Unwiderstehliche Lockstofffallen in Waidhofen/Ybbs: Atschreith – Witkogel – Grasberg

An diesem wunderwarmen Spätsommer-Tag wollen wir eines des schönsten, verstecktesten und hochabgelegensten Wald- und Wiesenviertel Waidhofens besuchen. Nazis, Rothschilds, Neobionten und Thrombosen kommen in diesem Tourbenbericht auch noch vor. Wie das zusammengeht, kann man hier nachlesen:

Wir überschreiten mit Rucksäcken und guter Laune die Schwelle unserer Wohnung und ziehen los. Über die Weitmannbrücke, am Schaukraftwerk Schwellöd vorbei, zur kleinen…

…Bahnstation Kreilhof. Die war bereits zweimal Ausgangspunkt für Wanderungen in diesem Blog. Einmal bei der Abschieds-Schienenwanderung nach Ybbsitz und einmal bei der Schitour auf den den Glatzberg. Gleich nach dem Miniaturbahnhäuschen wandern wir an den Schienen entlang.

Dabei kommen wir an einem neu errichteten Fußballfeld vorbei.Vermutlich wird keiner der jungen Fußballer am Rasen wissen, dass in den dreißiger Jahren im Gelände oberhalb des Feldes mutige Burschen in weiten, pludernden Keilhosen, heftig mit den Armen in der Luft rudernd,…

…auf einer der größten und besten Skisprunganlagen Österreichs bis zu 60 Meter weit gesprungen sind. Auf diesem Foto sind Reste dieser Anlage (um 1970) zu sehen.

Stadtarchiv Waidhofen/Ybbs

Wir verlassen die Bahngleise und biegen in den Teschengraben ein. An lauschigen alten Gebäuden…

…mit friedvoll gestalteten Details vorbei,…

…wandern wir ein Stück die asphaltierte Straße bergauf.

Bald schon, nach diesen Holzstoß-Schönheiten,…

…verlassen wir die Asphaltstraße und gehen am markierten Weg weiter.

Dieser Weg führt uns in ein altes, schon im 11. Jahrhundert durch Rodung nutzbar gemachtes dichtgrünes, hoch gelegenes Mostviertel.

Wie Kinder erfreuen wir uns an den Kastanienbäumen…

…und dem Glanz von frisch aus ihrer Stachelschale geschlüpften Kastanien und ihrem herrlichen Duft.

Der Ziehweg mündet auf einem kleinen Hochplateau (600 m) bei diesem Marterl wieder in die Straße ein. Hierher, und noch ein Stückchen, weiter kann man mit dem Auto fahren. Gegenüber befindet sich das 1912 von Louis Rothschild errichtete Jagdhaus. Das Rothschild’sche Forst- und Jagdgut auf Atschreith umfasste nach der Jahrhundertwende zirka 1.100 ha.

Von den Nationalsozialisten und den vielen Mitläufern, wurde Louis Rothschild enteignet, vertrieben und das Land ins Verderben gestürzt. Indirekt diente diesem unglücklichen Zweck auch eine Konferenz hochrangiger Nazis, die 1943 im Jagdhaus stattfand. Daran teilgenommen haben unter anderem Generaloberst Heinz Guderian, Rüstungsminister Albert Speer und Prof. Ferdinand Porsche. Auch andere Nazigrößen verbrachten mit ihren Familien ganze Wochen in Atschreith – und erregten gelegentlich gehörigen Ärger bei der Bevölkerung. Polizeiinspektor Pitzel bemerkte über die Frau des zu Gewaltexzessen neigenden Reichsforstminister Friedrich Alpers: „Seine Frau ging wahrlich nicht mit gutem Beispiel voran und führte einen Aufwand, der andere ins KZ gebracht hätte. (…) Sie ließ sich wöchentlich zweimal mit dem Auto zum Friseur führen – die Ärzte und die Rettungsstelle vom Roten Kreuz hatten kein Auto mehr – Lebensmittel, Wein und Obst in Massen wurde wöchentlich mehrmals mit dem Luxusauto aus Wien oder der Wachau geholt.“

Noch makabrer werden diese Erinnerungen des Polizeiinspektors, wenn man weiß, dass Alpers zwei Jahre zuvor in die Planung der Hungerpolitik beim Unternehmen Barbarossa involviert war: „Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird.“

Nach Kriegsende hatte Louis Rothschild Anspruch auf Restitution seiner Liegenschaften. Er verzichtete jedoch darauf und ließ Atschreith in einen Pensionsfonds für seine ehemaligen Angestellten einbringen. Vorbehalten hat er sich jedoch ein  lebenslanges Wohnrecht für sich und seine Gattin Hilde. Dieses Wohnrecht ist für jemanden, der in der ganzen Welt zu Hause war, ziemlich ungewöhnlich, denke ich mir, aber vermutlich mochte Louis Rothschild Atschreith sehr –  ich kann das gut verstehen, und nicht nur ich:  Der Unternehmerfamilie Umdasch (Doka Schalungstechnik, Ladenbau) dürfte es nicht anders ergangen sein. Bereits 1955 trat die Amstettner Familie in Erscheinung. Nach einem langjährigen Jagdpachtvertrag kaufte KR Josef Umdasch 1976 das Jagdhaus als Gästehaus der Firma Umdasch und ließ das Gebäude sukzessive generalsanieren. Sogar ein Hallenbad wurde in den Berghang gegraben. Mittlerweile befindet sich das Jagdhaus im Privatbesitz der Familie Umdasch.

Ein reichlich befiederter und wohlgenährten Wetterhahn thront auf dem Dach dieses herrschaftlichen, geschichtsträchtigen Gebäudes. Sein Hahnenschrei wäre bestimmt  ein Trompetenstoß und kein hustendes Krächzen wie’s ein spindeldürrer, aus dünnem Blech gepresster Hungerleider zustande brächte.

Dem Jagdhaus gegenüber steht seit 1305 dieses Gebäude am Fuße des Eibenberges (779 m). Das hat ein Wiener Neurologe erworben und wiederhergestellt.

Gleich nebenan steht noch ein bewohntes, wunderbar gepflegtes Bauernhäuschen…

…mit herrlichen Ausblicken.

Im Gegenlicht lässt sich unser Ziel erahnen.

Am Witkogel befand sich das Gehege der 1920 eigens aus Korsika und Sardinien importierten Mufflons. Aus dem Gatter sind jedoch auch immer wieder Tiere entkommen oder besser gesagt: sie haben sich selbst ausgewildert. Und deren Nachkommenschaft bevölkert heute noch Atschreith. Obwohl sie sehr scheu sind, gibt es bisweilen überraschende Begegnungen mit dem schönen Muffelwild. Es werden schon so an die fünfzig Tiere sein, die hier jetzt beheimatet sind.

Zur Aufbesserung des Rotwildbestandes wurden auch Hirsche aus Ungarn ausgesetzt und eingekreuzt. Noch heute fallen deren Nachkommen durch höheres Körpergewicht offenkundig auf. Auch ohne Jagdschein erschließt sich mir der besondere Wert dieses Reviers.

Schon wieder gehen wir an einem Breitpfeilerbildstock vorbei. Selbst für das Mostviertel ist die Anzahl der Bildstöcke und Marterln bemerkenswert. Auf einem Kilometer Wegstrecke finden sich gleich vier Bildstöcke – und zu unserem Magenglück noch mehr Obstbäume.

Jetzt wird uns jeder Baum zur Verpflegungsstation: Nüsse und…

…Mostbirnen und…

…bis zur letzten Süße gereifte Zwetschgen. Und weil Zwetschgen sehr schwer zu reimen sind, gibt es fast ausschließlich Gedichte über Pflaumen.

Um diese herrlich weichen, blau-lila-schwarzen kleinen Eier zu würdigen, wäre ein Pflaumengedicht in einer Mostviertel-Tourenbeschreibung jedoch ein sprachliches Kuckucksei. Darum braucht es schon einen Wortkreationisten wie Ernst Jandl und seinen verwurbelt wunderbaren Zugang zum Leben, um die in dieser Gegend  vorherrschende katholisch-obstliche Gemengelage…

…in einem Gedicht miteinander zu verbinden.

Auch wir bezwetschkigen uns und wandern andächtig kauend weiter. An alten Obstbäumen und Herbstkrokussen gehen wir vorbei…

…zum Steinbruch. Bis hierher ist die Zufahrt mit dem Auto gestattet. Danach versperrt ein Schranken die Straße, und jetzt geht’s für alle zu Fuß weiter. Das stimmt jetzt nicht ganz. Hier führt auch eine der wenigen genehmigten Mountainbikerouten bis zum Rabenstadel hoch.

Das ist der Bildstock am Holzerbauern Kreuz (680 m). Hier mündet die Forststraße aus dem Weißenbachgraben ein, hier führt der markierte 08er in Richtung Grasberg (den werden wir heute noch wandern) und in Richtung Rabenstadel, weiter zur Amstettnerhütte, vorbei. 

Das meinen die sicher nicht ernst. Diesen Tafeltext lässt sich der Bundesforste-erfahrene-Wanderer auf der Zunge zergehen: Die ÖBf begrüßen Wanderer und Mountainbiker mit „Herzlich Willkommen“! Der Tafeltexter hatte zweifellos ein gröberes Drogenproblem und wurde bestimmt schon entlassen.

Wir wandern die Forststraße hoch. Die markierte Abzweigung (08er Weitwanderweg) in Richtung Hochseeberg und Amstettnerhütte lassen wir rechts liegen. Dort oben befinden sich auch die Hochweiden. Einen Blogeintrag samt Narzissenwiese gibt es hier: Narcissus poeticus und Bufo bufo. Ein winterlicher Eintrag findet sich hier: Schneeschuhpremiere Atschreith.

Blick aufs Rothschild Jagdhaus – mir kommt es so vor, als wären wir gerade noch vor wenigen Minuten davor gestanden.

Und dort, wo die Forststraße einen scharfen Rechtsknick in Richtung Rabenstadel macht, gehen wir gerade aus. Die Baumgruppe vor uns verhindert den Blick auf den früheren Standort des Bauernhauses,…

…wie er auf diesem Foto noch möglich war.

Seit 1305, als Schillingsreith oder auch Kleinberg bezeichnet, erlebte es ab 1985 seinen schrittweisen Abbruch durch die Bundesforste.

Stadtarchiv Waidhofen/Ybbs

Jetzt erinnern nur noch diese alten Obstbäume an den Standort des Bauerngutes.

Hierher wandern nur wenige, ob in solcher Stille gewachsene Zwetschgen besser schmecken?

Wir steigen gleich die geringen Waldmeter zum Gipfel hoch.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Witkogel (830 m).

Wieder zurück auf der Wiese, fallen wir ins Gras und genießen die Aussicht: Vor uns ein Berg, der für Waidhofen/Ybbs so bildbestimmend ist und auf den dennoch nur wenige Stadtbewohner jemals einen Fuß gesetzt haben. Eine mögliche Besteigungsvariante findet sich hier im Blog: Eibenberg.

Die Sonntagbergbasilika ist der letzte Blickfang in nördlicher Richtung. Dahinter verschwimmt die Landschaft im blaugrauen Dunst.

Blick auf den Glatzberg. Unsere heutige Wanderung wird uns noch seine Südseite entlang führen.

Blick auf die grünen Großartigkeiten in der Nähe und auch in der Ferne. Im Gras ruhend stellt sich innere Bewegung ein. Denn diese Wanderung war ein Vorschlag Gabrieles, und ich weiß, dass sie als Tröstung für mich gedacht ist, weil ich diesen Balsam gut gebrauchen kann:

Vor wenigen Tagen ist mir wieder einmal völlig unerwartet, unverdient und durch nichts als meine genetische Veranlagung verursacht, wie aus der dunklen Tiefe des Meeres hochsteigend, eine Thrombose passiert. Beim Schnorcheln, über einem Riffdach in der Strömung schaukelnd, im Roten Meer bei El Quseir, mitten in einer Bewegung.

Ich glaubte ja zuerst an einen Doktorfisch, der mich neugierig erkundend in den Unterschenkel zwickt. Aber nein, so spielerisch vergnügt war es leider nicht.

Vielmehr ist es so unnötig, wie ein eingewachsener Zehennagel, ein Kropf, Warzen am Daumen oder Haare auf dem Rücken – nur etwas gefährlicher. So oder so eine körperliche Misere, die kein Mensch brauchen kann. Dieser letzte Anlass (es war jetzt nicht mein erster) beschert mir die übliche Strumpf- und Spritzenkur und das, was ich immer zu verhindern gehofft hatte: Eine lebenslange Medikation mit einem Blutgerinnungshemmer. Und weil man Gene nicht umtauschen oder gar zurückgeben kann, muss ich dankbar sein, dass es diese Möglichkeit für mich überhaupt gibt. Ich will das rosa Medikament als meinen Talisman betrachten, der mir den Tod vom Leibe hält.

Dicker Unterschenkel, Thrombosestrumpf, Medikamente hin oder her, letztendlich geht es darum, Illusionslosigkeit und Lebensgenuss miteinander zu verbinden. Jetzt heißt es:

„Nur der Not keinen Schwung lassen.“

oder wie Viktor Frankl einmal formulierte:

„Ich lass mir von mir selber nicht alles gefallen“.

Ein Gestern kommt nicht mehr zurück, das Morgen wird Verschlechterung bringen, konzentriere dich also auf das Heute, sage ich mir, und schalte den Jammermodus aus. 

Wir wandern wieder zum Holzerbauern Kreuz zurück und gehen an der Südseite des Glatzberges zum Ausflugsgasthaus Untergrasberg.

Schon einmal habe ich über diesen Weg geschrieben und ihn als einen der schönsten Pfade in Waidhofen tituliert.

Das ist er heute noch.

Auf der Gegenüberseite, über dem Weißenbachtal, ragen die Hütterkogeln auf. Eine Besteigungsmöglichkeit beschreibe ich hier: Hütterkogel – ein Kleinod im Ybbstal.

Gabi hofft auf eine Mufflonbegegnung.

Nur zirka hundert Höhenmeter über uns befindet sich der Glatzberggipfel (904 m): Auf einem der schönsten Wege im Ybbstal auf den Glatzberg.

Dieser Pfad erfüllt auch leicht die Ansprüche eines Komfort- Anspruchs- oder gar Luxuswanderers. Ohne großen Höhenverlust, aber auch ohne Höhengewinn…

…gelangen wir zum Bauernhaus Obergrasberg. Wir wandern auf der Zufahrtsstraße hinab…

…mit Aussichten ins Oberösterreichische…

…zur Durstheilanstalt.

Im Gastgarten des Gasthauses Grasberg lässt es sich für jeden gut sitzen.

Danach gehen wir die Straße hinab…

…wieder ein Stück den Schienen entlang…

…an einem der bemerkenswerten Kreisverkehre Waidhofens vorbei, mit Blick auf unsere…

…Badestelle an der Ybbs…

…über die Weitmannbrücke wieder nach Hause.

Im Anstieg etwa 605 Hm und zurückgelegte Entfernung nahezu 16,1 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at


Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region Ybbstaler Alpen (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.

Meine Quellen:

Ausschnitt aus Kompass Logo Karte 4309, Österreich digital.
ⒸKartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit:
PanoLab Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Ⓒ Christian Dellwo.

WAIDHOFEN 1938 – 1945 HOCHRANGIGE VERTRETER DES NS-REGIMES IN WAIDHOFEN AN DER YBBS von Mag. Walter Zambal (abgerufen am 14.3.2020)

NÖN Geschichte, Skisport in NÖ von Reihard Fahrengruber (abgerufen am 20.3.2020)

Vortrag am 25.4.2017 vom Heimatforscher Heimo Cerny über die Geschichte Atschreiths. Weil so viele interessierte Menschen zu diesem Vortrag kamen, wurde er vom Salon Louis (wie treffend) des Rotschildschlosses in den größeren Kristallsal verlegt. 

„Ein Gestern kommt nicht mehr zurück, das Morgen wird Verschlechterung bringen, konzentriere dich also auf das Heute.“ habe ich mir von Peter Steinz (Der Sinn des Lesens) ausgeborgt.

Steffan/Tippelt (1977): Ybbstaler Alpen. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

 

Cerny (2013): Das Jagdhaus und Forstgut Atschreith. Vorzugsausgabe privat. Elisabeth und Alfred Umdasch, Amstetten.

 

Pöll (1979): Zwischen Sonntagberg und Ötscher, 40 Rundwanderungen. Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten.

 

FIN