Von der unbedingten Anwesenheitspflicht im eigenen Leben oder eine Biwaknacht & zehn Gipfel am Dürrensteigkamm: Teil 1

Es ist ein heißer Sonntag. Meinen felswandgrauen Vauwe parke ich am kleinen Bahnhof in Küpfern. Ich will von der Schüttbauernalm (dorthin lasse ich mich bringen) bis zum Burgspitz (1429 m) und hierher wandern. Mit einer Übernachtung irgendwo am Kamm. Bis unter die Haarspitzen bin ich mit Tatendrang abgefüllt, denn schon lange habe ich diese Wanderung geplant. Jedoch ergeben sich in den Tagen davor bedenkenswerte Umstände. Völlig unerwartet wird für mich, als geistigem Bastler dieser Tour, das Unplanbare solch einer Unternehmung urplötzlich sichtbar:

Wer rechnet schon mit Wölfen?

Vor wenigen Tagen haben Wölfe auf diesen Wiesen in Küpfern Schafe gerissen und ihre Kadaver, schrecklich zugerichtet, liegen gelassen. Ob sie wohl noch in der Nähe sind? Ist es wirklich eine gute Idee, in dieser „Wolfsgegend“ mutterseelenallein im Schlafsack zu übernachten? Muss ich Lebensmittel verstecken? Was tut ein Wolf, wenn ich ihm laut: „Sitz!“ zurufe? Was könnte ich im schlimmsten Fall als Waffe verwenden? Solche Fragen stelle ich mir zum Glück  n i c h t.

Ich habe fürwahr keine Angst, denn in den letzten vierzig Jahren hat es in ganz Europa keinen einzigen tödlichen Wolfsangriff gegeben. Der norwegische Wolfsforscher John Linnel verweist auf einen einzigen Fall mit eingesperrten Tieren aus einem schwedischen Tierpark. „Es ist sogar deutlich wahrscheinlicher, als Mensch von einem menschlichen Jäger getötet zu werden, als von einem Wolf“. (Online Spiegel „Der Wolf und die bösen Geißlein“)

Vielleicht war ja alles nur ein unglückliches Missverständnis. Ein herzzerreißendes, artenübergreifendes „Romeo und Julia“ in der Tierwelt, und der Rudelzwang hat wieder einmal den Oberbiss behalten. Stammesdenken, fromme oder feige Komplizenschaft und kollektive Blindheit erzeugen ja auch unter Menschen Monster.

Blutrünstiger als jeder Wolf sind in diesem Jahr die Zecken. Zum Beispiel gibt es in skandinavischen Ländern für Österreich eine „dringende“ FSME Impfempfehlung. Zecken und Jäger gibt es in jedem österreichischen Wald, davon lasse ich mich jetzt nicht aufhalten, und so starte ich meine Tour wie geplant.

Ich werde zur Schüttbauernalm (1070 m) chauffiert und samt meiner…

…Schwerkraft ausgeladen. Auf dieser Tour nenne ich meinen Rucksack „Schwerkraft“. Er wiegt gewichtheberische 16 kg. Davon machen nur die Getränke bereits 7 kg aus. Unterwegs gibt es keine Möglichkeit, an Wasser zu kommen. Ich muss jeden Tropfen mittragen. Der Rest sind Mannerschnitten, Gummibärchen, Schlafsack, Biwaksack, aufblasbare Unterlage, GPS, mp3-Player, Fotoapparat, Messer, Wechselwäsche und noch ein paar andere unverzichtbare Utensilien.

Ich wuchte mir den Rucksack auf den Rücken. Sogleich ergeht es mir wie einem Nilpferd, das aus dem schwerkraft-wegfressenden-Wasser aufs Land kommt – alles Gewicht schlägt gnadenlos, vom Rücken bis in die Kniekehlen, zu.

Zu meinem Glück hat es noch nicht fünfundreißg Grad, sondern nur neunundzwanzig, und…

…das Wetter sieht …mhhm… sagen wir stabil unsicher aus. Auf jeden Fall ist es hilfreich, dass ich ein grundpositiv gestimmter Mensch bin. Hoffentlich übertreibe ich es mit meiner Zuversicht nicht.

Am Weg liegt in einer Einsenkung die Menaueralm (1097 m). Nur den Dachgiebel kann ich sehen, denn schon vor der Alm biege ich in südliche Richtung ab.

Der Weg ist markiert, und ziemlich rasch bin ich am Sandgatterl. Im Vorjahr habe ich den völlig verwachsenen Kammverlauf bis zum Federeck erkundet und für diese Überschreitung mit Gepäck verworfen. Den Grund dazu kann man hier nachlesen: Wie eine botanische Hinterlist den Pfad versteckt und mir trotzdem eine durchwachsene Wanderung auf das Federeck (1340 m) gelingt.

Mittlerweile bin ich nass unter den Armen, und sogar von der Oberlippe tropft es im Schritttakt. Dabei beginnt der Pfad erst jetzt richtig anzusteigen.

Durch eine Luke im dichten Vegetationsvorhang erblicke ich die ganze Menaueralm und nicht bloß ihren Dachgiebel.

Der Bergpfad ist gar nicht faul, er macht nur die unvermeidlichsten Umwege dort,…

…wo sich ihm große Felsen in den Weg stellen.

Der Himmel im Norden und im Osten sieht noch einladend aus, allerdings…

…zeigt der Himmel im Süden und im Westen ein ganz anderes Bild. Trotzdem steige ich unbeirrt weiter hoch, denn…

…dieser Gratanstieg gehört zu den schönsten Wegstrecken in den OÖ-Voralpen. Immerhin ist in manchen Beschreibungen die Rede vom „Blütenberg“, und das mit gutem Grund. Harant/Heitzmann schreiben in ihrem OEAV Führer dazu: „Die Erwanderung der Bodenwies im Juni ist für jeden, dem die blühende Natur das Herz öffnet, ein unvergeßliches Erlebnis (…)“. Ich bin zu früh dran. Denn die eigentliche Prachtexplosion erfolgt ja erst im Juni. Und trotzdem ist schon so viel zu sehen.

Fast ausschließlich blumenverzückte Frauen befinden sich bereits im Abstieg. Fast mit allen wechsle ich ein paar Worte. Das bunte Kolorit dieser steilen Wiesen fasziniert uns in gleicher Weise. Die Steilheit der blütendurchwirkten Böden und der schmale, in engen Schlingen geführte Pfad, sind auf diesem Foto gut zu erkennen.

Die Wettervorhersage war zwar für diesen Tag wesentlich besser, aber sogar im Mai muss man mit kleinräumigen wetterwendischen Schwächen rechnen. Meine Bilder werden zunehmend depressionistisch.

Die Steigung verliert an Schärfe, Latschen und Felsen treten zurück – der Wiesengipfel der Bodenwies ist nicht mehr weit.

Diesmal unter gar nicht so guten Vorzeichen und trotzdem obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Bodenwies (1540 m).

Ob der tiefsitzende, lastende, dunkelgraue Himmel mit seinem ganzen Wassergewicht über mir und der Bodenwies bald schon zerreißen wird?

Von diesem dunklen jagenden Wolfsrudel des Himmels, in seinem schmutzigrauen Wasserfell, hat der Wetterverkünder nichts erzählt. Das Donnern ist sein Knurren, und vielfach kann ich das Aufblitzen seiner Zähne sehen. Und langsam, ganz langsam beginnt die gefährliche Meute in meine Richtung zu hecheln. Ihren feuchten Geifer, den speicheligen Atem spüre ich schon auf meiner Haut.

Ich beschließe, noch ein wenig abzuwarten. Die Horde scheint vom Größtenberg (1724 m) umgelenkt zu werden und in einem südlichen Drall in Richtung Gesäuse abzudriften. Im Nordosten gibt es immer noch blaue Himmelsecken und weiße Wolken, die aussehen wie Schafe ohne Köpfe.

Es dauert nicht mehr lange, bis die Hallermauern vom dunkeldüsteren Himmel verschluckt werden. Manche werden mein Abwarten und Ausharren unverantwortlich finden, jedoch ist es ganz schwierig, die Stimmung und Situation dort oben nachvollziehbar wiederzugeben. Aber genau das macht es aus. Eigene Entscheidungen treffen, selbst abwägen, selbstbestimmt handeln. Keine Garantien haben, sich spüren, im eigenen Leben anwesend sein.

Etwas stärkeres Windwehen und feine Regentropfen wie aus dem Parfümspender ist alles, was die Bodenwies abbekommt. Ich fühle mich erleichtert – das Gewitter hat nicht mir gegolten.

Ich entschließe mich, meine geplante Tour weiter durchzuziehen.

Auf diesem Bild sind nicht nur Wolken und Berge zu sehen. Die hellblauen Himmelsflecken sind der Treibstoff meines Hoffnungsmotors.

Ich steige in Richtung Viehtaleralm ab.

An diesem Kreuzungspunkt bietet sich noch einmal eine einfache Abbruchmöglichkeit. Ich könnte in Richtung Viehtaleralm weiter absteigen und auf einer Forststraße zur Schüttbauernalm zurück gehen, um dort zu übernachten.

Das mache ich nicht. Ich nehme den Weg in Richtung Almkogel. Schlagartig verändert sich der Steig. Der ist jetzt, deutlich sichtbar, nicht mehr viel begangen.

Das Hintergebirge mit seinen angrenzenden, geradeso hölzernen Landschaften, diese ausgedehnte Waldwildnis, ist mir in seiner Größe und Abgeschiedenheit…

…ein zutiefst bewunderungswürdiger grüner Flecken auf dieser Erde.

Über den Leerensackriedel (1216 m) wandere ich weiter. Dabei grüble ich über diesen eigenartigen Namen nach.

Im Dämmerlicht des hochstämmigen Buchenwaldes leuchtet es am Waldboden immer wieder hell auf.

Selbst mit der Schwerkraft am Rücken sinke ich vor solchen Gebilden in die Knie: Blumen so zart, wie aus geblasenem handbemaltem Glas gemacht…

… und schimmernde Ornamente, die so kunstvoll miteinander verbunden sind, dass dabei ein Schmetterling herauskommt. (Schwalbenschwanz, Ritterfalter, Papilionidae)

Ein letzter steiler Waldaufstieg…

…bringt mich in immer lichter werdende Waldhöhen und ganz zum Schluss…

…auf den Hochzöbel.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Hochzöbel (1373 m).

Ich begebe mich auf die Suche nach einer ausreichend großen und ebenen Liegefläche für meinen Schlafsack. Weder der abfallende Rücken in Richtung Anlaufalm,…

…noch der morgige Weiterweg bieten mir so einen schmalen Flecken fürs Nachtasyl. Die kleine nicht ganz ebene Fläche am Gipfel ist noch der beste Platz, den ich ausmachen kann. Darum bleibe ich hier. Mit den Ameisen werde ich schon zu einer Einigung kommen, denke ich mir beim Ausbreiten meiner Zeltunterlage. Darauf lege ich meine Isomatte und den Schlafsack. Der wasserdichte Biwaksack bleibt noch unausgepackt. Danach krame ich meine Wechselwäsche aus dem Rucksack und lege mich noch trocken, bevor ich mich meiner Nachtjause widme. Damit eine Nacht schlafbar werden kann, braucht es unbedingt trockene Unterwäsche und etwas im Magen. Mein Abendessen fällt kalt aus, weil ich aus Platz- und Gewichtsgründen auf den Gaskocher und das Geschirr verzichtet habe.

Für denjenigen, der in so einem Schlafsack im Wald liegt, bricht die Nacht nur sehr langsam herein. Faultierhaft bewegt sich die Dunkelheit durch die Bäume auf mich zu.

In großer Gelassenheit, die ich mir von dem kleinen Buddhafigürchen beim Gipfelkreuz abschaue,…

…sorge ich mich um eine Wolfsbegegnung so wenig, dass ich nicht einmal mein Jausenmesser in Schlafsacknähe platziere. In unmittelbarer Griffnähe habe ich nur drei Dinge:

Normalerweise steigt die Dämmerung von unten nach oben, weil der Himmel am längsten hell bleibt. Heute ist das nicht so. Ich wünschte, ich könnte in der Dunkelheit besser auf den Himmel sehen, als ich es kann. Offensichtlich sperren Regenwolken das Mond- und Sternenlicht aus. Wie viele Wolken, vor allem wie viele dunkle Wolken, befinden sich über mir?

Wenn der ermattete Körper die Denkfunktion dimmt und aus dem Knarzen der windbewegten Bäume und dem scharrenden Holzknarren der Äste ein hungriges Wolfsknurren wird, übernehmen Bilder kurz nach dem Einschlafen das müde Gehirn:

Den Traumverlauf der weiteren Nacht, und ob es nicht doch zu regnen begonnen hat, erzähle ich im nächsten Blogeintrag, und erinnerungsselig berichte ich vom einsamen, gipfelreichen zweiten Tag dieser Überschreitung.

Im Anstieg etwa 730 Hm und zurückgelegte Entfernung nahezu 8,1 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at.

Meine Quellen:

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit: PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version: 1.0.3  © Christian Dellwo.

„Die unbedingten Anwesenheitspflicht im eigenen Leben“ habe ich mir von Mariana Leky geborgt.

„Stammesdenken, fromme oder feige Komplizenschaft und kollektive Blindheit Monster zeugen“ habe ich mir von Norman Manea ausgeliehen.

„Der Wolf und die bösen Geißlein“ eine Kolumne von Christian Stöcker im Online Spiegel (abgerufen am 8.8.2018)

 

Heitzmann, Harant (1996): OÖ-Voralpen. OeAV-Führer, Ennsthaler Verlag, Steyr.

Loderbauer/Luckeneder (2012): Wandern & Bergsteigen Oberösterreich. Kral Verlag, Berndorf.

 

 

 

 

 

Heitzmann, Harant (1999): Reichraminger Hintergebirge (Neuauflage) Ennsthaler Verlag, Steyr.

Senft (1999): Wandern entlang von Enns und Steyr. Verlag Leopold Stocker, Graz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lenzenweger (2009): Eisenwurzen, Nationalpark Kalkalpen. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

 

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Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region OÖ Voralpen (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.