Wo der Fuchs den Hasen nicht frisst, weil er sonst ganz alleine wäre: Lärmerstange (1477 m) und Hochdreizipf (1466 m)

An diesem milden Maimorgen möchte ich abgelegenes Holzland zwischen NÖ und OÖ besuchen. Von Nordosten nach Südwesten, zwischen Hollenstein an der Ybbs und Altenmarkt, zwischen Ybbs und Enns, verläuft dieser selten bewanderte Bergrücken mit dem weithin unbekannten Namen Hegerberg.  Immerhin erreicht er an seinen höchsten Punkten mit dem Hochdreizipf und der Lärmerstange 1466 m & 1477 m.

Der Saurüssel verbindet über eine topologische Schwachstelle dieser Waldbarriere das Ybbstal mit dem Ennstal. Von dieser Passstraße gibt es eine Zufahrtsmöglichkeit zur Waldhütte, dem Ausgangspunkt meiner heutigen Wanderung.

Zum Glück folge ich Anna Weidenholzers Devise:

„Man sieht mehr, wenn man langsam fährt, alles andere führt zu erhöhtem Erlebnisverlust“.

Denn nur so gelingt es mir, augenblicklich anzuhalten, als ein merkwürdiges Grüppchen Kinder mit kleinen Köpfen, ohne Arme, die Forststraße quert. Gottlob stellt sich genau betrachtet heraus, dass es doch keine Kinder sind, die marodierend und aufgeregt schnatternd die Landschaft durchstreifen. Ich bin einem Trupp laufender Schimpfenten gefährlich nahe gekommen.

Den Schreckmoment habe ich gut überstanden. Da tut mir die Stille jetzt gut. Dörfliche Ruhe für diesen Maimorgen zu behaupten, wäre allerdings eine krasse Untertreibung.

Vogelgezwitscher-, wasserrauschen-, menschenlärm-still ist es, als ich los wandere.

Warum das Wasserrauschen fehlt, kann ich sehen.

Hier nehme ich den linken Straßenzweig. Geradeaus könnte man eine (interessante) Variante über den Hüttgrabenbach nehmen, wie es Pauli (der Wolf-Pauli), in einem seiner kurzen Blogeinträge beschreibt: Waldhütte-Hochdreizipf-Lärmerstange-Wasserkopf-Haitzmanneck.

Wenn man weiß, wie langsam Moos wächst, hat man eine Ahnung, wie lange es gedauert haben muss, bis es auf diesem Schemel Platz genommen hat.

An riesigen, vermoosten Geröllbrocken vorbei, durchwandere ich einen schattenhaften, feuchten Waldabschnitt. Alte Wälder schaffen sich das Mikroklima, das ihnen am besten passt.

Wo es feucht ist, fühlt sich auch dieser selten gewordene Feuersalamander wohl. Mit Goldnuggets schwer beladen, schlurft dieser Schürfer langsam vor mir her. Im Mittelalter wurden Feuersalamander in brennende Häuser und Feuerstellen geworfen, weil die Menschen dachten, dass der Salamander mit seinem (auf der Haut) brennenden Drüsensekret, welches er gegen Fressfeinde einsetzt, das Feuer löschen würde. Quelle: Fokus biologische Vielfalt

An summenden Legosteinen vorbei, gelange ich zu den…

…Westabbrüchen der Rabenmauer. Dahinter ragt der Schrabachauer Kogel (1321 m)  auf.

„Hier war der Frühling explodiert, ein Knall, aufflammend überall die blühenden Bäume, das Grün des Rasens grell”  Heimito von Doderer in „Dämonen“.

Ich gewinne auf der Forststraße an Höhe, der Horizont bleibt jedoch grün.

Im Zoom rechts Hochrauhschotter (990 m)

Bald schon knickt die Forststraße scharf nach Süden, und wenige Meter bleibe ich ihr noch treu (zirka dreihundert Meter). Danach biege ich ins Gelände ab…

…und betrete diesen wirklich steilen Schlag, um auf den Kamm zu gelangen.

Dass das so eine steile Angelegenheit wird, ahnte ich beim Einstieg nicht.

Fotopausen werden von mir schnaufend gesucht und gefunden: H2O-Spinnen fangen Wassertropfen in ihren Wassertropfenfangnetzen.

Schlagerfuzzis kommen mit der grazilen, blitzsauberen Helene „Atemlos durch die Nacht“ – die leicht angedickte Version von mir kommt in diesem Zustand, und noch dazu hosenschmutzig, nasenrotzig und bereits leicht angeschwitzt auf den Bergkamm. Irgendwie unterscheidet sich die Schlagerwelt doch vom echten Dasein.

Jetzt wird die Angelegenheit freundlicher, und ich folge ohne erneut auftretenden Lufthunger dem oberösterreichisch-niederösterreichischen Grenzverlauf.

Hier wird mir ein Blick ins Ybbstal gereicht. Ich muss allerdings nachdenken, bis mir ein Licht aufgeht. Das ist die höchste Erhebung Waidhofens, der Wetterkogel (1111 m). Die Geschichte um den Streit seiner tatsächlichen Höhe erzähle ich in diesem Blogeintrag: Vier Meter zuviel für den Wetterkogel.

Reste von Zaunspuren werden mich jetzt längere Zeit begleiten. Dafür gibt es nur geringe Wegspuren.

Wildwildes Gelände strapaziert mich, und auch mein Orientierungssinn ist ein wenig gefordert.

Immer wieder gibt es im Gehölz auch Aussichtsfenster.

Ich folge dem Grenzverlauf.

Kurz bevor ich auf das Haizmanneck (1363 m) gelange, mündet, für mich völlig überraschend, eine neue Forststraße am Kamm.

Nicht weit nach der Forststraße erreiche ich meinen ersten…

…Waldgipfel. Obligatorisch und unverzichtbar: Monsieur Peter mit Weitsicht, Gipfelfoto Haitzmanneck (1363 m). Neben meiner Ellbogenspitze ist der Kühberg (1415 m) zu sehen und…

…südlich der höchste Punkt meiner heutigen Wanderung, die Lärmerstange (1477 m).

Ein hoch aufragender Jagdstand befindet sich ebenfalls hier heroben, und die Wiederaufforstungsbemühungen haben noch nicht zu ihrem Ende gefunden:

Eher dem Groben zugeneigte Sturmböen haben eine Spur ihres Zorns im Gipfelbereich…

…und auch rundum hinterlassen.

Auch von der Südseite nähert sich eine Forststraße dem Gipfel. Ich bleibe aber so halbwegs am Kamm und durchwandere den frisch aufgeforsteten…

…Jungwald bis zur nahen Erhebung des…

…Aubodenkopfes.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Aubodenkopf (1362 m).

Die ganze Zeit bin ich weder jemanden begegnet noch habe ich irgend ein menschlich verursachtes Geräusch wahrgenommen. Jetzt, beim Weiterwandern in Richtung Wasserkopf, höre ich ein Blätterrauschen und Steinepoltern, als würde sich ein riesiges Etwas durch den Wald wälzen. Dann erst erkenne ich, dass meine bescheidene Anwesenheit der alleinige Grund für diese waldliche Aufregung ist. Leise bin ich die ganze Zeit, aber meine Körperausdünstung ist duftmäßig in die Landschaft gegrätscht und hat ein riesiges Rudel Rehe, Körper eng an eng, mehr schon ein Schwarm, die Flucht ergreifen lassen.

Nur wenige Spuren lassen mich den Weiterweg ahnen, und trotzdem wird es nicht schwierig. Auf einzelnen Sonneninseln im Waldschatten flimmert es, als wär’s verwässertes Sonnenlicht.

Dann sehe ich ihn, meinen ersten Seidelbast in diesem Jahr, und das Gipfelkreuz.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Wasserkopf (1442 m).

Schon einmal bin ich 2007 hier gestanden. Vom früheren Hollensteiner Freibads über ein Stück des Panoramawegs habe ich mit meinem Vater irgendwie heraufgefunden. Leider gibt es dazu keine Fotos und auch keine Aufzeichnungen.

Wieder habe ich einen guten Blick auf den Gamsstein, die Stumpfmauer und den Tanzboden, obwohl ich zugeben muss, dass mir jetzt Gaumenfreude vor Augenweide geht. Nach diesem Päuschen…

…wandere ich ein kurzes Stück in Richtung Osten (Hollenstein). Ob ich 2007 hier heraufgekommen bin? Kein Futzelchen einer Erinnerung zur Wegführung lässt sich in mir finden.

Hier muss man Acht geben, der Grat lädt so selbstverständlich zum Weitergehen ein, dass man erst nach einigen hundert Metern seine östliche Ausrichtung bemerkt.

Der bewaldete First zur Lärmerstange knickt jedoch nach Südwesten ab und ist anfangs gar nicht einladend. Mir ist er zu unwegsam, und ich steige durch verwachsen-wildes Gelände zur Zieglaueralm ab, denn die will ich mir auch ansehen.

Vom Klausbachgraben (Landwirtschaftsschule, Webermuseum) führt der „meist begangene“ Weg zu dieser Alm. Das ist zugleich der „Normalweg“ auf die Lärmerstange. Er ist nicht markiert und auf den Karten nicht eingezeichnet. Diesen Aufstieg möchte ich gelegentlich auch noch suchen. Von der Alm ist es dann nicht mehr schwierig, auf den Gipfel zu gelangen.

Von der Alm wandere ich durch einfaches Waldgelände, einmal Steigspuren, dann wieder meiner eigenen Intention folgend, zum Gipfelgrat hoch.

Jetzt beginnt die schönste Stunde der ganzen Wanderung, und die ganze Mühe wird hier belohnt.

Die Bergschneid ist eine langgezogene Kuppe, seitlich mit einem dichten Hain aus Bäumen bewachsen, die den Horziont verdecken. Kein Wunder, dass man von den Bergen rundum keinen Blick auf diesen…

…schönen Rücken bekommt. Viel zu bald sehe ich den Gipfel vor mir,…

…da wollte ich hin, und jetzt bin ich gleich da.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Lärmerstange (1477 m).

Schon die ganze Wanderung herrscht ein Dezibelmangel, wie ich ihn noch selten erlebt habe. Seinen Tiefststand erreicht er hier am Gipfel. Einzig und allein mein langsam werdender Pulsschlag ist zu hören.

Ich möchte in einer Kultur der Stille leben, in der es vor allem darum ginge, die eigene Stimme zu finden.

Peter Bieri (Wie wollen wir leben?)

Blick in den berglichen Osten.
Jetzt fühle ich mich fast schon ein wenig verfolgt. Schon wieder die dreisten Drei: Stumpfmauer (1770 m), Gamsstein (Hochkogel 1774 m) und Tanzboden (1727 m).

Mir gefällt er gut, fast fabelhaft finde ich ihn, und weit ist der Weiterweg zum Hochdreizipf auch nicht.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto (Hochdreizipf 1466m).

Blick zu den Gesäusebergen.

Dieser versteckte, abgelegene Bergrücken wird immer schöner. Verschiedengestaltig ist dieser…

…herrliche Stein- und Wiesengrat bis zur…

…grünen, wie vom Frühling hingehauchten Großwiese (1437 m). Ich fühle mich so weit weg von den Menschen und ihrem Lärm und kann mir gut vorstellen, dass mein Tun mit runden Katzenaugen beluchst wird.

Ich überschreite die Wiese und steige bis zu einer neuen Forststraße ab. Dieser folge ich aus Neugier ein Stück bergauf. Ich finde nichts Nennenswertes und kehre um. Abwärts bleibe ich bis zu dieser…

…Kehre auf der Straße. Die Straße ist mehr oder weniger der gröblich „erweiterte“ Jagdsteig, den ich noch in meiner Karte verzeichnet finde. Unterhalb der Kehre sehe ich bereits…

…die Aschenbachhütte (1297 m). An dieser vorbei gelange ich auf meinen letzten  unspektakulären Gipfel.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Försterkogel (1279 m).

Von diesem geht’s hinab zur nächsten Forststraße.

Am Sonntag ruhen zu meinem Glück die Holzbringungsarbeiten, sonst hätte ich um diese Arbeitsstätte einen riesigen Bogen gemacht. Vor den Zugkräften dieser straff gespannten, sirrenden Stahlseile und den dahinsausenden Holzstämmen habe ich gehörigen Respekt.

Zum Ausgangspunkt zurück wandere ich auf der Forststraße durch den Aschbachgraben. Die naheliegenden Gipfelchen Hochrauhschotter (990 m) und Sulzkogel (1015 m) lege ich vorsichtig in meine Gipfelvorratsdose. Ich will nämlich wiederkommen, es hat mir sehr gefallen.

Zu guter Letzt geht’s an zwei Jagdhäusern vorbei, und entlang einer beachtlichen…

…Fütterungsstation, in der noch im Mai das Wild verköstigt wird. Vermutlich gibt es gute Gründe, dass die Tiere so spät im Frühjahr noch verpflegt werden, ich kenne sie nur nicht.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at


Darf’s ein bisserl mehr sein?

Weitere Unternehmungen in der Region Ybbstaler Alpen (Auswahl):

Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.

Im Anstieg ca. 1245 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 19,6km.

Meine Quellen:

Ausschnitt aus Kompass Logo Karte 4309, Österreich digital.
ⒸKartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit:
PanoLab Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Ⓒ Christian Dellwo.

Zu diesen Gipfeln gibt es nicht viele Hinweise im Internet.

Eine Beschreibung zu dieser Runde (mit zusätzlichen Gipfeln) hat Manfred ins Netz gestellt und das ist hier nachzulesen: Haitzmanneck 1363 m (usw.) (abgerufen am 18.1.2020)

Die Beschreibung der Pauli Runde gibt es hier: http://iluaps.blogspot.com/2014/04/hochdreizipf.html (abgerufen am 18.1.2020)

Von Leopold, Othmar und Willi Kreuzer findet sich auf Gipfeltreffen eine Tourenbeschreibung (über den Frenzsattel aufgestiegen). Um auch die Bilder betrachten zu können, muss man allerdings angemeldet sein. (abgerufen am 19.1.2020).

„Man sieht mehr, wenn man langsam fährt, alles andere führt zu erhöhtem Erlebnisverlust“. Das ist ein Zitat aus Anna Weidenholzers neuem Roman „Finde einem Schwan ein Boot“

Der Text zum Feuersalamander stammt aus: Fokus biologische Vielfalt (abgerufen am 4.1.2020)

Der einzige Text in einem Wanderführer stammt aus dem unten abgebildeten AV Führer Ybbstaler Alpen und wurde – wie kann es anders sein – von Werner Tippelt verfasst, und beschreibt eine Überschreitung vom Bahnhof Hollenstein bis zur Haltestelle Schönau.

Steffan/Tippelt (1977): Ybbstaler Alpen. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.

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