Von der Schönheit des Unschwierigen: Wanderung auf den Polster (1910 m)

Nach dem Dafürhalten mancher Leute von schwachem Urteil wäre der Besteigung eines so einfachen Schipisten-Berges wie des Polsters keine große Freude abzugewinnen. Mit dieser Tourenbeschreibung bin ich in der vergnüglichen Lage, die Verwandlung dieser dem Anschein nach uninteressanten Pistenraupe, in einen prächtigen Aussichts-Schmetterling zu zeigen. Und für alle faulenzerischen Computeroutdoorer, Schlenderwanderer, Rasselatmer oder Fußmaroden gibt es bald wieder die Möglichkeit, mit dem legendären Einsersessellift fast bis auf den Gipfel zu gelangen. Die Rettungsaktion des bereits 1948 errichteten Sesselliftes ist gelungen, und die Sanierung zum Erhalt der Liftkonzession soll 2019 abgeschlossen sein.

Wechselhaftes Wetter ist heute angesagt: Zuerst Sonne, und wenn dann der Tag verläuft, sollen sich Gewitter bilden. Jedoch weiß niemand, wohin sich so ein Tag verlaufen wird. Weil er sich jedoch so, aber auch anders anschicken kann, lassen wir uns von einer Tour am Präbichl nicht abhalten. Restwolken vom Vortag und Nebelschwaden hängen noch in der Luft. Nachtfeuchte liegt überall. Die Wärme des aufsteigenden Tages ist allerdings bereits spürbar.

Wir beginnen unseren Aufstieg bei der Talstation des Einsersesselliftes, am Knappensteig.

An einem noch unbelebten Hochseilgarten vorbei führt der Weg…

…in den Wald. Leicht angewärmte Morgenkühle empfängt uns dort. Für bettwarme Körper genau richtig temperiert. Laut ist es im Wald: „Dazu zwitscherten die Vögel, dass das Ohr am Gesang noch lange hing, wenn es von dem Herrlichen schon nichts mehr hörte.“ (Robert Walser, Fußwanderung)

Mit uns liest eine Schnecke das Schild. Jetzt wird es unheimlich. Später bin ich völlig verstört, als wir im Gipfelbereich auf eine Schnecke treffen, die dieser auf den Fühler genau gleicht. Mir rinnt es kalt über meinen schweißigen Buckel. Wurden wir abgehängt?

Wir sind noch nicht lange am Weg, und meine Hose ist schon so schmutzig, wie bei anderen nicht nach einem ganzen Bergtag. Ich weiß nicht, wie das zugeht. Entweder ist meine Hose ein Staub- und Schmutzmagnet, sozusagen eine Swiffer-Hose, oder ich bin einfach ungeschickt. Ich glaube mehr an die Swiffer-Theorie und Gabi meint, dass wohl beides ein wenig zutrifft.

Nach zirka zweihundertfünfzig Höhenmetern mündet der Waldsteig in den Pistenbereich. Der Knappensteig quert jetzt östlich des Polstergipfels in Richtung Polsterkar und Leobner Hütte. Wir wandern jedoch den Fahrweg unter den gespannten Seilbahnseilen hoch.

Jetzt wird es zauberisch. In Zeitlupe zerstäubt weiße Wolkengischt am grünen Polstergipfel. Unsere rechte Körperhälfte wandert noch in diesem Wolkenwogenschaum, während sich die linke bereits im Sonnenschein unterm blauen Himmel wärmt.

Bald schon gelangen wir zur Bergstation des „Polster-Quattro-Liftes“.

Weil wir unseren Blick ständig dem Polstergipfel zugewandt haben,…

…enthüllt sich uns erst jetzt der Blick auf den grandiosen Bergfilm, der bereits die ganze Zeit hinter unserem Rücken auf blauer Leinwand abgespielt wird.

Das ist jetzt so ein fantastischer Stichflammenmoment.

Der Eisenerzer Reichenstein (2165 m) ist ein Gabi-Liebling. Und die ganze Umgegend drumherum ebenso.

Wir können mit unserem Staunen den Wolken immer neue Ausblicke abschmeicheln. Hier ist der Grüblzinken (1990 m) samt seinem Schlund zu sehen, wie das Blasloch eines Bergwals sieht das aus.

Bei meiner „Guten Zeit am Grete Klinger Steig“ bin ich dort oben gestanden und habe dieses Foto vom Schlund gemacht und unter anderem dazu vermerkt: „Im Gipfelbereich habe ich mich seinetwegen sehr vorsichtig bewegt. So weit ich mit respektvollem Darüberbeugen sehen kann, führt er weit in das Berginnere. Diese Spalte, Schlucht oder Abgrund befindet sich wenige Meter unterhalb der Mitte der beiden Gipfel.“

In verhaltener Zärtlichkeit streifen die Wolken über den Eisenerzer Reichenstein. Ausgiebig erfreuen wir uns an dem wechselnden Spiel der Wolken im steten Ver- und Enthüllen der Berge vor uns.

Es kommt aber noch besser. Ein erdigbraunes Steiglein führt in den Hang oberhalb der Bergstation des Quattros. Und der hat es in sich. Aus den anbrandenden Wolkenresten schält sich ein bunter, in die Höhe ziehender, Alpengarten.

Nicht nur Enziane, sondern auch alle anderen…

…Blumen, ob Hahnenfuß oder…

…Alpen-Aurikel, sind für Gabi Urzeugungen der Schönheit.

Dieser Blumensturzbach setzt Gabi mehr zu als die Steilheit des Geländes. Die Pausen braucht sie fürs Freuen und Fotografieren.

Der Blick, weg vom Blumenhang,

…zum zusammengebaggerten und niedergeschaufelten Erzberg und anderen noch ungekürzten Bergen in den Eisenerzer Alpen.

Mit uns bewegen sich auch Wolkenschatten im steilen Hang. Der dunkle Pfosten mitten am Weg, hoch über dem besonnten Erzberg und dem Kaiserschildstock, ist jetzt nicht eine Lawinenverbauung, sondern das bin ich.

Wir wandern an der bewirtschafteten Polsterhütte vorbei…

…in den Polstersattel vor dem Gipfelaufbau. Noch ist nicht dieser Gipfel unser Ziel, sondern sein niedrigerer Nachbar, der somit richtigerweise Niederpolster (1796 m) heißt.

Unser Nebengipfelgang beginnt mit einem sanften Abstieg. Die von uns nur vermutete Latschengasse ist auch tatsächlich vorhanden.

In einfachem Auf- und Ab finden sich Wegspuren, und was noch viel wichtiger ist: Latschengassen. Aber auch die Fauna lässt sich nicht lumpen und überrascht uns im chinesischen Jahr des Hundes mit einer wunderschönen Schlange.

Wie es in ihrem Namen festgeschrieben steht, kreuzt eine Kreuzotter unseren Weg. Jäh halten wir an. Dieses Foto habe ich aus einer Entfernung von zwei Metern gemacht. Weil wir sie schärfer ins Auge fassen wollen, rutschen wir auf unseren Schuhsohlen bedachtsam näher.

Und schon ist der erstaunliche Moment zerstört. Sie wird auf uns aufmerksam und verschwindet mit einem lauten, drohenden Zischen im Latschengeflecht. Schade. Das passiert uns mit Schlangen leider immer. Mit diesem Schicksal sind Gabi und ich geschlagen. Wir dürften an einer angeborenen Anpirschunfähigkeit leiden.

Wir konzentrieren uns wieder auf den Weg, und es ist nicht mehr weit. Abwechselnd  halten wir uns die hinterhältigen, Haxel stellenden Latschenäste von den Beinen fern.

Und schon bald geht es die letzten Wiesenmeter auf den Gipfel.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Niederpolster (1796 m). Vor einer Wolkenwand ist im Hintergrund der Polstergipfel mit seinem Sendemasten zu sehen.

Bestimmt wäre auch eine Überschreitung zur Passstraße…

…oder ein Abstieg zur Gsollkehre oder Gsollsalm, am Fuße der Frauenmauer, möglich (und mit dem Bus wieder zurück).

Während ich aus ungeahnten und neuen Blickwinkeln gut bekannte Berge um uns fotografiere, beschäftigt sich Gabi mit den überreichlich vorhandenen Blumen.

Alpen-Sodanellen und…

…Clusius-Primeln…

…und Wiesenenzian werden fürs…

…Herbarium gepresst, und der…

…Seidelbast bleibt, wo er ist, der ist nämlich streng geschützt und an diese Schutzbestimmung hält sich Gabi.

Wir befinden uns im westlichen, sehr felsigen Teil des Hochschwabs und nicht in den Eisenerzer Alpen, die beginnen sozusagen auf der anderen Seite der Passstraße.

Wanderwege durchziehen wie lose Fäden die Landschaft des Schwaben.

Selbst in diesem gezackten Wahnsinn kann gewandert werden. Die Vorderberger Griesmauer (2015 m) ist auch für Wanderer erreichbar. Und mit einer einfachen Klettereinlage (ein Stahlseil hilft dabei) kommt man als Nichtkletterer sogar auf die TAC-Spitze (2019 m).

Wir übereilen uns nicht und wandern am selben Weg zurück. Der Mehraufwand für diesen Abstecher zum Niederpolster sind ca. 1700 m und 110 Höhenmeter.

Der Gipfel des Polsters ist mit einem Kreuz geschmückt und randvoll mit fröhlichen Menschen beladen. Durch einen riesigen Sendemasten gewinnt er sogar noch an Höhe.

Entlang dieses Primelblumenhangs gelangen wir zu Sender, Kreuz und Menschen.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Polster (1910 m).

Blick auf den Präbichl und einen guten Teil unseres Anstiegswegs. Nur der letzte (blumenreiche) Wegabschnitt liegt rechts außerhalb des Bildes.

Gabi liefert einer Schar Sachsen den Fotobeweis ihrer Gipfelbesteigung.

Blick in den Süden.

Danach gehen wir allerdings weiter. Wenn sich so viele Menschen und Wolkenschatten den Gipfel streitig machen, ist das kein guter Rastplatz.

Der von uns überschrittene Gratarm zum Niederpolster.

Der jetzt von uns betretene Rücken in Richtung Hirscheggsattel.

Ich werfe noch einen letzten Blick zurück,…

…während Gabi schon davon eilt.

Am absteigenden Grat wandern wir weiter bis zum Hirscheggsattel (1699 m). Die Aussicht ist immer grandios. Weiter steigen wir zur bewirtschafteten (Juhuu!) Leobnerhütte (1582 m) ab.

Wir beobachten einen Wanderer, der ohne Schi, allein auf seinen Wanderschuhen, ein steiles Schneefeld abrutscht. Das Kunststück gelingt ihm sogar sturzfrei.

Blick zurück in den Hirscheggsattel (1699 m). Wir erreichen die Leobnerhütte und einen geschützten Platz im Freien.

Windabgewandt und in wärmenden Sonnenflecken gebadet genießen wir diese Rast. Sonnenbräune für unsere Herzen ist auch dabei.

Aus der Kaspressknödelsuppentasse leuchtet es wie aus einer Goldgrube.

Faszinierend ist der Vergleich dieses Bildes mit Winterbildern…

…wie diesen. Im Februar 2013 war ich bei einer Schitour hier: Nur einen Zipfel vom Polster.

Wie sehr doch die Jahreszeiten die Landschaft verändern. Ein Besuch zu anderen Terminen ist wie das Kennenlernen einer neuen, ganz anderen Landschaft. „Wie mag es hier im Herbst aussehen?“ fragen wir uns im Abstieg beim Anblick des knallgrünen  Handlgrabens.

Ein letzter Blick auf den Gipfel und ins Polsterkar. Der Knappensteig, von hier nicht erkennbar, durchzieht in etwa bei den Bäumen das Kar. Wir wandern den Handlgraben gemütlich zum Auto zurück. Die Tour ist aus. Wie schön, wie schade.

Donnergrollen begleitet uns den letzten Kilometer bis zum Auto. Noch passiert uns nichts.

Erst bei der Heimfahrt öffnen sich so ziemlich alle Wolkenschleusen, die es geben mag.

Im Anstieg ca. 825 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 10,6 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen:

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit: PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version: 1.0.3  © Christian Dellwo.

„Stichflammenmoment“ habe ich mir von Paul Nizon ausgeborgt

Auferbauer (2001): Hochschwab. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

Auferbauer (1990): Hochschwab. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zeller (2006): BergErleben Bd. 2, Eisenerzer Alpen, Hochschwab West. Verlag Gertraud Reisinger, Spielberg.

Hödl (2003): Wandererlebnis Hochschwab & Hohe Veitsch, Almen, Gipfelwege, Hütten. Verlag Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

FIN


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.