Schober, Spiegelsee und das Badezimmer des Grauens

Bilder dieser einfachen Wanderung auf der Reiteralm finden sich weltweit in den Fotoalben vieler Schladmingtouristen. Hier ist es auch ungeübten Bergwanderern möglich, in der unverwechselbaren Landschaft der Niederen Tauern, mit den mattgrünen, steinigen Berghängen und funkelnden Seen zu wandern. Für unseren Anreisetag die ideale Nachmittagstour, um so richtig in der Steiermark anzukommen.

Kurz entschlossen reisen wir an diesem Feiertag (Fronleichnam) nach Schladming. Nach einem Quartiercheck fahren wir weiter zur Reiteralm. Es ist nicht kalt, nicht warm, nicht windig, nicht windstill. Wolken schleichen verlangsamt über den Himmel. Wir parken bei der Reiteralm und machen uns auf den Weg.

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Der erste Anstieg führt durch ein riesiges Almrauschfeld. Wir sind wenige Tage zu früh dran – oder gar nur wenige, sonnige Stunden. Die Rostblättrige Alpenrose steht kurz vor der Blüte. Wie der Marsch durch ein rosa Bauwollfeld wäre dann der Aufstieg.

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Nach einer kurzen Steilstufe ist das erste Gipfelkreuz bereits zu sehen. Das unentschiedene Wetter verhindert die übliche Wanderkarawane, und nur am Gipfel…

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…der Gasselhöhe (2001 m) kommt es zu einem babylonischen Sprachgewirr. Aber dass die ungarischen Mädels ein Gruppenbild mit Gipfelkreuz wünschen, lässt sich auch gestisch mitteilen. Die Fotoapparate in Gabis Händen wechseln wie die posierenden Modelle vorm Gipfelkreuz. Gabi wird zur gebuchten Fotografin, und dabei vergessen wir ganz ein Foto von uns einzufordern. Das ist aber jetzt nicht weiter schlimm.

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Die Reiteralm befindet sich heute eindeutig auf der Sonnenseite des Lebens, und somit auch wir.

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Wir machen uns nach der Fotoorgie weiter auf den grasigen, aussichtsreichen Weg zum Rippetegg.

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Im Westen drückt die Wolkendecke bereits, es ist es wolkig-diesig, gerade noch gut zu erkennen ist die Doppelspitze der Geißsteine: Vorderer Geißstein (2177 m) und Hinterer Geißstein (2190 m). Dahinter schneeweiß, die Radstädter Tauern.

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Schneereste bis in den Sommer auf dem Weg zum Rippetegg.

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Mit jedem Schritt geben wir uns dieser Kammwanderung mehr hin. Wie ein Scheinwerfer auf einer Konzertbühne leuchtet ein einzelner Sonnenstrahl einmal den einen und einmal einen anderen Berg in der Nachtbarschaft aus.

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Hier mögen schon viele gewandert sein, aber trotzdem ist noch genug Aussicht für alle da. Touristisch genutzt, aber keineswegs verbraucht, es nimmt dem Ausblick nichts weg, wenn auch andere hinschauen.

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Nach einem steilen, kurzen Anstieg erreichen wir unseren zweiten Gipfel am  heutigen Tag. Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Rippetegg (2126 m). Wir sind nicht die ersten auf diesem Gipfel – auch nicht heute. Auf den hohen Bergen geht es ja jetzt ums Erster sein: der erste Einbeinige, der erste Eineiige, der erste Blinde, der erste mit achzig Jahren, der erste mit nur einem Nasenloch usw. usw. Vielleicht war ich auf diesem Gipfel doch in einer Angelegenheit der erste. Vor 6 Jahren war ich nach tagelangem Fasten (Zen- Seminar in Schladming) auf diesem Gipfel. Aber der erste Hungrige werde ich wohl auch nicht auf diesem Gipfel gewesen sein.

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Wir stehen auf einer Linie mit der Ursprungalm und dem Preuneggsattel mit den Giglachseen. Links im Bild ragt die Kampspitze (2390 m) auf, und rechts im Bild ist die Steirische Kalkspitze (2459 m) zu sehen. 2011 haben wir diese bildschöne Wanderung unternommen.

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Von den Seen stürmen alle denkbaren Menschentypen auf den Gratrücken zwischen Rippetegg und Gasselhöhe. Eilige, Schnaufende, Langsame, Dickgewandete, Halbnackte, Kinder, Alte, Paare. Dieser steinige Anstieg scheint mir unangenehmer als unser Anstieg auf die Gasselhöhe. Erdiger, steiler, ausgewaschener. Einem jungen Pärchen ist der Hund abhanden gekommen bzw. dem Hund das Pärchen. Der Hund wetzt den steilen Weg mit Verzweiflung im Blick auf und ab. Die Geschichte hat aber ein Heimatfilmende, und glücklich kommt es zu einer Wiedervereinigung.

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Vom Obersee zum Gratrücken finden sich die einzigen charmefreien Höhenmeter (100 an der Zahl) bei dieser Wanderung.

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Wir gelangen zum Obersee und wandern an seinem Ufer weiter bis zum Anstieg auf den Schober.

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Kompromisslos steil führt der Steig in die Höhe.

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Der Weg leitet nah an die östlichen Abbrüche zum Schobersee.

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Auf diese aufgetürmte Blockhalde führt die Markierung. Jetzt bekommt der Tag auch noch etwas Würze. Es macht uns so richtig Spaß. Leicht findet sich immer ein Tritt und ein Griff, und trotzdem ist es irgendwie spannend.

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Der Weg dreht aber aus dem Blockgelände auf die Westseite hinaus, und hoch über dem Obersee …

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…geht es zum umwindeten Gipfelkreuz.

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Blick zum heute gewanderten Grat von der Gasselhöhe zum Rippetegg und gegenüber zum…

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…Dachstein.

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Der Rückweg zur Reiteralm ist ebenfalls gut einzusehen.

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In unmittelbarer südlicher Gipfelnähe ragen die Höllermahd (1987 m) und die Steinkarhöhe (2105 m) auf.

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Die Wolken werden dunkler, und somit beeilen wir uns mit unserem Abstieg.

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Auf diesem Foto kann man die Steilheit des Anstieges gut erfassen.

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Wir gelangen zum Spiegelsee (Mittersee), wo der Wind dem Spiegelsee das Spiegelbild stiehlt und heute wohl auch nicht mehr zurückgibt.

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Wir bleiben auch nicht lange, denn die Seen erhalten Nachschub von oben.

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Es beginnt leicht zu regnen. In den Tiefen meines Rucksacks findet sich sogar ein Regenschirm. Und weil so ein Schirm die Sicht behindert, verpassen wir gleich einmal die Abzweigung zum Untersee. Man kann diesen Weg zurück zur Reiteralm auch über den Untersee nehmen. Und auch den neu eingerichteten Klettersteig hätte ich mir gerne angesehen.

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Unterer Gasselsee.

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Uns kommen freundlich grinsende Inder in Sandalen oder Stoffschuhen mit riesigen Fotoapparaten entgegen, und ober unseren Köpfen verrät ein Rascheln und Zupfen die ersten Einheimischen an diesem Tag.

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Schön ist es auch hier, aber durch ihre touristische Bedeutung sind die Steine, Büsche und Bäume auf diesem Weg schon ein wenig gefallsüchtig geworden.

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Am Speichersee angelangt, beschließen wir diese kleine, feine Runde.

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Wir kommen noch an diesem Schneedepot vorbei, und fragen uns, zu welchem Zweck es wohl angelegt wurde und ob es wirklich einen Sommer übersteht?

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Ein letzter Blick zurück: links ist der Schober (2133 m) zu sehen, in der Bildmitte das Rippetegg (2126 m) und rechts die Gasselhöhe (2001 m).

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Wie Bergeidechsen, unbewegt und ohne Sprache atmen wir den Sonnenwind auf der Reiteralm. Nur das Kratzen von Messer und Gabel neben uns taktet im Schluckrhythmus der Essenden die Zeit. Wir haben im Hotel ein vorzügliches Abendmahl bestellt, und dafür lohnt es sich zu warten.

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Wir kehren in unser Quatier zurück und mit uns auch der Appetit. Schnell wollen wir duschen, um ins Restaurant zu kommen. Eilig betritt Gabi das Badezimmer des Grauens.

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Nach wenigen Minuten und einem verzweifelten Hilferuf steht Gabi blutüberströmt mitten in einem Glasgletscher.

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Die Duschtüre aus Glas hat sich in Millionen kleine scharfe Scherben aufgelöst. Allein nur  von den fallenden Glasstücken gibt es tiefe Schnittwunden an der Hand und den Füßen.

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Ein Besuch in dieser Schladminger Institution war von uns nicht vorgesehen. Die behandelnde Ärztin im Krankenhaus macht ihre Sache gut. Nach Röntgen, Säuberung und Näherei kehren wir wieder in unser Quartier zurück. Wir werden zimmermäßig upgegradet und das Abendessen ist fast so vorzüglich wie Gabis Hand schmerzt (also sehr gut). Am nächsten Tag treten wir mit hängenden Köpfen die Heimreise an. Ob Gabi jemals wieder duschen wird? Kann ein Duschvorhang auch zersplittern? Soll ich Gabi zur Erinnerung am Jahrestag dieser Geschehnisse im Badezimmer schrecken? Es bleiben viele Fragen unbeantwortet.

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Im Anstieg ca. 670 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 7,1 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Auferbauer (2000): Bergtourenparadies Steiermark: Alle 2000er vom Dachstein bis zur Koralpe. Verlag Styria, Graz.

Brandl (2003): Dachstein-Tauern. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

Frischenschlager  et al. (1996): Ennstal – Vom Dachstein bis zum Gesäuse. Wanderführer, Leopold Stocker Verlag Graz.

Hödl (2006): Bergerlebnis Schladminger Tauern. Steirische Verlagsgesellschaft, Graz.Leopold Stocker Verlag, Graz.

Holl (2005): Niedere Tauern. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Pürcher (2000): Erlebnis Ennstal, Schladminger Tauern, die schönsten Wanderungen und Bergtouren. Verlag Styria, Graz.

 

 

 

 

EPILOG

 

Bereits im Oktober 2008 habe ich diese Berge besucht. Die Gasselhöhe und das Rippetegg am 24.10.2008 und den Schober am 26.10.2008. Ich habe in diesen Tagen ein neuntägiges Fasten – Schweigen – Meditieren (ZA-Zen) Seminar besucht und bin an zwei Nachmittagen „desertiert“ um zu wandern. Die Runde war mir nach Tagen ohne Nahrungsaufnahme (strenges Teefasten) in einem Stück nicht möglich. Aber auf zwei Tage aufgeteilt sehr wohl. Sehr verlangsamt habe ich diese sonnigen Herbsttage besonders genossen.

 

Diesen Räumlichkeiten bin ich an zwei Nachmittagen entfleucht.

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Herrliches Herbstwetter.

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Auf dem Grat zwischen Gasselhöhe und Rippetegg.

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Gipfel Gasselhöhe (2001 m) am 24.10.2008.

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Der Schober mit seinem warzigen Krötenrücken.

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Gipfel Rippetegg (2126 m) am 24.10.2008

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Blick zur Hochwildstelle (2747 m).

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Der Spiegelsee spiegelt wirklich.

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Am 26.10.2014 bin ich langsam, sehr langsam auf den Schober gewandert – der hat mir keine Ruhe gelassen.

Im Ennstal gibt es immer noch Nebelreste.

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Ich wandere am Untersee vorbei.

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Der Herbst hat seinen eigenen Beleuchter mit.

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Blick zum Hochgolling (2862 m) wenn ich mich nicht täusche.

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Blick über das Rippetegg hinweg zu den Geißsteinen.

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Gipfel Schober (2133 m) am 26.10.2008

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Herbstlicher Tiefblick zur Reiteralm.

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FIN


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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.