Mein Körper-Geist Dilemma und das Maisenkögerl (945 m)

Meine Wanderung auf den Hausberg der Scharnsteiner beginnt auf dem behaglich weichen Sofa daheim. Besonders nach einer arbeitsreichen Woche kommt es bei mir zu Zwietracht zwischen meinem Geist und seiner körperlichen Hülle. Ich nenne es das Körper-Geist Dilemma. Es ist lästig, und wie ich mittlerweile weiß, weit verbreitet. Je nachdem, wer siegreich aus diesem inneren Disput hervorgeht, lese ich ein Buch oder gehe wandern. Heute gehe ich wandern.

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Der Winter hat es sich nochmals anders überlegt und ist für Stunden (in den Tallagen) und Tage (weiter oben) zurückgekehrt. Das ist die Gelegenheit, meine Gipfelsammlung im Hochsalmzug, rund um Scharnstein, weiter zu vervollständigen.

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Helmut Seiringer hat diese Wanderung im Februar gemacht, allerdings bei weniger Schnee! Diese Tour wiederhole ich heute, in leicht abgewandelter Form. Bereits bei der Einfahrt nach Scharnstein erhasche ich diesen Blick aufs Maisenkögerl.

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Ich fahre in den Tießenbachgraben (Tissenbachtal) bis zum Parkplatz unterhalb der Ruine Scharnstein. Und exakt von diesem Parkplatz, auf der anderen Straßenseite, holt mich wie ein pünklicher Bus, der erdige Pfad in Richtung Bräumauer ab.

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Der Steig ist nicht offiziell markiert, aber deutlicher geht’s nicht. Rutschig, nass und freucht führt er in den Wald.

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Die inoffizielle Markierung sind rote Punkte an hellen Buchenstämmen.

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Weiße, handbeschriftete Täfelchen trennen Kletterer von Wanderern. Ich folge dem Pfeil in Richtung Maisenkögerl.

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Der Steig steilt sich zunehmend auf und ändert seinen Aggregatzustand von erdig in steinig.

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Ich gelange aus dem Schatten in die Sonne. Von der anderen Talseite leuchtet mir die Burgruine Scharnstein hell entgegen.

Beim Anblick von Schloss- oder Burgruinen denke ich immer an meine jugendliche Bastelzeit mit den Schreiber- oder Geli Karton-Modellbaubögen zurück.

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Als Fingergrobmotoriker hatte ich natürlich bei der Fitzelei mit Schere, Lineal, Pinzette und Uhu meine größten Probleme. Vor allem die nur fingernagelgroßen Kleinteile ließen mich verzweifeln. Fertig sahen die Burgen und Schlösser immer ein wenig windschief, klebstoffverputzt und vor allem nie so, wie am Karton abgebildet, aus. Schon die einfachsten Modelle haben mich regelmäßig an mein Bastellimit an den Bastelrand des mir Möglichen gebracht. Völlig unbastelbar und die Leistung eines Über-Bastelmenschen war für mich das Hinbekommen des Papier-Kölner-Doms.

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Für mich unbastelbarer Bastelbogen.

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Gerade noch bastelbarer Bastelbogen.

 

 

 

 

 

 

 

Mein Bastelleistungsvermögen stagnierte auf Vorschulkind-Niveau. Mittlerweile schnippelten meine Freunde bereits Geli-Flieger und hängten sie stolz an die Zimmerdecke. Nicht so ich. Nach meinem misslungenen Versuch, eine Messerschmitt ME 109 F zusammenzukleben, mein Flieger sah fertiggebastelt mehr nach einer überstandenen Notlandung aus, suchte ich mir ein anderes, ebenfalls männergerechtes Hobby…

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…und begann, Panini Fußballbilder zu sammeln. Aber nicht einmal diese Bildchen konnte ich exakt in den dafür vorgesehenen Rahmen kleben! Es fiel mir schon damals schwer, mich an vorgegebene Umrandungen oder Weisungen zu halten. Schon lange habe ich mich mit meinem Ungeschick und meiner Unangepasstheit ganz gut arrangiert. Nur gelegentlich, bei innerhäuslichen, praktisches Geschick fordernden Aufgabenstellungen, blitzt mein Unvermögen und Unwille hin und wieder auf. Fürs Wandern spielt es keine Rolle – und das ist gut so.

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Junge Buchen bergrenzen als grün leuchtende Arabesken die Bräumauer.

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Besitzt man durchschnittliches Geschick, ist man für diesen Aufstieg gut genug gerüstet.

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Eine etwas verblasste Schlangenwarnung lässt mich aufmerksam umblicken. Ich habe keine Angst vor Schlangen, ganz im Gegenteil. Ich freue mich über jede Sichtung dieser schlanken Schönheiten.

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Achtsam steige ich hoch und freue mich über die Tiefblicke.

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Mit ein paar kräftigen Tupfern Fels im Grün hat die Bräumauer das Zeug ein vielbestiegener „Geheimtipp“ zu werden – oder sie ist es vielleicht bereits. Hier leitet der Steig ganz nahe an die Kante…

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…am Meisenfenster vorbei…

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…zum höchsten Punkt der Bräumauer.

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Bräumauer (808 m).

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Jetzt bin ich erst auf achthundert Meter Seehöhe, und dennoch liegt hier bereits der Schnee der eigentlich Regen sein sollte.

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Ohne Pause schreite ich weiter, der Weg ist gut ausgeschildert. Weil ich neugierig und noch ausgeruht bin, nehme ich den „schwarzen“ Weg übers Wandl.

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Die angekündigte 1er-Kletterstelle ist mit Leiter und Seil entschärft. Weiter führt mich der Weg, ganz ohne Klettereinlagen, bis auch wieder der Normalweg einmündet.

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Ich nähere mich dem Gipfelaufbau von Westen, wenn ich den Kopf hebe, kann ich das Kreuz erblicken. Der Pfad weicht südlich aus und steigt an.

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Dann darf ich mich wieder entscheiden. Entweder links über den Westgrat, welcher mit einer „2er-Kletterstelle“ ausgewiesen ist, oder den versicherten Normalweg. Wiederum will ich es wissen und stecke die Stecken weg. Zumindest aus der Nähe möchte ich mir das ansehen.

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Der Anstieg beginnt mit einer seilversicherten Stelle,…

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…welche in eine unversicherte Steilstufe einmündet. Wenn ich da jetzt runterstürzte,  wäre das schon ein nichtswürdiges Ende. Darum klammere ich mich an den feuchten Fels und ans gute Leben.

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Weiter geht es ungesichert über eine  Kletterstelle, welche schon etwas Geschick und Mut verlangt.

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Auf Baumhöhe klettere ich noch über eine Kante und bin schon fast beim Gipfelkreuz.

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Blick zurück. Abklettern stelle ich mir ungleich schwieriger vor. Auch wenn die Bedingungen nicht ganz ideal sind, ist der kurze Anstieg fünf bis zehn Meter kein großes Problem – eher ein schwacher Zweier.

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Maisenkögerl (945 m).

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Bierlaunige Blasmusik kraxelt aus einem riesigen Bierzelt von Scharnstein bis zum Gipfel hoch.

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Es ist die die Zeit der Feuerwehrfeste, Grillhendln und Fassbiere. Vielleicht liegen auch Käsekrainer am Grill. Wenn ja, dann müssen sie so zubereitet werden, wie das ein Standard-Forum-User, vermutlich stark eingespeichelt, beschrieben hat:

„Einen Käsekrainer brät man nicht schnell mal ab. Er muss leiden, ausrinnen, teils verbrennen, der ausgeronnene Käse muss an ihm haften, dreckig und ölig dahinschmelzen und als harte Kruste wie Lava erhärten und ihn schützen, das ganze sicher gute -15 min gaaanz langsam, während dem Vorgang stellt man genüsslich 2,3 Bier weg und wenn er danach fleht aus der Hitze genommen zu werden, dunkelrot muss er sein, mit einem Käsesockel wie die Wegrollsicherung eines Anhängers, dann wird er mit einer Kaisersemmel und massig an diversen Senfsorten gebändigt.“

 

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Ganz so genial ist meine Jause jetzt nicht, und trotzdem ist mein Magenglück vollumfänglich. „(…) denn des Leibes Wohl wird in der Werkstatt des Magens geschmiedet“ (Sancho Panza, Don Quijote)

Es ist gemütlich, und ich fühle mich wohl unterhalten. Nicht nur von der Musik, auch vom Aussichtsvergnügen.

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Am Traunstein, dem Steineck und Trapez war ich schon, nur die „Schlafende Griechin“ (Hochkogel) konnte ich noch nicht wecken.

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Hier fehlen in meinem Gipfelbuch noch die Hohe Mauer und die Scharnsteiner Spitze. Den Zwillingskogel und den Windhagkogel habe ich auch schon besucht. Ebenso wie…

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…den Hochsalm.

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Den Hutkogel will ich heute noch besuchen. Nur ganz sicher bin ich mir bei der Verortung meines nächsten Ziels nicht.

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Weil ich den Verlauf des Normalwegs wissen will, klettere ich nicht über den Ostgrat, sondern gleich vom Gipfel…

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…über wenige seilversicherte Tritte auf den parallel zum Grat verlaufenden Steig.

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Der verläuft südseitig, nur wenige Meter unterhalb des Ostgrats bis an dessen Ende. Hier befindet sich eine Erinnerungsstätte

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Weiter geht’s über Schneereste bis zur Forststraße…

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…mit Ruhebank. Das Fehlen von Insekten in der Luft fällt mir jetzt erstmals so richtig auf. Keine Mücken, Fliegen oder anderes geflügeltes Getier habe ich heute gesehen oder gehört. Davon lasse ich mich allerdings täuschen. Denn mein felswandgraues Auto wird während meiner Abwesenheit von einem ganzen Bienenstock als Klo benutzt. Weil Bienen im Winter ihre Behausung nicht verlassen, entleeren sie ihre volle Kotblase beim ersten Reinigungsflug. Dabei applizieren sie ihren Darminhalt als gelbe, gut haftende Punkte bevorzugt an zum Trocknen aufgehängter Wäsche oder Autos. Für die Bienen wohl eine Wohltat, für mich als putzfaulen Autobesitzer eine gelbpunktierte Hölle.

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Ich bleibe auf der Forststraße (in der Kompasskarte ist die noch gar nicht eingezeichnet) und ignoriere den südlich hinab führenden markierten Weg. Dass das Blödsinn ist, stelle ich gerade noch früh genug fest, und sozusagen freihändig quere ich den Wald hinab, zurück zum markierten Weg.

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Weiter wandere ich jetzt in Richtung Hochsalm.

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Hier textet wieder mein Lieblingsschilderbeschrifter (Siehe Blogeintrag vom Hochsalm). Ich mag seine Wortwahl.

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Bissl ruppig trifft es schon ganz gut.

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Kurz bevor der Steig wieder in die Forststraße mündet, verlasse ich ihn und wandere diesen Hang…

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…bis zum Hutkogel hoch. Der hat sogar ein Gipfelkreuz. Leicht zwänglerisch und darum um so befreiender: Gipfelfoto Hutkogel (1054 m).

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Es ist nicht weit zurück zum Pfad und hinauf zur Forststraße. Frühling im Mai. Das Wasser gluckert, das Holz duftet, die Sonne scheint. Ob es Milch von glücklichen Kühen wirklich gibt, weiß ich nicht, dass es Schweiß von glücklichen Wanderern gibt weiß ich ganz bestimmt.

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Fast den ganzen langen Abstieg mache ich über die Forststraße, weil ich es bequem haben will und keine weiteren Verlockungen auf mich warten.

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Nach einem letzten Blick zurück aufs Maisenkögerl,…

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…kann ich zusehen, wie auch der Schnee wieder absteigt.

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Im Anstieg ca. 700 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 9,7 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit: PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version: 1.0.3  © Christian Dellwo.

Käsekrainer Test im Online Standard vom 23. Juni 2015. Kommentar am 23.6.2015 von Forum User Peter Williams. (abgerufen am 03.06.2017)

Helmut Seiringer: Maisenkögerl über Bräumauer am 25.02.2017 (abgerufen am 3.6.2017)

CoverHeitzmannHarantOberösterreichischeVoralpen OEAVFührer

Heitzmann, Harant (1996): OÖ-Voralpen. OeAV-Führer, Ennsthaler Verlag, Steyr.

 

 


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.