Winterbefreite Spindelebenüberschreitung

Wieder einmal habe ich ein verbrauchtes Jahr gegen ein unbenutztes eingetauscht. Diesmal kam mir der Wechsel gar nicht gelegen, weil ich mich im alten Jahr doch sehr komfortabel eingerichtet hatte. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als mich mit diesem erzwungenen Zwangsumtausch ins Lebensbett zu legen und auf die glückliche Einförmigkeit meines Lebens wie im vergangenem Jahr zu hoffen.

Darum beginne ich das Jahr auch mit Altvertrautem. Eine Wanderung vom Neustifter Sattel über den langgezogenen Rücken des Schnabelberges nach Waidhofen/Ybbs.

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Meine Überschreitung beginnt am höchsten Punkt des Neustifter Sattels. Der sonst so  schitourenwillige Freithofberg zeigt sich in schitourenunwilligem Grün.

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Es ist kälter, als der blaue Himmel vermutel lässt. Um Bewegung schnell in Wärme umzuwandeln, eile ich die asphaltierte Straße zum Bauernhaus hoch. Gleich hinter dem Bauernhaus sind in traktorbreitem Abstand Pflastersteine gelegt. So kurz nach dem Jahreswechsel fällt mir bei dieser gepflasterten Spur ein altes Sprichwort ein: „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen (Absichten) gepflastert“.  Es ist die Übersetzung eines alten englischen Sprichwortes und lautet im Original: „The way to Hell is paved with good intentions“.

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Vor allem werden diese Vorsätze (Absichten) dann zur persönlichen Hölle, wenn man vergisst, Fugenabstände für die Unwägbarkeiten des Lebens zu lassen. So wie die Waschbetonplatten sich ohne Fugen aufrichten und den Weg ins Unpassierbare kehren würden, flögen einem die Dogmen der eigenen Vorsätze, so ehrbar sie im einzelnen sein mögen, früher oder später gehörig um die Ohren. Zum Fürchten finde ich jene Menschen, die mit unzerreißbaren Weltanschauungen in politischen Ämtern oder Kirchen sitzen.

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Meine Vorsätze sind wandelbar, denn eine kleine Abwechslung will ich jetzt doch. Die felsige, steil aufragende Lonegger Mauer möchte ich heute auch besteigen. Das ist Neuland, die habe ich bis dato nicht besucht. Rechts im Bild ist der steile Oswaldenkogel (927 m) zu sehen.

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Ohne Lonegger Mauer würde der Weg jetzt zum einsamen Baum in der Bildmitte führen und anschließend links zum Elmkogel weiterleiten.

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Gegenüber ist im Gegenlicht der Lindauer Berg (1084 m) mit Sender zu sehen.

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Ich halte mich aber rechts und kann über steiles Waldgelände und eine laubreiche, Drei-Meter-Stufe zum höchsten Punkt der Lonegger Mauer (ca. 840 m) hochklettern.

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Am felsigen Grat findet sich aber keinerlei Gipfelzeichen.

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Sträucher und Bäume verhindern gute Aussichten. Nur der Freithofberg (958 m) ist in seiner harmlosen bauchigen Rundlichkeit zu überblicken.

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Vorsichtig klettere ich wieder ab. Vor mir der bewaldete Weiterweg. Nur der niedrige Elmkogel ist hier nicht im Bild.

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Den Elmkogel kann man auch über die Wiesen unterhalb der Bewaldung umgehen. Es sind aber nicht viele Höhenmeter, und auch die Markierung führt über seinen „Gipfel“.

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Bevor ich wieder Waldgelände betrete, ein Blick zurück: links die soeben erkletterte Lonegger Mauer und rechts der Freithofberg.

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Obligatorisch und trotz Wildzaun im Bild unverzichtbar: Gipfelfoto Elmkogel (898 m).

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Der Weg führt steil am Wildgatter entlang, hinab zur Forststraße, welche den Elmkogel umrundet.

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Sanfthügeliges Mostviertel. Zur besseren Orientierung ist links der Sonntagberg mit seiner Basilika zu sehen.

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Der Weg führt mich über einen Wiesenanstieg und den daran anschließenden feuchten, steilen Waldsteig weiter.

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Über diesen besonnten, buchengesäumten Grat wandere ich fast bis zur Spindeleben.

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Dazwischen drängt sich mir noch eine Forststraße, für ein kurzes Stück, in den Weg.

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Oft und gerne von mir besucht: Spindeleben (1066 m).

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Völlig in Vergessenheit geraten ist die Aussichtswarte, welche 1890 vom Alpenverein auf der Spindeleben errichtet, und irgendwann vom Wind abgetragen wurde. Hier ein Foto aus dem Fotoarchiv der OEAV Sektion Waidhofen/Ybbs.

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Trotz des Sonnenscheins ist es mir zu kalt für eine längere Pause am Gipfel. Ich wandere am markierten Pfad auf einem leicht fallenden Steig in die Nordseite weiter.

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Jetzt finden sich ganz andere Bilder. Nass und kalt ist diese Seite des Berges.

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In wahrhaftig echten Wintern liegt lange ins Frühjahr hinein Schnee auf dem Weg. Sogar in diesem Winter schaffen es ein paar eingeschüchterte Schneereste, den Pfad zumindest anzufeuchten.

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Es ist diesig. Die Landschaft sitzt zwischen zwei Jahreszeiten, die sich über ihre Zuständigkeit nicht einig sind. Ist jetzt Winter oder bereits Frühling – oder gibt es eine neue Dazwischenjahreszeit? So ganz ohne Schnee und ohne Äußerung des Lebens?

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Der Redtenberggipfel liegt wie gefordert, ganz oben. Darum verlasse ich den Weg und steige wieder zum Grat hoch.

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Ich finde keinen echten Pfad vor, aber der Gratverlauf ist gut zu begehen. Vielleicht auch darum, weil er den Grenzverlauf zu Oberösterreich darstellt.

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Redtenberg (1028 m). In den älteren BEV Karten heißt er noch Rettenberg.

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Siebenhundert Meter nach dem Gipfel knickt der Grenzverlauf südlich ab und führt über das Weiße Kreuz (969 m) nach Oberland. Ich bleibe aber am Rücken, ignoriere wie das Wild die Revier- und Landesgrenzen und wandere ohne Abweichung unbeirrt weiter.

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Sogar zu echter Schneeberührung führt mich dieser Weiterweg. Damit habe ich nicht gerechnet. Aber nach nur wenigen Metern ist auch damit Schluss. Zwanzig Meter Winter müssen mir genügen. Am Ende des Schneefeldes stehe ich am…

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…Pantherkogel und blicke zur Hahnlreithwiese. Auf diesen Kogel zerrte noch in den siebziger Jahren ein Schlepplift Abfahrtswillige. Auf der großen Wiese vor mir werde ich zum Schnabelberggipfel weiterwandern. Aber zuerst muss ich weglos zum…

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…Hahnlreithkreuz absteigen. Bis hierher kann man sogar mit dem Auto fahren. Das wird von den Flugsportlern natürlich ausgenutzt, denn…

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…gleich oberhalb des Kreuzes befindet sich der Startplatz für Paragleiter und Drachenflieger. In früheren Jahren gab es hier sogar einen regen Segelflugbetrieb. Auch als Ausflugsziel und „Höhenkurort“ diente der Schnabelberg. Bei Kinderhusten verschrieben Ärzte zur besseren Gesundung und als kostengünstiges Hausmittel damals gerne Höhenluft. Somit konnte man oftmals mit anderen hustenden Kindern auf der Hahnlreithwiese Drachen steigen lassen oder selbst gebastelten Sperrholzfliegern beim Abstürzen zusehen. Und aus Pusteblumen wurden in solchen Sommern Husteblumen.

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Der Pantherkogel im Rückblick. Die abgebauten Liftanlagen fanden im nahen Schigebiet Forsteralm weiter Verwendung.

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Der Schnabelberg weist nur ein Vermessungszeichen auf. Auch hier findet sich kein Gipfelzeichen. Im Gegenteil, ein Zaun stellt sich hartnäckig zwischen Wiese, Wanderer und Gipfel. Diesen Zaun zu überklettern, ohne seinen Stacheln ein Hosenopfer darzubringen, ist heute meine größte Schwierigkeit.

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Kein Zaun verhindert ein Gipfelbildfoto am Schnabelberg (958 m) mit mir und meiner Hose.

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Auch hier wurde eine Aussichtswarte errichtet. Zwei Jahre vor der Spindelebenwarte, im Jahr 1888, errichtete der Touristenklub Waidhofen seine Warte samt Räumlichkeiten zur Übernachtung am Schnabelberg. Hier wieder ein Foto aus dem Fotoarchiv der OEAV Sektion Waidhofen/Ybbs.

Schnabelberg

Aussichtswarten lagen eindeutig im Trend, denn auch der Prochenberg erhielt in diesem Jahre seine Warte und Hütte. Vielleicht sind ja die vielen Jagdhochstände in den Ybbstaler Alpen Reminiszenzen an diese Zeit.

Ich bleibe am Rücken und „entdecke“ wieder einmal nicht verzeichnete Forststraßen. Wobei entdecken nicht das richtige Wort ist, denn seit ich auch an Schitouren Spaß finde, gibt es diese Straßen bereits. Sackgassenähnlich, bis zur ehemaligen Schipiste führt die Straße im Bild.

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Diese trostlose Schipiste wandere ich jetzt abwärts, statt im Geschwindigkeitsrausch und wilden Stemmbögen in die Kurven zu rauschen. Der Dichter Paulmichl berichtete einem Freund über den schneelosen Winter 2000 mit folgenden Worten: „In Prad kollert vom Himmelszelt kein Flockentaumel. Keine weiße Landschaft liegt bedeckt zum Stapfvergnügen. Die Landschaftshügel erstrahlen griesgrämig. Die Grasbüschel halten noch ihr Grünzeug beisammen. Der Schnee gedeiht uns nicht mehr“.

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Im oberen Drittel dieser ehemaligen Piste findet sich sogar ein „Gipfelbuch“ für Schitourengeher mit der Aufschrift: Lärchboden 847 m. Dafür, dass kein Schnee liegt, kann ich nichts, und darum trage ich mich trotzdem in das Buch ein.

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Die Farbe dieses Winters ohne Stapfvergnügen ist braun und braun und nochmals braun.

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Ich wandere an der Diensthütte der Bergrettung vorbei. Diese Hütte wurde 1967, in Zeiten der Hochblüte des Schigebietes Schnabelberg, errichtet.

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Jedes Jahr wird die Piste von freiwilligen, auf viele Schitouren hoffende Bergsportler, von allerlei Staudengewächsen befreit. Sisyphus lässt grüßen.

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Entlang der Stromtrasse, auf dem üblichen Aufstiegsweg der Schitourengeher, wandere ich die letzten Meter in die Zivilisation bergab.

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Unter der Eisenbrücke der Rudolfsbahn wartet mein Auto auf mich. Diese Eroberung des Nahen, an der Nahtstelle zwischen zwei Jahreszeiten, wird in meinen Wandererinnerungen sicher einen besonderen Stellenwert einnehmen. Das Abweichen vom Üblichen und Vorhersehbaren ist in der Erinnerung meist am Nachhaltigsten. Dieser kraftlose, schneefreie Winter ist so ein absurdes Abweichen – hoffentlich.

Im darauffolgenden Jahr (2015) ist mir dann doch eine Schitour auf den Schnabelberg geglückt.

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Im Vorjahr habe ich dieses Foto (Oswaldenkogel) gemacht. Über den Großgschnaidtgraben sieht man im Vordergrund die Lonegger Mauer spitzig aufragen. Dahinter ist der runde, stumpfe Elmkogel gut zu erkennen. Aus dem grünen Sattel in der Bildmitte sieht man den Anstieg zur Spindeleben und dahinter noch den bewaldeten Rücken mit dem Schnabelberg hervorschauen.

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Im Anstieg ca. 745 Hm, im Abstieg 1070 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 12,8 km.

Senf dazu? Sehr gerne

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Heitzmann, Harant (1996): OÖ-Voralpen. OeAV-Führer, Ennsthaler Verlag, Steyr.

Lenzenweger (2009): Eisenwurzen, Nationalpark Kalkalpen. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

Maier (2006): Waidhofen a. d. Ybbs, Spuren der Geschichte. Magistrat der Stadt Waidhofen/Ybbs.

Pöll (1979): Zwischen Sonntagberg und Ötscher, 40 Rundwanderungen. Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten.

Steffan/Tippelt (1977): Ybbstaler Alpen. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.