Wie eine botanische Hinterlist den Pfad versteckt und mir trotzdem eine durchwachsene Wanderung auf das Federeck (1340 m) gelingt

Heute bin ich spät aufgebrochen – ich will ja keinen Berg besteigen, sondern nur schauen. Dieser heiße Samstag dient mir zur Auskundschaftung des Geländes für meine langersehnte Dürrensteigkamm-Überschreitung. Ich will herausfinden, ob ich diese Süd-Nord Überquerung bereits von der Unterlaussa oder Weißwasser beginnen kann. Weil ich dazu weder in Büchern noch im Internet Informationen finde, erkunde ich das jetzt einfach selbst.

Bei Unterlaussa (Dörfl) fahre ich in Richtung Weißwasser. In der starken Linkskurve vor der Mooshöhe parke ich mein Auto. Jetzt folge ich einer Forststraße bis zum südlichen Ende des abfallenden Gratrückens und neben einem kleinen Steinbruch betrete ich dann diesen Rücken.

Auch auf meiner Kompasskarte ist ein Steiglein eingezeichnet…

…und das hoffe ich zu finden – zumindest so lange, bis meine Hoffnung Schnappatmung bekommt und aufgibt. Also nur die Hoffnung gibt auf – ich nicht. Und so kommt es, dass ich auf unerwarteten, wilden Widerstand treffe. Nicht Zaun, nicht Bauer, nicht Knecht und auch nicht Jäger bilden dieses Hindernis, es ist die Natur persönlich.

Nicht einmal bis zu dieser verrosteten Antenne führen Spuren. Funktioniert sie so gut, dass sie keiner Wartung bedarf? Oder ist sie schon vor langer Zeit aufgegeben worden, weil jetzt eine Satellitenschüssel, irgendwo auf dem Dach einer einsamen Jagdhütte, mit dem Weltall spricht? Alles ist von Beginn an brusthoch verwachsen, ohne Unterlass bin ich mit Disteln und Dornen auf Augenhöhe.

Ich versuche in den steilen Osthang auszuweichen, um vielleicht hier gangbareres Gelände zu finden. Auch dort herrscht das undurchdringliche Grün.

Was tun, wenn der Pfad tot ist?

Gar nicht so einfach: Mit den Wanderstecken fechten wie ein Musketier, schleichen wie ein Irokese, das eigene Leben verachten wie ein Samurai und wie Lederstrumpf immer weiter in die Landschaft vordringen.

Bald schon schweißgetränkt, blutig gekratzt und zerschunden stolpere ich über unsichtbares feuchtes Altholz und werde von meterhohen Jungpflanzen ausgelacht, regelrecht zerkaut, verschluckt und wieder ausgespuckt. Auf diese Weise gut zubereitet bin ich ein fürstliches Zecken-Gourmet-Menü. Auch Gelsen und Bremsen schätzen meine insektenrüsselfertige Aufbereitung. „Auf dieser Welt explodierte das Leben, brach hervor, vermehrte sich und wucherte in einem Maße, die (sic.) jede Fantasie überstieg. Auf einem Boden, so fett, so nahrhaft, daß er beinahe selbst lebte, ergoß sich grünes Magma und überflutete das Land. Ein alldurchdringendes Grün, ein überall gleichzeitiges, allmächtiges Grün. Welt eines chlorophyllischen Gottes“. (Alan Dean Foster „Die denkenden Wälder“)

Ich kann gar nicht mehr beschreiben, was mir alles zustößt. Immer übergriffiger und schrankenloser gebärdet sich das orgiastische Grün. Der Gipfel der genitalen Unverschämtheit ist hier erreicht. Völlig ungeniert fassen mir Baumwipfel an meinen Wanderer…!

Es ist, als würde sich ein einziges großflächiges grünes Lebewesen gegen mich stemmen. Ein riesiger organischer Kraken, der mir acht Ohrfeigen gleichzeitig verabreichen kann – und das auch tut. Er hält mich fest mit seinen biegsamfesten Asttentakeln und schreckt auch vor blutigen Tätlichkeiten nicht zurück. Weil sein gut verborgenes Waffenarsenal meinem Wandererauge gänzlich verborgen ist, sehe ich die Klingen nicht. Damit versucht er mir sogar die Arme abzuschneiden.

Momente des Durchatmens und Mitleids schenken mir nur die „alten“ Waldbereiche. Hier habe ich sporadisch das Gefühl, auf einem Pfad zu sein. Und das motiviert mich zum Weitergehen, denn…

…wenn es Aussicht gibt, dann ist sie interessant aber auch irgendwie grün: „Selbst die Luft hatte einen schwachen grünen Schimmer an sich, so daß man glaubte, durch Linsen aus Smaragd zu blicken.“ (Alan Dean Foster „Die denkenden Wälder“)

Ich sehe ein, dass dieser Nichtweg für eine Überschreitung mit dem schweren Gepäck für eine Übernachtung am Rücken völlig ungeeigent ist. Diesen Zweitagesmarsch werde ich doch besser von der Schüttbauernalm angehen.

Obwohl ich jetzt weiß, dass dieser betretene Weg gar keiner ist, will ich bis zum südlichsten Gipfel des Dürrensteigkamms, zum Federeck (1340 m), aufsteigen. Also jetzt doch einen Gipfel besuchen. Im Nordsüdverlauf des Kamms habe ich mit dem Katzenhirn (1159 m) bereits die nördlichste Erhebung bestiegen.

Diese beiden Gipfel werde ich bei meiner Überschreitung nicht mehr besuchen – aber alle Gipfel dazwischen, hoffentlich schon bald. Jetzt wird es steilfelsiger im Buchenwald.

Mittlerweile bin ich zur Hochrotform angelaufen und bevor es in der prallen Sonne weitergeht, mache ich eine Pause.

Noch bin ich für mein Gewicht zu klein. Im neuen Jahr (2018) ändert sich das zum Glück. Vielleicht auch, weil ich gute Ratschläge und Angebote per Spam-Mail erhalte. Da ist schon alleine das Lesen hilfreich. Hier der Originaltext (Copy & Paste) solch einer Mail:

„Betreff: Willst du beziehende Form zum Stand? Auch vom Fernsehen bekanntes Getränk erreichbar. Werfest du einige Kilos ab, aber magst die Süßigkeit sehr? Hier ist das Abnahme-Schokogetränk. Nehmest du bis Sommer ab, aber sehnst dich nach Süßigkeit? Mit Schoko-Getränkepulver kann gelingen. Hilft abnehmen: mit schokoladenschmeckende Getränk sinkt dein Hunger.“

Bald schon schreite ich wieder in der Sonne über einen abgeholzten Rücken.

Schon weit unter mir befinden sich die Bauernhäuser Seebacher und Tiefenbacher.

Anschließend gelange ich auf einen Felsvorsprung und blicke auf eine mit gefällten Bäumen, faulendem Holz und wuchernden Gewächs verstopfte Einsenkung. Am besten wäre es, würde der Felsturm vor mir einstürzen und ich könnte über seine hellen Trümmer weiter wandern.

Weil der Felsturm selbstverständlich nicht zusammenbricht, obwohl er doch schon reichlich bröckelt, muss ich ihn mühsam umgehen. Meine „Nichtbergtour“ nährt sich ordentlich von solch mühsam gesammelten Gehmetern.

Blick zurück auf den von mir vor langer Zeit verlassenen Felsvorsprung. Gefühlt könnte es sich um Stunden handeln.

Diese steile Böschung, wiederum kopfhoch und höher noch bewachsen, ruft mir mein…

…exakt für solche Fälle zusammengetragenes Schimpfwortvokabular ins Gedächnis.

Meine Fluchvorräte kommen vollunfänglich zur Anwendung. Nach dieser regelrechten Böschungsdurchfluchung quere ich diese Forststraße…

…und gelange über eine ansteigende, langgezogene Wiese auf den völlig unauffälligen Punkt mit der Höhenkote 1173 m. Nix besonderes ist zu sehen, gar nix, aber riechen tut es hier gut.

Endlich habe ich mein heutiges Tagesziel vor mir. Erstmals kann ich das Federeck sehen.

Für  kurze Zeit genieße ich das Gehen auf der Forststraße. Ich wandere allerdings nicht bis zur Waldbaueralm, sondern begehe eine neu errichtete Forststraße. Auf dieser wandere ich in die Südseite des Berges und dort, wo mir das Gelände am freundlichsten erscheint, beginne ich meinen weglosen Aufstieg.

Zuletzt muss ich nur noch eine feuchtgrüne Farnmähne durchwandern,…

…um im grünen Flaum des Gipfels auf den Vermessungsstein zu stoßen. Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto im grünen Gipfelflaum aus Schwarzbeersträuchern auf dem Federeck (1340 m).

Nicht einmal auf die nahe Bodenwies wird mir Aussicht gegönnt. Somit steige ich zuerst ganz schön steil…

…und danach über sumpfiges Weidegelände zur Waldbaueralm (1255 m) ab.

Es ist niemand da. Nur Kühe und ich und diese…

…sehenswerte Aussicht.

Die Waldbaueralm verlasse ich „ganz normal“ über die Forststraße. Unterhalb der Höhenkote 1173 m wechsle ich auf einer neu errichteten Forststraße in die Westseite. (Im Aufstieg habe ich sie überschritten).

Danach habe ich nur noch einen kurzen direkten Abstieg durch die Botanik zu bewältigen, um auf der „Langseite“ zur Anfangsforststraße zu gelangen.

Das wirklich Entäuschende an dieser Tour ist meine Unkenntnis der einzelnen Pflanzenwidersacher. Nur wenige von den vielen, die mich heute bearbeiteten, konnte ich beim Namen nennen. Hier der Versuch einer grafischen Aufbereitung:

Wieder beim felswandgrauen Vauwe zurück, bin ich um eine Einsicht reicher – dass  dieser Anstieg für die Überschreitung kein Spaßbringer ist und ich als Ausgangspunkt die Schüttbauernalm nehmen werde. Wenn es dann so weit ist.

Im Anstieg etwa 655 Hm und zurückgelegte Entfernung nahezu 12,4 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit: PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version: 1.0.3  © Christian Dellwo.

Von Anja Rützel habe ich mir „zur Hochrotform anlaufen“ ausgeborgt.

 

Heitzmann, Harant (1996): OÖ-Voralpen. OeAV-Führer, Ennsthaler Verlag, Steyr.

Foster (1975): Die denkenden Wälder. Wilhelm Heyne Verlag, München.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.