Schitour aufs Alpl (1405 m) von der Großen Kripp

Lieber ein Jahr wie ein Löwe, als hundert Jahre wie ein Schaf. So dürften nicht wenige Schitourengeher denken, und darum ist selbst bei Lawinenwarnstufe 4 noch viel los auf den hohen Bergen. Ich tendiere hier eher zur tierischen Mitte, so hyänenmäßig oder ameisenbärig ist mein Lebensgefühl. Und wenn oftmals in den Tourenberichten auf „Lawine Steiermark“ stolz von den Wumm-Geräuschen der sich setzenden Schneedecke berichtet wird, gleitet mein Toureninteresse unversehens ins vertraute, bewaldete Nahe.

Seit Tagen herrscht im Ybbstal eine diesige dumpfe Grundstimmung. Der Nebel, dieses graue feuchte Nichts, hat Tal und Menschen fest im Griff. Zäh und depressiv, wie ein grauer Seelenschatten, fugt er Landschaft und Menschen bis in den letzten Winkel aus. Am späten Vormittag reicht es mir, und ich will diesem Spuk für ein paar Stunden ein Ende setzten. Dazu fahre nach Opponitz…

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…und parke mein Fahrzeug auf der Großen Kripp (696 m). Ich will nicht nur den höchsten Punkt am Oisberg (Bauernboden) besuchen, sondern auch das Hoch Gabriela finden. Mein persönliches Hoch, Gabriele, ist noch in der Arbeit, und so schaue ich mich alleine um. Meine Erfolgschancen sind aber sehr ungewiss, denn so unglaublich wie die Existenz von Einhörnern, scheint mir die Möglichkeit von Sonnenschein und blauem Himmel über dem fetten Talnebel.

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Eine Schispur existiert bereits und darüber gelegt eine einzelne Schneeschuhspur.

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Auf einer Forststraße (nicht in der Karte verzeichnet) geht es ein gutes Stück, sanft steigend, in den Wald hinein. An einer starken Linkskehre kürzt die Spur ab…

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…und trifft wieder auf die Forststraße. Hier sind es nur wenige Meter bis zur unübersehbaren Einmündung des Walchtals.Tal trifft es nicht ganz, es gleicht mehr einem Grabeneinschnitt. Im Winter geht es exakt hier hinauf. Der unmarkierte Sommerweg steigt links vom Taleinschnitt hoch.

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Der Schnee ist nicht ganz leicht zu gehen. Dort wo die Sonne hintätschelt, ist er patzig, wo die Sonnenfinger zu kurz sind, gibt es dicke Harschdeckel. An so mancher Stelle schaut noch der Gstaudenuntergrund hervor.

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Obacht, denke ich mir bei diesem Anblick. Hier ist ein kleiner Schneerutsch abgegangen. Eine Tour aufs bewaldete Alpl ist grundsätzlich nicht lawinengefährdet, aber kleine Rutschungen sind möglich.

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Die Spur bleibt im Walchtal. Mit jedem Meter wird diese Rinne steiler und enger. Und schon nach zweihundert Höhenmetern gelingt mir das Erhoffte. Das Tal wird zur blauen Gasse, zum blue hole, zur Eintrittspforte ins Licht. Gabriela ziert sich und geizt noch mit ihren Reizen. Aber ihr Sonnenparfüm kann ich schon riechen.

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Ich steige die Rinne nicht bis zum steilen, engen Ende, sondern dieser…

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…luftleere Ballon, an einen Zweig geknüpft, zeigt den Schluss des Aufstiegs im Walchtal  an. Die vorhandene Spur schert links aus der Rinne hinaus,…

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…und nahe am üblichen Sommerweg geht es weiter. Hier begegne ich auch dem Schneeschuhgeher. In großen Schritten stapft er bereits wieder ins Tal.

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Nach der Rinne steilt das Waldgelände kurz auf und legt sich aber bald wieder, sehr zu meiner Freude, etwas zurück. Aber nicht nur das.

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Ein Glucksen und Schlürfen,…

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…ein Tascheln und Prasseln kündigt Ungewöhnliches an. Dieser Wald wird zum Regenwald!

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Die Sonne brennt die Schneepakete auf den Bäumen unbarmherzig zusammen, und es regnet bei Sonnenschein in Strömen von den Baumwipfeln. Ich muss sogar die Kamera in Sicherheit bringen und verstaue sie wasserdicht im Rucksack.

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Nach einer Viertelstunde bin ich pitschnass und fühle mich trotzdem pudelwohl.

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Weil der Schnee auf den gipfelnahen Bäumen bereits früher geschmolzen ist, endet dieses unerwartete Zwischenspiel auch wieder.

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Ich quere eine steile Waldflanke (bestes Schitourengelände),…

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…und noch vor dem Erreichen des Gipfels entblößt sich das scheue…

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…einäugige Hoch Gabriela vollständig. Unverhüllt, ohne einen Fetzen Wolkenstoff rekelt es sich vor mir.

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Auf den letzten Metern zum Gipfel…

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…kann mir nicht einmal dieser elendige Wildzaun die Freude versperren.

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Am Gipfel ist ein Türchen im Wildzaun geöffnet, und weißes Meer trifft graues Meer und blaues Meer.

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Alpl (1405 m).

Zu diesem Glück braucht es nicht viel, das ist mittelloser Luxus.

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Durch ein weißes Band ist das Alpl mit dem Hühnerkogel (1345 m) und dem Schneekogel (1373 m) verbunden.

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Blickrichtung Gesäuse kann ich noch viele Berge mit Bestimmtheit benennen…

Beschriftet SüdAlpl

…und Blickrichtung Hochschwab nur manche – darum lasse ich es.

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Blickrichung Totes Gebirge.

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Blickrichtung Norden…

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…mit einer Rateinsel im Nebelmeer.

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Im milder werdenden Nachmittagslicht endet auch diese Rast, und mit einem letzten Blick…

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…über den Nebelsee breche ich auf, um wieder seine Unterseite zu meinem Himmel zu machen.

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Die Ötscher Buam: Großer Ötscher (1893 m), Kleiner Ötscher (1552 m) und Schwarzer Ötscher (1188 m).

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Die Abfahrt erwische ich noch so richtig gut. Pulverschnee ist es nicht mehr, aber noch immer gut fahrbares, fantastisches Weiß. Und weil die Bäume so weit auseinanderstehen und das Gefälle so großartig ist, ist die Abfahrt bis zum Beginn des Walchtals ein rauschhafter Sinnestaumel. Das Walchtal selbst kurve ich wie eine halfpipe links und rechts aus. Das ist jetzt nicht so ekstatisch wie der erste Teil, aber auf andere Art auch irgendwie beschwipst.

Erst am Ende meiner Abfahrt nehme ich die Kamera wieder aus dem Rucksack, um den Friesling (1339 m) noch zu fotografieren.

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Eine Schitour aufs Alpl ist ob des tollen Geländes in der oberen Hälfte, vor allem bei Pulverschneehoffnung, eine der besten Touren in dieser Gegend. Diese Schitour ist auch für Anfänger geeignet, aber man darf sie keineswegs unterschätzen. Stellenweise ist sie ein wenig zickig und äußert schon auch ihre Ansprüche an den Tourengeher.

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Im Anstieg ca. 755 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 7,4 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Steffan/Tippelt (1977) Ybbstaler Alpen, AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Tippelt (1995): Wanderführer Ybbstal & Ötscherland, Ennsthaler Verlag, Steyr.

Lieber ein Jahr wie ein Löwe, als hundert Jahre wie ein Schaf.“
Original: „Meglio un anno come un leone, da cento anni come una pecora.“


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.