). Sie sind nicht nur optisch, sondern auch olfaktorisch sehr offensiv!  Geschuldet ist das dem schwarzen Gold der Niederen Tauern. Solche Schafhinterlassenschaften finden sich bevorzugt auf den schmalen Wegen und Pfaden. Und weil die Söckelbären auf diesen Steigen die älteren Rechte haben, wird es das Sackerl fürs Schafgackerl nie geben.

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Am Gipfel tauchen wie aus gar nicht so heiterem Himmel einige Wanderer auf. Es sind Urlauber, die mit der Sesselbahn zur Riesneralm (Bildmitte) gehoben wurden und hergewandert sind.

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Die grüne Bergkette rechts im Bild soll heute die meinige werden. Aber nicht bis zum Gumpeneck – das aufragende Spitzerl im Bildhintergrund (Bildmitte) ist das Gumpeneck (2226 m). Von meinem Standpunkt nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch in Gehweite. Lächerliche achthundert Höhenmeter und acht Kilometer trennen mich von seinem Gipfel.

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Der etwas niedrigere Graskamm im linken Bildteil ist das Kleine Bärneck (2037 m), und das wird oftmals, auch von manchem Einheimischen, mit der Erhöhung samt Gipfelkreuz in der Bildmitte verwechselt. Das ist die selten erwähnte Silberkarspitze (2050 m). Nachlesen kann man das im Buch „Bergtourenparadies Steiermark“ der Auferbauers. In diesem Buch finden sich alle 2000er der Steiermark vom Dachstein bis zur Koralpe. Eine (fast) unbezahlbare Rechercheleistung von Luise und Günter Auferbauer. Leider nur noch antiquarisch erhältlich.

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Ich gehe weiter zur Silberkarspitze (2050 m). Die Gipfelbuchkassette ist leer, und auf dem Gipfelkreuz findet sich keine Benennung.

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Hier zweige ich westlich ab. Mein Weg führt leicht fallend unschwierig durch hohes Gras über diesen Rücken zum Kleinen Bärneck.

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Kleines Bärneck (2037 m), im Hintergrund der soeben beschrittene Kamm zur Silberkarspitze (2050 m) und weiter bis zum Großen Bärneck (2071 m).

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Gegenüber sehe ich auf meinen Weiterweg. Jeden dieser grünen Schuppen will ich begehen.

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Nach einem Foto in die Westseite über Mößna, links der Bildmitte das Große Bärneck, wandere ich weiter.

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So alleine zu wandern, ohne Schutz einer Gruppe, weckt den wachsamen Blick und verlangt Entscheidungen zu treffen, ohne Hilfe eines abwägenden Kollektivs. Wer gewohnt ist, immer einer unter anderen zu sein, läuft Gefahr, dass er seine Eigenmächtigkeit, seine Entscheidungskraft verliert.

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Ich gehe nicht auf die Silberkarspitze zurück, sondern quere den grasigen Hang mit herrlichen Aussichten in den Talkessel.

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Vor mir der Gstemmerzinken (1996 m) – mein nächster Haltepunkt.

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Wieder einmal obligatorisch: Gipfelfoto Gstemmerzinken (1996 m). In den Karten zwar unbenannt, aber von „meiner“ Liselotte so bezeichnet.

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Blick von der Scharte in die Ostseite und zum Silberkar.

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Natürlich steige ich nicht zum Weg ab, sondern bleibe immer in Gratnähe. Vor mir sehe ich schon den Sonntagskarspitz (1999 m).

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Aber bevor ich zum Sonntagskarspitz gelange, muss ich jetzt doch auf den Weg zurück und passiere den Einschnitt mit der Gstemmerscharte (1920 m).

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Direkt steige ich zum Sonntagskarspitz hoch. Nur ein Meter fehlt ihm zum Zweitausender. Trotzdem obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Sonntagskarspitz (1999 m).

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Blick ins Mößnakar zwischen Kl. Bärneck (links) und Seeleitriegel (rechts). Hochaufragend könnte auch noch der Knallstein (1599 m) zu sehen sein – sicher bin ich mir nicht. Seit Monaten habe ich den Blogeintrag seiner Besteigung samt einer Übernachtung halbfertig auf dem Rechner liegen und finde keine Zeit, ihn fertigzuschreiben.

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Der Grimming (2351 m) schaut von diesem Standtpunkt gar nicht mehr so mächtig aus.

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Gegenüber ragt das Gaßeneck (2111 m) hoch, und dahinter lugt gerade noch der Tattermann (2089 m) hervor.

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Immer in der Nähe des Pfades – Söckelbären. Vielleicht ist der gut sichtbare, dahinschlingernde Weg für sie wirklich die längste Toilette der Welt?

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Ein einziger, winzigkleiner, optischer Wermutstropfen ist der Blick zur Riesneralm in der sonst scheinbar völlig unberührten Landschaft.

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Bald schon erreiche ich den Schwarzkarspitz (1996 m).

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Der Blick zurück zeigt mir einen Großteil des soeben durchwanderten, grünen Landschaftstraumes. Und jetzt beginne ich, sie auch zu fühlen, die eigenwillige Mörsbach-Stimmung.

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Ich befinde mich an einem Ort, der weit vom Alltag abgelegen ist. Die Harmonie der wasserreichen Kare unter mir lässt mich immer wieder staunend Ausschau halten.

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Mein Blick streift völlig gelöst über diese grüne Weltabsage.

Berührt von einem schwebenden Behagen wandere ich…

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…über einen guten Pfad durch Latschen…

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…im Auf- und Abstieg bis zur…

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…Mößnascharte (1950 m).

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Der Schusterboden besteht eigentlich aus zwei Karen, die durch eine Steilstufe (samt schmalem Wasserfall) voneinander getrennt sind. Das feuchte Grün unter mir wird zur saugenden Tiefe. Von der Mößnascharte zieht es mich ins obere Kar…

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…und weiter durchwandere ich diese fantastische, feuchtstille Landschaft.

Hier werde ich zum Stillekoster.

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Herrliche, weite, fast unberührte Landschaft vor mir.

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Augensatt werde ich immer langsamer. Auch die Wegfindung braucht jetzt etwas mehr Zeit.

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An uralten Almresten vorbei, führen mich spärliche Wegindizien und gelegentliche Markierungspunkte talwärts.

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Blick zurück durch das soeben durchwanderte, unbeschreiblich schöne Kar. Gar nicht müde fühle mich nach diesem langen Tag. Ich glaube, dass sich viel Energie von dieser grünen, beseelten, lebendigen Landschaft auf mich übertragen hat.

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Manche Wegabschnitte sind mehr Bach als feucht.

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Durch hohes Gras führt ein letzter Wegabschnitt,…

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…bis ich wieder bei diesem großen Stein, bei der Mörsbachhütte ankomme. Die Abzweigung zum Schusterboden ist hier nicht wirklich gut ausgeschildert.

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Nach meinem Kurzbesuch in Kärnten vor zwei Wochen, kann ich schon sagen, dass die Berge in den Nocken und den Niederen Tauern nicht gleich sind. Sie ähneln sich nicht einmal. Aber für mich gleicht auch schon kein Berg in den Niederen Tauern dem anderen. So etwas Einzigartiges wie die Schusterböden, habe ich bis dato noch nicht gesehen.

Im Anstieg ca. 1295 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 15,5 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

 

BaerneckZugstieg

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.
Auferbauer (1987): Niedere Tauern. Verlag Stocker, Graz-Stuttgart.

Auferbauer(2014): Niedere Tauern Ost mit Murauer Bergen und Turracher Höhe. Wanderführer. Bergverlag Rother, München.

Auferbauer (2003): Bergtourenparadies Österreich. Verlag Styria, Graz.

Buchenauer (1987): Höhenwege in den Niederen Tauern. Verlag Bruckmann, München.

Frischenschlager et al. (1996): Ennstal – Vom Dachstein bis zum Gesäuse. Wanderführer, Leopold Stocker Verlag, Graz.

Hödl (2008): Bergerlebnis Wölzer, Rottenmanner, Triebener Tauern und Seckauer Alpen. Steirische Verlagsgesellschaft, Graz.

Hödl (1989): Bergerlebnis Steiermark. Verlag Styria, Graz.

Holl (2005): Niedere Tauern. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Pürcher (2000): Erlebnis Ennstal, Schladminger Tauern, die schönsten Wanderungen und Bergtouren. Verlag Styria, Graz.

 

 

 


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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.