Pferd und Berg über dem Tappenkarsee

Gemeinsam aushäusig sein liebt meine Frau so sehr wie ich. Und weil es anderswo selten ist wie daheim, wundern wir uns oftmals über das, was wir sehen. Wie zum Beispiel unsere Quartierorte. Wie schaffen es diese Fremdenverkehrsorte in Österreichs Westen nur, immer so auszusehen, wie alle anderen Touristenorte auch: „Die Autos, die viel zu großen Häuser, sie alle wachsen, die Reichtümer wachsen, doch die Menschen, die sie bevölkern, werden kleiner, man sieht sie kaum noch, sie verschwinden in ihrem Eigentum“ (Espedal, Gehen).

Der morgendliche Blick von unserem Zimmer zum Mosermandl (2680 m) hat es in sich. Was für ein herrlicher Berg. Fix verschwindet er in meiner Gipfelvorratsdose. Unser Wanderziel ist heute weniger ehrgeizig, aber sicher nicht weniger schön. Zum Tappenkarsee wollen wir wandern und uns dann einen Gipfel aus seinem Rundum aussuchen.

Wir fahren nach Kleinarl und weiter bis zum Jägersee. Wir laben uns am ruhevollen morgendlichen Seeanblick. Später entrichten wir € 4,8 Maut und fahren das Seeufer entlang, bis zur Schwabalm…

…und ihrem riesigen Parkplatz. Gleich nach unserer Ankunft zeigt sich, warum der so groß sein muss. Obwohl ein Wochentag, rollt Auto um Auto heran. Schnell füllt sich die Morgenluft mit Benzin- und Dieseldämpfen und unangenehmen, schrillen Frauenstimmen – es ist lauter, als es stinkt. Fast ein wenig fluchtartig machen wir uns auf den Weg.

Wir wandern noch im Schatten, während die Gegenüberseite schon im warmen Sonnenlicht erstrahlt.

Ein breiter Steig lässt uns in langgezogenen Kehren hochsteigen.

Nicht nur die Materialseilbahn überholt uns. Auch ein kleines junges Grüppchen eilt stolperhetzend an uns vorbei, um auf der nächsten Bank aufzusitzen und auszuschnaufen und uns schon bald wieder zu überholen, um auf der nächsten Bank aufzusitzen und auszuschnaufen und uns dann wieder zu überholen…∞

In solch touristischen Gegenden darf der Weg nicht selektiv und anfordernd sein – und widerspenstig schon gar nicht.

Er muss der Freund vieler sein.

Schön ist es aber allemal. Bergseitig blüht der Almrausch,…

…und gegenüber öffnet sich die Landschaft immer mehr.

Selbst das Wildwasser rauscht hier melodisch, und der vom leichten Wind gebauschte Gischtvorhang streift über unsere erhitzten Gesichter.

Den Jägersee haben wir schon weit unter uns gelassen.

Erreicht man diese possierliche, geschnitzte Holzkuh,…

…beendet ein steiler, getreppter Aufschwung den Hauptteil…

…der ersten fünhundert Höhenmeter, die bis zum…

…Eisbrunnen zu überwinden sind. Seeduft liegt bereits in der Luft.

Nach einer weiteren Viertelstunde wandern wir an der Bergstation der Materialseilbahn vorbei…

…über den Seeabfluss,…

…bis sich wie ein Paukenschlag das Tal öffnet und der See vor uns liegt.

Dieser Anblick bringt uns vom Staunen schnell zur Freude.

Ein See wie aus gekämmten blaugrünem Glas.

Wir fallen in ein anhaltendes Dauerstaunen. Die Landschaft verausgabt sich völlig, im Nahen…

…wie im Weiten.

Direkt am See liegt die Tappenkaralm (Tappenkarseealm) auf 1768 m. Wie eine geschmeidige Stangentänzerin rollt einladend und sehr verführerisch…

…die grüne Fahne mit ihrer Zauberformel im leichten Wind. Wir widerstehen…

…und suchen den Steiganfang zum Draugsteintörl (2077 m). Wir wollen von dort, mit dem Karteiskopf (2203 m) beginnend, in Richtung Klingspitze bzw. Glingspitze (2433 m) wandern. So weit uns die Kräfte tragen oder das Wetter willig ist.

Hinter der Hütte, diesen Graben entlang, führt der Steig hoch.

Das ist schon ein besonders schönes Platzerl.

In engen Kehren, durch Schwarzbeerbüsche und Almrauschpölster, zieht der Steig hoch.

Immer mehr Landschaft umschließt den See.

Nach der ersten Steilsufe verflacht der gewundene Steig, und…

…unsere ersten beiden Gipfelziele begrenzen den Horizont.

In den Abhängen von Maierkogel (2169 m) und Scheibenkogel (2251 m) lassen Almrauschfelder die Bergflanken rostrot bluten.

Wir wandern unter den Felszacken des Karteiskopfes in Richtung Draugsteintörl, mitten hinein in dieses…

…kraftvolle unwirkliche Gemälde. Die Wächter der Berge über uns. Statuen, meterhoch aus dunklem Basalt.

Traumartig ist Gabis Begegnung…

…mit den edlen Souveränen dieser Landschaft.

Archaisch fühlt sie das warme Zittern der Flanken, und sie spürt die in den Muskeln eingefaltete Kraft. Vermutlich sind sie hier irgendwo geboren und können sich nicht vorstellen, was eine ebene Landschaft ist.

Gabi und Pferd und Berg…

…hoch über dem Tappenkarsee.

Vom Draugsteintörl (2077 m)…

…wäre auch der felsige Draugstein (2358 m) ein lohnendes Ziel.

Für wenige Meter versuchen wir direkt über die Gratzacken weiterzuwandern. Wegspuren sind abschnittsweise deutlich vorhanden. Das splittrige Gestein ist feucht, und die Spuren verlieren sich. Wir wandern zurück zum Steig und diesen entlang, bis wir ihn für einen direkten Aufstieg verlassen.

Blick zurück ins Draugsteintörl.

Die letzten Meter vorm Gipfel: Jetzt wieder am Grat findet sich auch der Gratweg wieder.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Karteiskopf (2203 m).

Gabi und geborstene Felswände gegenüber.

Auf der anderen Seite die Almlandschaft unter dem Draugstein. Ob hier die Halmoosalm zu sehen ist, wage ich nicht mit Bestimmtheit zu behaupten, und auch beim Blick…

…in den Süden bin ich mir nicht ganz sicher. Sind hier Ankogel und Hochalmspitze zu sehen?

Ganz gegen die Wetterprognose verfrüht sich der massive Wolkenauftritt. Wir haben jetzt nicht nur die schöne Landschaft im Blick, sondern sorgenvoll auch immer öfter das turbulente Geschehen am Himmel.

Der felsige Weißgrubenkopf (2369 m) am Seeende wäre auch unschwierig zu erwandern.

Wir wandern, immer am Grat bleibend, weiter auf den Gurenstein zu.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Gurenstein (2219 m).

Er bleibt unser letzter Gipfel für heute, und wir verlassen ihn auch sogleich.

An Gabi ist gut zu erkennen, dass Wolken schnelle Beine machen.

Uns ist klar, dass die Überschreitung bis zur Klingspitze nicht mehr möglich ist. Wir müssen froh sein, nicht zur Beute des rasch aufquellenden Gewitters zu werden.

Am Karteistörl (2145 m) verlassen wir den Grat…

…und beginnen den Abstieg zur Tappenkarseehütte.

An einer riesigen Feuchtwiese entlang…

…führt der gute Steig rasch tiefer.

Der Mündungsmäander mehrerer Bäche verwandelt das südliche Seeufer…

…in eine alpine Feuchtsavanne.

An der Tappenkarseehütte halten wir uns erst gar nicht auf.

Die Luft kann die Schwere der Wolken nicht mehr halten, und immer tiefer sinken sie.

Seekühe kühlen sich die Bäuche, und gelegentlich nehmen sie das Maul voll Wasser. Das Geschehen über ihren Köpfen bekümmert sie nicht.

Uns aber schon. Mit beschleunigten Schritten wirbeln wir den Staub am Seeufer auf – eine Zweipersonen-Stampede sozusagen.

Das Reich der Finsternis holt sich den See. Es droht Gefahr.

Erstes Donnergrollen ist schon zu vernehmen, und trotzdem sitzen viele Menschen noch auf der Terrasse der Tappenkarseealm. Schlimmer noch, im Abstieg begegnen wir unzähligen Menschen, die sich im Aufstieg befinden. Plaudernd und fotografierend, als gäbe es den zuziehenden Himmel nicht. Einige habe ihre Kinder an der Hand. Manche wandern völlig unbekümmert sogar in Sandalen bergaufwärts. Ich pack’s nicht – ich kann nicht glauben, was ich hier sehe. Wir dagegen, in unseren Bergschuhen mit Regenjacken, Biwaksack und Stirnlampen im Rucksack fliehen vorm angekündigten Gewitter und hetzen talwärts. Sogar in der Mitte des Weges quälen sich immer neue Touristen hoch. Dabei sind, wie an allen Tagen dieser Woche, für heute Nachmittag Gewitter angekündigt. Wie Schafe ohne Schäfer benehmen sich diese Touristen, dabei kann ihnen bei einem Gewitter auch kein Schäfer mehr helfen, sondern nur noch Glück.

Schon wenige Minuten nach unserem Eintreffen beim Auto beginnt es zu regnen, und danach bricht mit lauten Trommelschlägen das Gewitter los. Wie ist es wohl den ungeschützen Touristen im Aufstieg ergangen? Und ihren Kindern? Ich mag es mir gar nicht vorstellen.

Nachtrag: Wie schlimm die Gewitter hier wüten können, zeigte sich drei Wochen später. Unglaubliche Unwetter gingen über der Steiermark und dem Pongau nieder – zwischen Jägersee und Tappenkarsee verschütteten Muren einen Teil des Weges und ließen zwei neue Seen entstehen. Die offenbar auch bestehen bleiben sollen, wie in einem Artikel der Salzburger Nachrichten am 18.8.2017 berichtet wird: Neue Seen nach dem Unwetter.

 

Im Anstieg ca. 1100 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 15,2 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

 

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version:  v 1.0.3    © 2007 Christian Dellwo

„Vermutlich sind sie hier irgendwo geboren und können sich nicht vorstellen, was ein ebene Landschaft ist.“ habe ich mir in abgewandelter Form von Eliot Weinberger (Vogelgeister) ausgeborgt.

Sehr schöne Fotos hat Manfred gemacht. Sie befinden sich in seinem Blog mit der Tourbeschreibung:  Er hat im September 2016 die Glingspitze bestiegen. (abgerufen am 22.10.2017)

 

Holl (2005): Niedere Tauern. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Buchenauer (1987): Höhenwege in den Niederen Tauern. Verlag Bruckmann, München.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weinberger (2017): Vogelgeister. Berenberg Verlag, Berlin.

Espedal (2011): Gehen. Matthes & Seitz, Berlin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.