Vom Lugergraben auf den Schnabelberg Südgipfel (964 m)

Die Umgebung meiner Heimatstadt ermöglicht zahlreiche Spaziergänge und Wanderungen. Obwohl ich seit Jahren viel unterwegs bin, ist der Vorrat noch lange nicht erschöpft. Von diesen Erkundungen in der nahen Heimat habe ich schon länger nicht berichtet, und jetzt ist es wieder einmal an der Zeit. Ich schildere eine Wanderung durch den Lugergraben über die Lugerreith, auf den Spuren eines uralten Übergangs nach Oberösterreich. Mein Weg führt jedoch nicht weiter nach Gaflenz, sondern über einen hier einmündenden, markierten Weg auf den Schnabelberg (958 m) beziehungsweise auf seinen höheren Südgipfel (964 m).

Von der Bundesstraße 121, welche nach Gaflenz führt, zweigt der Lugergraben ab. Das ist die südlichste und auch vergessenste Ecke Waidhofens. Viele Waidhofner waren noch nie dort und werden vermutlich auch ihr ganzes Leben keinen Fuß in diesen Winkel setzen. Das ist schade für die Nichthinkommenden, denn dort ist es wirklich schön. Vor allem im Frühjahr blüht es an den Rändern des Lugerbachs, als hätte eine Schar pflanzwütiger Opernballfloristen das Ufer geschmückt.

Den Bach entlang ist es von Beginn an sehr eng. Eine schmale, asphaltierte Straße führt an wenigen Häusern vorbei in den Graben. Abstellflächen fürs Auto sind rar. Ich erledige das gleich am Beginn des Grabens, nahe der Bundesstraße.

Am Grabenrand brennt mir diese orangehelle Baumsonne Löcher in die Netzhaut. Am rechten Rand dieses augenerschreckenden Gestirns werde ich heute, über die angrenzende Wiese, die letzten Abstiegsmeter zurücklegen.

Im Grabenschatten ist es kühler, und meine Augen sehen ganz andere Dinge, denn die lange Zunge des Rock ’n‘ Roll reicht bis hierher.

Mein Gehirn ist schon wieder im Assoziierungsmodus. Überall sehe ich Nachrichten und spooky Botschaften an mich. Ohne Unterbrechung stellt es irgendwelche Querverweise her. Ganz ohne mein Zutun. Zumindest im Kopf ist mein Leben abenteuerlich und manchmal purer Rock ’n‘ Roll,…

…denn so sieht diese Buche mit ihrem Rolling-Stones-Tattoo in meinem Gehirn aus.

Das bildhafte Unbewusste in mir kommt der Wahrheit ziemlich nahe. „My father was a Rollin‘ Stone“ hieß in der Blues- und Popmusik nichts anderes als: „Sein Zuhause war dort, wo er seinen Hut hinhängte – er war ein Herumtreiber“. So betrachtet bin ich mit meinen Wanderungen und meinem immer wieder Heimkommen ein Amateur-Rolling-Stone. Immerhin.

Über buckligen Asphalt wandere ich weiter ins Tal hinein. Fast alle Häuserfassaden sind geschmückt oder weisen Besonderheiten auf.

An der hölzernen Haut dieses Gebäudes beißt mich der Fuchskopf besonders ins Auge. Vielleicht war dieser Fuchs ein österreichischer Verwandter von Silvia Tebrick aus dem fantastischen Roman „Dame zu Fuchs“ von David Garnett.

„Wundersame oder übernatürliche Begebenheiten sind weniger ungewöhnlich als viel mehr unregelmäßig in ihrem Auftreten (…)“ So beginnt die ungewöhnliche Geschichte einer Verwandlung. Ein frisch verliebtes und jung verheiratetes Paar, im Süden Englands, unternimmt am Beginn des Jahres 1880 einen Spaziergang in einem nahen Wäldchen. Der Ehemann eilt dabei an den Waldrand, um eine Jagdgesellschaft zu beobachten, als er hinter sich einen Aufschrei vernimmt und sich umdreht, ist das Unglaubliche bereits geschehen: „Wo eben noch seine Frau gewesen war, stand, mit leuchtend rotem Fell, ein kleiner Fuchs.“ Diese zarte Novelle wird für den aufmerksamen Leser zu einer Eheparabel und einer der unglückseligsten (für mich eine der schönsten) Liebesgeschichten der Weltliteratur. Denn der Ehemann hält an seiner Fuchsfrau fest und steht zu seiner Liebe, bis… (David Garnett „Dame zu Fuchs“, Dörlemann Verlag, Zürich)

Unter Umständen ein Nachfahre von Mrs. Silvia Tebrick (geb. Fox)

Diese Gegend würde sich für solch ein märchenhaftes Geschehen ebenfalls hervorragend eignen, denke ich mir am Weiterweg. Ich gelange zur Marienkapelle beim Bauernhaus Hinterlug. Daran vorbei, immer an der orografisch rechten (in Gehrichtung linken) Bachseite entlang. Das Strasserl, am Bild neben der Kapelle, führt mich hinauf zur Lugerreith.

Im kühlen Morgendämmer und der Waldstille ist das Rascheln meiner Schritte im Buchenlaub das einzige Geräusch, und bald schon…

…beendet das Aufleuchten einer großen freien Wiesenfläche das morgendliche Walddunkel.

Das Bauernhaus Lugerreith wurde irgendwann in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aufgegeben.

Von ausgezehrten Obstbäumen gesäumt befindet sich diese bucklige Wiese oberhalb des Bauernhauses. An ihrem rechten Rand…

…rumpelt ein alter Karrenweg hoch…

…und der ist, würde der Bauer sagen, rechtschaffen zu beschreiten.

Mittlerweile führt der Karrenweg bis ganz hinauf zur Lugerreith.

Kurz vorm höchsten Punkt befindet sich die Lugerreith Hütte mit zwei Bänken und einem Hüttenbuch. Seit 2003 liegt es auf und ist noch lange nicht vollgeschrieben.

An der Hütte vorbei, immer am Ziehweg bleibend, wandere ich weiter. Dabei halte ich Ausschau nach Wegspuren zum Sattelkopf (868 m). Ohne brauchbares Ergebnis. Es ziehen Steigspuren in die Ostseite, aber die sind absteigender Natur und führen bestimmt nicht auf den Gipfel. Ich gelange an die Landesgrenze und blicke nach Oberösterreich.

Hinter der grünen Schlichtheit der hochgelegenen Wiesen erstrecken sich die Oberösterreichischen Voralpen bis zum Sengsengebirge und den Gesäusebergen.

Nochmals halte ich Ausschau nach Wegspuren auf den Sattelkopf (868 m). Der zeigt mir seine abweisende Seite und wirkt auf mich sehr unwillig. Im Blog von Felix (inntranetz.at) findet sich die bildreiche Beschreibung einer Überschreitung vom Sonnbergspitzl bis auf den Schnabelberg mit einer Besteigung des Sattelkopfs: Über den Sonnberg-Kamm und Schnabelberg nach Waidhofen an der Ybbs.

Weil ich ein Genusswanderer bin, zieht es mich zur sonnenbeschienen Flanke des Schnabelbergs. Ich spaziere den Waldrand entlang bis zur Straße und der Markierung aus dem Kleingschnaidgraben.

Die Markierung verlässt schon bald die Straße…

…und schlägt sich samt einem guten Steig in einen herrlichen Mischwald…

…mit wunderbaren Ausblicken.

Dieser besonders schöne Wegabschnitt könnte etwas länger dauern, viel zu rasch…

…erreiche ich die Forststraße knapp unterhalb der Hahnlreithwiese. Hier verliere ich wieder einmal die Markierung, was aber nichts ausmacht. Auf Steigspuren gelange ich zur nahen riesigen Weidefläche.

Unterhalb des Pantherkogels übersteige ich den Zaun und befinde mich auf der Hahnlreithwiese. Im schneelosen Jahr Zweitausendfünfzehn bin ich aus dieser Richtung, vom Neustifter Sattel über die Spindeleben, hierhergewandert: Winterbefreite Spindelebenüberschreitung.

Der Raum um mich weitet sich ins Riesige.

Ich bleibe indes eher am südlichen Riesigrand…

…und wende mich an dieser sturmhalbierten Fichte…

…wieder dem Wald zu. Dort oben muss irgendwo der Gipfel zu finden sein. Und tatsächlich finde ich ihn, ohne irgendeine Auszeichnung (kein Kreuz, kein Steinmännchen).

Obligatorisch und unverzichtbar: Schnabelberg Südgipfel (964 m).

Drenten (Drüben) auf der anderen Seite der Wiese liegt der offizielle Schnabelberg Gipfel. Auch dorthin werde ich mich sogleich transportieren.

Nur das Übersteigen des Stacheldrahtzauns ist jedesmal lästig.

Wieder einmal am Schnabelberg (958 m). Zuletzt war ich im Winter Zweitausendfünzehn bei einer Schitour am Gipfel: Heimspiel – Schitour auf den Schnabelberg.

Am Waldrand mündet ein Ziehweg ein, der mich unversehens…

…auf die ehemaligen Schipisten lotst.

Und bald schon erreiche ich über diesen schmalen Pistenabschnitt den Lärchboden mit seiner „Gipfelbuchkassette“ auf 847 m und blicke…

…auf meine Heimatstadt. Waidhofen/Ybbs ist nicht nur die Stadt der Türme, sondern auch eine Stadt der Qualen – oder anders formuliert: Waidhofen ist eine Schulstadt.

Volksschule, Hauptschule, Gymnasium, Handelsschule, HTL, Handelsakademie, Fahrschule, Hauptschule, Sonderschule, Schischule, Tanzschule und Forstfachschule sind hier beheimatet. Man könnte meinen, hier wird alles Wissensmögliche unterrichtet. So ist es jedoch nicht. Enorm wichtige Schulfächer, wie sie von der Suppenschildkröte in „Alice im Wunderland“  aufgezählt werden, stehen in keiner der Schulen am Stundenplan: Erdbeerkunde, Seeografie,  Zusammenquälen, Schönschweifen und  Rechtspeibung.

Die Basilika Sonntagberg (847 m) scheint auf einer grünen Arche Noah im blauen Nebelmeer dahinzudümpeln.

Um die Hänge vom um sich wild wuchernden Gesträuch zu befreien, wird von Freiwilligen (Schitourengehern) jeden Herbst ausgemäht.

An der Bergrettungshütte rechts vorbei halte ich auf den Buchenberg zu.

Noch nicht alle Windschäden sind schon aufgearbeitet. Ich bleibe auf dem Ziehweg…

…und wandere an diesem Häuschen vorbei zu einem großen Wiesenflecken. Am rechten oberen Rand dieser Weide ist wiederum ein alter Ziehweg zu erkennen.

Der ist schon etwas verwachsen, aber immer noch gut zu gehen. Er mündet in einer Forststraße,…

…die mich fast ganz hinab in den Lugergraben zurückbringt.

Die letzten Meter steige ich direkt über die Wiesen in den bereits wieder eingeschatteten Lugergraben ab.

Nichts an dieser Wanderung ist menschenungemäß, nur für den von mir gewählten Abstiegsweg ist ein wenig Orientierungssinn erforderlich.

Im Anstieg ca.  620 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 12 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at.

Meine Quellen:

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit: PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version: 1.0.3  © Christian Dellwo.

Über den Sonnberg-Kamm und Schnabelberg nach Waidhofen an der Ybbs. auf inntranetz.at (abgerufen am 25.2.2018)

Wenn Frauen fuchsig werden Artikel von Ulrich Rüdenauer über den Roman von David Garnett in der Zeit vom 10. Juni 2016 (abgerufen am 19.2.2018)

Papa was a Rollin‘ Stone in Wikipedia (abgerufen am 25.2.2018)

 

Pöll (1979): Zwischen Sonntagberg und Ötscher, 40 Rundwanderungen. Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten.

Steffan/Tippelt (1977): Ybbstaler Alpen. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heitzmann, Harant (1996): OÖ-Voralpen. OeAV-Führer, Ennsthaler Verlag, Steyr.

Garnett (2016): Dame zu Fuchs, Dörlemann Verlag AG, Zürich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lenzenweger (2009): Eisenwurzen, Nationalpark Kalkalpen. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.