Winterstein und Kammspitz (2139 m)

2014 fällt der Sommer auf den 6. Juli. Dieser bittere Umstand bleibt mir bei der heutigen Bergtour aber noch verborgen. Dass es eine leichte Kletterei geben wird und einige Höhenmeter zusammenkommen, weiß ich aber sehr wohl. Schon lange steht diese formschöne Spitze, die auch ein Kamm sein kann, auf meiner Wunschliste. Und heute ist es so weit – ich nehme den Kammspitz aus meiner Gipfelvorratsdose (er ist etwas angestaubt, weil er sich schon sehr lange darin befindet) und besuche ihn.

Fälschlich wird in manchen Tourenbeschreibungen von der Kammspitze berichtet (Femininum). Es mag schon eine Kammspitze in den Alpen geben, aber nicht in Österreich. Sehr wohl gibt es einen zweiten Kammspitz (Maskulinum) und zwar westlich von Mallnitz .

Die letzten Kilometer im Auto kann ich mich nur schwer auf die Straße konzentrieren. Zu anziehend ist der Anblick dieses Himmelsspitzes.

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Ich parke in einer Straßenkehre oberhalb des Sonnhofs. Es ist schon zu dieser frühen Stunde heiß.

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Die ersten Höhenmeter bin ich im dichten Chlorophylgewölbe vor der Sonne geschützt.

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Weiter geht es an vermoosten Steinen vorbei durch feuchten, nassen Wald.

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Östlich dieser Felswand quere ich die Forststraße.

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Rammt man den Stecken in den Boden, so stößt man sofort auf Stein. Nur eine dünne Humusschicht deckt den Dachsteinkalk. Immer dichteres Grün umschließt mich. Das Foto zeigt den Wegverlauf, das ist kein Gelände für kurze Hosen oder gar Nacktwanderer.

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Im Gehen findet sich der Pfad schon, aber suchen möchte ich ihn nicht müssen.

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Etwas in die Höhe gekommen wird es forstlicher.

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Ich erreiche die Abzweigung zum Säbelboden. So oder so bleibt dieses Stück des Weges (bis zum Säbelboden) heute von mir unbegangen. Ich habe mich für die direkte Variante entschieden.

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Hier bekommt die Landschaft ein ganz anderes Gesicht. Durch Latschen und Schottergerinsel geht es steil hinauf. Im Rücken spüre ich die Niederen Tauern und im Talgrund ist Gröbming immer zu sehen.

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Das für meinen Aufstieg zuständige Schottergerinsel dürfte das rechte im Bild sein. Irgendwie schwindelt sich der Weg an den Abbrüchen vorbei in die Höhe. Jetzt mache ich sogar eine Gams auf diesem Schotterfeld aus.

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Ich habe den ganzen Tag noch niemanden angetroffen, diese Gams ist meine erste Begegnung. Dabei habe ich angenommen, dass am Gröbminger Hausberg viel los sein wird.

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Ziemlich unvermittelt bietet sich dieser Blick auf den gezacken Gipfelkamm samt Gipfelkreuz.

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Meine Augen suchen östlich davon den Winterstein – ich kann ihn noch nicht ausmachen.

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Ich erreiche den Absatz zwischen Winterstein und Kamm. Schon fast bin ich auf Augenhöhe mit dem westlich aufragenden Stoderzinken (2048 m).

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Jetzt ist der Winterstein auch nicht mehr zu verkennen. Meine Zuwendung gilt vorerst ganz ihm.

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Bei meiner letzten Tour habe ich mein darniederliegendes Kletterselbstvertrauen wieder auf Zwergengröße aufgerichtet. Darum gelingen die wenigen Meter (maximal I-er Stellen) hinauf auf den Winterstein ganz sorgenfrei.

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Obligatorisch und unverzichtet: Gipfelliegen am Winterstein (1915 m). Im Hintergrund sind die Kehren hinauf zum felsigen Haupt des Kampls gut zu erkennen.

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Dass Gröbming eine Trabrennbahn besitzt (Oval rechts im Bild), habe ich bis zu diesem Tiefblick auch nicht gewusst.

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Blick hinab zum Aufstiegsweg. Er zieht immer oberhalb einer tiefen Rinne hoch.

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Grimming (2351 m)

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Ich steige vom Winterstein wieder ab und beginne die steilen Serpentinen zum Kampl hochzuwandern. Schon nach kurzer Zeit erreiche ich die ersten Seilsicherungen. Meine Stecken habe ich zuvor schon verstaut, ein letzter Rückblick zeigt mir den soeben erkletterten Winterstein, und jetzt freue ich mich auf das Folgende.

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Die erste Steilstufe geht es unschwierig hoch. Hier bräuchte es die Seilsicherungen noch nicht, denn es finden sich ausreichend gute natürliche Tritte.

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Jetzt stehe ich vor dem letzten Anstieg zum Gipfel. Das Kreuz kann ich schon sehen. Aber der Wegverlauf erschließt sich mir noch nicht.

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Ich komme zu dieser Senkrechten. Sie wurde mit vielen Eisenangeln gezähmt und gut begehbar gemacht. Man h“angelt“ sich quasi hoch. Technisch sehr einfach. Mit durchschnittlichem Geschick und ohne Höhenangst auch für Wanderer kletterbar.

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Porträt „in der Wand“ – weil es wirklich nicht schwierig ist.

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Obligarorisch und unverzichtbar Gipfelfoto über dem Ennstal: Kammspitz bzw. Kamm bzw. Kampl (2139 m).

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Am Gipfel flüchtet ein eigenwillig unfreundliches Pärchen vor mir. Sie trägt unleserlich irgendetwas mit 2013 ins Gipfelbuch ein – eigenartig. Egal, somit habe ich den Gipfel für mich allein, und ich freue mich über die staunenswerte Aussicht und den abwechslungsreichen Anstieg.

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In heldischer Askese verzichte ich auf meine Jause und das Gipfelbier. Denn der Abstieg in die Nordseite wird noch meine ganze Aufmerksamkeit benötigen. Für Gipfelsammler gibt es im Gipfelbuch eine Menükarte. Der Kamm ist bereits serviert. Das erinnert mich an die Sammellisten für die Panini Fußballbilder.

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Es ist kaum zu glauben, aber der so schwer erreichbare Grimming ist mit seinen 2351 Meter nur um deren 212 höher als der Kamm.

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Von vielen meiner zuletzt besuchten Gipfel war der Dachstein gut zu sehen. Dabei  war ich ihm mehrmals schon so nahe wie heute. Zum Beispiel am Rippetegg vor wenigen Wochen oder am Gosausee.

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Der Blick in die Tiefe: Links im Bild ist der Aufstiegsweg zu sehen. Den Winterstein und Gröbming habe ich dabei einfach abgeschnitten.

Und weil ich mich auf Klaus Maria Brandauer als King Lear demnächst im Burgtheater schon so freue, sei mir dieses Zitat daraus verziehen: „Wie grau’nvoll und schwindelnd ist’s, so tief hinab zu schaun!- Die Kräh’n und Dohlen, die die Mitt‘ umflattern sehn kaum wie Käfer aus (…) Ich will nicht mehr hinabsehn, daß nicht mein Hirn sich dreht, mein wirrer Blick mich taumelnd stürzt hinab“.

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Tiefblick zu Kammboden mit dem Miesbodensee, und gleich dahinter das waldige Kemetgebirge.

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Vom Nebengipfel gelingt mir noch dieses Foto vom Gipfelkreuz, dem Grimming und dem Ennstal. Es ist an der Zeit, abzusteigen.

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Nordseitig geht es ebenso die ersten Meter sehr steil hinab. Auch diese Seite ist mit Eisenangeln gespickt und somit gut machbar.

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Noch im Abstieg mache ich dieses Foto von meinem Weiterweg. Der herrliche Kamm zum Zirmel.

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Wie eine schwere Flüssigkeit bahnt sich der Weg in den Felsfluchten sein Bett (Bildmitte).

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Auf der ersten grünen Insel im felsigen Aufbau mache ich jetzt eine ausgiebige Pause. Auf weichen Gräsern ruht es sich einfach besser.

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Der Ausblick leidet an der geringeren Höhe gar nicht.

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Unter mir kann ich den Miesbodensee erkennen. Die Rundwanderung über die Viehbergalm und den Miesbodensee zum Kammspitz werde ich vielleicht auch einmal unternehmen. Irgendwo dort unten muss auch das Mausbendlloch sein. In dieser Höhle fand man Felszeichnungen, die 4000 Jahre alt sind.

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Es ist heiß, sogar die Fliegen schlafen mir auf dem Jausenbrot ein. Nach einem Sommergewitter schaut es immer noch nicht aus, und trotzdem mache ich mich auf den Weg. Ein letzter Blick zurück auf das Abstiegsgelände.

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Der Weg führt zuerst unterhalb des Kamms…

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…und später am Kamm entlang. Gegenüber ragt der Winterstein über dem Karl felsig auf.

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Diese Gratwanderung ist das reinste Vergnügen, die unschuldigste Freude, die man sich vorstellen kann.

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Zerbröselnde Kalkwände machen auf mich oft einen kränklichen, unzufriedenen Eindruck. Das ist hier aber gar nicht der Fall. Vom Wiesen- und Latschengrün zusammengehalten, ruht dieser Spitz in einer große Gelassenheit ausstrahlenden Zufriedenheit.

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Bis auf das Pärchen am Gipfel bin ich keinem Menschen begegnet. Ich mag das. Solche Solotouren stärken mich in meinem Autonomiebedürfnis.

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An der Abzweigung zur Kammalm gehe ich vorbei, um…

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…zum Zirmel zu gelangen. Oder meint Zirmel den ganzen, soeben überschrittenen Rücken? Ich weiß es nicht und finde auch in der Literatur keine befriedigende Antwort.

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Gleich nach der Bank zweigt der Weg südlich ab. Am Kranzbachkögel vorbei, leitet er über den Säbelboden hinab.

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Ich muss noch einen kleinen Gegenanstieg überwinden und kann mich auf die Unterstützung bzw. das entgegenkommende Ausweichen der Bäume immer verlassen.

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Fast wieder zurück in der Zivilisation erfahre ich auf Ö1, dass Tex Rubinowitz den Ingeborg-Bachmann-Preis 2014 gewonnen hat. Das freut und amüsiert mich. Sofort fällt mir aus seinem mit Metes verfassten Buch „Die sexuellen Phantasien der Kohlmeisen – Listen, die die Welt nicht braucht“ die Titel gebende Liste ein:

  1. mit einer Blaumeise (88 %)
  2. mit einem Zugvogel (82 %)
  3. im Winter (81 %)
  4. mit einer Blaumeise, und ein Zugvogel schaut zu (80 %)
  5. in einem Nest auf dem Rand eines Vulkankraters, und die Erde bebt (68 %)
  6. im Adlerhorst (67 %)
  7. im Aufzug (63 %)
  8. am offenen Kamin, mit Bolero (62 %)

© 1996 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln.

Mit meinem Besuch dieses anziehenden Gipfels und diesem Gewinner des Ingeborg-Bachmann-Preises ist die Welt für mich ein kleinwenig besser geworden, denke ich mir noch und fahre beglückt nach Hause.

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Im Anstieg ca. 1295 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 10,5 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Frischenschlager et al. (1996): Ennstal – Vom Dachstein bis zum Gesäuse. Wanderführer, Leopold Stocker Verlag, Graz.

Mokrejs/Ostermayer (2009): Bergwander-Atlas Steiermark. Schall Verlag, Alland.

Pürcher (2000): Erlebnis Ennstal, Schladminger Tauern, die schönsten Wanderungen und Bergtouren. Verlag Styria, Graz.

Pürcher (2004): Dachsteingebirge, Grimming, Gosaukamm: Hochalpine Touren und Wanderungen für die ganze Familie. Steirische Verlagsgesellschaft, Graz.

 

 

 

 

 

S/W Epilog

 

Blick von der Straße hoch zum Kammspitz.

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Wolkenspiele im Sattel zwischen Winterstein und Kammspitz.

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Kammspitz

 

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Kammspitz vom Winterstein

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Stoderzinken und dahinter der Dachstein.

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Winterstein.

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Dachstein vom Kammspitz.

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Grimming und Gipfelkreuz Kammspitz.

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Blick vom Zirmel zurück auf Winterstein und Kammspitz.

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F I N


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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.