Windwandern oder die mit dem Föhn im Nebel tanzen

„Ich brauche Gipfel, die etwas hermachen, mehrere wenn’s geht. Zweitausend Meter oder höher und vor allem einsam und grandios“. Das alles sage ich, keinen Widerspruch duldend, zu Reinhard. Und weil Reinhard ein Niedere-Tauern-Auskenner ist, zieht er mühelos und elegant die Überschreitung des Kesseleckkamms, vom Sommertörl zur Franzelbauerhütte, aus dem Hut.

Sechs Gipfel, davon vier über zweitausend Meter und alle von mir unbesucht. Da darf ich nicht meckern. Oder doch? Wäre ich eine Diva, würde ich am Föhnsturm, der mit 100 km/h über unseren Köpfen tobt, etwas auszusetzen haben. Aber in meiner unverwöhnten Art habe ich keinen Einspruch, als wir unser Fahrzeug vor der  Franzlbauerhütte parken.

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Über unseren Köpfen findet ein wildgraues Wolkenjagen der beängstigenden Art statt. Davon lassen wir uns nicht aufhalten, denn genau betrachtet, ist das jetzt auch nur bewegte Luft. Das angeforderte Taxi fährt uns in den Süden, zum hohen Ausgangspunkt,…

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…dem Sommertörl (1644 m). Unsere windanfälligen, abstehenden Ohren zwängen wir unter unsere Kappen und los geht’s. Mit dabei ist diesmal ein langlanglangjähriger gemeinsamer Freund, Willi. Dieses bunte Foto verrät schon etwas über den Verlauf der nächsten Stunden. Was in Shakespeares King Lear über dessen Verkleidung gesagt wird, gilt auch hier: „Gesunder Sinn wird nimmer seinen Herrn so ausstaffieren“.

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Der Weg zur Lorettokapelle bis zum Rosenkogel wird oft bewandert und ist gut ausgeschildert. Der Weiterweg zum Lahneck ist nicht mehr beschildert und markiert, wird aber sicher als Tagestour auch noch gerne gemacht. Wie der Kamm bis zum Kesseleck und dem Amachkogel begehbar ist, werden wir ja noch sehen.

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Im Sattel, am rechten Bildrand, ist die Loretto Kapelle zu erkennen. Ein kleiner Umweg würde an ihr vorbei auf den Gipfel führen, aber irgendwie fühlen wir uns heute alle drei nicht sehr katholisch, und darum nehmen wir den direkten Weg.

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Kühe erscheinen immer zur selben Zeit unaufgefordert zum Melken. Wie bekommen die das, vor allem jeden Tag um die selbe Zeit, hin? Hier ist die Antwort: Die kuhliche Sonnenuhr, die auch bei Mondschein funktioniert.

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Schon die ersten Meter dieser Wanderung würden verzaubern, wenn mein Fotografieren die beiden Spötter an meiner Seite nicht zu Anfeuerungsrufen auffordern würde: „mach doch noch ein Foto…, fotografiere diesen Baum…, fotografiere den Nebel…,es geht doch um unsere Erinnerung…, jetzt hast‘ so lange nicht fotografiert…bitte fotografiere mich…bitte fotografiere ihn…usw.“

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Mit den wunderbarsten Schmähungen werde ich bedacht. Nicht einmal die letzten steilen Meter zum Gipfelkreuz stopfen den beiden Spottdrosseln den Schnabel.

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Nur einer besticht auf diesem obligatorischen und unverzichtbaren Gipfelfoto am  Rosenkogel (1918 m) mit seiner gelassen zur Schau gestellten Souveränität.

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Der Wind hält sich zurück, als wäre er von unserer aufdringlichen Unverfrorenheit verunsichert. Das nutzen wir jetzt für eine kurze Gipfelrast in dieser mystischen  Gipfelstimmung.

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Über federnde Beerenpölster und durch magischen Nebel wandern wir weiter.

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Auf einem weichen roten Meer tümpeln wir wie kleine Segelboote nach Norden.

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Wie die Segel im Seenebel, verlieren auch unsere bunten Jacken im Bergnebel ihre Farben…

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…und die Berge wie Küstenfelsen ihre Konturen.

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Die herbstgelben Gräser träumen bereits vom Winter, und wir erzählen uns von früher und von jetzt.

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So geradlinig wie der Pfad unter unseren Füßen, sind unsere eigenen Lebenswege bisher nicht verlaufen. Als junge Menschen wussten wir, woran die Welt krankt und glaubten auch noch, dass wir Teil der Medizin sein werden. Wir waren jung und brauchten die Illusion.

Jetzt sind wir schon froh, wenn wir nicht Teil des Problems sind.

C’est la vie.

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Aber über ein unerwartetes Zwischenhoch freut man sich im Leben und auch beim Wandern. Völlig überraschend „finden“ wir ein Gipfelbuch. Darum wird obligatorisch und unverzichtbar sofort ein Gipfelfoto auf der Schneegrube (1951 m) gemacht und nebenbei…

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…auch der erreichte Wohlstand verglichen.

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Um etwas Verwirrung in diese einfache Gratwanderung zu bringen, greife ich auf eine alte Karte und den Führer durch die Östlichen Niederen Tauern von Jäckle zurück. In dieser Karte heißt die Schneegrube Glaneck und das Glaneck der neueren Karten nennt sich Thörl oder Sattelkopf.

Glaneck Jaeckle Kesseleckkamm

Im Abstieg zum Sattel (Salzlecken 1862 m) begegnen wir wetterunverdrossenen Heidelbeerpflückern. Der Wind scheint immer knapp über unseren Köpfen zu bleiben.

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Wie die Wampe eines riesigen grauen Hängebauchschweins hängt die Nebeldecke über unseren Köpfen durch, bis…

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…blitzblaues Blinkerblinker aus dem hellgrauen Nichts blinzelt. Schon nach wenigen Metern im Anstieg, in der steilen Südseite des Lahnecks, gibt es über dem Geierriedel (1990 m) die ersten, unerwarteten Sonnenstrahlen für uns.

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In der warmen Sonne erinnere ich mich an einen oftmals gelesenen Gipfelbucheintrag am heimischen Buchenberg: „Der Himmel ist da. Danke Himmel für den Himmel!“

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Erst im Zurückblicken erkennen wir, welch herrliche Landschaft von uns schon durchwandert wurde.

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Wir dürfen uns von den blauen Himmelsanteilen aber nicht täuschen lassen. Wer bewegt denn die Wolken und verschiebt den Nebel? Weiter oben findet uns die Antwort.

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Im ständigen Bergauf helfen wir uns gegenseitig beim Erinnern. Peinliches, das man viele Jahre erfolgreich verdrängt hat, fällt den andern beiden ein. Genussvoll, bis ins kleinste Detail, wird es auserzählt. Vor allem die schmählichen Segmente der Biographie der anderen werden gerne erzählt. Willi hat nicht nur einen verschmitzten Blick, sondern auch ein teuflisches Gedächtnis.

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Zum Glück gibt es auch Landschaft. Links im Bild ist der Bärnkopf (1914 m) über der Stieralm zu sehen. Der Gratarm zieht hoch zum Kesseleck (nicht im Bild).

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Kurz vorm Lahneck finden sie uns dann doch, der Wind und seine Böen.

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Obligatorisch und unverzichtbar: windgebeutelte Gipfelfotos am Lahneck (2216 m).

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Reinhard sucht den Windschatten in Gipfelnähe, ein wenig hangabwärts, hoch über dem Gaalgraben, und findet ihn auch.

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Neidlos teilen wir die Erinnerungen, die Aussicht, den Schnaps und die Mannerschnitten. Im Hintergrund ist bereits das Glaneck (oder Thörl oder Sattelkopf 2262 m) zu sehen.

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Willi ist ein unterhaltsamer Esser.

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Reinhard beteiligt sich mit nur wenigen Zwischenrufen an der Unterhaltung, denn er „isst“ bei seiner Essensmeditation.

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Die Aussicht gleicht manchmal einer angelaufenen Windschutzscheibe, bis…

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…einzelne Windböen den Nebel schädigen…

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…und der Blick zum berglichen Horizont reicht.

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Trotz der großen Gemütsbelustigung beim Gipfelsitzen bleiben wir nicht lange. Wir trauen dem Wetter einfach nicht und ein Davonmüssen befällt uns.

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Über die riesige Wiesenfläche des Lahnecks wandern wir weiter zum…

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…nahen Glaneck (2262 m). Obligatorisch und unverzichtbar…

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Wir durchwandern echtes Sandwichwetter. Nicht immer ist uns der blaue Streifen zur Begehung gegönnt.

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Vom Glaneck folgt der steinige Abstieg ins Schaftörl (2150 m).

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Wie ein wildes Tier faucht der Wind über unseren Köpfen, aber noch bläst er uns nicht vom Kamm. Kryptisch und sperrig ist der Weiterweg.

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Das große Kar mit den Seeaugen unter uns ist die Krausen.

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Unter den Wolken schlüpft der Blick zum Mödringkogel (2142 m).  Am Bildrand ist das Gesäuse noch im Licht erkennbar.

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Blick in den westlichen Lerchgraben.

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Diese einsame Landschaft lässt sich auf kargen Pfadspuren unschwer durchwandern, und die Überschreitung ist nie verzwickt.

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Rückblick auf den soeben überschrittenen Kamm.

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Dieser breite runde Rücken zieht vom Hauptkamm östlich zum Gaalgraben. Es ist die  Ochsenspitze (2116m) und von mir noch unbesucht. Vielleicht kann ich das ja 2016 ändern.

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So viele Berge habe ich in dieser großartigen Gegend schon besucht, und alle anderen befinden sich in meiner Gipfelvorratsdose.

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Unter einem entfärbten Himmel wandern wir immer weiter.

Die ausfließende Nebelflut leckt einmal langsam träge, dann wieder im Strudel schnell und ungestüm an den Graten der Berge, die zu Ufern werden.

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Es sind nicht die Wrackteile eines gestrandeten Segelbootes, sondern die geborstenen Balken eines Vermessungszeichens. Im Buch der Auferbauers (Bergtourenparadies Steiermark) ist das Holzgestell noch heil abgebildet.

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Gegen den Nebelstrom und den Strom der Zeit erzählen wir uns Veteranengeschichten.

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Tiefblick ins Türenkar, zwischen Ochsenspitze (2116 m), Amachkogel (2312 m) und Hochleitenspitze (2329 m) bzw. Gamskogel (2386 m).

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Die letzten steinigen, unschwierigen Meter zum Kesseleck (2308 m).

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Nur noch wenig verhüllt der Nebel den Lärchkogel (2258 m) und den Kamm bis zum Schleifkogel (2063 m).

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Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Kesseleck (2308 m).

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Das Wabern und Wehen der Nebelfetzen am überschrittenen Grat hat etwas Vulkanähnliches an sich. Es sieht hier auch wie am Rand eines Kegels aus.

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Im windgejagten Nebel bahnen wir uns in dieser fremden Landschaft behutsam unseren Weg.

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Die hintereinander gestaffelten Bergketten tauchen aus dem Nebelvorhang nur sekundenlang, wie zum Luftholen, auf.

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Krugsee und Krugspitze (2047 m).

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Die Überschreitung vom Schleifkogel zum Lärchkogel habe ich immer noch sehr lebendig in Erinnerung.

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Wenn die Sonne an den Wolken vorbei scheint, ist es herrlich anzusehen, wie sich die Bergrücken und Zacken erhellen und wieder verschatten. Ringsum ist Bewegung und Leben ins braungelbe Gestein gehuscht.

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Durch dieses Tal, entlang des Lärchkogels, führt die Schiroute bis zum Gipfel.

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Es ist nicht mehr weit zum Amachkogel.

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Jetzt gehört auch dieser Gipfel zu den Früchten meiner Ausdauer. Obligatorisch und unverzichtbar: getanztes Gipfelfoto Amachkogel (2312 m).

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Wirklich kuschelig ist es nicht, und darum steigen wir ohne Pause…

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…zum Gaaler Törl ab.

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Auf das Durchschreiten des endlos schönen Ochsenbodens freue ich mich schon. Das war im Juni 2012 einer der vielen Höhepunkte bei unserer Überschreitung des Knaudachkogels (2227 m) bis zum Gamskogel (2386 m).

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Lediglich 260 Höhenmeter trennen uns vom Gipfel der Hochleitenspitze (2329 m) und dem Grat zum Gamskogel (2386 m).

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Das ist eine Landschaft, die Wiederholung aushält.

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Diese Wanderung in den Bergen der Gaaler Tauern und in die gemeinsame Vergangenheit ist uns gut geglückt. Da fehlen mir einfach die Worte, das kann ich gar nicht erzählen, wie sehr uns die letzten vierhundert Minuten unseres Lebens gefallen haben.

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Im Anstieg ca. 1145 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 14,7 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Auferbauer (2003): Bergtourenparadies Österreich. Verlag Styria, Graz.

Auferbauer(2014): Niedere Tauern Ost mit Murauer Bergen und Turracher Höhe. Wanderführer. Bergverlag Rother, München.

Hödl (1989): Bergerlebnis Steiermark. Verlag Styria, Graz.

Holl (2005): Niedere Tauern. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

Jäckle (1926): Führer durch die Östlichen Niederen Tauern. Sektion Edelraute d. Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, Wien.

Kartenausschnitt:

StJohannSpezialkarte

Die Bildbeschriftung erfolgte mit:

PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version:  v 1.0.2    © 2007 Christian Dellwo.

 


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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.