Tat und Zweifel am Admonter Reichenstein

Ich bin eher so der Typ fürs Horizontale (bitte jetzt nicht falsch verstehen), und mein heutiger Bergpartner hat es mehr mit der Vertikalen. Also treffen wir uns, wie es sich für zwei kultivierte Mitteleuropäer gehört, kompromissbereit  in der Mitte. Dort befindet sich, unserer laienhaften Einschätzung nach, der Admonter Reichenstein. Diese Mitte ist aber mehr auf seiner Seite, wie sich noch herausstellen wird.

Stefan hat sich im Winter sein Kreuzband im rechten Knie gerissen und auf die nicht operative Methode gesetzt. Diese Tour heute ist sein erster Versuch seit 6 Monaten, wieder einen Berg zu besteigen, aber viel wichtiger noch: auch wieder abzusteigen. Also wird dieser Trip insgesamt eine spannende Ganz-Körper-Kopf-Herausforderung.

Um die Auf- und Abstiegsmeter nicht zu übertreiben, fahren wir die Mautstraße bis zum vorgesehenen Parkplatz. Stefan ist begeistert. Ja, auch das Aufblitzen der weißen Wände des  Reichensteins durch die Bäume gefällt ihm, aber sein Highlight ist jetzt die Tafel mit dem Hirter Bier!

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Dieser Anblick des „kleinen Gesäuses“ zählt sicher zu den großartigsten in den auch sonst so bildmächtigen Ennstaler Alpen. Schwanda meint in seinem Gesäusebuch: „Man kann in den Ostalpen weit wandern, bis man so eine faszinierende Berggestalt wie den Reichenstein mit seinen Trabanten findet“.

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Historisches in Kurzform: Erstbesteigung evtl. bereits 1850, aber erste belegte Besteigung am 23.7.1873 (Frischauf/Juraschek/Krachler vlg. Spreitz). 1877 markierten Geyer Georg und Johann Frischauf den Normalweg mit roten Punkten und setzten, mittlerweile längst verrostete, Eisenstifte. Am 29. Juni 1885 verunglückten die Bergsteiger Herzmann und Kupfer aus Wien (erster Bergsteigerunfall im Gesäuse).

Die Erstbesteigung des Totenköpfels erfolgte am 29.6.1884 (Fischer). 1929 wurde die Goferhütte und 1914 die Mödlinger Hütte errichtet.

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Wir wandern langsam an der Mödlinger Hütte und dem dahinter liegenden Treffner See vorbei, übers Bürgl…

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…zum Heldenkreuz (1630 m). Auch wenn nicht die Absicht besteht, den Reichenstein zu besteigen, möchte ich eine Wanderung bis zum Heldenkreuz nilpferdschwer empfehlen.  Eingebettet zwischen den Kalkwänden der Hochtorgruppe und dem Reichenstein mit der Mödlinger Hütte auf dem Rücken zum Spielkogel (1731 m), wandert man in der Kulisse einer großartigen Bühne.

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Stefans Knie geht es (Doppelsinn ist zutreffend) ganz leidlich, aber er denkt jetzt schon an den Abstieg – wenn der wüßte…

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Rostrotes Moos über grünen Rasentupfen im weißen Kalkstein.

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Vor uns eilt ein Pärchen mit Kind zum höchsten Punkt der Pfarrmauer weiter. Deren Ziel ist sicher die Kletterei zum Totenköpfl (2184 m).

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Wir kommen zum Stecken-wegsteck-Platz und Helm-aufsetz-Punkt. Der Pfad quert einfach ungeniert ins Steile hinein. Spannend.

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Gott sei Dank wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht um mein Aussehen.

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Ich lasse Stefan den Vortritt, und wir tasten uns schön langsam warm…

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An dieser Stelle wurden die Leichen von Herzmann/Kupfer gefunden. Das macht schon etwas mit einem. Wie ergeht es da einem Höhenbergsteiger, der an Leichen verunglückter Bergsteiger vorbei muss?

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Nach der ersten einfacheren Querung  im rasendurchsetzten Schrofengelände überqueren wir die erste Hangrippe und gelangen zur zweiten, schon etwas schwierigeren.

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Die plattige Rinne vom Totenköpfl herab fordert weiterhin unsere ganze Aufmerksamkeit.

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Hinter dieser Felsnase verbirgt sich die Querung mit der Herzmann-Kupfer-Platte.

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Es handelt sich durchwegs um unangenehmes Gelände. Hätte dieser Berg nur ein paar II-er Kletterstellen im festen Fels, wäre mir das lieber, aber was soll`s, hätte, hätte… Fahrradkette!

Blick zurück.

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Stefan ist in diesem Stück der „Primoballerino“ und muss darum als erster auf die Bühne. Ich werde sein Tänzchen einfach eins zu eins nachtanzen.

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Mit großer Ruhe lehnt er sich in die Wand, und irgendwie schaut es bei ihm kinderleicht aus. So leicht ist es für mich dann aber nicht, den richtigen Griff und besten Tritt zu finden.

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Wir haben diese unangenehme Abwärtskletterei ohne große Probleme gemeistert. Der Rückweg sollte bergauf einfacher zu klettern sein. An der ersten Stelle, an der ich die Hände vom Berg nehmen kann, mache ich gleich einmal ein Foto.

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Schritt für Schritt bin ich ganz auf mein gesundes Fortkommen konzentriert, und ich habe die ganze Zeit auf den Modus „Unitasking“ geschaltet.

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Wir erreichen das Schartl und staunen die große Südschlucht hoch. Da müssen wir jetzt hinauf, oder wir lassen es bleiben. Wir blicken uns wie Schafe vor der Schur an und ergeben uns unserem Schicksal.

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Hier finden sich Tat und Zweifel in einer Aktion.

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Nicht die vielzitierte Herzmann-Kupfer-Platte (II), sondern der nun beginnende Aufstieg im durchgehenden I-er Gelände bereitet uns Bauchschmerzen.

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Bei erhöhter Steinschlaggefahr steigen wir auf. Es befinden sich andere Kletterer bereits im Abstieg, und trotz deren Vorsicht poltert immer wieder loses Gestein in die Schlucht.

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Blick zu Totenköpfel Südgrat. Links der Bildmitte sieht man gerade noch erkennbar, die zu Beginn erwähnte Familie mit Kind beim Abseilen.

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Der Aufstiegsweg weist als einziges Zugeständnis an den heutigen Besteiger rote Farbpunkte zur Orientierung auf. Sonst will dieser wunderbare Berg so erstiegen werden, wie vor hundert Jahren. Heß schreibt in seinem Führer: „So ist dieser schöne Berg nach allen Seiten mit einem Gürtel von Schwierigkeiten gewappnet, die es der großen Zahl der Bergwanderer verwehren, die stolze Zinne zu betreten…“ weiters schreibt er die entscheidenden Worte zur Besteigung dieses Berges: „Hier wechseln mit den Wandstufen überaus steile, z. T. mit Rasen bedeckte Hänge, und in deren Erklimmung liegt mehr als in der Überwindung der Kletterstellen die Schwierigkeit und Gefährlichkeit der Ersteigung dieses Berges“.

Ganz gegen den Zeitgeist wurde dieser kühne Berg nicht mit Eisenleitern und Seilversicherungen kastriert und zum „Berg-Eunuchen“ gemacht, obwohl dies sicher im Interesse der Betreiber der Mödlinger Hütte wäre.

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Sobald sich der Aufstieg in die Westschlucht dreht, haben wir das gefährliche Gelände hinter uns. Bis zum Gipfelkreuz finden wir jetzt Gehgelände vor.

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An der geballten Faust von Stefan kann ich seine Erleichterung erkennen.

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Auf einem der schwierigsten, formschönsten Gipfel des Ennstales. Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Admonter Reichenstein (2251 m).

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Links ist die Graszunge, welche zum Kalblinggipfel (2196 m) leckt, gut zu erkennen. In der Bildmitte ist der wuchtige Gipfelaufbau des Sparafeldes (2247 m) mit kleinem Kreuz zu sehen. Vom Sparafeld fällt der Berg steil in die Wildscharte ab.

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Nochmals gezoomt. Riffelspitz (2106 m) und Kreuzkogel (2011 m) werden vom Kalbling verdeckt.

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Das Wetter erlaubt nur Fotos von der unmittelbaren Umgebung: Großer Buchstein (2224 m), Tieflimauer (1820 m) und Tamischbachturm (2035 m).

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Die gesamte Hochtorgruppe von Westen, und rechts ist auch noch der Hochzinödl (2191 m) gerade noch zu erkennen.

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Die nördlichen Abbrüche.

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Der Lahngangkogel (1778 m). Bei seinem Anblick erinnere ich mich an eine wundersame  Schitour. Ich verschätzte mich bei der Abfahrt derart, dass ich, statt auf der Oberst-Klinke-Hütte anzukommen, in Trieben „angspült“ wurde.

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Nachdem Stefan seinem Knie die hochverdiente und auch schon hochnotwendige Ausstreckpause gewährt hat, denken wir mit Schaudern an das Undenkbare. Den Abstieg.

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Der Steinbrech kann mir jetzt auch nicht helfen. Mir hilft jetzt nur, woran ich mich auch festhalten kann.

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Nachdem wir wieder an der tiefen Doline vorbei sind, beginnt der Ernst des Abstieges.

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Und gerade jetzt fällt mir ein Satz aus dem Gesäuseführer von Willi End ein: „Gestein nicht immer verlässlich.“

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Die Schlüsselstelle nach dem Quergang mit der Herzmann-Kupfer-Platte ist dieser knapp vier Meter hohe Riss – vor allem im Abstieg. Da heißt es im Aufstieg sehr aufmerksam auf die möglichen Tritte achten, um diese dann im Abstieg mit den Zehenspitzen, ganz ohne Blickkontakt, zu finden.

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Dieser Riss wird jetzt von nachkommenden „Wanderern“ begutachtet.

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Der Abstieg gestaltet sich spannend und gleichzeitig beänstigend. Hauptsächlich beängstigend, aber irgendwie gewöhnt man sich daran.

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Wieder im Schartl atmen wir kräftig durch. Es ist ein Wunder, dass Stefans Knie das alles mitmacht.

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Diese festen Platten sind das reinste Bergwanderer-Erholungsgebiet im Gegensatz zu der schrofigen, grasdurchsetzen, gefährlichen Südschlucht.

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Ja da schaust, lieber Stefan, was man alles mit einem nicht operierten Knie zustande bringen kann. Chapeau!

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Ein letzter Blick zurück zu unseren Nachfolgern…

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Wir, Jünger der Leichtfertigkeit, wieder enthelmt und voller Freude über diese kühne Tour.

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Es breitet sich schon Abendlicht über den Treffner See. Wir waren heute nicht die Schnellsten, aber Eile ist in diesem Gelände auch nicht wirklich angesagt.

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Mit Stefan ist der denkbar beste Begleiter für solch eine Tour an meiner Seite geklettert. Ohne seine Hilfe beim Klettern wäre ich diesen Berg vielleicht hinaufgekommen, aber bestimmt nicht wieder herunter.

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Solche Touren an der Grenze der eigenen Möglichkeiten sind für mich persönliche Sensationen, die mein Leben mächtig bereichern. Manchmal muss ich einfach aus der eigenen Komfortzone gejagt werden, um danach umso dankbarer wieder dahin zurückzukehren.

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Es ist vollbracht. Mit unseren letzten Beinen kommen wir zum Vauwe und treten die Heimreise an.

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Im Anstieg ca. 1025 Hm und zurückgelegte Strecke ca. 11,7 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

End (1988): Gesäuseberge. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Gschwandtner et al. (1997): Licht und Schatten im Gesäuse 100 Jahre Bergrettung. Eigenverlag Alpiner Rettungsdienst Gesäuse, Admont.

Heß/Pichl (1966): Gesäuseführer. Verlag Adolf Holzhausens Nfg., Wien.

Heitzmann, Kren (2002): Gesäuse Nationalpark & Ennstaler Alpen. Steirische Verlagsgesellschaft, Graz.Heitzmann (1989): Gesäuse. Landesverlag, Linz.

Kren (2011): Tourenbuch Gesäuse Wege, Hütten, Gipfel. Schall Verlag, Alland.

Schwanda (1990): Das Gesäuse: Von der Alpenstange bis zum VII. Grad. Bergverlag Rother, München.

 


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