Bei meinem Klammkogelbesuch habe ich dieses Foto gemacht. Dabei ist mir die Grabnerspitze aufgefallen. Sie befindet sich am südlich verlaufenden Kamm, zwischen Wildfeld und Mautern. Schitourenberichte zu ihrer Besteigung findet man viele im Netz, jedoch fast keine Wanderbeschreibungen. Das macht mich neugierig. Wie diese Neugierde belohnt wird, erzähle ich in diesem Blogeintrag und ein bisserl mehr.
Wir fahren im langgezogenen Gößgraben bis zum letzten Parkplatz (Wildfeld-Kreuzenalm) und sind spät dran. Meine große Sorge, auf einen vollgeparkten Parkplatz zu treffen, ist unbegründet – an diesem wundervollen Samstag parkt nur ein PKW. Kurz nach uns kommt noch eine Familie an. Die sind schneller aus dem Auto und am Weggehen, als ich Zeit brauche, um mir den linken Schuh zuzubinden.
Auch wir wandern los und bleiben für einen Kilometer auf der Forststraße. Es gibt keine Markierungen, jedoch Hinweisschilder und, das ist noch viel wichtiger, einen Weg.
Nach dem Verlassen der Forststraße sieht es so aus.
Und dieser polsterweiche Pfad ist ein einziger Freudenspender. Wegen seiner moderaten Steigung und seiner wunderbaren Beschaffenheit.
Dort und da geht es über ein Brücklein …
… und dann wieder durch lufthelles, feuchtwarmes Grün.
In der Atmosphäre um uns hängt der Duft von aufgehenden frischen Blättern.
Der Berg vibriert von frischem Grün.
Alles in uns saugt die milde Wärme dieser Maisonne auf. Und die Stille. Vom Wachstum und dem dazu gehörenden Rempeln und Drängeln im Wettstreit darum, wer mehr Wasser und Licht abbekommt, größer wird, breiter, grüner – bemerken und hören wir nichts.
Diese Wanderung ist das ersehnte stille Gegenstück zu den erlebnisreichen Tagen Ende März.
In einem kulturellen Übermut haben wir Leipzig und die Leipziger Buchmesse besucht. Das füllt einem den Kopf ganz schön an.
Von unserem Hotel in der Innstadt Leipzigs fuhren wir mit der Straßenbahn, mit vielen anderen, stets von ihnen körperberührt, enggeschlichtet wie Biskotten in einer Malakoff-Torte, direkt aufs Messegelände.
Ameisenähnlich fühlte es sich an, und das änderte sich auch den ganzen Tag nicht.
Aber weil sich der Mensch ja gegen alles gewöhnt, überwog schon bald die Freude hier zu sein und unsere Neugierde.
Das bunte i-Tüpfelchen auf der Messe sind die Cosplayer. Abseits jeglicher dörflicher Sozialkontrolle wird hier sich ausgelebt und in Szene gesetzt.
Es ist akustisch und optisch ungehemmt laut in den Messehallen, und nicht nur wir bestaunen so manche Anime-Figur.
Wir haben die Messestände der Verlage, die uns interessieren, besucht und uns die Aufzeichnung einer Buchzeit-Sendung angesehen.
Mit Gerd Scobel ergab sich sogar ein kurzes nettes Gespräch.
Meine Kapazitäten für soziale Interaktionen waren nach diesem Tag völlig erschöpft. An der Wiederauffüllung derselben haben wir noch am selben Abend gearbeitet.
Leipzig ist spannend, und es gäbe viel zu erzählen. Darum nur zwei Highlights. Zum Beispiel haben wir das Völkerschlachtdenkmal besucht. Deutschlands (oder gar Europas) größtes Denkmal, 91 Meter ragt es über dem See der Tränen auf, wie aus einem Fantasy-Film gefallen. Es erinnert an den Sieg über Napoleon am 18. Oktober 1813.
Zum Zeitpunkt unseres Besuchs wussten wir noch nicht, dass wir ein paar Monate später an Napoleons Grabstätte, im Invalidendom in Paris, stehen werden. Es ist oft im Leben so, dass man nicht weiß, was einem die nächsten Monate widerfahren wird. Wir sind alle nichtsahnend im Hinblick auf Datum und Art unseres unausweichlichen Schicksals. Unsere Parisreise war eine der angenehmen Unerwartetheiten. Meist sind es nicht so schöne Überraschungen: Unfälle oder Diagnosen, die keiner gebrauchen kann.
Mein Übergewicht gehört da nicht dazu. Zack und dick passiert eher selten.
Die Fantasy-Film-Analogie war gar nicht so falsch. Erst im August 2022 wurde hier für die Tribute von Panem gedreht.
Wenn ich die martialisch anmutende Ruhmeshalle betrachte, so wundert es mich nicht.
Hier ein Foto aus der Krypta von Wikipedia:
Alleine schon wegen Johann Sebastian Bach wollten wir die Thomaskirche besuchen. Dort hat Bach als Kantor gewirkt, und hier ist er auch begraben.
Zu einer Begebenheit in dieser Kirche gibt es noch eine besonders amüsante Episode zu erzählen. In dieser Anekdote menschelt es gehörig und ich mag es, wenn es menschelt.
Viele kennen die großartigen Don Camillo und Peppone Verfilmungen mit Fernandel und Gino Cervi in den Hauptrollen. Und in einem dieser Filme will der kommunistische Bürgermeister Peppone seinen neugeborenen Sohn auf den Namen Lenin taufen lassen. Don Camillo weigert sich, und erst nach langem Hin und Her (inklusive einer Schlägerei im Kirchturm) wird das Kind auf den Namen Camillo Lenin getauft. Und so absurd herrlich das ist, die Wirklichkeit kann es noch besser:
Der spätere Sozialist und Gründer der kommunistischen Partei Deutschlands, Karl Liebknecht, wurde 1871 in der Thomaskirche getauft.
Und als Taufpaten fungierten Friedrich Engels und Karl Marx – ist das nicht herrlich?

„Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Herz einer herzlosen Welt und die Seele einer seelenlosen Welt. Sie ist das Opium des Volkes.“. (Karl Marx)
Jetzt habe ich mich beim Erzählen wieder einmal gehörig verlaufen. Zum Glück ist uns das bei der Wanderung nicht passiert. Denn dieses Schild ordnet uns den Aufstieg und es kommt …
… nach dieser Lichtung nur zu einer kurzen Verwirrung. Weil wir in einer wild durcheinander geworfenen Welt leben, spiegelt sich das auch in einem Windwurf vor uns wieder. Bäume und Äste sperren und verdecken uns die Wegspuren.
Es ist aber nicht mehr weit zur oberhalb verlaufenden Forststraße, und so finden wir auch wieder auf den Pfad zurück.
Und auch der mündet in einer Forststraße – aber der finalen. Die endet bei der Graskogelalm am Kreuzsattel (1624 m). Dort sitzen welche mit einem Getränk vor sich am Tisch und rufen uns schon von Weitem zu: „Privat, das hier ist privat!„. Das stört uns nicht, wir wollten hier nicht rasten. Jedoch die Aussicht, …
… die müssen sie mit uns teilen, die ist nicht privat.
Der Pfad würde östlich um die Grabnerspitze führen. Wir verlassen ihn und steigen hier auf. Ob das jetzt Wildspuren oder menschengetretene Wegschneisen sind, wissen wir nicht. Das ist auch nicht so wichtig, weil sie allesamt hoch leiten.
Nach dem kurzen Waldstück sieht es dann herrlicherweise so aus.
Blick zu den Windmaschinen am Klammkogel (1358 m). Indirekt der Ausgangspunkt für unser Hiersein.
Gabriele ist sehr liebenswürdig zu mir und wartet kurz vorm Gipfel auf mich. Das habe ich auch verdient, denn dem, der mehr schwitzt und schnauft, gehört der Gipfel auch ein wenig mehr.
Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Grabnerspitze (1795 m).
Hier gefällt es uns, und es gibt viel zu sehen.
Am Kragelschinken war ich im Winter. Eine kalte und trotz allem freudvolle Skitourenerfahrung.
Den Kamm mit der Wolfleiten bis zur Achnerkuchel habe ich in einer überraschend schönen Tour bewandert: Achnerkuchel (1824 m) und Wolfleiten (1702 m).
Der anschließende Kamm zum Sonneck (1676 m) und dem Magdwieseck (1644 m).
Der geologisch-tektonische Baustil konnte nichts Edleres hervorbringen, als die Eisenerzer Alpen, denke ich mir bei diesem Anblick. Und weil es Menschen gibt, die es lieben zu diskutieren, gebe ich sogleich gerne zu, dass es auch viele andere schöne Gegenden gibt.
Meine ersten Steinböcke in den Eisenerzer Alpen begegneten mir am Gößeck (2214 m). Und wenn ich daran denke, überfällt mich ein wenig Wehmut. Ich fühle mich von Toten umgeben. Am Gößeck war ich mit meinem mittlerweile verstorbenen Papa unterwegs.
Und ebenso ganz in der Nähe befinden sich das Wildfeld (2043 m) und der Stadelstein (2070 m). Dort oben bin ich mit Franz und Heinrich gesessen. Beide haben uns viel zu früh verlassen.
Den langgezogenen Rücken des Reitings über Gfällturm (1655 m), Klauen (1849 m) bis zur Kahlwandspitze (2090 m) habe ich auch schon beschritten.
Eine einfache Erweiterung dieser Wanderung wäre der Weg bis zum Abtreibsattel und von dort auf einem alten Steig zur Kreuzenalm (1417 m). Von dort auf markiertem Steig durch den Höllgraben zurück zum Parkplatz. Blick zum Wildfeld – der Abtreibsattel ist hinter der braunen Erhebung gerade nicht zu sehen.
Unterhalb des Ellerkogels ist die Kreuzen Alm (1417 m), und von dort geht’s dann in den Gössgraben.
Weil’s uns so gut gefallen hat, …
… gehen wir zurück, wie wir gekommen sind.
Und wer meine Tourenberichte liest, weiß bei diesem Anblick, dass ich mir Graskogel (1660 m), Hühnerkogel (1639 m) und den ganzen Kamm bis Mautern für einen eigenen Besuch in meiner übervollen Gipfelvorratsdose aufbewahre.
Man kann auch mit einem grünen Auge davonkommen. Abseits der breiten Straßen des Bergehrgeizes, des Bergbegehrens und Gipfelehrgeizes ist uns ein wunderbarer Tag geschenkt worden. Ein paar mehr solche Stunden könnte ich in meinem Leben noch gut vertragen. Ich bitte darum.
Senf dazu? Sehr gerne!
Darf’s ein bisserl mehr sein?
Weitere Unternehmungen in der Region Eisenerzer Alpen (Auswahl):
- Sonntagkogel am Samstag
Sonntagkogel (1856m) - Wanderung mit hoher Belohnungsdichte: Hohe Zölz, auch Obere Zelz (1897 m) genannt.
Hohe Zölz (1897m) - Leobner windstill
Leobner (2036m) - Erste Reihe fußfrei in den Eisenerzer Alpen: Donnersalpe (1539 m) und Tulleck (1412 m)
Donnersalpe (1539m), Hohlsteinmauer (1405m), Tulleck (1412m), Mitterriegel (1150m) - Überschreitung des Kaiserschildstockes
Rotriegel (1879m), Kaiserwart (2033m), Hochkogel (2105m), Halskogel (1624m)
Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.
Zeit: je nachdem | ↗ : 800 hm | Distanz: 11,7 km | unmarkiert| mit meist deutlichen Wegen und Wegspuren und viel Forststraße | Quellen: I-Net | must have: naja | Gipfel: 1 Grabnerspitze (1795 m) |
Ausschnitt aus
Karte 4309, Österreich digital.
ⒸKartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.
Die Bildbeschriftung erfolgte mit:
PanoLab Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Ⓒ Christian Dellwo.
Quellen:
„Ach ja, viel gelebt und wenig geschrieben! Besser als umgekehrt.“ habe ich mir von Johann Gottfried Seume ausgeborgt.





















































