Mein Jahresgipfel Mörsbachspitz (2020 m) mit vergiftetem Bonus

Mit Jahresgipfel meine ich einen Berggipfel in der Höhe der Jahreszahl. Mein 2020er befindet sich in den Donnersbacher Tauern. Weg führt keiner hinauf, aber ganz in seiner Nähe, an seinem Fuße, bin ich schon einmal bei einer Tour (Grüne Weltabsage im Mörsbachtal oder wie ich zu einem Stillekoster wurde) durch den unglaublich schönen Schusterboden abgestiegen.

Über diesen Schusterboden will ich heute aufsteigen und mir dabei eine Route zum Gipfel überlegen. Von Donnersbachwald fahre ich bis zum Parkplatz unterhalb der Mörsbachhütte.

Es ist noch Frühmorgens, weil ich wie die Adler den Aufwind nützen will, und wenn ich dafür zu schwer bin, zumindest der Hitze ein wenig ausweichen kann.

Dieser Bach hat seinen Ursprung im Steinkar, das ich heute noch auf sehr unliebsame Weise kennenlernen werde.

Über eine breite Straße gelange ich in ca. 20 Minuten zum Mörsbachwirten auf 1300 Meter Seehöhe.

Wie auch schon beim letzten Mal, ruhen beim Mörsbachwirten noch die Lebensgeister. Meine Vorstellungskraft ist dafür um so aufgeweckter. Immer, ausnahmslos immer, wenn ich solch eine Rutsche erblicke, sehe ich auch diesen fast vierzig Jahre alten…

…Gary Larson Cartoon vor mir. Er ist mir einer der allerliebsten.

Gleich nach der Mörsbachhütte…

…und den Hütten dahinter…

…zweigt mein Weg ab. Gerade aus geht’s zum Großen Bärneck (2071 m) oder zur Gstemmerscharte.

Bis zum Gumpeneck (2226 m) könnte ich wandern – aber nicht heute. Das wäre eine weite Wanderung mit anspruchsvollen Abschnitten.

Den ersten (unteren) Abschnitt dominiert wildes, lautes Wasser…

…und ein duftender, undurchdringlich scheinender grüner Sturzbach. Das nach den Regenfällen der vergangenen Tage frisch hochwuchernde Grün schenkt der Landschaft Jungfräulichkeit. Also stimmt es nicht, dass man Jungfrau nicht werden kann.

Schmetterlinge faltern um die Blumen und um sich selbst.

Mein Rohplan sieht den Abstieg vom Vorgipfel des Mörsbachspitzes vor, da müsste ich dann hier durch dieses Gelände herunterkommen. Komme ich nicht – wie ich jetzt beim Berichtverfassen schon weiß.

Überall ist im Mörsbachdschungel ein stetes Gluckern und Glucksen zu vernehmen und nirgends stockt das Wasser.

Zumeist verborgen vom überreichlichen Grün, ist hier viel Wasser in der Landschaft. Und dann tut mein Pfad, was ein Pfad eigentlich gar nicht tun darf, was ihm nicht erlaubt ist: auch er gluckert und gluckst und abschnittsweise plätschert er sogar.

Natürlich koste ich vom klaren Nass, auch wenn meine Flasche noch voll ist. Ich denke mir, das gehört sich so, wenn ich hier schon Gast bin – in solch einer Landschaft. Danach verlangt die Gasthöflichkeit sogar.

Etwas weiter oben strahlt mich eine grüne Freundlichkeit an,…

…die mir auf den ersten Blick schon ins Gemüt übergeht. Immer wieder schweift mein Blick über die gleichförmigen grünen Dächer der Berge südlich von mir.

Grüne Impressionen, die wie frische Töne…

…bei wechselndem Licht eine ganz eigene Farbmelodie spielen.

Der Weg führt in kaum vorhersehbaren…

…Krümmungen und geschlängelten Windungen querhindurch.

Was für ein lohnender Blick zurück auf die soeben durchwanderte Landschaft, auf das Grün, das der Regen der vergangenen Tage gehörig aufgefrischt hat. Die „schmalen dick vergrasten Pfade“ (L. Buchenauer) sind fast nicht zu erahnen.

Und eine Blickvorschau auf das noch Kommende.

Rechts von diesem Einschnitt führt der Weg steil ansteigend in Richtung Lämmertörl (1920 m) weiter. Nur noch kurze vierhundert Meter und keine hundert Höhenmeter trennen mich vom Törl.

Weil ich mir den völlig verlatschten Kamm vom Lämmertörl bis zum Stadelfirst ersparen will, beginne ich hier mit meinem Suchschauen. Das ist jetzt mehr so ein Eintauchen in die Landschaft über mir, um nach Wegmöglichkeiten und Wegunmöglichkeiten Ausschau zu halten.

Mehr oder weniger bewusst vorgearbeitet habe ich bereits bei meiner wunderschönen Tour 2014 (Grüne Weltabsage im Mörsbachtal oder wie ich zu einem Stillekoster wurde). Hier habe ich im Abstieg auf die Mößnascharte dieses Foto vom Kamm gemacht und mir bereits damals überlegt, wie ich eine Irgendwann-Überschreitung am besten angehen könnte:

Foto von 2014

Und hier beschließe ich mein Abbiegen ins Weglose. Ich quere, ohne große Schwierigkeiten…

…bis zum Steilhang unterhalb des Stadelfirstes.

Mitten im Stadelfirsthang finden sich drei Begleiter ein, die mich den Rest der Tour stets im Auge behalten werden. Zwar kommt es vor, dass die Gemsen eine Zeitlang verschwinden zwischen den Latschen und Bergvorsprüngen – nicht mehr gesehen und nicht mehr gehört. Und dann stehen sie wieder vor mir und starren mich unverwandt an. Vielleicht mögen sie mich für einen Bären halten, mit meinem Bäuchlein, das ganz und gar nicht zum Wandern gemacht ist.

Sie bewohnen für den Sommer ein grünes Tablett, auf dem die Bewirtungen ganz von selbst nachwachsen.

So steil ist es hier, dass ich im Stehen Grasbüschel ausreißen kann. Die Steilheit lässt sich nur schwer fotografieren, vor allem, wenn es überall grünt. Am besten noch ist die Abschüssigkeit des Geländes auf diesem Foto zu erahnen.

Selbst die Felsen sind aus versteinertem Gras.

Hier blicke ich bereits auf den verfelsten und verlatschten Kamm, den ich hätte überschreiten müssen, wäre ich vom Lämmertörl aufgestiegen.

Meinen Blick muss ich regelrecht versenken, um das Aufstiegsgelände betrachten zu können. Nach einem weiteren kurzen Anstieg ist der schwerste Teil der Wanderung geschafft.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Stadelfirst (1940 m).

Noch einmal der Blick auf den Kamm bis zum Lämmertörl und der Blick…

…hinab ins Ramertal…

…und hinüber zum Gumpeneck. Den ganzen Kamm vom Hangofen (2056 m) übern Plöschmitzzinken (2095 m) bis zum Kühofenspitz (2145 m) stopfe ich in meine Gipfelvorratsdose.

Mein Weiterweg präsentiert sich äußerst lieblich. Das gefällt mir, so mag ich das.

Hier sieht es so aus, als wäre der Aufstieg vom Ramertal wesentlich einfacher.

Mörsbachspitz heißt dieser Gipfel mit gutem Grund. Wobei der Gipfel noch nicht sichtbar ist, er liegt etwas hinter dieser Erhöhung. Eine der wenigen Erwähnungen dieses Gipfels finde ich natürlich bei Liselotte Buchenauer in ihrem Buch „Verliebt in die Heimat“:

„Auf markiertem Pfad stiegen wir am nächsten Morgen gegen das Lämmertörl 1920 m, auf, wichen dann aber etwas ab zum Sattel zwischen Mörsbachspitze, 2020, Stadelfirst, 1940 m, um dieses kecke steile Köpfl von Nordosten her zu ersteigen, wo eine Schneide wirklich wie ein Dachfirst lockte. Weniger felsig als grasig, aber steil und ausgesetzt, führt sie auf das kleine Gipfelplätzchen, auf dem wir wie im Korb eines Luftballons hockten.“

Jetzt bin ich am Spitzerl des vorigen Fotos angelangt, und so sieht der Weg bis zum Gipfel von hier aus. Die Unzugänglichkeiten des Latschenkamms…

…lassen sich einfach ostseitig umgehen.

Die Blicke ins Steinkar mit seinem Wasseräuglein und dem dahinter liegenden Dornkarrücken lenken mich bereits gehörig ab, aber noch einmal ist volle Konzentration…

…gefragt. Der Gipfelaufbau ist jedoch viel einfacher zu erklimmen, als der erste Blick vermuten lässt.

Hier ist meine Mission ausmissioniert. Obligatorisch und unverzichtbar: Jahresgipfelfoto Mörsbachspitz (2020 m).

Dieser Gipfel erfüllt wirklich das Ideal wohlbehüteter Störungslosigkeit. Hinabgeschaut nach Donnersbachwald.

Tiefschau auf die endende Forststraße im Ramertal. Von dort lässt es sich wirklich einfacher in die Einsenkung zwischen Stadelfirst und Mörsbachspitz hochsteigen.

Das Hirscheck (1853 m) über dem Englitztal sieht auf nur sehr mühsame Weise erreichlich aus.

In einem meiner letzten Berichte habe ich ein wenig übers Berg-Zeugs-Kaufen philosophiert: „Mit solchen Neuanschaffungen sind ja auch „Abschaffungen“ verbunden, und damit kann ich gar nicht gut umgehen. Ich liebe meine abgetragenen Bergsachen, (…) „.

Und dieses Foto ist die beste Bestätigung meines persönlichen Zugangs zu diesem Thema. Obwohl schon sehr lange zwei neue Wanderhosen auf der Ersatzbank sitzen und auf ihren Einsatz warten, greife ich doch wieder auf meine zerrissene, stacheldrahtzaunzerlochte Hose zurück. Für andere mag das Lumpenzeugs von einer Hose sein, für mich ist das ein vertrauter, langjähriger Hosengefährte!

Ich sitze hier auf dem kleinen Gipfel, und bereits einen Meter vor mir beginnt die Ferne.

Blick auf ein scheinleeres weites Land. Meine Wanderung „dort drüben“ auf das Gasseneck (2111 m), den Tattermann (2089 m), Mößnakopf (2077 m) und den Gipfel der Unverschämtheit (2086) war ein Höhepunkt in meinem 2017er Wanderjahr: (Unverschämt grüne Gipfel…).

Mein grober Plan sah vor, wieder zum Vorgipfel zurückzuwandern und jenseits…

…dieser „Rippe“ ziemlich direkt abzusteigen. Wie im ersten Teil des Tourenberichtes beim fünfzehnten Bild schon erwähnt.

Zwar scheitelt kein Pfad den Gratverlauf zur Steinkarspitze (1992 m) über dem Steinkarsee, jedoch macht er einen sehr einladenden Eindruck auf mich. Und so beschließe ich, auch die Steinkarspitze (1992 m) noch zu besuchen.

Der Beginn ist einfach.

Im weiteren Gratverlauf kommen Stellen, an denen ich kurz kehrtmachen muss, um an einer benachbarten Stelle umso besser voranzukommen.

Und dann folge ich einer dummartigen Eingebung. Anstatt am Kamm zu bleiben oder vielleicht ein wenig westlich auszuweichen, betrete ich den Osthang über dem See, um diese Latschen etwas großräumiger zu umwandern. Und hier schlage ich ein neues Kapitel aus einer weltbekannten Serie auf:

Offensichtlich habe ich das Gefühl für die Steilheit des Geländes verloren, und im Folgemoment, nach den ersten Schritten hinab in den Steilhang, ahne ich schon, dass das jetzt ein Fehler war.

Schlicksig, splittrig und gleitend ist der Untergrund. Meine Füße finden nur im Stehen halt. So bald ich mich bewege, beginnt der Untergrund zu gleiten. Nichts im Steilhang ist gewillt, mir verlässlichen Halt zu schenken, auch nicht für die paar Sekunden, die es zum Drüberwandern bräuchte.

Alle Sinne geweckt, stehe ich mitten im Treibhang. Vermutlich haben ihn die Regenfälle der letzten Tage in einen solchen verwandelt.

Mit mulmigem Mut versuche ich querhangab zu steigen. Ohne mein Zutun versetzt mich das Steilgelände gleich einmal einen halben Meter tiefer. Es fühlt sich an, als würde ich auf einem zugefrorenen See stehen, mit sehr sehr dünnem Eis. Welche Bewegung kann ich machen? Welcher Bewegung kann ich trauen?

Zentimeter um Zentimeter, unter vorsichtigem Einsatz meiner Stöcke, gelingt es mir, auf der Erdmasse, die in geringer Tiefe von zahllosen Rinnsalen unterspült ist, aus dem Hang zu queren…

…und wieder festen Rasen unter die Schuhe zu bekommen. Wie gejagt mache ich die ersten Schritte am Rasen, weg vom Rutschschlund. Das vergiftete Steilgelände aus Wasser, Erde und Stein hat mich gnädig verschont. Was ich hier in wenigen Sätzen erzähle, hat elendslange gedauert und gefühlt sogar noch länger.

In einem Punkt bin ich jedoch froh: Ich habe niemanden mit hineingezogen, und mir hat niemand zugeschaut. So eine selbstverschuldete Peinlichkeit lässt sich allein besser überstehen.

Und weil ich von meinen selbst verabreichten innerlichen Ohrfeigen etwas aus der Spur bin, und weil ich ja vom ursprünglichen Plan abgewichen bin, passiert mir gleich der nächste Schnitzer. Ich verwechsle die Hangrippe vom Hauptgipfel mit der, für den Abstieg geplanten Hangrippe vom Vorgipfel und steige zu früh ab.

Bald schon bemerke ich meinen Fehler. Allerdings müsste ich jetzt wieder weit aufsteigen, und das will ich nicht, dazu schleift meine Motivation schon allzusehr am Boden. Ich beschließe, weiter abzusteigen, weil ich nur ein Halbverlorener bin, denn ein bisserl Orientiertheit ist mir zum Glück geblieben. Ich weiß zumindest, wo ich bin. Das Abstiegsgelände ist jedoch heftig wehrhaft, steil und eigentlich unzugänglich. Auch weiterhin fehlt mir die Muße, um zu fotografieren.

Zur Dokumentation des happigen Abstiegs soll dieses Foto exemplarisch dienen. Über durcheinander und ineinander fallende Bäume und Sträucher. An hochgereckten Wurzeln irgendwie vorbei, mitunter niedrige Felsstufen abkletternd, finde ich hinab.

Ich bin nicht entlang des Baches, der direkt aus dem Steinkarsee herabfließt (drittes Bild in diesem Blogeintrag) abgestiegen, sondern dem westlich in den Mörsbach einmündenden „Steilgewässer“ entlangewandert.

Eine Art Gruseln befällt mich im Nachhinein. Da bin ich wieder einmal heil davon gekommen.

Dennoch schlage mir auf die Brust und klopfe mir auf die Schultern, denn ich weiß, dass ich der Beste unter den Schlechten bin!

In der Literatur findet sich nicht viel bis eigentlich gar nichts zu diesem Gipfel. Natürlich eine kurze Erwähnung in Holls „Niedere Tauern AV-Führer“, und bei der Liselotte Buchenauer gibt es wenige Zeilen in ihrem Buch „Verliebt in die Heimat“.

Den einzigen Bildeintrag mit Beschreibung zu diesem in nördöstlicher Richtung abzweigenden Seitenkamm, allerdings vom Ramertal aus, dafür jedoch mit der Überschreitung vom Lämmertörl, habe ich bei Christian Suschegg (alpenyeti.at) gefunden: http://www.alpenyeti.at/wanderblog/2010/10/04/wandertour-lammertorlkopf-stadelfirst-morsbachspitz-steinkarspitze/ (abgerufen am 21.8.2020)

Leopold ist eine längere Runde (1.10.2015 Vom Ratzenkogel zum Dornkarspitz)   gewandert. Leider gibt es dazu keinen Bericht und keine Fotos, jedoch einen Kartenausschnitt schon.

Im Anstieg etwa 1070 Hm und zurückgelegte Entfernung nahezu 13 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at


Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region Donnersbacher Tauern (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.

Meine Quellen:

Ausschnitt aus Kompass Logo Karte 4309, Österreich digital.
ⒸKartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit:
PanoLab Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Ⓒ Christian Dellwo.

 

Buchenauer(1975): Verliebt in die Heimat. Leykam Verlag, Graz.

Holl (2005): Niedere Tauern. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Auferbauer (2000): Bergtourenparadies Steiermark: Alle 2000er vom Dachstein bis zur Koralpe. Verlag Styria, Graz.

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