Hochwildstelle

Meine Vorfreude hat mich nicht gut schlafen lassen, und ich bin froh, dass es endlich los geht. Nach einem kargen Frühstück, bestehend aus Kaffee und Marmeladebrot (den Härten des Bergsteigens angepasst), erwartet uns in diesen Morgenstunden nicht Morgenkühle, sondern Morgenwärme. Haube und Handschuhe bleiben im Rucksack – ein warmer, windarmer Septembertag nimmt seinen Anfang.

Gleich hinter der Preintalerhütte führt uns der Weg an diesen beiden besonders Hübschen vorbei. Heute werden sie die Heimreise antreten. Es ist Almabtrieb, und darum sind sie so fesch aufgebrezelt. Jetzt blinzelt mir auch noch die mit dem Kranz im Gesicht verführerisch zu – so ein Luder. Für die bin ich aber nur ein Urlaubsflirt, und darum schaue ich gar nicht erst hin. Mich ruft  der Berg, der Hohe, die Wilde.

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Der Weg führt zuerst gegen den Schneider (2328 m) aufwärts. In alle Himmelsrichtungen verlassen die „Wanderameisen“ das Basislager. Gegenüber sehen wir die Lämmerkar-Wanderer hochsteigen.

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Schnell erreichen wir die Abzweigung des Höfersteiges.

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Nach ca. 250 Höhenmetern wendet sich der Weg östlich, und wir kommen in den  wunderbaren unteren Abschnitt des Trattenkares.

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Die Morgensonne lässt das ganze Trattenkar aufleuchten.

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Die Sonntagkarseen befinden sich noch im Schattenreich. Das Kieseck (2681 m) und das Waldhorn (2702 m) wärmen sich aber bereits ihre Gipfelspitzen.

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Überall ist es ein Leuchten und Glitzern, und unsere wandernden Gestalten werden zu lautlosen, wandelnden Schatten.

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Wir erreichen den Trattensee auf ca. 2280 m. Unter den unzähligen Wasseraugen im Kar ist er das größte Gewässer, und darum hat er in den Karten auch einen Namen.

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Das Kar ändert mit jedem Höhenmeter sein Gesicht. Mit jedem Schritt wird es felsiger und ernster.

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Wir steigen über riesige Felsblöcke und große feste Felsplatten.

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Wir kommen an Schneefeldern vorbei, die zusammengesunken und fest verschmolzen als Schneekonzentrat dem Sommer ein Schnippchen geschlagen haben und die wenigen Tage bis zum Winter auch noch durchhalten werden. Ewiger Schnee in den Schladminger Tauern und nicht nur am Dachstein.

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Stefan hat mit seinem Fähnlein-Fieselschweif-Talent den Gipfel längst entdeckt.

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Unsere erste und letzte Rast vorm Gipfel. Wir besprechen unsere ausgefuchste Strategie: Stefan klettert vor mir und ich hinten nach. Stefan im Vorstieg ungesichert, aber immer mit meinem positiven Zuspruch im Rücken. Mit einer permanenten mentalen Wortmassage werde ich ihm den Rücken stärken.

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Dieses kleine Wasserauge ohne Namen wird in unserem Unternehmen heute noch eine säubernde Rolle einnehmen.

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Der Weg von der Breitlahnhütte über das Lassachkar und der Steig von der Sattentalalm über die Goldlacken treffen sich schon zuvor in der Trattenscharte auf 2408 m. Hier münden sie in unseren Aufstiegsweg ein.

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Die Wildlochhöhe ragt 2554 Meter in die Höhe – keine hundert Höhenmeter über der Wildlochscharte.

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Links im Bild ist schon das Gipfelkreuz zu sehen.

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Vor mir der Grat vom Stierkarkopf (2331 m) zum Spateck (2256 m). Rechts der große Zacken im hellbraunen Kamm müsste dann der Große Knallstein (2599 m) sein.

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So lange dieser Südgrat ist, ist auch das nun folgende Zitat der Lieselotte Buchenauer zu diesem Abschnitt aus ihrem Buch „Verliebt in die Heimat“: „Ich kenne unter meinen Hunderten von Klettertouren nur ganz wenige, die mir soviel Glück geschenkt haben, wie dieser Grat. (…) Es ist, als sei dieser Grat nur zur Freude der Bergsteiger gebaut worden, als hätte man eine ausgesucht schöne Einzelheit an die andere gereiht: Da sind ganz schmale Felsmauern, auf denen man dahintänzeln muß, viel Luft zu beiden Seiten. Anderswo brechen die Felsen in natürlichen Stufen ab, die man wie auf einer Treppe besteigen kann. Dunkle Riesenplatten und Schilde aus Fels mit spärlichen, aber festen Griffen und Tritten. Schmale Leisten, Nischen, eine Platte wie ein Tisch, auf den man sich von einer Mauer herabläßt. Felsbänder, Rampen, bankartige Gebilde, Felsensimse (…) Das alles in so feinem und sauberen Stein, daß man glauben könnte, dort werde nach jeder Partie gefegt und geputzt“.

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Bevor es los geht, nochmals ein Blick zu den Sonntagkarseen…

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…und auf der anderen Seite zu Riesachsee und Wildlochsee.

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Ich zähle für Stefan den Countdown, und wir beginnen unsere lang ersehnte Kletterei am Südgrat der Hochwildstelle.

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An manchen Aufbauten führt der Weg links oder rechts auf schmalen Bändern vorbei.

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Nach solch einer Ausweichstelle geht es aber zumeist in die Vertikale. Stefan verzichtet auf die Benutzung der Eisenangeln und klettert den Grat nur mit Felsberührung.

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So weit reichen meine Kletterkünste dann doch nicht, und ich bin ganz schön froh über die zusätzlichen Griffangebote.

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Es ist einfach ein wunderbarer Fels und kein Vergleich mit den Bedingungen am Admonter Reichenstein. Durch die Sonne ist er auch schon angewärmt und somit sehr wohlig anzugreifen (Schmeichelfels).

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Mit jedem Klettermeter bekomme ich fähigere Hände.

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Die Ausgesetztheit ist ein eigenes Thema. Damit muss man einfach umgehen können.

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Dazwischen gibt es immer auch Gehgelände.

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Wir erreichen die Einmündung des NO-Grates mit dem Umlaufer (2664 m).

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Kurz vor dem Gipfel wird es nochmals heikel, aber mit Stefan vor mir kann ich auch diesen schwierigen Abschnitt klettern.

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Und dann ist „ES“ vollbracht. Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Hochwildstelle (2747 m). Die etwas steife Variante meiner Ausdrucksfreude lautet: Jeder Mutter Sohn oder Tochter kann sich über einen solchen Gipfelbesuch besonders freuen. Die weniger durchdachte Variante lautet: Yeaaahhhhh, Yippiii, scheiß doch die Wand an!

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Heute hat der Wind diesen Gipfel vergessen und wir schwelgen im sonnenwarmen Gipfelglück.

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Über dem Ennstal ragen die Kalkwände des Grimmings (2351 m), der Kammspitz (2139 m), des Stoderzinkens (2048 m)…

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…und das Massiv des Dachsteins (3004 m oder doch nur 2995 m ?) auf.

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Tiefblick zur Quelle meines Besteigungswunsches. Der Besuch der Wödlhütte und des Obersees 2008 war die Geburtsstunde dieser Idee.

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Ich bin schon berührt von dieser großen, verschwenderischen Landschaft

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Nach stundenlangem Aufenthalt am windstillen Gipfel, beschließen wir endgültig den Weg nicht über den Normalanstieg und die Kleine Wildstelle zu nehmen, sondern den Grat auch im Abstieg zu klettern. Wir wollen Stefans Knie und auch den meinen den steilen Abstieg über Geröll und Schuttbänder ersparen.

Zuvor mache ich aber noch dieses Bild von der Wildlochhöhe (2534 m), Himmelreich (2500 m) und dem Schneider (2328 m). Man könnte von der Preintalerhütte auch über diesen Grat ansteigen – wenn man es kann.

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Es ist eine so großartige Sache, Zeit zu haben und nicht hetzen zu müssen. Unser heutiger Tourentag zeigt, wie entspannt Bergwandern auch sein kann.

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Ich kann nicht sagen, dass wir gerne aufbrechen, aber irgendwann muss es sein.

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Über so manche schmale Stelle gehen wir exakt den Aufstiegsweg zurück.

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Wichtig ist, nicht in überstürzter Überstürzung zu handeln.

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Der Blick in das Trattenkar zeigt unzählige, unbenannte Seen und auch ewigen Schnee.

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Schon fast wieder in der Wildlochscharte, ein letzter Blick zum Gipfel.

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Schon am Grat war permanentes Schafgezetere zu hören. Mähh, Bähh usw. Ich konnte aber keinen von diesen weißen Söckelbären ausmachen. Aber dann finde ich sie. Schmutzigweiß auf Schneeweiß hebt sich doch ab.

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Apropos schmutzigweiß. Wir sind mittlerweile zwei Tage unterwegs und somit reichlich verschwitzt, aber ungebadet. Darum sieht Stefan in diesem Seeauge samt darin befindlicher Wolke eine Einladung zur Säuberung. Kein Wind kräuselt die Oberfläche, und das am 5. September in ca. 2500 Meter Seehöhe, nicht schlecht Herr Specht.

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Nein, er hält nicht nur den Kopf ins Wasser oder abwechselnd einen Haxen, sondern wie Gott ihn geschaffen hat, taucht er in das Wasser, welches vor kurzer Zeit vermutlich noch ein Schneefeld war.

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Er teilt es sich mit der Wolke, und für mich ist einfach kein Platz mehr. Darum bleibe ich an Land und nehme mein Gerücherl mit zur Preintalerhütte. (Die freuen sich sicher darüber).

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In vielen Berichten wird das Durchwandern, das Hochwandern des Trattenkars als lästige Notwendigkeit betrachtet. Welch ein Frevel an dieser unglaublich schönen Landschaft. Steigt man vom Untertal an einem Tag zur Hochwildstelle hoch, so mag man gute Kondition beweisen, ohne Frage, aber man bringt sich selber um die wertvollsten Augenblicke des Auf- und Abstieges. Die Perlen gelten dann nichts mehr, nur noch das Erreichen des Gipfels zählt.

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Warum wird in keinem der vielen Berichte zur Hochwildstelle von diesem märchenhaften, wunderbaren Kar ausführlich berichtet? Alle berichtende Aufmerksamkeit gilt dem Südgrat, dabei verdient es diese Landschaft mindestens ebenso, dass darüber erzählt wird. Sind es doch immerhin achthundert Höhenmeter, die einem in diesem Kar geschenkt werden. Viel mehr als am Grat.

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Bei diesem Anblick kann kein Bergsteiger an eine gleichgültige, unbelebte Natur glauben.

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Auf weichen Moospölstern wandern wir durch vielfachfarbene Naturwunder.

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Zum allerletzen Mal der Blick zum Nordgrat des Waldhorns, und natürlich wieder Kieseck und Sonntagskarseen.

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Wieder zurück bei der Preintalerhütte. Ich bin erleichtert, die Flirtkühe sind planmäßig und vermutlich mit großem Tamtam abgereist.

Sorgen mache ich mir um die Qualität der Bilder, da offensichlich der Bildsensor beschädigt bzw. stark verschmutzt sein muss. (Auf manchen Bildern ist ein Punkt in der Bildmitte zu erkennen). Die Bilder in meiner Seele sind ganz ohne Fehl und Tadel und benötigen sicher keine Nachbearbeitung.

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Mein Geruch ist doch einigermaßen überzeugend, und ich kann eine der begrenzt möglichen Duschen mit Warmwasser auf der Hütte genießen. (Es gibt eine einzige Dusche für das Hüttenteam und alle Wanderer). Auch Stefan freut sich darüber. Was wir den morgigen Tag unternehmen, wissen wir noch nicht. Nach dem Abendessen werden wir Stefans Knie befragen, oder einfach eine Nacht darüber schlafen. Zuvor freuen wir uns auf das Gute-Nacht-Ritual des Wirten (Siehe Vortag).

Im Anstieg ca. 1105 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 8,6 km.

 

Senf dazu? Sehr gerne:

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

 

Auferbauer (2003): Bergtourenparadies Österreich, Verlag Styria, Graz.

Auferbauer (1985): Erlebnis Steiermark: Wandern, Bergsteigen, Schifahren, Verlag Stocker, Graz-Stuttgart.

Buchenauer (1987): Höhenwege in den Niederen Tauern, Verlag Bruckmann, München.

Buchenauer(1975): Verliebt in die Heimat, Leykam Verlag, Graz.

Brandl (2003): Dachstein-Tauern, Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

Frischenschlager et al. (1996): Ennstal – Vom Dachstein bis zum Gesäuse, Wanderführer, Leopold Stocker Verlag, Graz.

Hödl (2006): Bergerlebnis Schladminger Tauern, Steirische Verlagsgesellschaft, Graz.

Holl (2005): Niedere Tauern, AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Mokrejs/Ostermayer (2009): Bergwander-Atlas Steiermark, Schall Verlag, Alland.

Pürcher (2000): Erlebnis Ennstal, Schladminger Tauern, die schönsten Wanderungen und Bergtouren, Verlag Styria, Graz.

Raffalt (2008): Steirische Almen 88 genussvolle Alm- u. Hüttenwanderungen, Verlag Styria, Graz.

Senft/Katschner (1981): Erlebnis Dachstein Tauern, Verlag Leopold Stocker, Graz.

Wödl (1924): Schladminger Tauern, Verlag Artaria, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Epilog

Weil ich S/W Bilder so schön finde gibt es noch eine ganz und gar nicht farblose Zugabe:

 

Blick in den Süden. Hochgolling und Kasereck bestimmen das Bild.

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Kamm mit dem Hohen und Kleinem Schareck, dem Zwilling und dem Gnasen. Von der Rettingscharte zieht führt der Grat zum Kieseck und Waldhorn. Im Hintergrund ist der Preber und das Roteck gut zu sehen.

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Hochgolling im Zoom.

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Rechts vom Hochgolling, sind ganz in weiß zu sehen: Hochalmspitze, Ankogel, und Glockner.

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FIN

 

 


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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.