Wuthering Heights im Sengsengebirge: Spering (1605 m) im Föhnsturm

Vor fast einem Jahr habe ich den Spering bestiegen. Kurz vor dem Verstreichen der Jahresfrist gibt es jetzt den Blogeintrag dazu:

Bei meiner Sengsengebirgeüberschreitung vor vier Jahren habe ich wegen mangelnder Beherztheit  und überflüssiger Vollbepacktheit den Spering nicht bestiegen. Damals blieb es bei einem halbherzigen stümperhaften Versuch, diesmal ist es anders, ich bin wild entschlossen, diese Lücke in meiner Sengsengebirgebesteigungsbiographie heute zu stopfen. Da kann der Föhn stürmen wie er will.

Meine damalige eselige Überladung im Vergleich. Links der Esel.

Ein Föhnsturm braust bereits in den Morgenstunden über den Wipfeln und Gipfeln des Sengsengebirges. Ich lasse mich davon nicht beeindrucken und parke mein Auto nahe am Klauser Stausee, um mich auf den Weg zu machen.

Auf der Autobahn findet die brausende Jagd am Himmel ihr irdisches, betoniertes Gegenstück. Wie kleine helle Wolken huschen schnelle Autos, und wie langsamere dunkle Wolken brummen schwere Lastkraftwagen über mich hinweg.

Weiter führt mich mein Weg auf den Spering durch eine riesige Baustelle. Links von den Kanalrohren, an den rostigen Kanaldeckeln vorbei, direkt beim grünen Abflussrohr beginnt der markierte Weg.

Die Buchen stehen breits nackt im Wald. Bleichen Knochen gleich friert das Geäst. Den Nadelbäumen setzt der Herbst nicht so zu,…

…wie die Motorsägen der modernen Holzknechte. Ich muss besonders aufmerksam sein, um den Steig nicht zu verlieren. Bestimmt sind auch einige Bäume mit  Markierungen gefällt worden.

Bald schon ist alles wieder gut.

Der Pfad verläuft im Pertlgraben, und sehr rasch gewinne ich an Höhe – jetzt habe ich die rostigen Kanaldeckel samt Autobahnbrücke schon weit unter mir gelassen.

Am Ende des Grabens quere ich diese Forststraße…

…und werde mit einem wunderbaren Blick zu Kremsmauer und Pfannstein für die bisherigen Mühen entlohnt. Eine kleine Aussichtsanzahlung sozusagen.

Schön langsam geht dem Herbst die Kraft aus, seine Farben verblassen immer mehr. Sichtlich müde ist er.

Mich beschäftigt jedoch die zunehmende Windstärke. Mit jedem Schritt, den ich höher steige, gewinnen die Böen an Kraft,…

…und im Himmel verschmieren sich die Wolken.

Um die lange Forststraßenkehre abzukürzen, verläuft der Weg über die verbliebenen Freiflächen…

…der verfallenen Haidenalm. Danach mündet der Pfad wieder in die Forststraße, kurz vorm Speringsender.

Hier habe ich mir bei meiner Sengsengebirgeüberschreitung sehr wankelmütige Gedanken gemacht und halbherzige Besteigungsversuche unternommen. Das liest sich in meinem Blogeintrag dann so:

„Ich erreiche wieder die Fortstraße und muss mich hier entscheiden. Will ich den Spering noch besteigen, oder wird mir mit diesem Abstecher die Zeit zu knapp? Ich entscheide mich für die sichere Variante und verstaue den Spering in meiner Gipfelvorratsdose. Auf der Forststraße zum Sender begegne ich einem Einheimischen. Er kommt vom Schillereck und will zu Mittag wieder bei Frau und Kindern sein. (…) Ebenso meint er, dass es vom Sender einen Zugang zum Spering gibt, gar nicht weit. Ich werde schwach und will den Spering jetzt doch besteigen. In beiden Fällen irrt sich der Gute. Weder Finnland noch der Spering gehen sich für mich aus, denn Wildspuren locken mich in Latschengassen, welche abrupt in steil, schmutziges Labyrinthgelände führen. Vom Sender weg finde ich Steigspuren mit Steinmännchen gesäumt, aber auch diese Spuren verliere ich. Nach einer Stunde des Suchens und mich selbst verwünschen gebe ich auf. Für mich heute uneinnehmbar: die Burg des Sperings.“

Im heutigen Heute ist alles einfacher. Ich nehme den markierten Normalweg.

Ein schmieriger Steig führt von hier bis zum latschenbewachsenen Kamm des Sperings.

Dort, wo weniger Steine sind, macht der frische Schnee den feuchten Untergrund zur Rutschbahn.

Schneeseifig zieht der Steig hoch.

Bis zum Kamm sind es allerdings nur hundertachtzig Höhenmeter. Das ist auch bei diesen Bedingungen zum Aushalten. Am Kamm wird es einfacher, hier versteinert der Pfad vollends.

Ich folge dem sinkenden und steigenden Kammverlauf in Richtung Gipfel.

Der immer stärker werdende Wind kommt aus einem Himmel in uniformen Grau und wird jetzt handgreiflich. Wie ein Verhafteter werde ich von ihm schonungslos über den Kamm gestoßen, gezogen und geschoben.

Mit meiner Regenjacke und dem Rucksack am Rücken biete ich den Windböen auch zwischen den Latschen eine segelähnliche Angriffsfläche. Von meinen Ohren ganz zu schweigen.

Die latschenüberwucherte Gipfelkuppe scheint auf schmalen, steinerern Säulen zu ruhen.

Mehr als einmal weht der Wind die Kamera mitsamt dem Stativ in die Latschen. Mir stehen die Haare zu Berge, und trotzdem gebe ich nicht nach – weil es unumgänglich ist: Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Spering (1605 m).

Geduckt verkrieche ich mich in den Latschen, um zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen.

Dennoch bleibt mir kein Brotbrösel an den Lippen haften. Nicht die Zunge, der Wind nimmt sie alle weg. Das stete Stürmen und Wehen macht mich schön langsam mürbe. Eine kleine Umschau schaffe ich trotzdem noch.

Der östliche Beginn des Toten Gebirges (Prielgruppe) tupft in den immer tiefer herabsinkenden Föhnhimmel hinein.

Im Grat nach Osten erheben sich das Schillereck (1748 m) und der Hochsengs (1838 m). Von hier sieht das gar nicht so weit aus, aber die Überschreitung fordert den konditionell normalen Wanderer reichlich. Das zieht sich ganz schön.

Da ist die Überschreitung des Tambergs (1516 m) eine wesentlich einfachere Aufgabe. Die Berge weiter westlich kann ich nur trübe ausmachen.

Blick zum Stausee und meinen Ausgangspunkt.

Ich trenne mich vom Gipfel, und wieder lässt mich der Grat am Rande des Föhnsturms dahinlavieren. Es wird Zeit, dass ich in tiefere Gefilde komme.

Ein paar Handvoll Minuten zum Fotografieren nehme ich mir trotzdem. Zum Beispiel die Spitzberge und der Schwarzkogel – die befinden sich schon lange in meiner Gipfelvorratsdose. Alle anderen habe ich bereits besucht.

Flutschig ist der Steig immer noch. Schlüpfriger als dieser Pfad sind eigentlich nur noch die Gedanken älterer Männer mit Macht denk ich mir, als ich wieder einen Meter abrutsche.

Jetzt kann ich sogar den Sendemasten sehen. Der ist mir im Aufstieg gar nicht aufgefallen.

Blick in den Nebelnorden.

Wieder einmal verlasse ich die Markierung, bevor sie mich verlässt.

Aus sehr sentimentalen Gründen will ich noch den Siebenstein (1246 m) besteigen. Schon bei meinem ersten Hiersein wollte ich das, da hatte aber mein schwerer Rucksack etwas gegen die zusätzlichen Höhenmeter. An dieser Forststraßenkurve steige ich hoch…

…und finde im Wald sogleich eine einladende Gasse. Dieser folge ich bis ganz nach oben.

Bald schon habe ich die langgezogene Gipfelfläche des Siebensteins erreicht und bin damit nicht nur „örtlich“ angekommen.

Auch in meiner Erinnerung gelange ich an eine Siebenstein: Wer mit seinen Halblingen  Kinderprogramme im Fernsehen geschaut hat, kann sich unzweifelhaft an Frau Siebenstein, ihren frechen Raben Rudi und den ewig g’scheiten, sprechenden Koffer erinnern. Ich würde mir das heute noch anschauen, auch ohne Kinder. Diese Sendung lockt meine geschichtenhungrige Kinderseele vor den Bildschirm.

Darum fällt mir bei diesem obligatorischen und unverzichtbaren Gipfelfoto am Siebenstein (1246 m) auch noch ein Schüttelreim ein:

„Unter einer Fichtenwurzen, hörte ich einen Wichtel furzen.“

Zum Rauschen der Bäume kommen jetzt auch noch fein zerstäubte Regentropfen dazu. Es ist für heute genug, denke ich mir, und mache mich an den Abstieg. Heute habe ich gar nicht so wenige Höhenmeter (1335 m) weggewandert und das unter gar nicht so einfachen Bedingungen. Ich spür’s jetzt auch in den Beinen und im Kopf.

Im Anstieg ca. 1335 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 15,8 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at.

Meine Quellen:

Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit: PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version: 1.0.3  © Christian Dellwo.

Die TV-Kinderserie Siebenstein (Wikipedia) abgerufen am 29.10.2017

Schöne Beschreibung einer Wanderung auf den Spering mit alternativen Abstiegsweg von Helmut Seiringer. (abgerufen am 29.10.2017)

Auch von Leopold gibt es eine gute Schilderung dieser Tour. (abgerufen am 29.10.2017)

Heitzmann, Harant (1996): OÖ-Voralpen. OeAV-Führer, Ennsthaler Verlag, Steyr.

Radinger (2009): Wandererlebnis Kalkalpen mit Haller Mauern. Residenz Verlag, St. Pölten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Heitzmann, Harant (1999): Reichraminger Hintergebirge (Neuauflage) Ennsthaler Verlag, Steyr.

Lenzenweger (2009): Eisenwurzen, Nationalpark Kalkalpen. Wanderführer, Bergverlag Rother, München.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.