Wurzleiten – Die Blaue Mauritius unter den 2000ern der Rottenmanner Tauern

Zum ersten Mal so richtig wahrgenommen habe ich die Wurzleiten bei meiner Zinkenkogelwanderung. Bösensteine, Sonntagskarspitze, Dreistecken, Hochhaide – und wer bist bitteschön du? dachte ich mir bei ihrem Anblick. Breithüftig sitzt sie bequem zwischen allen Bergkämmen. Nur ein zartes Band (Seitenstallpolster) verbindet sie mit der Sonntagskarspitze. Der Blick auf die Karte nennt mir ihren Namen, aber weist keine Wege auf. Von solch einer Schönheit bin ich verführbar – abweisend, unnahbar, aufwendig und ungewiss.

Das gefällt mir, wenn die Ingredenzien zur Besteigung eines Berges nicht bekannt sind.

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Ich parke mein Auto neben dem Strechenbach vor dem Fahrverbotsschild am Beginn des tiefen Grabeneinschnitts. Das Forststraßenschild scherzt mit mir und meiner Vorstellung von einer solchen. Denn eine breite, durchgehend asphaltierte Straße führt zum Jagdgut „in der Strechen“, welche im Besitz einer Privatstiftung ist.

Ich beginne meine weite, gefährliche Wanderung. Über eine gewundene Asphaltwüste an bis zu den Zähnen bewaffneten Ansitzenden vorbei, will ich die Wurzleiten besteigen.

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Es ist kalt, sehr kalt und laut, sehr laut. Der Bach brüllt, windet und quält sich durch sein enges Bachbett. Nur vor einem Minikraftwerk findet er für wenige Meter täuschende Ruhe.

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Links und Rechts von mir ragen die Waldwände steil auf. Bäche stürzen in die Kälte des Grabens herab. Kein Sonnenstrahl und kein GPS-Signal verliert sich hierher.

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Ich gelange an einen videoüberwachten Schranken, welcher von vielen Verbotsschildern gesäumt wird:

  1. kein Lärm
  2. kein Motorrad
  3. kein Auto
  4. kein Fahrrad
  5. kein Pilzesammeln
  6. kein Beerensammeln
  7. kein Eisklettern
  8. kein Problem mit der Jagd

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Bis zu diesem Schranken kann wirklich nirgends geparkt werden. In Frage kommende Parkflächen wurden mit Baumstämmen oder großen Steinen gesperrt. Man muss vor dem Fahrverbotsschild sein Auto abstellen. Sozusagen „irrtümlich“ bis zum Schranken zuzufahren, ist nicht möglich.

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Der Strechengraben wird zunehmend weiter. Vom eigenen Kraftwerk, der Tankstelle, dem  Schießplatz…

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…bis zur Jagdhütte, findet sich alles was das Jägerherz begehrt. Wobei „Jagdhütte“ ein sehr weitgefasster Begriff sein kann.

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Ich bin der Meinung, an einem Bogenparcour mit 3D-Tieren vorbeizuwandern – aber nur so lange, bis mir dieser Hirsch seinen Kopf zuwendet. Er sollte vorsichtiger sein, denn jetzt steht ihm die verwirrendste…

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…und gefährlichste Zeit des Jahres bevor.

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© Gary Larson, Goldmann Verlag.

Mir kommt ein Jeep mit zwei kernigen Burschen (Typus G. Bloéb) entgegen: „Wo gehst denn hin?“ fragt mich der Größere. Sicherheitshalber lüge ich und nenne den einzigen markierten Weg zum Perwurzpolster als Ziel. „Passt eh, aber schaust, dasst bis Fünfe wieder draußen bist – wengan Wild“ sagt der andere, und schon fahren sie weiter.

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Ich versuche, das herrschaftliche Haupthaus östlich zu umgehen. Über einen schmalen Steg, an einer großen Baustelle am Bach vorbei, kürze ich den Weg zu einem weiteren Forstweg ab. Über dem Ennstal kann ich den unverkennbar geschichteten Hochangernstock mit Nazogl (2057 m) und Kosennspitz (1962 m) über Liezen erkennen.

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An einer Pferdekoppel vorbei, quere ich nochmals den Bach und komme…

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…an mehrsprachigen Warnschildern vorbei. Warum gerade in tschechischer und französischer Sprache, ist mir nicht ganz klar.

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Nach sechs asphaltierten Kilometern geht es erstmals so richtig ins Gestrüpp. Hier finde ich Wegspuren zur Forststraße darüber.

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Gegenüber meine ich den Schüttkogel (2049 m)  und den Tiefenkarspitz (1997 m) zu erkennen.

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An der Forstraße angelangt, geht es mit mir ein paar Meter abwärts. Ich suche die in der Karte angedeuteten Wegspuren. Dass es schwierig wird, sehe ich sogleich, weil unglaublich viele Wildwechsel herabziehen. Bei diesem blauen Signalstecken entscheide ich mich fürs Hochsteigen, egal ob Weg oder Wildspur.

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Einmal habe ich den Eindruck, mich auf einem Weg zu befinden, dann wieder das Gefühl, einer Wildspur zu folgen. Sei’s wie’s sei, ich gewinne an Höhe.

Ein weiter Blick ins Geierkar, und ganz links im Bild müsste danach der Wirtsspitz (2032 m) zu sehen sein.

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Einmal ist es ein Weg…

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…und dann wieder nicht. Mitten in einem mächtigen Windwurf verliere ich auch mein GPS-Signal. Das kann mir hier aber sowieso nicht helfen. Umständlich und mühsam steige ich weiter hoch, bis ich auf diesen…

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…guten Pfad stoße. Der Pfad hat aber einen entscheidenden Fehler – der faule Sack bleibt immer auf der selben Höhe und macht keine Anstalten, auf den Begrücken zu führen.

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Somit folge ich ihm nur so lange, bis ich zu diesem grünen Grabeneinschnitt komme. Den wandere ich hoch. Hier setzt das große Hirschröhren ein. Ganz nah, ganz laut und sehr penetrant pressen sie ihren Hormonstau in die Welt. Wer sich so anstrengt, läuft Gefahr Hämorrhoiden zu bekommen, denke ich mir noch und lasse in meinen eigenen Aufstiegsanstrengungen gleich ein wenig nach.

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Mein eigentlichter Plan für heute war die Überschreitung des Hirschkarlgrates. Aber weil die Wetterprognose für die Südseite des Alpenhauptkammes schlecht war, habe ich umgeplant. Wie richtig meine Enscheidung ist, zeigt schon der süd-westliche Blick zum Zinkenkogel (2233 m). Auch die Bösensteine sind unter einer dichten Wolkendecke verschwunden.

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Der erste Teil ist geschafft. Ich bin am Beginn des langen Rückens der Wurzleiten.

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Ein erster Ausblick in die Ostseite der Wurzleiten. Über dem Seitenstallgraben erheben sich von links nach rechts: Stein am Mandl (2043 m), Seegupf (2011 m), verdeckt ist der Diewaldgupf (2125 m), Moserspitz (2230 m), Hochhaide (2363 m) und Dreistecken (2382 m).

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Zoom auf den Mosergraben. Rechts der Seitenstallriegel, welcher vom Dreistecken (2382 m) herabzieht.

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Ich bleibe am Rücken und lasse mich von den Latschen nicht entscheidend abdrängen.

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So gelange ich noch relativ einfach auf…

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…den namenlosen Punkt mit 1891 Meter.

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Mein Weiterweg sieht sehr vielversprechend aus. Jetzt atme ich einmal tief durch und finde, dass der Cocktail der Herbstluft anders ist, als im Sommer: Schon drei Teile Winter und nur noch 1 Teil Sommer mit einem Spritzer Speikduft und einem Spritzer Hirschbrunftaroma. Es stimmt schon, dass der September der Mai des Herbstes ist.

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Tiefblick in den Seitenstallgraben zur Seitenstallalm.

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Jetzt wird es schmäler, steiniger, latschiger und damit unwegsamer.

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Ich versuche am Grat zu bleiben, aber hier behaupten sich dickköpfige, unnachgiebige Latschenlebewesen. Somit weiche ich auf die Ostseite aus. Wenige Meter unterhalb des Grates folge ich einem Weg oder doch wieder nur Wildspuren? Wie ich rückblickend feststellen kann, wäre der Wechsel in die Westseite besser gewesen. In der BEV-Karte wechselt der „Steig“ in die Westseite, aber vor Ort sind Wegspuren von Wildwechselspuren nicht zu unterscheiden.

Jäh endet mein Steig in diesen Abbrüchen. Das wird mir hier zu haarig.

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Ich steige zum Rücken hoch und hoffe so, in die Westseite zu gelangen. Im Rückblick sehe ich die von mir noch überquerte Rinne. Am Grat ist kein Weiterkommen, hier bin ich im Latschenallerwertesten daheim.

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Die Latschenperistaltik saugt mich an. Wie von Darmzotten werde ich in diesen Latschendarm weitergereicht, aber zu meinem Glück nicht verdaut und auf der westlichen, friedlicheren Seite wieder ausgeschieden. Fein denke ich mir, da wollte ich ja hin.

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Auch auf der Westseite finden sich viele Wege. Diese Wege verdünnen sich aber immer wieder zu Fäden und werden zu Spinnweben, welche den ganzen Berg überziehen, ohne mich ans Ziel zu bringen.

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In diesem Gelände brauche ich zum Glück keinen Weg mehr und gelange ohne weitere Komplikationen zum höchsten Punkt.

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Voilà!

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Obligatorisch und so unverzichtbar, wie schon lange nicht mehr: Gipfelfoto Wurzleiten (2066 m).

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Vom Stein am Mandl (2043 m) bis zum umwölkten Bösenstein (2448 m)

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Sonntagskarspitze (2350 m) und Großer Bösenstein (2448 m)

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Der Blick in den Südwesten ist ein verhangener.

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Wirtsspitz (2032 m), Schüttkogel (2049 m) und Tiefenkarspitz (1997 m) sind noch gut zu erkennen.

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Tief unter mir der Strechengraben – seine Länge wird mir am Rückweg zur Geduldsprobe.

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Hier, knapp unterhalb des Gipfels, ein wenig vorm Wind verborgen, mache ich es mir gemütlich.

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Der Gipfel ist eine kleine, untergliederte Hochfläche. Im Hintergrund ist der Perwurzgupf (2082 m) über dem Perwurzpolster zu sehen. Ein Ort verlässlicher Stille.

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Am ganzen Körper fühle ich die Einsamkeit. Aber nicht die vertrocknete, traurige, ungewollte Einsamkeit eines vergessenen Menschen, sondern die gesuchte, gewünschte und ersehnte Einsamkeit eines Zivilisationsflüchtlings.

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Meinen Abstieg nehme ich fast ungebahnt direkt in den Seitenstallpolster. Auf diesem Weg ist der Aufstieg zum Gipfel leichter machbar, als meine Gratüberschreitung. Doch ist der Weg bis zum Seitenstallpolster von überall her weit, sehr weit.

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Blick zurück auf den soeben abgestiegenen unschwierigen Hang.

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Über bunte Pölster…

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…mit dem Blick auf Perwurzpolster (1814 m), Perwurzgupf (2082 m) und Zinkenkogel (2233 m),…

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…steige ich zu einer großen Wildfütterungsanlage ab.

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Dort glaube ich den unmarkierten Weg zu einer Jagdhütte und weiter zur Perwurzalm gefunden zu haben. „Ich bin dann mal weg“ sagte der Weg, und somit stolpere ich wieder einmal auf irgendwelchen Wildspuren ins Tal.

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Aufgefangen werde ich von einer noch nirgends verzeichneten Forststraße. Jetzt gilt es  acht Forststraßenkilometer wegzuwandern. Das heutige Gipfelzahlverhältnis zu den Straßenkilometern ist dramatisch schlecht.

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Ich komme zur Markierung, die vom Perwurzpolster herunterwandert.

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Ein letzter Blick zum Gipfel der Wurzleiten.

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Enttäuscht werde ich von einem in der Botanik befindlichen S-Budget-Sackerl. In diesem exklusiven Jagdgebiet sollte auch der Mist pompöser, stilvoller sein. Jausenpapier vom Käfer aus München oder vom Meindl am Graben wären so meine Vorstellung.

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Diese Wanderung gleicht immer öfter dem Gang durch ein Wildgehege. Wild kreuzt vor und hinter mir die Forststraße. Riesige Fütterungsanlagen werden für die Winterspeisung präpariert.

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Es gibt keine Kühe oder Schafe im Strechengraben, alles ist auf Wild ausgerichtet. Monokultur auf die besondere Art,…

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…nur unterbrochen von den Weideflächen des Schuppenwildes.

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Apropos Weideflächen – die sind jetzt schon gut besucht,…

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…und mir geht wieder einmal so einiges durch den Kopf.

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© Gary Larson, Goldmann Verlag.

Hirsch vor mir.

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Hirsch neben mir.

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Hirsch in der Vorratskammer.

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Der Kreis meiner mittlerweilen Wilden Wanderung schließt sich wieder. Über diesen Steg bin ich vor wenigen Stunden von der Straße abgebogen. Jetzt mache ich neben…

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…diesen Tintlingen eine letzte Pause, denn noch habe ich eine Stunde Asphaltwüstenwanderung vor mir.

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Wie schon einmal in der Zwischenwelt der Eisenerzer Alpen, habe ich wieder meine Hirschvisionen. Am Rückweg überlege ich, ob ein Tausch mit einem Hirschen in so einem Revier nicht etwas für mich wäre. Bedenkenswert ist es allemal: Bis ins beste Lebensalter umsorgt werden, ohne Arbeitsanstrengung, bei guter Luft, gesundem Essen und von viel holder Weiblichkeit umgeben. Zu einem nicht bekannten Zeitpunkt und an unbekanntem Ort, noch bevor Alter und Krankheit mich zeichnen, werde ich mit einem Schuss schmerzlos aus dem Leben befördert. Ich bin noch unsicher, ob ich das will, und dann fällt mir ein, dass das mit einem Schuss eine sehr optimistische Annahme ist. Das gilt ja nur, wenn kein ungeübter Vorstandsvorsitzender abdrückt. Jetzt beutelt es mich, nein ich tausche doch nicht.

Im Anstieg ca. 1350 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 25,5 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Weder bei Jäckle  (1926, Führer durch die Östlichen Niederen Tauern. Sektion Edelraute d. Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, Wien.) noch bei Holl (2005,  Niedere Tauern. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.) habe ich Informationen zur Wurzleiten gefunden. Einzig bei den Auferbauers (Auferbauer (2000): Bergtourenparadies Steiermark: Alle 2000er vom Dachstein bis zur Koralpe. Verlag Styria, Graz.) findet sich folgender Eintrag: „Abgelegen und daher selten besucht; 2,5 km westlich vom Großen Bösenstein, 2448 m.“

 

 


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