Bei der Fahrt von Vorderstoder nach Hinterstoder bietet sich nach einer Kurve dieses Bild: Unter einem Himmel von tiefem Vergissmeinnicht-Blau ist alles so makellos abgestimmt, dass das Auge ohne jede Hast von einem Gipfel zum anderen wandern kann.
Am befahrbaren Endpunkt angekommen, erwartet mich dieser Anblick und ein Parkautomat.
Vor Jahren war für mich solch ein Automat der Darth Vader schlechthin.
Jetzt ist das nicht mehr so, man gewöhnt sich gegen alles.
Vom Parkplatz führt der markierte Weg gleich einmal auf einer Forststraße an einem Wildgatter entlang. Ich kann es nicht verhindern, und in meinem Kopfbrowser öffnet sich sofort ein neuer Tab. Kann es in einer Umzäunung freie Natur samt Wild geben?
Das mit dem Wild in einem Gatter ist ein klassisches Oxymoron, wie die Holzeisenbahn, oder die virtuelle Realität oder das Minuswachstum: Wild im Gatter ist kein Wild mehr; kann es definitionsgemäß (ungezähmt, freilebend) nicht mehr sein.
Wobei ja bei der in unseren Landen gepflegten Jagd samt Fütterung, bis zu zweihundert Tage im Jahr, auch nur noch sehr eingeschränkt von Wild die Rede sein kann. Das funktioniert wie bei uns Menschen auch: Der Futtertrog ist die Leine, die speichelfadige Fessel, an die wir uns legen lassen. Und dann stellen sich die Fragen: Wie wild darf das Wild noch sein? Und wie viel eigene ehrliche Meinung können wir uns erlauben, ohne vom Futtertrog verjagt zu werden?
Die eine böse Gehirnwindung in meinem Kopf behauptet sogleich, dass in der Gatterzüchtung bevorzugt nach einer besonderen Fellzeichnung verpaart wird:
Und der Endzweck solcher Gatter ist ja schließlich die Küche. Eigentlich müsste man beim Wildgulasch oder dem Damwildpfandl dazuschreiben: „Halb so wild“ oder „kann Spuren von Wild enthalten„.
Zu Beginn einer Wanderung sind in meinem Gehirn oft noch 20 Tabs offen, und allmählich erst, mit dem tausendsten Schritt und Ausblicken auf die Berge um mich, schließt sich Tab um Tab, bis ich ankomme – in der Landschaft und auch bei mir.
Ich mag Bachquerungen.
Der Weg führt immer steiler werdend, in vielen Kehren, durch lichten Wald bergauf. Am Dolomitensteig werden die Höhenmeter in zwei Anstiegen bewältigt. Der erste Anstieg ist der bis zum Fuße des Hagsteins, und der zweite folgt dann gleich im Anschluss bis zur Hochsteinalm.
Weiter oben wird es lichter und felsiger.
Und endlich am Rücken angekommen, ergeben sich solche Ausblicke in Richtung Salzsteigjoch.
Rechterhand befindet sich der Hagstein, und der lässt sich über diese steile felsdurchsetzte Leitn leicht ersteigen, außer mit kurzen Kinderbeinen, dann ist eine helfende Vaterhand sehr hilfreich.
Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Hochstein (Hagstein) 1100 m.
Am Gipfel treffe ich auf eine sehr schmale, mittelalte Frau. Sie ist ziemlich verplaudert und erzählt mir, dass sie und ihr Partner in drei Stunden irgendwo sein müssen und dass sich das mit dem Dolomitensteig gerade noch ausgeht, aber auch nur, wenn man schnell ist.
Es gibt in unserer Kultur eine unglaubliche Fetischierung von Gehetztheit. Man ist sehr stolz darauf, wenig Zeit zu haben. Muss ich das verstehen?
Baumschlagerreith
Ein guter Steig führt in Kehren, mal flach mal steil …
… zur Hochsteinalm (1296 m).
Von der Hochsteinalm kann ich die Lögerhütte erkennen und darüber die „Dolomiten“. Ein herrliches Bild: Wie die verwitterten Berge geduldig der Zeit Zeit geben, sich auszudrücken. Der Gipfel in der Wolke müsste der Almkogel (2116 m) sein. Vor Jahren habe ich den schon besucht und wurde dabei von Reinhard erstmals auf meine Bauchringe aufmerksam gemacht. Ein Meuchelfoto davon findet sich im Anhang – samt Anmerkungen zu seiner Besteigung über den Salzsteig.
Der Weg über den weichen Almboden zur Lögerhütte ist ein herrlicher. Hier kann man sich von der Landschaft aufsaugen lassen.
Neben der Lögerhütte (1370 m) ragt ein Kamin auf, dem sein Haus abhandengekommen ist.
Auf einem Foto, das ich 2006 im Abstieg vom Almkogel gemacht habe, steht das Gebäude noch:
Hier der Gegenschuss auf unser damaliges Abstiegsgelände. Irgendwo in den Felsen oberhalb befindet sich die Hochsteinscharte (1755 m). Der Weg zu ihr ist nicht markiert und fordernd.
Ich setze mich hinter der Hütte für eine kurze Rast in die Wiese und blicke auf die großen Bergbuben gegenüber. Die Prielgruppe ist dort, wo die Wolken sind.
Hier beginnt der eigentliche Dolomitensteig. Ich widerspreche solchen Schildern grundsätzlich nicht, nur ist Bergerfahrung ein sehr dehnbarer Begriff. Verständlicher ist vielleicht, dass ein mittelguter, mittelgeschickter Wanderer den Dolomitensteig gut machen kann. Kleine Kinder würde ich nicht mitnehmen, das ginge sich mit meinem Nervenkostüm nicht aus. Ich bin nicht derjenige, der die Gefahr um der Gefahr willen liebt. Das Gegenteil ist bei mir der Fall.
Beim Dolomitensteig handelt es sich um einen alten Jagdsteig, der fast horizontal, mit nur geringen Höhenunterschieden verläuft.
Es werden zarte und dünngefäßige Bäche gequert, …
… und die Landschaftsanmutung ist immer rau und zersplittert.
Höhenangst ist hier keine brauchbare Eigenschaft. Wobei ganz ausgesetzt ist es ja nicht, …
… aber der eine oder andere Tiefblick kann schon ängstigen.
Hier der Blick zurück zur Lögerhütte – unterhalb des großen Felsens verläuft der Steig. Dort befindet man sich bereits kurz vor der Schlüsselstelle.
Seilsicherungen führen steil in den Schluchtgrund des Schwarzgrabens hinab.
Der Steig bleibt immer am Fuß dieser für unsere Bergwelt steinernen Besonderung.
Das Stahlseil gibt Halt, und Trittstufen sind genug vorhanden.
Unten angekommen, belohnt sich gerade eben jemand mit einem Bad – im Bikini! Ich habe weder einen Bikini noch eine Badehose mitgenommen, vielleicht sollte ich meine Packliste entsprechend überarbeiten.
Dieses Foto vom seilversicherten Abstiegsbereich und den winkenden jungen Frauen habe ich bereits im Aufstieg, von der gegenüberliegenden Seite, gemacht.
Und die sieht so aus.
Weiter führt der Weg noch immer durch steile Schrofen, aber gemildert wird das „Gefahrgefühl“ durch Bäume und Bewuchs.
Auf ein steinernes Monument warte ich noch, …
… nämlich den erhobenen Finger – und der bedeutet selten etwas Gutes. Auch dieser ragt irgendwie streng in den Himmel und ermahnt mich. Wofür? Das schlechte Gewissen muss jeder Wanderer schon selbst mitbringen.
Das kann ich schon sagen: Berufsstress und Alltagskummer lassen sich in dieser Landschaft zuverlässig wegwandern.
Gegenüber ragen mächtig auf: der Hebenkas (2285 m), Großer Kraxenberg (2195 m), Hochplanberg (2229 m), Großer Brieglersberg (2148 m) und ein paar andere auch noch.
Noch einmal schlängelt sich der Pfad um einen großen Felsen, um anschließend …
… durch einen Schotterwald …
… zur gigantischen Geröllrinne, dem sogenannten Poppensand, zu gelangen.
Letztlich mündet der Pfad in die Forststraße, die zur Poppenalm (1054 m) lotst und zugleich ein Teil des Weitwanderweges 09 ist, der mit 470 km Länge vom Sternstein bis zu den Karawankten führt. (Quelle: Pilz, Zwischen Ötscher und wildem Kaiser)
Am Weg zurück zur Baumschlagereith mache ich noch einen kurzen Abstecher zum Steyrursprung.
Es ist beeindruckend, mit wie viel Wasser die Steyr in ihr Flußleben startet.
Wieder zurück am Parkplatz gilt mein letzter Blick dem Hagstein, und meine Gedanken wandern bereits zum nächsten Wochenende, und das findet in Wien statt. Nein keine Wanderung sondern …
… wir folgen dieser Einladung, und am 17.5.2025 …
… sieht das dann fast wie auf der Einladung aus. Mit Kindern ein Kasperltheater besuchen, gehört zu den schönsten Unternehmungen überhaupt.
Senf dazu? Sehr gerne!
Darf’s ein bisserl mehr sein?
Weitere Unternehmungen in der Region Totes Gebirge (Auswahl):
- Hochtausing und Bärenfeuchtmölbing
Hochtausing (1823m), Bärenfeuchtmölbing (1770m) - Raidling West und Raidling Ost
Raidling Westgipfel (Wörschacher) (1912m), Raidling Ostgipfel (Liezener) (1909m) - Traweng (1981 m) und der Verschwindezauber: Where is the cross?
Traweng (1981m), Schneiderkogel (1765m) - Freundliche Augenbotschaften im Toten Gebirge: Schafberg 1932 m (Hintere Höh)
Schafberg (1932m) - Vom Gleinkersee zum Seespitz (1574 m) und zur Dümlerhütte
Seespitz (1574m), Mitterberg (1695m), Präwald (1227m)
Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.
Zeit: je nachdem | ↗ : 723 hm | Distanz: 10,12 km | markiert | mit deutlichen Wegspuren | Quellen: I-Net | must have: naja | Gipfel: 1 Hochstein bzw. Hagstein (1100 m) |
Ausschnitt aus
Karte 4309, Österreich digital.
ⒸKartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.
Die Bildbeschriftung erfolgte mit:
PanoLab Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Ⓒ Christian Dellwo.
Epilog
Am 26.10.2016 habe ich mit Reinhard über das Salzsteigjoch den Gamsstein und den Almkogel bestiegen. Eine durchaus fordernde Wanderung, die zum damaligen Zeitpunkt noch eher selten durchgeführt wurde – vielleicht hat sich das mittlerweile geändert. Mein kurzer Tourenbericht leidet etwas unter Erinnerungslücken.
Von Baumschlagereith sind wir den markierten Salzsteigweg zur Poppenalm Jagdhütte gewandert. Dort endet das Tal, und der Anstieg zum Salzsteigjoch beginnt.
Ein felsiger Steig führt markiert, aber durchaus fordernd, hoch.
Blick zurück: Jagdhütte Poppenalm (1054 m)
Der Steig windet und wurlt sich durch dieses Gelände.
Dann endlich, nach fast 1050 Höhenmetern, ist das Joch erreicht.
Am Joch sind wir weglos links hochgestiegen – bis sich eine Latschengasse samt Steinmännchen sehen ließ. Diese führt zu einem Steig westseitig des Gamssteins.
Den Gamsstein haben wir südlich umwandert, …
… um dann einfach von der Ostseite zum Gipfel zu gelangen.
Gipfelfoto – damals noch nicht so obligatorisch und unverzichtbar: Gamsstein (1994 m). Mittlerweile dürfte ihn auch ein kleines Gipfelkreuz zieren.
Herrlicher Blick zum Weiterweg auf den Almkogel. Grandiose Landschaft. Am unteren Bildrand ist Reinhard zu erkennen. Bald schon treffen wir auf den Steig, der von Tauplitz heraufführt.
Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Almkogel (Eisenberg) 2424 m.
Ein bisserl abseits lässt es sich am besten rasten.
Hier gelang Reinhard das Gegenstück zu den internethäufigen Nordwand-Gipfelblick-Fotos: Mit sardonischer Freude hat er mich in einem unbeobachteten Augenblick gemeuchelt und dieses Schraubverschluss-Foto gemacht. Wie der Saturn mit seinen drei Hauptringen bin auch ich schon seit vielen Jahren von solchen umgürtet.
So wenig erfreulich die Nahblicke waren, so schön präsentierten sich die Ausblicke:
Felstürme stehen in schludriger Reihe vor uns, gewaltig und gewaltig schön.
Weil wir den Weiterweg vielleicht suchen müssen und ein Verhauer durchaus möglich ist, bleiben wir nicht lange am Gipfel.
Diese Gratschneide wartet auf uns, bis zur Höchsteinscharte möchten wir wandern und von dieser dann absteigen – wo immer die auch sein mag.
Reinhard blickt im Schattenwurf …
… des Almkogels noch einmal zurück.
Tiefblick auf Baumschlagerreith.
Der Grat lässt sich ohne Klettern …
… gut bewandern. Nur einmal muss ein Spalt übersprungen werden. Wir steigen diesen entlang ein Stückchen ab, bis er uns hüpfgerecht-schmal-genug erscheint.
Und auch die Höchsteinscharte lässt sich ohne GPS durch ausgeschnittene Latschengassen gut finden. Hier befinden wir uns schon nach der Scharte die ersten Meter im Abstieg.
Mit dem Abstieg zur Lögerhütte schließt sich dieser Erzählkreis.
Ich habe die Tour nachgezeichnet, wir sind noch mit Karte und Beschreibung gewandert. Zirka 1600 Höhenmeter und 13,7 km.
FIN
Meine Quellen:
Es gibt in unserer Kultur eine unglaubliche Fetischierung von Gehetztheit. Man ist sehr stolz darauf, wenig Zeit zu haben. (Hans Rusinek)
























































































