Wie wir die Sphinx von Pusterwald überlisten und danach fünf Gipfel besteigen

Die Altvordere der Pusterwalder Sphinx hielt sich auf dem Berg Sphingion westlich von Theben auf und gab den vorbeikommenden Reisenden ein Rätsel auf. Diejenigen, die das Rätsel der Sphinx nicht lösen konnten, wurden von ihr erwürgt und dann verschlungen. Das Rätsel lautete: „Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig. Von allen Geschöpfen wechselt es allein mit der Zahl seiner Füße; aber eben wenn es die meisten Füße bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit seiner Glieder ihm am geringsten?“

Ödipus wusste ebenso die Antwort auf dieses Rätsel wie ich, etwas später, auf das gleichfalls schwierige Rätsel der steirischen Sphinx. Ödipus anwortete: „Dein Rätsel ist der Mensch. Als Kleinkind krabbelt er auf allen vieren, als Erwachsener geht er auf zwei Beinen, und im Alter braucht er einen Stock als drittes Bein.“ Bei Ödipus ging es um Leib und Leben – bei unserem Rätselspiel nur darum, wer der G’scheite ist und wer einen Vogel hat.

Die Menschen im Paltental glauben um diese Uhrzeit noch, dass der Himmel heute weiß ist – wir wissen es besser. Die Fahrt nach Pusterwald zieht sich gewaltig und erscheint uns endlos. Als wir endlich an der Goldwaschanlage im Scharnitzgraben vorbeifahren, sind wir müder, als nach dem Aufstehen.

GruberH_ 003

Mit steifen Gliedern steigen wir aus dem Auto und erleben gleich danach unsere erste sagenhafte Begegnung an diesem Tag. Denn wenige Minuten nach uns parkt ein Auto aus der fernöstlichen Hauptstadt so unpraktisch ein, dass gleich einmal drei Parkplätze verstellt sind. Gabi macht mit freundlichen Worten darauf aufmerksam und begegnet der titanenhaften Ignoranz des unausgeschlafenen Fahrers und seiner beiden wortlosen Begleiterinnen. Diesen Pfeifenköpfen ist es einfach egal, und sie lassen das Auto dort stehen, wo’s gerade so ungünstig steht. Und ich darf meine zivilcouragierte Gabi einmal sprachlos erleben.

GruberH_ 004

Solche Begegnungen muss man schnell abschütteln, um sich nicht die Freude an der bevorstehenden Wanderung zu verdrießen. Gabi erledigt das mit einem Tänzchen auf der bridge over troubled water:

GruberH_ 005

Ungewöhnlich, lästig und tempospendend sind die vielen Gelsen in Bachnähe.

GruberH_ 009

GruberH_ 013

Schon bald nach der Jaurishütte zweigt der Hannes Weinsteinsteig von der Forststraße ab. Wir können uns eine weitläufige Straßenkehre sparen und noch dazu im kühlen Baumschatten wandern.

GruberH_ 015

Rasch gelangen wir zur wunderbar gelegenen Wildalmhütte (1753 m) und sehen uns um.

GruberH_ 022

In manchen Jahren bewohnen bis zu fünfhundert Schafe die Weiden auf der Wildalm. Das schaut nach purem Schafluxus aus – und Wanderluxus auch.

GruberH_ 021_labeled

Noch machen wir keine Rast und steigen den markierten Weg weiter hoch (gleich neben der Hütte beginnend).

GruberH_ 023

GruberH_ 025

Auf einer Steinformation wartet dieses geflügelte Ungeheuer auf uns – die spitznäsige Pusterwalder Sphinx.

GruberH_ 028

GruberH_ 030

Die Sphinx von Pusterwald ist jetzt nicht als Würgerin bekannt, und ihre heutige Rätselfrage kann selbst mit geringer Landeskenntnis oder nach der Lektüre „Aus dem Leben Hödlmosers“ gelöst werden. Die Rätselfrage lautet:

„Ist nur grauer Loden mit grünem Revers und Hirschknöpfen, mit oder ohne Lampas, aber mit Steirerhut und Gamsbart, als Steireranzug zu bezeichnen?“

Meine Antwort (ich habe meinen Hödlmoser mehrmals gelesen) fällt ein wenig streberhaft, wie aus der Pistole geschossen aus: „Nein! Richtig ist vielmehr, dass alles, was ein Steirer anzieht, ein Steireranzug ist.“

Lautes Kreischen und unsagbare Flüche zerschneiden die Luft um uns. So lange, bis zartes…

Fluch

…Vogelgezwitscher den Verlierer des Rätselspiels markiert.

GruberHirnkogelVogel

Am Fuße der besiegten Sphinx nehme ich mit stolzgeschwellter Brust die Applaudierung und Siegerküsse von Gabi entgegen.

GruberH_ 037

Nach einer kurzen Trinkpause und diesem Blick auf unseren Weiterweg durch den steinernen Nabel der Sphinx verlassen wir den Ort des Sieges

GruberH_ 040

Wie Schallplattenrillen durchziehen Schafpfade den grünen Berg. Diese Rillen sind sehr tief und vor allem schmal geritzt. Offensichtlich ist eine Schafshüfte nicht ganz so ausladend, wie die unsrigen Breithüften. Mit einem Bein in der schafkackbraunen Rille und dem anderen am grünen erhöhten Rand, wird unser Wandern zu einem steten Auf und Ab, zu einem fröhlichen Dahinhinken in den irischgrünen Weiden der Wildalm.

Ganz Rechts der Bildmitte, im Gegenlicht, liegt unser nächstes Ziel.

GruberH_ 044

GruberH_ 045

GruberH_ 046

Vorbei an diesen furchtsamen wollenen Blökmaschinen…

GruberH_ 048

…erreichen wir das Gipfelkreuz.

GruberH_ 050

GruberH_ 060

Obligatorisch und unverzichtbar und diesmal auch romantisch: Gipfelfoto (Kleiner Gruber Hirnkogel (2012 m).

GruberH_ 057

Hingesunken ins Gras sind wir nur fürs Foto. Sogleich machen wir uns auf den unmarkierten Weiterweg zum Gruber Hirnkogel. Unklar ist noch, auf welcher Zaunseite wir bleiben wollen, denn Trittspuren gibt es keine.

GruberH_ 061

Abertausendunzählige gelbe Glubschaugen starren uns wildäugig an. Nur diese Seite des Berges (Zaunes) steht unter blumigem Beschuss.

GruberH_ 064

Diese fleurale Überfeuerung…

GruberH_ 079

GruberH_ 062

…lässt die andere Seite des Zaunes, dort wo die Fressmaschinen wohnen, karg aussehen.

GruberH_ 077

Rückblick aufs „soeben“ verlassene Gipfelkreuz.

GruberH_ 068

Und weil wir gerade einmal da sind: Gipfelfoto Gruber Hirnkogel (2080 m).

GruberH_ 073

Dieser sanfte Grat giert nach uns…

GruberH_ 075_labeled

…und wir machen ihm den Gefallen. Bis zum Kleinhansl (2217 m) wollen wir wandern.

GruberH_ 078

Blick hinab zur Wildalmhütte.

GruberH_ 084

Gelegentlich wechseln wir die Zaunseite, und zum sadistischen Gaudium von Gabi kann ich in Erfahrung bringen, dass in seinen Drahtadern Strom fließt – genug Strom, um auch einem dicken Schaf oder molligen Mann Vorsicht zu lehren.

GruberH_ 088

Bevor wie den steinernen Rücken des Jauriskampl ersteigen,…

GruberH_ 093

…erblicken wir in der Edelweißwand…

GruberH_ 097

…weit über unseren Köpfen den Namenspaten.

GruberH_ 095

Der Jauriskampel lässt sich ebenfalls leicht erwandern. Hoch über dem Angstloch (so heißt das dort wirklich) obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Jauriskampel (2064 m).

Intel(R) JPEG Library, version [1.51.12.44]

Leichter Wind streicht über die Bergkämme, und Gabi beschließt den Wechsel zur langen Hose. Bevor sie noch ins weiche Gras sinkt, lässt sie eine ringelnde Bewegung innehalten. Und das ist gut so. Eine junge Kreuzotter flieht vor ihrem niedersinkenden Hinterteil, und vermutlich haben beide Glück gehabt.

GruberH_ 113

Während Gabi die Hosen wechselt, wundere ich mich…

GruberH_ 105

…über die klare floral-farbliche Trennung auf diesem Berg.

GruberH_ 112

GruberH_ 107

Über einen Vorgipfel führt der Weiterweg unschwierig auf den Goldbühel. In den Karten ist dieser Gipfel unbenannt, aber bei den Einheimischen und in manchen Publikationen (Auferbauer, Zeller) wird er so bezeichnet.

GruberH_ 116

GruberH_ 128

In unserer Gipfelmanie schon wieder obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Goldbühel (2203 m).

GruberH_ 119

Wir genießen die Gipfelstille. Nicht einmal das unausgesetzte Blöken der Schafe ist hier zu hören. Gabi holt wieder buntes Magenglück aus dem Rucksack. Für jeden Gipfel eine Zutat und sogar noch viel mehr.

GruberH_ 121

Gabi verbleibt hoch über dem umwanderten Tal in einer anhaltenden Verdauungspassivität, während ich…

GruberH_ 123

…die Umgegend erkunde.

GruberH_ 124

Auf den Hohenwart (2363 m) bin ich mit Reinhard von Hinterwinkel über die Pölsenhütte bereits einmal gewandert. Wir haben den Eiskarspitz (2350 m) ausgelassen und sind über…

GruberH_ 125_labeled

…das Pölseckjoch und den Grat mit dem Pölseck auf den Großhansl gestiegen (2315 m).

GruberH_ 126_labeled

Vom Großhansl ging’s anschließend weglos, durch diesen Karboden, zur Pölsenhütte zurück.

GruberH_ 141

GruberH_ 127_labeled

Nach dieser ausgedehnten Gipfelrast besuchen wir noch den nahen Kleinhansl (2217 m). Über einen Wiesensattel ist er schnell erreicht.

GruberH_ 133

„I sogs glei – i woas ned und Gabi a ned!“

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Kleinhansl (2217 m).

GruberH_ 135

GruberH_ 146

GruberH_ 138_labeled

Den gezackten schmalen Grat vom Kleinhansl hinüber zum Großhansl kann man auch umgehen.

GruberH_ 140

Großhansl (2315) und daneben das Scharnitzfeld (2282 m). Von unserem heutigen Ausgangspunkt ließen sich diese Gipfel mit einer wunderbaren Runde ebenfalls erwandern:  (Kleinhansl – Großhansl – Scharnitzfeld – Hühnerkogel -Kühlnbrein – Steineck – Sandlerkogel)

GruberH_ 142

Wir beginnen mit dem Abstieg und werden überrascht, denn von hier oben können wir die Schönheit des Geländes noch nicht erahnen.

GruberH_ 144

GruberH_ 149

König und Königin sind wir in unserem Reich,…

GruberH_ 153

…die Bienen summen nur für uns…

GruberH_ 154

…und das Almrauschrot gilt Gabi ganz allein.

GruberH_ 155

GruberH_ 166

Kleinhansl (2217 m) im Rückblick.

GruberH_ 173

Jauriskampel (2064 m)

GruberH_ 179

GruberH_ 174

Die Berge geben dir, was du dir nimmst,…

GruberH_ 181

…und manchmal sogar noch viel mehr. Das hier ist ganz bestimmt…

GruberH_ 185

…ein Fetzerl vom Paradies.

GruberH_ 195

„Die Welt um uns muss romantisiert werden, so findet man den ursprünglichen Sinn wieder. Die Welt romantisieren heißt, sie als Kontinuum wahrzunehmen, in der alles mit allem zusammenhängt. (Novalis)

GruberH_ 188

Zu guter Letzt zickzackt der Pfad immer neben dem Bach, durch den schmalen Latschengürtel vor der Wildalm.

GruberH_ 198

Intel(R) JPEG Library, version [1.51.12.44]

GruberH_ 201

Im Anstieg ca. 1000 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 13,9 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at.

Meine Quellen:

GruberH_ 203

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit: PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version: 1.0.3  © Christian Dellwo.

Die „fernöstliche Hauptstadt“  und die Rätselfrage samt Antwort habe ich mir vom Hödlmoser ausgeborgt.

„I sogs glei – i woas ned und Gabi a ned!“  (abgewandeltes Zitat aus dem Film Muttertag“, als R. Düringer noch nicht so „moralisch“ war)

„König und Königin sind wir in unserem Reich…“ ist ein stark abgewandeltes Robert L. Stevenson Zitat.

Sphinx im Wikipediaeintrag (abgerufen am 27.8.2017)

 

CoverJäckleFührerÖstlNT

Jäckle (1926): Führer durch die Östlichen Niederen Tauern. Sektion Edelraute d. Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, Wien.

CoverHollNiedereTauern

Holl (2005): Niedere Tauern. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

 

 

 

 

 

 

CoverAuferbauerBergtourenparadies

Auferbauer (2000): Bergtourenparadies Steiermark: Alle 2000er vom Dachstein bis zur Koralpe. Verlag Styria, Graz.

CoverHödlBergerlebnisWölzerRottenmannerTriebenerSeckauerTauern

Hödl (2008): Bergerlebnis Wölzer, Rottenmanner, Triebener Tauern und Seckauer Alpen. Steirische Verlagsgesellschaft, Graz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

CoverZellerBergerlebenWölzerRottenmannerSchladminger

Zeller (2010): BergErleben Bd. 3, Wölzer Tauern, Rottenmanner Tauern, Schladminger Tauern. Verlag Gertraud Reisinger, Spielberg.

CoverHödlmoser

Gruber (2006): Aus dem Leben Hödlmosers. Ein steirischer Roman mit Regie. dtv Verlagsgesellschaft, München.

 

CoverSchwabSagenklassischenAltertums

Gustav Schwab (2009): Die schönsten Sagen des klassischen Altertums. Philipp Reclam jun., Stuttgart.


Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region Wölzer Tauern (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.