HWST – Abstieg über die Neualm

Mein Weihnachten in diesem Jahr war die gestrige Besteigung der Hochwildstelle. Und da ja nicht jeden Tag Weihnachten sein kann, haben wir drei, Stefan, sein Knie und ich beschlossen, keinen Gipfel mehr anzugehen. Das nachfolgende Interview mit Stefans Knie zeigt die Gründe dafür auf:

Monsieur Peter: Herzliche Gratulation zum gestrigen Gipfelerfolg. Wie fühlt man sich mit einem solchen Gipfelsieg im Schleimbeutel?

Stefans Knie: Danke, Danke. Aber Gipfelsieg würde ich nicht sagen – das hat soviel von Wettkampf, von Gewinnen und Verlieren, und das gehört in die Sportstadien und nicht auf den Berg. Leider bin ich noch immer nicht so stabil, jede Drehbewegung mitmachen zu können. Somit war jederzeit große Aufmerksamkeit und Konzentration zum Gelingen erforderlich. Alles hing am seidenen Kreuzband sozusagen.

Monsieur Peter: Das erklärt vielleicht den langsamen Abstieg. Bei der fortdauernden Abgabe der Höhenmeter wurden auch die Stockeinsätze intensiver. Gab es Schwächen in der Taktik?

Stefans Knie: Nein keineswegs. Was rauf ist, muss auch wieder runter. In der Abstiegsbewegung muss ich doch einiges an unnötigen Körpergewicht abfangen, und das ist in Bestzustand schon schwierig.

Monsieur Peter: Also verzichten sie heute auf einen Start zum Waldhorn oder Kieseck und legen eine Ruhepause ein?

Stefans Knie: Also Waldhorn oder anderer Gipfel in Hüttennähe kommen nicht in Frage. Mit einer Besteigung würden sich die Höhenmeter im Abstieg ins Untertal auf mindestens 1700 summieren, und das kann ich ohne Verletzungsgefahr nicht leisten. Darum planen wir einen Teil des Höfersteiges bis zur Neualm zu wandern und von dort zur Kerschbaumeralm abzusteigen. Somit kommen doch 330 Höhenmeter im Aufstieg und ca. 900 Höhenmeter im Abstieg zusammen. Das ist ausreichend.

Monsieur Peter: Bestimmt wird das bei diesem herrlichen Wetter auch ohne Gipfel ein merkenswerter Tag. Jetzt wird es aber Zeit loszugehen. Beenden möchte ich dieses Gespräch allerdings mit einem alten japanischen Sprichwort: „Berate dich, wenn du sonst niemanden hast, mit deinem Knie!“

Wir beginnen den Tag trödelnd. Wir trödeln beim Aufstehen, wir trödeln bei der Katzenwäsche, und wir trödeln beim Frühstücken. Damit handeln wir uns einen rügenden Blick des gestrengen Hüttenwartes ein (nicht den ersten trotz unseres nur kurzen Aufenthalts). Erst als der Tag voll angekommen ist, brechen wir auf.

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Ich schaue zu unserem gastfreundlichen Basislager zurück und denke mir frei nach Paulchen Panther: „Heute ist nicht alle Tage – ich komme wieder, keine Frage!“

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Wieder geht es über den Bach den Schneider ein Stück weit hoch. Diesmal aber zweigen wir in den Robert-Höfer-Steig ein.

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Die Jahreszeiten eilen in diesen Höhen jenen in Tallagen voraus. Der Herbst ist längst angekommen. Nur das Frühjahr wird in diesem Staffellauf wieder hinterherhinken.

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Bereits tief unter uns und trotzdem wie ein Adlerhorst, sitzt die Preintalerhütte im Sonnenschein. Umgeben von steilen Hängen und hohen Bergen. Selbst das GPS-Signal hat Mühe, in diesem Einschnitt zu unseren Geräten zu finden. Immer wieder verlieren wir es. Ich glaube, die Schladminger Tauern brauchen einen eigenen Satelliten.

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Ein schmaler, oft erdverschmierter Steig führt durch abschüssiges Gelände. Bei Schneelage ist seine Begehung sicher nicht ungefährlich. Sogar Sicherungsseile finden sich an manchen Stellen.

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Endlich werden wir vom Schneider nicht mehr so bedrängt, und das Gelände macht zusehends weiter auf. Pulverturm, Torwart und Höchststein stehen schon lange in der Sonne, und auch uns wird es immer wärmer.

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Nur noch wenige Meter trennen uns von Sonnenschein und GPS-Signal.

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Diese Nur-Abstiegsvariante entpuppt sich als traumhaft schöner, bildbunter Aussichtsschmetterling.

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Ein silbriges Glänzen und Blinken lässt uns hochschauen. Wir können das Gipfelkreuz der Hochwildstelle an den hellblauen Himmel geheftet erkennen. Von dieser Stelle betrachtet sieht die HWST wie ein riesiger Geröllhaufen aus.

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Wir kühlen uns im wunderbaren Tauernwasser die Köpfe, und mit einem mal kommt mir eine Melodie in den Sinn – nur der Text wackelt ein wenig:

Das machen nur die Beine von Stefanolores,
daß die Senoritas nicht schlafen geh’n…

So ein Blödsinn. Mir tut die Sonne nicht gut.

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Stefans Knie zeigt sich beglückt über unser gemächliches Schlendertempo und hält darum ganz still.

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Mir fällt auch ein Afrikanisches Sprichwort ein: „Ihr habt die Uhren, und wir haben die Zeit“. Heute sind wir Afrikaner!

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Weltflüchtigen und Idyllensuchern sei dieser Weg ans Herz gelegt.

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Reinblauer Himmel über reinblauem See.

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Wir erreichen den höchsten Punkt für den heutigen Tag. Hier zweigt der steile Aufstieg zur Neualmscharte ab. Das kümmert uns aber nicht, wir wollen in der Sonne herumlungern, chillen, abhängen (mein neuer Sprachschatz).

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Herumgammeln (mein alter Sprachschatz) wollen wir aber erst auf der Neualm, und dorthin ist es ja nicht mehr weit. Herumgegammelt habe ich seit meinen Jugendtagen nicht mehr – ich hoffe, ich kann es noch.

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Es ist so schön hier – sozusagen auf dem Zwischendeck der Hochwildstelle. Zur Neualmscharte auf 2347 m sind eben so viele Höhenmeter im Aufstieg zu bewältigen, wie zum Riesachsee im Abstieg.

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Die Neualm hat schon länger geschlossen und existiert nur noch als Ruine.

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Groß und mächtig schaut der gegenüberliegende Placken (2434 m) selbst von diesem hohen Standpunkt aus

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Jetzt wissen wir es, herumgammeln ist wie Radfahren, man verlernt es nie.

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Spielt dieser Spätsommer heute seine ganze noch vorhandene Kraft aus? Bleibt noch etwas über für den langen Rest des Septembers – und was ist dann im Oktober?

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Mich, der ich meiner Frau für einige Zeit entlaufen bin, zieht es jetzt gewaltig heim. Zum Glück gestaltet sich der Abstieg auf diesem steilen aber feinen Waldsteig, an der Brandlalm vorbei, ganz unkompliziert.

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Mitten am Weg findet sich kein Stolperstein, sondern ein Stolperpilz – in seiner Tarnung absolut mangelhaft. Ebenso bunt wie giftig ähnelt er den Feuerfischen im Roten Meer.

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An der Westseite des Untertals ragen der Sonntagkarzinken (2243 m) und der Steinkarzinken (2281 m) auf.

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Bald erreichen wir die Kerschbaumeralm.

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Beim Anblick dieses Kaninchens fällt mir eine erst kürzlich gelesene Anekdote ein: In den kargen und nur an Hunger reichen Nachkriegstagen wurden Katzen gerne als Dachhasen…

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Blick zurück zum soeben überschrittenen Zwischendeck.

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Nochmals gezoomt.

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Stefans Knie geht es so weit gut. Jetzt will er es wissen, und wir steigen über den Alpinsteig durch die Höll ab.

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Über den eisenreichen Aufwand habe ich mich ja bereits in meinem ersten Bericht über diesen Weg ausgelassen. Auch heute finde ich dieses Zuschlossern gruselig.

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Ich treffen auch einen alten Freund wieder. Der Regenbogen befindet sich an der selben Stelle wie vor zwei Jahren. Er sitzt in der Nachmittagssonne auf seiner Hausbank.

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Der Schifahrer Reinhard deutet jeden Waldschlag hinauf und meint, da könnte man im Winter abfahren. Stefan der Kletterer deutet jede Wand hoch und meint, da sähe er schon eine Kletterroute.

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Ungewohnt sind wieder die vielen Touristen am Steig. In der Enge der Eisenleitern kann ich auch nicht weiter ausweichen. Ganz leicht beginnen meine Nerven zu zittern.

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Stefan sieht das entspannter.

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Dieser heute begangene Wegabschnitt wird normalerweise in Tourenberichten kaum erwähnt. Er ist nur ein Zwischenstück bei der Begehung der Hochwildstelle oder dem Übergang von der Wödlhütte zur Preintalerhütte. Er bildet auch nur einen Abschnitt des Tauern Höhenweges. Auf diesem Weg gibt es bestimmt viele Teilstücke, die diesem in Schönheit in nichts nachstehen. Am langen Weg von der Planai zur Preintalhütte bildet er das letzte Fünftel. Da sind die Beine sicher schon schwer, und es zählt die Hütte mehr als die Aussicht. Aber ohne dieses Zwischenstück wären viele Wege nicht möglich, und somit soll diese umfangreiche Schilderung eine kleine Würdigung darstellen.

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Drei Tage waren wir Geiseln dieser vieltausendfältigen Landschaft. Obwohl wir die Hochwildstelle bestiegen haben, haben wir nichts erobert und uns ohne Gegenwehr  gefangennehmen lassen.

Im Anstieg ca. 330 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 7,6 km. Mein GPS Track ist völlig unbrauchbar und Stefans Aufzeichnung (siehe unten) hat auch eine Schramme wie man ungeglättet erkennen kann.

Senf dazu? Sehr gerne

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Auferbauer (2000): Bergtourenparadies Steiermark: Alle 2000er vom Dachstein bis zur Koralpe. Verlag Styria, Graz.

Herrmann (1975) : Tauernhöhenweg. Verlag Gerlach & Wiedling, Wien.

Hödl (1998): Vom Dachstein ins Weinland: Neue prachtvolle Touren am Dachstein, in den Tauern und zu den hohen Almen. Verlag Styria, Graz.

Holl (2005): Niedere Tauern, AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Raffalt (2008): Steirische Almen: 88 genussvolle Alm- u. Hüttenwanderungen. Verlag Styria, Graz.

Wödl (1924): Schladminger Tauern. Verlag Artaria, Wien.


Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region Schladminger Tauern (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.