Wie ich überflüssige Feuchtigkeiten verdampfe und dabei den Maißzinken (1075 m) besteige

Inzwischen ist es 2018 geworden. Und weil schon jede Empfindung einmal auf dieser Erde von jemanden gefühlt worden ist, mutmaße ich, dass es mir an diesem frühlingshaften Wintertag in Lunz am See wie Pater Placidus à Spescha 1730 in Disentis erging. Dieser notierte in sein Tagebuch: „Durch das stille Sitzen und viele Nachdenken ward mein Leib schwer und mein Gemüt traurig. Ich setzte mich in Bewegung, schwitzte meine bösartigen und überflüssigen Feuchtigkeiten aus und kam nach Hause, gereinigt und leicht wie ein Vogel.“

Ich parke mein felswandgraues Auto auf den von Schnee und Eis noch festgefügten Parkplatz beim Maißzinkenlift, oberhalb des Lunzersees. Eine Föhnperiode wird in den nächsten Tagen bis zu siebzehn Plusgrade heranblasen, und darum möchte ich zuvor noch, als Kombinierer, mit Schneeschuhen den Seeauberg (847 m) bis zum Steinbauernberg (922 m) überschreiten…

…und mit Tourenschiern auf den Maißzinken (1075 m) wandern.

Zu Beginn klette ich meine Schneeschuhe an einen der vielen Riemen am Rucksack und spaziere die asphaltierte Zufahrtsstraße hinab zum See.

Noch stehe ich ganz alleine am Ufer des Gewässers, und im Halblicht des Morgens…

…spiegeln sich Berg und Boot im flächenhaften Nass. Freilich nur so lange, bis eine wenigköpfige Entenfamilie schnatternd das Wasser riffelt.

Seine Lebenskerze an beiden Enden anzünden und abbrennen schenkt zwar mehr Licht, halbiert aber die Lebenszeit, ist die landläufige Meinung, denke ich mir bei diesem Anblick. Vielleicht trifft das ja gar nicht zu und entspringt nur dem Neid der sich plagenden, dahinschleppenden Pflichterfüller.

Sich mit Sinn ans Leben kleben ist der Trick, denn nichts schafft so intensive Gegenwart, wie Leidenschaft. Am besten entkommt man der Hölle des Lebens, wenn man von etwas erfüllt ist. Für etwas zu brennen ist das schönste Lebensgefühl von allen. Sämtliche Sinnfragen sind für den Entflammten beantwortet, und die teuflische Gefangenschaft im ureigenen fehlerhaften Leben und Denken fühlt sich in der Hitze des eigenen Abbrennens wie die größtmögliche Freiheit an.

© Gary Larson

Es ist sonderbar, so bald ich wandere, beginnt in mir eine ganz eigentümliche, ausschließlich ambulant verursachte Nachdenklichkeit. Auf der Großen Seeau ist eine Langlaufloipe gespurt, und nahe dem Waldrand führt mich ein markierter Weg in Richtung Kleine Seeau.

Im Schatten des Waldes, in einer pickelhart vereisten Traktorspur, wandere ich hoch.

Sobald die Traktorspur endet, ziehe ich meine Schneeschuhe an.

Weil die Forststraße völlig vereist und sehr steil angelegt ist, verdanke ich mein Weiterkommen nur den scharfen Krallen an den Schneeschuhen und meinem hohen Gewicht, denn das drückt die scharfen Zacken tief in den gefrorenen Eismantel. Den Blick zum Lunzberg nutze ich für eine kurze Verschnaufpause.

Ich bleibe auf dem markierten Weg zur Seeau und verlasse erst beim Blick auf den Gipfel die Forststraße. Durch diesen Waldabschnitt martere ich mich hoch.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Seeauberg (847 m).

Hintennach weiß ich, dass es gescheiter gewesen wäre, am Weg zu bleiben und von dieser Einsattelung mit dem geknickten Baum die wenigen Meter auf den Gipfel zurückzusteigen.

Am spurenlosen Bergrücken stapfe ich weiter. Ohne Schneeschuhe wäre es im angewehten weichen Schnee jetzt sehr mühsam.

Es finden sich allerdings auch fast schneelose abgeblasene Abschnitte.

Eine erste mögliche Abstiegsvariante nach Rehberg wird angezeigt. Ich gehe weiter.

An umgestürzten Bäumen vorbei, über schneebedeckte Steinwarzen, suche ich mir meinen Weg. Das habe ich mir einfacher vorgestellt, und zugleich bereitet es mir großes Vergnügen – ein bisserl pervers ist das schon.

Hier beginnt ein steiler, happiger Abstieg in die Einsenkung. Von dieser führt der markierte Weg nach Rehberg. Ich bleibe am Grat und finde jetzt mehr Hindernisse vor. Manchmal sind es aufragende Felsen,…

…wo ich nicht weiß, ob ich sie überschreiten kann oder umwandern muss.

Die Schneeschuhe rutschen am Stein ab, knirschen und greinen, wenn das Metall der Zacken am Felsen kratzt. Trotzdem gelingt mir das Fortkommen ohne den freien Fall in der Praxis kennen zu lernen.

Immer wieder sind liegende Bäume zu überklettern.

Auch wenn es auf den Bildern oft anders aussieht, ohne Schneeschuhe wäre die Tour nur sehr schwer möglich.

Dampfend und ordentlich verschwitzt gelange ich ans Ende des steinwarzigen Rückens.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Steinbauernberg (922 m).

Wie schon die ganze Zeit davor, ist das wildbachartige Rauschen meines von der Anstrengung aufgewühlten Blutes das einzige Geräusch am Gipfel. Vom Schigebiet dringt kein Muckser zu mir. Für Vogelgesänge ist es zu früh im Jahr. Die geschnäbelten Sänger sitzen alle noch im Süden und haben vermutlich bis jetzt nicht einmal die Koffer für die Heimreise gepackt.

Direkt vom Gipfel ist kein Abstieg möglich. Das Gelände ist unangenehm steil. Darum wandere ich fast den ganzen Grat zurück, bis zum markierten regulären Abstieg. Am Ende der Schneeschuhtour stolpere ich über schneebedeckte Steine wie am Beginn der Wanderung auch – aber doch irgendwie souveräner.

Bald schon erreiche ich die Wiesen von Rehberg. Der Regen der vergangenen Tage hat wie ein Ackersmann…

…den Schnee gepflügt. Jetzt bedeckt ein völlig zerknittertes, silbrig glänzendes Tuch  die Viehweiden.

Gegenüber überblicke ich meinen geplanten Aufstieg fast zur Gänze.

Blick ins Seetal.

Wieder bei Auto wechsle ich rasch meine Bereifung. Die ersten Schritte mit den Schiern erscheinen mir im Vergleich zum Schneeschuhgestolpere eigenartig widerstandslos und glatt.

Ich halte mich an den linken Pistenrand, auch wenn nur wenige abfahren und ich niemanden im Weg „gehen“ würde.

Bemerkenswert finde ich diese Ansicht: Auf allen diesen „Ötschern“ war ich schon. Meine Schitour auf den Kleinen Ötscher (1552 m) und den Schwarzen Ötscher (1188 m) findet sich ja bereits im Blog.

Hinter der Ausstiegsstelle des Sesselliftes steht auch schon das Gipfelkreuz.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Maißzinken (1075 m).

Endlich kann ich auf der halb freigeschmolzenen Bank…

…ausgiebig rasten.

Mein Durst ist mittlerweile so groß, dass ich den See austrinken könnte.

Vorboten des Föhnwindes streichen über den Gipfel. Weil ich unterhalb des Gipfelkreuzes sitze, merke ich nicht viel davon.

Mein letzter Blick gilt der annähernd über mir befindlichen Scheibe (1602 m).

Viel zu schnell endet meine Abfahrt auf der Piste. Im kleinen Ausschank am Pistenrand, mit seinen Holzbänken im Auslauf des Abfahrtshanges, kaufe ich mir noch ein entschärftes Bier und trete mit leicht angeröstetem Gesicht (wer braucht denn schon Sonnenschutz?) die Heimreise an.

Im Spätnachmittagslicht blinkert mir noch einmal der See mit seinen gräsernen Wimpern zu, und…

…die vernebelten Wolken bei meiner Ankunft in Waidhofen bestätigen mir, dass ich alles richtig gemacht habe. Ob diese Tour für die laufhungrige Seele von konditionsstarken Bergathleten ausreichend ist, weiß ich nicht. Ich empfand dieses Bergmenü in seiner unerwarteten Ausprägung doch g’schmackig und sogar vielgängig. Apropos Menü: Auf der Rehbergalm (Almgasthaus Rehberg) soll gut gekocht werden, und darum ist vielleicht ein Wanderbesuch des Maißzinkens mit mittäglicher Einkehr eine Sommeroption für den kleinen Wanderhunger (zirka dreihundert Höhenmeter).

Im Anstieg ca. 620 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 12 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at.

Meine Quellen:

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit: PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version: 1.0.3  © Christian Dellwo.

Das freundliche Schigebiet: Skigebiet – Maiszinken (abgerufen am 18.3.2018)

Leopold hat diese Tour in ähnlicher Form mit Freunden gemacht: Maißzinken, mit Schneeschuhen ins Schigebiet. (abgerufen am 18.3.2018)

„(…) mit Sinn ans Leben kleben“ ist eine Abwandlung eines Zitates von Martin Walser Walser (2017): Statt etwas oder der letzte Rank, Suhrkamp Verlag, Berlin.

„(…) nichts schafft so intensive Gegenwart wie Leidenschaft“ habe ich mir von Peter Bieri ausgeborgt. Bieri (2006): Das Handwerk der Freiheit. Hanser Verlag, München.

 

Steffan/Tippelt (1977): Ybbstaler Alpen. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Tippelt (1995): Wanderführer Ybbstal & Ötscherland. Ennsthaler Verlag, Steyr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

FIN


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.