Heimspiel Glatzberg

Ich sehe es als großes Privileg, meine heutige Schitour von meiner Haustüre aus  beginnen zu können. Meine bereits gefellten Schi geschultert, gehe ich auf der Sonnseite Waidhofens (Ortsteil Zell) an Einfamilienhäusern und Neubauten vorbei…

…über die Ybbsbrücke. Mein Blick stadteinwärts gewandt, zeigt mir meinen geliebten Buchenberg (puderzuckerweiß im Bildhintergrund).

Stadtauswärts sehe ich das Kraftwerk Schwellöd mit dem angeschlossenen Kraftwerksmuseum.

Der ruhelose Stadtgärtner Jan schießt noch ein Foto von mir und meiner Vorfreude.

Mein Aufstieg auf den Glatzberg beginnt exakt bei der Bahnhaltestelle Kreilhof.

Im Vorjahr war nur an wenigen Tagen ausreichend Schnee für diese Tour vorhanden, und dieses „Schneefenster“ habe ich leider versäumt.

Dieses Jahr lasse ich das Schneefenster nicht ungenutzt wieder zugehen und nehme mir heute sogar frei. Viele Spuren weisen auch dem Ortsunkundigen den richtigen Weg. Und diese Spuren zeigen zudem, dass es zwischen Schneeschuhfreunden und Schitourengehern sehr wohl ein Miteinander geben kann.

Nach einem kurzen steilen Aufschwung gehe ich ein kurzes Stück gebückt durchs Staudenholz, bis ich die erste große Weidefläche erreiche.

Der Buchenberg misst zwar nur 790 Meter, aber sein weißes Haupt weist schon auf einen spürbaren Temperaturunterschied zum Tal hin.

Die Stacheldrahtzäune sind vom Landwirt extra für uns Schitourengeher entfernt worden, und so fällt das lästige Übersteigen samt Abschnallen der Schi weg.

Eigentlich meint die „blaue Stunde“ die Zeit der Dämmerung bzw. die Zeitspanne kurz vor dem Sonnenaufgang. Ich gehe aber am späten Vormittag durch eine blaue Stunde im Ybbstal – blau schattiert, dunkelblau, hellblau, weißblau, blauweiß…

Mein erster Rückblick zeigt mir schon einen Höhengewinn an.

Mit gemächlichem Schritt gehe ich an schneehaubengeschmückten Zaunpfählen vorbei.

Die Aufstiegsspur zieht mitten durch bewirtschaftete Kulturlandschaften. Im unteren Teil hat diese Schitour einiges von einer Schiwanderung.

Nur einmal muss ich eine Zufahrt queren. Unter einem sehr eigenwilligen Wolkenufo ist der Prochenberg zu sehen.

Auch hier ist wieder der Zaun geöffnet. Die Spur führt an einer kleinen Wildfütterung vorbei und quert einen Bach.

Im flacheren Osten dürften sich vor dem blauen Himmel noch Restnebelfelder befinden.

Jetzt zieht die Spur in Richtung des Bauernhauses Obergrasberg und des markierten Sommerweges.

Noch bevor das Bauernhaus erreicht wird, schwenkt die Spur nach links in einen Ziehweg ein.

Seltener begangen wird der Aufstieg von der Weyrerstraße übers Untergrasberg. Dieser Aufstieg trifft ebenfalls beim Bauernhaus Obergrasberg mit meiner heutigen Route zusammen.

Jetzt wandelt sich die Landschaft, und mein Lieblingsabschnitt beginnt.

Auf einem Ziehweg geht es in leichter Steigung bergauf.

Ich erreiche die große Wiesenfläche, welche auch vom Tal eingesehen werden kann. Hier werde ich in der Abfahrt wieder auf den Aufstiegsweg treffen. Der schönere Schiaufstieg bleibt nämlich nicht am markierten Sommerweg, sondern zieht links davon in den Wald.

Die Kälte hat den Schnee an den Bäumen festgefroren.

 

Immer näher rücken die Bäume zusammen, aber für die eingefädelte Spur bleibt immer genug Platz.

GlatzbergSchi_045 (CC)Ich erreiche den letzten Anstieg schon fast direkt unter dem Gipfel im Hochwald.

Jetzt werde ich von den Baumwipfeln mit Schneepölstern beworfen. Links von mir, und immer wieder vor mir, rummst es dumpf und staubt in weißen Schneefontänen hoch.

Ich stelle meinen Kragen hoch, ziehe die Haube tiefer in mein Gesicht und schließe sämtliche Reißverschlüsse. Sollte mich so eine Ladung erwischen, würde mir der Schnee durch sämtliche Kleideröffungen an die Haut gehen.

Wind und Kälte sind die „Schnee-Galvanisierer“ dieser dekorativen Skulpturen.

GlatzbergSchi_057 (CC)Für mein heutiges Gefühl erreiche ich viel zu schnell den Gipfel. Ich wäre noch gerne ein Weilchen weitergewandert. Zu meinen Schitourenanfängen, es ist noch gar nicht so lange her, war ich bei diesem Anblick jedesmal verschwitzt und erleichtert.

Mittlerweile zum dritten Mal in diesem Blog: Gipfelkreuz Glatzberg (904 m), einmal bei meiner wunderbaren Runde über den Hütterkogel (Hütterkogel – ein Kleinod im Ybbstal) und ein anderes Mal über den Grat von Atschreith (Auf einem der schönsten Wege im Ybbstal auf den Glatzberg).

Mittlerweile hat der Sonnenschein das Maximum seiner Tageskraft erreicht, und ich genieße die Aussicht nach Süden. Der Waldrücken direkt vor mir ist der Glashüttenberg (868 m).

Haller Mauern, Gamsstein, Stumpfmauer, Buchsteine, und, und, und…

Ich erlebe noch eine besondere Begegnung am Gipfel. Seit ich die umliegenden Berge besuche, sehe ich Gipfelbucheinträge der Maria K. Liebevoll, mit goldenem Klebestern und grünem Stift verziert, fallen diese Einträge sofort ins Auge. Wie ein nicht zu fassendes Phantom erschien sie mir, diese Maria K. – bis heute. Am Gipfel des Glatzberges habe ich sie jetzt endlich kennengelernt.

Maria ist ohne Schi und sogar ohne Schneeschuhe am Gipfel. Für mich kommt jetzt der schwierigere Teil des ganzen Unternehmens. Meine Abfahrt bei nicht so idealen Schneebedingungen und nicht so idealen Fahrkünsten.

Die Spur führt mich im oberen Teil ein Stück den markierten Weg entlang, um dann aber auf der großen Wiese…

…direkt auf den Ziehweg unterhalb zuzustreben. Das alles spielt sich, von den Waidhofnern unbemerkt, über deren Köpfen ab. Selbst noch über jenen der Pilger auf dem gegenübeliegenden Sonntagberg (712 m).

Hier fällt mir wieder meine Einleitung zu diesem Bericht ein, dass ich ein Priveligierter bin, der von der eigenen Haustüre weg, zu Fuß, solche Landschaften besuchen kann.

Ich treffe wieder auf meine Aufstiegsspur. Jetzt geht es links und rechts Derselben ins Tal. Für die Oberschenkel ist der lange Ziehweg noch eine Herausforderung, aber bei guten Bedingungen, vor allem wenn es nicht eisig ist, gelingen mir sogar ein paar Schwünge am schmalen Weg.

Wer den Eibenberg (779 m) mit seinem aussichtsreichen Kamm besuchen will, sollte dies bald tun, da die aufgeforsteten Schläge schon bald bis in Augenhöhe zugewachsen sein werden und damit der eigentlich Lohn dieser Besteigung, die wunderbare Aussicht in das Ybbstal, nicht mehr möglich sein wird.

An den grauen Nebelschleiern kann ich die Nebelgrenze zwischen Waidhofen und Kematen erkennen.

Im Anstieg ca. 665 Hm und zurückgelegte Strecke ca. 7 km.

 

Quellen

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Lenzenweger (2009): Eisenwurzen, Nationalpark Kalkalpen, Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

Pöll (1979): Zwischen Sonntagberg und Ötscher, 40 Rundwanderungen, Niederösterr. Pressehaus, St. Pölten.

Steffan/Tippelt (1977) Ybbstaler Alpen, AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Tippelt (1995): Wanderführer Ybbstal & Ötscherland, Ennsthaler Verlag, Steyr.

Epilog

21. Februar 2009

Die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) auf der Hohen Warte hat ermittelt, dass in Mariazell 257 cm, oder in Lunz am See 256 cm Schnee gefallen ist. Damit verbunden ist ein dramatischer Anstieg der Lawinengefahr, der dazu führt, dass wiederum von Salzburg ostwärts bis zu den Ybbstaler Alpen in Niederösterreich teilweise die Lawinenwarnstufe 5 ausgerufen werden muss. Dies passiert nur sehr selten, und dabei handelt es sich um die höchste Warnstufe in der Skala.

Der 21. Februar 2009 ist ein solcher Tag, und darum besuchen Reinhard und ich den Glatzberg.

Ich gehe nicht zu Fuß, denn Reinhard holt mich mit seinem Wagen ab. Neben autohohen Schneewänden finden wir gerade noch ausreichend Parkfläche an der Bahnhaltestelle Kreilhof.

Bei besseren Schneebedingungen haben wir den Glatzberg noch nie besucht.

Noch niemand war unterwegs und hat gespurt. We are the first. Auch wir spuren weniger, als dass wir uns durch die Schneemassen wühlen. Reinhard geht vor und ich bin in diesem Moment sein größter Fan.

Noch gibt es diese unglaublich schneereichen Winter. Aber mindestens ebenso oft gibt es die schrecklich schneearmen Winter. Auffällig ist, dass es bis Weihnachten fast keine anhaltenden Schneefälle gibt, und die großen Niederschläge erst im Jänner und Februar fallen.

Bei so viel Schnee hat man Sorge, dass er nie wieder weggehen wird und dieser Winter für immer bleiben will. Zumindest plustert er sich in diesen Tagen ganz schön auf.

Nach seiner mühsamen Spurerei, endlich am Gipfel,  beschließt Reinhard einen steilen Schlag abzufahren und wieder aufzusteigen. Mir ist das nicht ganz geheuer, und darum  nehme ich die Normalroute.

Die echten Schwierigkeiten beginnen bei meinem Versuch, abzufahren. Für dieses gewaltige Übermaß an Schnee ist es nicht steil genug! So stapfe ich die Abfahrtsstrecke, die in diesem Moment ihren Namen nicht gerecht wird, abwärts. Es ist einfach unfassbar. Ich glaube noch, dass zumindest Reinhard Abfahrtsfreuden genießen kann. Aber wie ich danach erfahre, steckt er im selben weißen Dilemma.

Auch die steilsten Abschnitte muss ich bergab gehen!

Bei jedem Schritt sinke ich trotz meiner Schi tief ein. So stelle ich mir den Untergang im Moor vor, nur dass mich hier Schnee in seine grundlose Tiefe saugt und fast nicht mehr los lässt.

Von meinem Überlebenskampf in den weißen Massen gibt es leider keine weiteren Fotos. Man kann sich aber die fehlenden Bilder gut vorstellen: Konturlose weiße Flächen, mitunter grau schattiert. Der Schnee als Gleichmacher, keine Ecken und Kanten nur noch Rundungen. Dort und da ein feucht-schwarzer, im Schnee ertrinkender Baum, der seinen ebenfalls ertrinkenden Mitbäumen hilfesuchend seine Äste reicht. So oder so ähnlich darf man sich das vorstellen.

Die Schitour war schon eine Besonderheit und ich bin neugierig, ob sich diese Verhältnisse wieder einmal ergeben. Ich bin jederzeit bereit, mich wieder in ein solch wunderbares Kuriosum zu begeben. Hoffentlich bekomme ich noch einmal die Chance dazu.

FIN

 

 

 


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.