Eine Runde Staunen – Wanderung um den Gosausee.

Nach unserer einsamen Exploration der Schneckenwand verbleibt uns noch ein „ganzer halber“ Tag, um dem touristisch verseuchten Gosausee einen neugierigen aber distanzierten Besuch abzustatten. Allerdings sind solche Vorurteile haltbarer, wenn man nicht deren Bestätigung sucht. Das Überprüfen von solchen Ressentiments ist für deren Beibehaltung ganz schlecht. 

Die Parkplatzsuche bestätigt uns vorerst ein wenig. Es ist ein sonniger Samstag, und es tummeln sich viele Menschen im Nahbereich der Seilbahn und des Sees. Überraschend viele sind mit Kletterzeugs (Helm, Karabiner Klettersteigset) unterwegs. Mountainbiker keuchen strampelnd und grußunwillig die steile Straße hinauf. Es herrscht buntes Sportjahrmarkttreiben bei der Seilbahn zur Gablonzer Hütte.

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Wir schlendern an dieser großen Schautafel und dem Gasthof vorbei, und ohne vorgewarnt worden zu sein sind wir diesem…

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… B i l d ü b e r f a l l  völlig schutzlos ausgeliefert. Vom Anblick regelrecht in den Boden gerammt, erstarre ich zur fotografierenden Salzsäule. Aber kein Bild, kein Foto kann diesen Anblick wahrhaftig festhalten. Wie eine nahe, kühlweiße Sonne schwebt der Dachstein im eigenen Silberlicht über dem See.

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An ähnlicher Stelle, ebenso festgenagelt, dürfte Anton Hansch dieses Bild gemalt haben. Blick vom Gosausee auf den Dachstein, um 1876. (Wikipedia – Gosauseen)

Anton_Hansch_Blick_vom_Gosausee_auf_den_Dachstein

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Benommen setzten wir uns an einen freien Tisch und bestellen zur unerlässlichen Abkühlung eine große Portion Gefrorenes. Trotz der vielen Touristen geht es sehr beschaulich zu. Aus aller Herren und Damen Länder sind sie da. Mit weißen Handschuhen und bunten kleinen Rucksäcken geschmückte Japanerinnen neben hungrigen Russen und laut-lustigen Italienern. Blasse, kurzhosige Engländer ebenso, wie wanderkartenbewehrte Deutsche in ebenfalls kurzen Hosen. Und alle eint in diesem Augenblick das gleiche Staunen.

Sogar eine eigene Fossilienfundstelle hat der See. Mein Blick streift den Steinsockel des Verkaufskiosk vor uns, und ich entdecke wieder eine Schneckenwand – diesmal als Fassadenschmuck.

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Gabi hat ihre Bergschuhe bereits gegen Sandalen getauscht, und trotzdem will sie noch ein wenig den See entlang wandern. Vielleicht auch eine Zehenspitze ins Wasser halten. Aber sobald wir ans Seeufer kommen, erliegen wir der magische Zentrifugalkraft des Sees, welche uns sanft in eine Seerunde zwingt.

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Nach kurzer Zeit zeigt uns der Blick zurück, wie weit wir schon flaniert sind. Denn jetzt sind wir keine Wanderer mehr, sondern nur noch Flaneure. Spazierengehen, umherschlendern, schauen und genießen, eben flanieren.

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Viele Gesichter hat der See. Hier erreichen wir „The Beach“ – aber ohne Leonardo DiCaprio…

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…aber dafür mit Gabi, und immer im Bild…

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…der Dachstein. Ein Nackter schlüpft hinter Gabi ins kalte Nass und schwimmt mit kräftigen Stößen weit in den See hinein. Unglaublich schön ist es hier.

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Staunen ist angesagt: über den Schwimmer im See, über die Baumstümpfe im Uferbereich, über das grünklare Wasser, über den wie Silber glänzenden Dachstein, über die vielfältigen Lichtspiele am See, über…

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Aus dem Berg stolpert Gletscherwasser über kindskopfgroße Steine und…

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…durch ein überdimensionales…

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…Hörrohr rauscht es wie an den Niagarafällen an meinem linken Ohr.

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Dieser Gosausee ist die Demokratisierung der alpinen Schönheit. Auf unschwierig breitem Weg können ungeübte ebenso wie gebrechliche Menschen im Gletscheratem des Dachsteins wandern. Barrierefrei erscheint mir der Weg, ich glaube, dass auch Rollstuhlfahrer eine Seerunde cruisen können.

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Wir erreichen die Abzweigung zum Hinteren Gosausee und zur Adamekhütte. Verlockend ist das Weiterwandern schon, aber wir haben doch bereits einige Kilometer in den Beinen und belassen es bei unserer ungeplanten Seerunde.

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Der Uferbereich flacht ab und zeigt ein neues Gesicht.

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Wenn der See sich zurückzieht, breitet sich eine eigenwillige Landschaft aus, wo sonst alles in die Höhe drängt.

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Der Wasserstand des Sees wird künstlich geregelt. Der Gletscher füllt den See auf, und die Elektrizitätsindustrie zieht gelegentlich den Stöpsel. Man vergisst ob der Schönheit der Berge rundum, dass der See bereits 1911 seiner ursprünglichen Form beraubt wurde. Eine Staumauer wurde errichtet und der Wasserspiegel um 15 Meter angehoben. Die ursprüngliche Uferlandschaft wurde geflutet.

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Bei Niedrigwasser findet sich jetzt für jeden gerodeten Baum, als sein eigenes gespenstisches graues Grabmal, ein wurzelumschlungener Baumstumpf.

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So schön ist der Dachstein in seiner Nähe…

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…so erhaben leuchtet er in seiner Ferne.

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Wieder erliege ich meiner Faszination zum S/W Foto. Im Anschluss finden sich noch Fotos von diesem eigentümlichen Flecken am See

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Lange können wir uns nicht von diesem Ort der beschaulichen Stille lösen.Wäre er überflutet, könnte das Schweigen nicht tiefer sein.

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Die Sonne steht nicht mehr so hoch am Himmel und die Schatten der umliegenden Berge fallen tiefer. Uns begegnet ein junges Pärchen. An seinem prallen Rucksack hängt ein neues Seil und auch ihr Rucksack scheint voll zu sein. Ungeduldig schaut er sich immer wieder um und meint zu ihr: „Wenn die nicht weiter tun, wird uns die Zeit zu knapp“. Tatsächlich schlendert gemütlich ein ähnlich ausgerüstetes Grüppchen heran. Sie wollen zur Adamekhütte. Das nenne ich konditionelles Selbstvertrauen. Bis zur Hütte sind noch 14 km und fast 1300 Höhenmeter zu gehen. Es ist später Nachmittag und mit den vollen Rucksäcken würde einer meiner rustikaleren Bergfreunde sagen:„Das ist jetzt aber kein Lercherlschas da hinauf“!

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Im milden Abendlicht gelangen wir zum Laserer-Alpin-Steig. Unter uns und ober uns hängen sie mit ihren Klettersteigausrüstungen klickend und klackend in den Seilen.

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Wie bunte Insekten im Spinnennetz verharren sie ohne Bewegung, weil einzelne vor ihnen in den schwierigeren Bereichen nicht weiterkommen. Stau bei der Anreise in den Urlaub und danach Stau am Klettersteig. Wir beobachten das Nichtgeschehen eine Zeit lang und ziehen dann aber bald weiter.

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Dieser unverhofft schöne Rundgang endet wieder am Seegasthaus. Wir mussten weder ein Menschenbad nehmen noch konnten wir uns zu einem Bad im See überwinden. Ein Seebad wäre leicht möglich gewesen, ein Menschenbad nicht, dafür haben viel zu wenige den See besucht. „Es hat sich verlaufen“ sagt der Mostviertler dazu. Eingangs zu diesem Bericht habe ich noch formuliert „…verbleibt uns noch ein „ganzer halber“ Tag, um dem touristisch verseuchten Gosausee einen neugierigen aber distanzierten Besuch abzustatten“.

Diese krumme Ansage möchte ich mit den geborgten Worten von Konrad Adenauer wieder geradebiegen: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern, nichts hindert mich, weiser zu werden.“

Jetzt weiß ich aus persönlicher Anschauung, dass der Gosausee einem kostbaren Ring gleicht, mit dem Dachstein als ungeschliffenen, edlen leuchtenden Schmuckstein. Und ich weiß jetzt auch, dass Vorurteile einer gelegentlichen Überprüfung bedürfen.

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Im Anstieg keine Höhenmeter und zurückgelegte Entfernung ca. 5 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Broer (1965): Ein Jahr geht über die Berge Der Dachstein und die Tauern im Wandel der Jahreszeiten. Eigenverlag Hannes Broer, Schladming.

Hauleitner (2010): Salzkammergut Ost, Dachstein, Traunstein, Totes Gebirge. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

Hochhauser (2008): Oberösterreichische Almen 78 traumhafte Alm- u. Hüttenwanderungen. Verlag Styria, Graz.

Pürcher (2004): Dachsteingebirge, Grimming, Gosaukamm: Hochalpine Touren und Wanderungen für die ganze Familie. Steirische Verlagsgesellschaft, Graz.

Senft (1994): Wandern im Salzkammergut. Verlag Leopold Stocker, Graz.

Strauß (2006): Dachstein. Bergverlag Rother, München.

Zahel (2008): Bergseen die 70 schönsten Wandertouren in den Ostalpen. Verlag Bruckmann, München.

 

BILDEPILOG

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