Zuerst staunen in der Eiskapelle und danach aufs Steyreck (1592 m)

Heute zieht es mich wieder an die Ostseite des Sengsengebirges. Nach einer Schitour auf den Mayrwipfel und einer Schitour aufs Steyreck, will ich mit Reinhard den Eiskeller des Steyrecks besuchen. Eine Wanderung auf unmarkierten Pfaden zu einem kleinen Naturwunder.

Was die drei Mädels mit dieser Wanderung zu schaffen haben und wie sie einen Gipfelerfolg verhindern, entdeckt sich erst am Ende des Blogeintrags.

Auch werden blumengleich die Musikerinnen Marie-Theres Härtel, deeLinde und Magdalena Zenz die einzigen Farbtupfer in diesem Blogeintrag bleiben.

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Netnakisum Foto © Julia Wesely

Diesmal können wir mit dem Auto bis zum Parkplatz am Haslersgatter fahren. Selbst unsere eigenen Schritte im Straßenschotter erreichen nur gedämpft unsere Ohren. Die Landschaft ist von einem lautlosen Tuch überspannt, und darunter fühlt es sich nicht einmal kalt an.

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Wir wandern die Forststraße in Richtung Größtenberg entlang. Wir flanieren in einen leeren Raum hinein, den wir zuerst nur mit uns allein anfüllen. Erst allmählich entstehen die Bäume, an denen wir vorbeigehen. Erst mit unseren Schritten bekommen die Felsen und Bäume Konturen, die sie wenig später sogleich auch wieder verlieren.

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Fast augenerschreckend im Fahlschatten ist die dunkelgelbe Dotterkraft der Hahnenfußgewächse entlang des Rumplmayrbachs.

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Achtsam suchen wir nach dem Ziehweg, den wir für unser richtiges Fortkommen benötigen. Er findet sich ganz einfach und ist nicht zu übersehen. Wie graue Minileuchttürme lotsen uns hilfreich viele Steinmännchen durch den Nebel. Wir machen aus unserer Anwesenheit kein Geheimnis, denn das gelegentliche Schnäutzen von Reinhard ähnelt einem Schiffshorn im undurchdringlichen Grau.

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Die Pfadspuren sind einmal sichtbar und dann wieder nur ahnbar. Der Weg steigt immer leicht an. Wenn man lange im Nebel wandert, verwirrt sich die Orientierung allmählich. Uns befällt ein ungreifbares Gefühl, so ein verwehtes Unsichersein ob der Richtigkeit des Weges.

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Die glitschige Nebelnässe macht die Tour streckenweise anspruchsvoll. Vor allem zieht der Steig jetzt in steile Schrofen. Wir ermahnen uns gegenseitig zur Vorsicht. Fast hundert Höhenmeter steigen wir jetzt wieder ab.

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In einer steilen Kehre wendet sich der Weg noch wenige Meter in die Tiefe,…

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…und wir stehen einigermaßen überrascht vor der Höhle. Beim Anblick des dreiseitigen Höhleneingangs muss ich laut lachen und versuche Reinhard diesen…

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…Gary Larson Cartoon zu erzählen:

Bären

„Okay, noch ein Mal aber dann geht’s ab ins Bett“: „Hey Reinhard. Meinst du, in der Höhle gibt es Bären? Ich weiß nicht, Peter. Sehen wir halt mal nach…..“ © Gary Larson, The Far Side.

Auch wir tragen heute Schirmkappen, und ich krieg mich vor Lachen überhaupt nicht mehr ein. Reinhard muss seine ganze Autorität aufbringen, um mich wieder ruhig zu stellen. Mit tränengeröteten Augen holen wir unsere Stirnlampen aus den Rucksäcken und nähern uns neugierig der Höhle.

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Es dauert ein wenig, bis sich unsere Augen an das nebelwadernde Halbdunkel gewöhnen. Aber die meterhohen Eissäulen fesseln sofort unsere Aufmerksamkeit. Nach wenigen Fotos, die den Nebel ins Bild bringen, aber sonst nur wenig zeigen, drehe ich den Blitz ab und…

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…bekomme einwandfreie Bilder.

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Wie die Reste einer eisigen Akropolis, eines frostigen Pantheons, ragen Eissäulen zur Decke.

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Am Boden finden sich die Reste bereits eingestürzter Säulen. Aufwändig gestaltete Sockel und Postamente…

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…sowie filigran gestaltete Kapitelle.

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Heitzmann schreibt in seinem OEAV Führer über diesen Ort: „Eiskapelle 1314 m, domartige Eishöhle in der felsigen O-Flanke des Steyrecks, ca. 100 m lang, 15 m hoch und 40 m breit; je nach Witterungsverhältnissen schöne Eisbildungen (beste Zeit Anf. Juni!).“

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Das mit der besten Zeit im Juni stimmt in diesem Jahr sicher nicht. Zu warm war es in den letzten Wochen, und diese gläserneisigen Gebilde werden in allzukurzer Zeit so aussehen:

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Früher im Jahr könnte allerdings der Zugang ein Problem darstellen. Bei Schneeresten im steilen Gelände schätze ich den Zustieg unangenehm und gefährlich ein.

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Viel länger, als es die wenigen Fotos vermuten lassen, bleiben wir in der Eiskapelle. Der riesige Raum fasziniert uns einfach. Im rechten Eingangsbereich der Höhle, soll sich in einer Felsnische eine Statue des Hl. Antonius und auch ein Höhlenbuch befinden. Davon wussten wir zum Zeitpunkt unserer Tour noch nicht.

Weil Magenknurren hier viel dringlicher klingt , machen wir uns dann doch auf den Weg. Jause gibt es erst am Gipfel.

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Das steinig, erdigsteile Stück bei der Höhle wieder bergan, wandern wir ein Stück zurück.

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Etwa nach hundert Metern finden sich Hinweise und Steigspuren zum unmarkierten Steig aufs Steyreck (1592 m).

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Auch hier sind wieder die Steinmännchen wichtige Orientierungshilfen.

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Weil er vor uns nicht flüchtet, kann ich den Nebel greifen. Weich und weiß wie Vogelflaum spürt er sich an.

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Bei meinen keuchenden, schnaufenden Aufstiegsgeräuschen fällt Reinhard außerschulische Lyrik, schüttelgereimtes aus längst vergangen Tagen, wieder ein: „Hinter einem Schnurhaufen hört ich eine Hur schnaufen“,  oder „Neulich unter den Korkeichen hört ich ein Liebespaar org keichen.“

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Ohne ausgeschnittene Latschengasse fände man hier kein Weiterkommen. Ein Dankeschön an die unbekannten Instandhalter.

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In den mannshohen Latschen wird erst wenige Meter vorm Gipfel das kleine Kreuz sichtbar.

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Steyreck (1592 m). Mittlerweile sind wir hoch bierbedürftig und verweilen für lange Zeit in der nachwinterlichen Kühle am Gipfel.

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Bei meiner Schitour im März glich die Aussicht auf den Pinselstrich…

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…exakt der heutigen. Ungewöhnlich ist nur, dass der gelegentliche Gipfelschläfer Reinhard zum Aufbruch drängt.

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Der Schnee ist fort, der Nebel ist geblieben.

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Wie schon bei meiner Schitour im März wollen wir über den langgezogenen Rücken zur Mayralm wandern. Anfänglich finden sich noch Steinmännchen und Pfadspuren, die verlieren uns aber bald.

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Wir steigen ein Stück ab, und ich glaube, dass wir uns schon in der Senke zwischen Mayrwipfel und Steyreck befinden. Wie in einem nebligen Fieber zieht es mich immer in Richtung Osten.

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Mein Diskutieren mit Reinhard fruchtet zum Glück nicht. Meine Winterbesteigung zählt jetzt gar nicht, denn schneelos ist die Landschaft jetzt eine ganz andere.

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Bei der Mayralm…

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…komme ich dieses Jahr schon zum drittenmal an:

14.03.2015 Schitour in Klein-Kanada auf das Steyreck (1592 m)

14.02.2015 Mayrwipfl (1736 m) – Frühlingsschitour im Februar

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Von der Mayralm ist es nicht mehr weit zum nächsten Gipfel. Der Hahnbaum (1453 m) ist bloß einen knappen Kilometer entfernt. Auffällig ist nur, dass ich Reinhard gerade so, mit großer Mühe, zu diesem Bonusgipfel überreden kann.

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Nur halbherzig ist er dabei. Immer wieder sieht er auf die Uhr und bleibt dann stehen. Es geht sich nicht aus, sagt er endlich.

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„Das Konzert, ich habs dir doch gesagt, und ich will noch etwas essen und muss mich noch duschen, und ich will nicht zu spät kommen“ sagt Reinhard einigermaßen bestimmt zu mir.

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Dass er im Konzert dieser Damen geduscht in der ersten Reihe stehen will, wird jeder Leser verstehen. Ob er meinem Parfümtipp („Adventure“ von Davidoff) folgt, weiß ich natürlich nicht.

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Netnakisum Foto © Julia Wesely

Somit bleibt dem Hahnbaum unser ungeduschter Besuch erspart, und wir wandern zurück zur Mayralm…

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…und den engen Ziehweg…

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…hinab, zurück zum Auto.

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Ich beende den Tag in der Badewanne und Reinhard bei einem Konzert wie diesem:

Einen Besuch der Eiskapelle möchte ich schon empfehlen, nur ganz unproblematisch ist die Wegfindung nicht. Auch das steile Schrofengelände birgt Anforderungen. Das Sengsengebirge mit dem angrenzenden Reichraminger Hintergebirge hütet noch viele sehenswerte Überraschungen, und ich freue mich jetzt schon auf meinen nächsten Besuch.

Im Anstieg ca. 745 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 11 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Heitzmann, Harant (1996): OÖ-Voralpen. OeAV-Führer, Ennsthaler Verlag, Steyr.

Heitzmann, Harant (1999): Reichraminger Hintergebirge (Neuauflage) Ennsthaler Verlag, Steyr.

Stoderegger/Zehetner (2012): Schitourenführer Phyrn – Priel. Verlag Kilian, Vöcklabruck.


Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region Sengsengebirge (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.