Wandern im Stilleschatten des Sengsengebirges: Kleiner Größtenberg (1720 m ) und Großer Größtenberg (1724 m)

Die höchste Erhebung des Reichraminger Hintergebirges ist heute mein Tourenziel. Mein Ausgangspunkt ist wieder einmal das Haslersgatter (1154 m). Jahreszeitlich bin ich spät dran, hier hat es fast schon ausgeherbstelt und alles wartet auf den Schnee. Dieser hochgelegene Punkt im Süden des Hintergebirges ist von der Hengstpassstraße über die Kleinerbergstraße mit dem Auto zu erreichen – so lange kein Schnee liegt. Von hier gelangt man auch in die Ostecke des Sengsengebirges, wie dem Mayrwipfel (1736 m) und das Steyreck (1592 m). 

Natürlich sieht man die höchste Erhebung des Hintergebirges von vielen Standpunkten Oberösterreichs, Niederösterreichs und der Steiermark, und trotzdem können sie nur wenige benennen. Spätestens bei einer Wanderung in ihrer Nähe, wie zum Beispiel auf Alpstein (1443 m) und Trämpl (1424 m), ist eine nähere Beschäftigung mit ihren höchsten Erhebungen unausweichlich.

Vom Alpstein fotografiert (28.04.2018) Nordseite Gr. und Kl. Größtenberg.

Ich will den Berg auf markierten Forststraßen und Steigen von der Südseite besteigen. Allerdings gibt es bei dieser Tourenwahl einen konzeptionellen Haxelsteller. Diese Wanderung beginnt mit einem gehörigen Abstieg. Immerhin 250 Höhenmeter, die ja am Ende des Tages wieder aufgestiegen werden wollen.

Ich liebe dieses herbstliche Zwielicht am Morgen. Die Luft riecht ein wenig süß vom Moder, aber sonst ganz klar und rein. Zu Beginn der Wanderung sind mein Gehirn und meine Augen noch im Straßenverkehrsmodus. Das hält zu meinem Glück nicht lange an. In seiner ganz langsamen Art führt mich der Wald still und bedächtig aus dieser Hektik heraus.

Meine Schritte knirschen im Kies einer Forststraße, die bereits viele Vorläufervarianten aufweisen kann. Ist doch der Weg hier und die Weiterführung über den Steyrsteg ein jahrhundertealter Übergang zwischen Windischgarsten und dem Bodinggraben (Molln).

Oberhalb der Rumpelmayralm beginnen die Felsen der Steyrleiten, die etwas später zur Reifmauer wird. Und irgendwo oberhalb der Steyrleiten befindet sich auch die verfallene Mayralm. An der kommt man vorbei, wenn man auf den Mayrwipfl (1436 m) oder das Steyreck (1592 m) will.

Es ist schon wunderbar, was nach zehn Minuten gehen geschieht: Die Welt, die Bäume, die Steine und der Bach verschmelzen zu einem Nähe-Wesen, und ich fühle mich mit allem physisch verbunden. Wieder einmal lasse ich mich anstecken. Mir geht es, wenn ich solche Landschaften durchwandere, wie einer Tanzmaus, die plötzlich Musik hört: Ich komme in Bewegung, nicht nur äußerlich, am meisten rumort es in meinem Inneren.

In solchen Herbstwald-Wanderungen nähert sich mein Selbst der Welt an, und die Störsignale des beruflichen Alltags werden durch ein „In-Waldschwingung-Versetzt-Werden“ aufgelöst. Das funktioniert besonder gut auf einfachen, orientierungsleichten Wegen, die solch eine nicht konfrontative Naturerfahrung überhaupt erst möglich macht.

Nach zirka drei sacht abfallenden Kilometern purzelt die Straße regelrecht in zwei steilen Windungen hinab zum Biwakplatz Steyrsteg.

Die Parkranger haben an alles gedacht – vom trockenen Feuerholz bis zum Feuerlöscher ist alles vorhanden.

Eine ebene Wiese zum Zelten, eine Toilette, eine befestigte Feuerstelle können gegen einen kleinen Umkostenbeitrag benutzt werden. Näheres dazu findet sich hier: Biwakplatz Steyrsteg. 

Mit dem Biwakplatz erreiche ich auch annähernd den tiefsten Punkt meiner Wanderung. Ab jetzt geht es bergauf. Auch meine Gipfelziele kann ich erstmals sehen. Schaut schon noch weit aus. Aber irgendwo müssen ja die 17 Kilometer herkommen, die diese Wanderung fordert.

Ganz in der Nähe dieses Holzmarterls mündet der Rumpelmayerbach in die Krumme Steyerling. Die Quellen beider Bäche sind nahe.

Bis Molln fließt die Krumme Steyerling und mündet dort in die Steyr. Die Steyr mündet in die Enns, die Enns in die Donau und die Donau ins Schwarze Meer. Und das Schwarze Meer…

Aber alle Wasser der Welt finden sich wieder, und Eismeer und Nil vermischen sich im feuchten Wolkenflug. (H. Hesse, Wanderung)

Vom Bodinggraben (Jagahäusl) gelangt man ebenfalls hierher – auch mit dem Fahrrad.

Ich bleibe auf der Forststraße, die sich schmal wie ein Bach mit viel Herbsttreibgut duch die steinige Waldlandschaft windet,…

…bis endlich die Grünflächen der Weingartalm…

…und ihr höchster Punkt erreicht sind. Der Blick zurück zeigt mir das Steyreck (1592 m) mit seinen felsigen Ostabbrüchen, wo sich die Eiskapelle befindet: Zuerst staunen in der Eiskapelle und danach aufs Steyreck.

Ich wandere ein kurzes Stück auf der Straße, die zur Jagdhütte auf der Weingartalm führt (1154 m), bis mich diese…

…orientierungsstiftende Tafel ins Gelände schickt.

Allerschönste Hintergebirgslandschaft erwartet mich. Ganz typisch für dieses Waldgebirge strecken umgestürzte Bäume ihre Wurzeln wie Baum-Skulpturen himmelwärts…

…und augenfreundliche, baumbunte Urszenerien breiten sich vor mir aus. Ein Ur-Anblick, der nach dem Betrachter greift. Außschließlich immer versetzen mich solche Herbstwälder in Hochstimmung.

Der Steig führt durch diesen Buntstiftstreifen aus Laubgehölz, um danach rasch anzusteigen. Jetzt folgt die ernstere, fast monochrome Welt der Nadelhölzer.

Der Duft von trocknendem Holz, bräunlichen Fichtennadeln, Berggräsern, Pilzen, Steinen, Käfern und Beeren wölbt sich über diese sonnenbeschienene Lichtung. Der Wald trägt ihn wie ein Parfüm.

Weil ihm der Borkenkäfer und der Klimawandel zusetzen, befindet sich der unbehandelte naturbelassene Wald in einem Umbauprozess. Zur Zeit ist er „natürlich entstellt“ und es…

…sieht hier aus, als wäre der Wald mit sich selbst im Krieg. Aber das passt schon so. Andere Baumarten werden auf den nährstoffreichen Resten ihrer Vorgänger emporwachsen und den steigenden Temperaturen besser widerstehen können. Das dauert aber noch lange – nicht einmal meine Enkel werden den neuen Wald betrachten können.

Ich nähere mich der Waldgrenze, Fichten und Lärchen werden kleiner.

Der Steig führt ins schmale Halterhüttental, das in früheren Zeiten mit Schafen beweidet wurde. Mittlerweile beginnt das riesige Reich der Latschen bereits hier, am Rande des Halterhüttentales und am Fuße…

…des Großen Größtenberges: einer mächtigen grünen Pyramide mit undurchdringlichem Latschenfell. Hier kommt bestimmt keiner auf die Idee, direkt aufzusteigen. Die ausgeschnittene Latschengasse weiter oben ist die einzige vernünftige Möglichkeit, auf den Gipfel zu kommen. Der Berg ist sozusagen unhintergehbar.

Das Halterhüttental ist nur eine steinige Einkerbung zwischen den beiden Gipfeln. Im Frühjahr 2006 war ich schon einmal hier, und die Fotos, die ich damals gemacht habe, zeigen die herrliche Kraft und Schönheit dieses Aufstiegs im Frühjahr:

Frühjahr 2006

Frühjahr 2006

Und vor lauter Schönfinden habe ich damals an dieser Stelle die Abzweigung zum unmarkierten Anstieg auf den Kleinen Größtenberg übersehen.

Frühjahr 2006

Diesmal bin ich achtsamer. Linker Hand wird es felsiger, und es kommt zu einer ungewöhnlichen Häufung, zu einer Rudelbildung von Steinmännchen…

…im Bereich dieser Wand. Noch vor dieser gerillten grauen Platte…

…führt der Steig links weg. Dieses Foto habe ich im Abstieg von der Abbiegestelle gemacht.

Und schon befinde ich mich auf dem unmarkierten aber unübersehbaren Steig zum Kleinen Größtenberg.

Nicht einmal ein halber Kilometer und hundert Höhenmeter sind es dann…

…auf den aussichtsreichen Gipfel. Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Kleiner Größtenberg (1720 m). Ich bleibe lange sitzen, weil dieser Gipfel aussichtsreicher ist als sein großer Bruder.

Ich sehe auf den Taleinschnitt „Steyrsteg“ und das darüber aufragende Steyreck (1592 m). Dieser tiefe Spalt trennt das Reichraminger Hintergebirge vom Sengsengebirge, obwohl der Größtenberg geologisch gesehen noch zum Sengsengebirge gehört.

Mir bietet sich ein herrlicher Blick aufs Sengsengebirge…

…und vorgelagerte waldige Erhebungen. Hier schaue ich auf den Taleinschnitt mit dem „Reitweg“, der wie bereits zuvor erwähnt vom Bodinggraben (Jagahäusl) bist zum Steyrsteg führt.

Die Besteigung dieser beiden Gipfel hat mir besonderes Vergnügen bereitet: Aus dem Nebel meiner Alltagsroutine: Alpstein (1143 m) und Trämpl (1424 m)

Im Zoom sind hier die alte und die neue Schaumbergalm zu sehen. Immerhin war das alte, jetzt verfallene Gebäude, eine der größten Almhütten Oberösterreichs. Das neue Gebäude wurde 2006 errichtet und ist mittlerweile ein beliebtes Ziel für Wanderer und Mountainbiker. Ich war noch nicht dort.

Und im Gegenlicht dunkelt ein Scherenschnitt mit den Hallermauern.

Noch ein letzter Blick auf das Sengsengebirge, und dann mache ich mich auf den Weg zum Hauptgipfel.

Ich muss zum markierten Weg zurück und dann zirka 180 Meter bis zum bräunlichen Wiesenflecken (etwas links der Bildmitte) hochwandern. Von dort beginnt dann die ausgeschnittene Latschengasse zum Gipfelkreuz. Wenn man die Augen spitzt, kann man den zickzackenden Pfadverlauf gut erkennen.

Sehr rasch bin ich beim herbstmüden Wiesenflecken, und eine Markierungsstange mit Tafel weist mir den Weg.

In dieser Einsattelung mündet auch der schwierige, östliche Zustieg über das Ahorntal ein. Eine Beschreibung dieser Wanderung findet sich auf aufwärts-ooe.at. Die habe ich hier verlinkt: Großer Größenberg 1724 m – Kleiner Größenberg 1720 m.

Es ist nicht mehr weit bis zum Gipfel.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Großer Größtenberg (1724 m).

Dort drüben bin ich noch vor gar nicht so langer Zeit gestanden. Es sieht so weit aus und ist es dabei gar nicht. Keine halbe Stunde für mich Langsamgeher.

Inmitten dieser Myriaden von Latschenwipfeln kann man schon ein wenig verloren sein.

Im grünen Fell eines riesigen Lebewesens fühle ich mich wie einer der…

…orientierungslosen Hundeflöhe bei Gary Larson:

Und dort, wo ich über die Latschen sehen kann, erstrecken sich bis zum Horizont brandende Wellen wie Gürtel um Gürtel aus bräunlichem Grün.

Die Sicht in die Ferne verschleiert von weißem Dunst.

Ich steige gemächlich ab. Ein letzter Blick auf den Kleinen Größtenberg.

Etwa 180 Meter nach der Tafel in der Einsattelung habe ich wieder die Abzweigung zum Kleinen Größtenberg vor mir.

In der milden Nachmittagssonne beginnt alles um mich zu strahlen. Vor allem die Lärchen leuchten wie Finger aus Licht. Auf der Weingartalm kann ich auf mein buntscheckiges Aufstiegsgelände blicken.

So bald man im Wald wandert, durch dichtes Laub raschelt, hat man das Gefühl, weit entfernt von der Zivilisation zu sein. Kein ständig bewohntes Haus im Umkreis von fünfzig Kilometern.

Dieses Gefühl spürt sich gut an, auch wenn es nur eine erwanderte Illusion ist.

Größtenberge im Nachmittagslicht.

Sich über die Steilheit des Weges oder Gegenanstiege zu beschweren, ist keine erlaubte Klage beim Bergsteigen. Darum erwähne ich sie nur, die zweihundertfünfzig Meter Gegenanstieg vom Biwakblatz zum Haslersgatterl.

Ich bin glücklich mit dem Viel an Bewegung, mit dem Bunt der Landschaft und dem Friedvoll der Stille. Das Reichraminger Hintergebirge ist schon ein ganz besonderer Ort.

Im Anstieg etwa 1100 Hm (davon  250 Hm als Gegenanstiege) und zurückgelegte Entfernung nahezu 17,8 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at


Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region OÖ Voralpen (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.

Meine Quellen:

Ausschnitt aus Kompass Logo Karte 4309, Österreich digital.
ⒸKartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit:
PanoLab Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Ⓒ Christian Dellwo.

Schaumbergalm: Steinadlerpaar zieht über Alm seine Kreise

Zeitung Tips: „Schaumbergalm: Steinadlerpaar zieht über Alm seine Kreise“ (Zuletzt abgerufen am 25.10.2020)

Heitzmann, Harant (1996): OÖ-Voralpen. OeAV-Führer, Ennsthaler Verlag, Steyr.

Sieghartsleitner (2009): Der Nationalpark Kalkalpen Weitwanderweg. Ennsthaler Verlag, Steyr.

Heitzmann, Harant (1999): Reichraminger Hintergebirge (Neuauflage) Ennsthaler Verlag, Steyr.

Radinger (2009): Wandererlebnis Kalkalpen mit Haller Mauern. Residenz Verlag, St. Pölten.

Sieghartsleitner(2000): Wandern rund um den Nationalpark Kalkalpen. 45 sorgfältig ausgewählte Familienwanderungen. Ennsthaler Verlag, Steyr

Walter Stecher (2020): Von Tal zu Tal. Aufwachsen im Reichraminger Hintergebirge. Edition Geschichte der Heimat. Verlgag Franz Steinmaßl, Grünburg.

EPILOG

Am 15.Juni 2006 habe ich den Großen Größtenberg schon einmal besucht. Nur den Abstieg habe ich etwas anders angelegt.

FIN