Dass die Revolution ihre Kinder frisst, weiß man ja seit der französischen Revolution, dass auch der Beruf ein Gierhals sein kann, musste ich vor meinem Urlaub erfahren. Gerade noch entkam ich den Vampirzähnen des „Das-ist-auch-noch-Dringend“ und „Magst-mir-das-vor-dem-Urlaub-noch-Erledigen?“
Drei Tage später als geplant, trete ich meinen Urlaub an. Gerade noch rechtzeitig, um ein Schönwetterfenster in Osttirol für den Jahresgipfel zu erhaschen.
Mit dem besonnten Spitzkofel als Tischnachbarn, noch beim Frühstück, beginnen unsere Füße bereits zu zucken, obwohl sie noch nicht einmal in den Wanderschuhen stecken.
Dass der Osttiroler Felix Gall auf der heutigen 13. Etappe der Tour de France grandioser Zehnter wird und damit in der Gesamtwertung zu den besten Zehn vorrückt, erfahren wir erst am Abend. Wir haben heute unsere eigene Bergwertung ganz ohne Konkurrenz, und wenn Mitwanderer da wären, wäre es mir auch egal. Ich laufe niemandem hinterher, ich bin ein guter Verlierer.
Am großen Parkplatz Dienburg bzw. Zedlacher Paradies, nur wenige Straßenmeter vorm Kräuterwirtshaus Strumerhof, ist unser Ausgangspunkt.
Der Parkplatz liegt auf ca. 1460 m.
Die Stimmung sitzt und die Hüte auch. Los geht’s.
So hoch über Matrei starten wir.
Schon mit den ersten Schritten füllt sich das Blau des Himmels mit Aussicht.
Das Kräuterwirtshaus Strumerhof. Was für eine fantastische Lage, erhaben über Matrei.
Jetzt müssen wir uns zusammenreißen, wenn wir uns da auf alle Ablenkungen am Weg einlassen, werden wir erst bei eintretender Dämmerung den Gipfel erreichen. Wir bemühen uns, die Blicke links und rechts kurz zu halten; und so gelingt es uns, nach einer Dreiviertelstunde, statt der geplanten Viertelstunde, zum Bauernhaus Hinteregger zu gelangen. Hier zweigt der markierte Steig ab.
Ich bin nach den letzten Wochen sehr müde und nahe an der Leerwerdung.
Diese Tafel haucht mir Energie zu, und ich freue mich gewaltig hier zu sein. Sogar unser Gipfelchen findet sich darauf.
Im spinnfadigen Flirrschatten des Osthanges schlängelt sich der Pfad mit gelegentlichen geringen Abstiegen und ebenso geringen Anstiegen ohne großen Höhengewinn ins Tal hinein.
Gabriele freut es schon die ganze Zeit. Diese Ostseite ist eine einzige florale Abenteuerzone.
Nach einem herrlichen Erdbeerboden …
… wird es kurz einmal steilfelsiger.
In den Bergen kann man nicht einfach gehen wo man will. Wer vom Weg abweicht, bekommt eine hinter die Ohren.
Der Blick zurück zeigt diese, auch für Wanderer gut überwindbare, Engstelle.
Tonlos, weit weg, ist weder die junge Drau (Prosseggklamm) noch die Felbertauernstraße.
Wasser findet sich in den Tauern überall.
Mit dem Wasserfall im Blick könnte der Bunzkögele auch ein „r“ vertragen.
Es gibt Bilder, die man riechen kann. Das ist so eines, und die nächsten vier Bilder sind auch solche.
Jetzt beginnt der weniger lustige Abschnitt dieser Wanderung. Der Großteil der Aufstiegsleistung verteilt sich auf weniger als 1500 m Wegstrecke. In vielen Kehren zieht der breite Pfad hoch. Ich wuchte mich an alten Bäumen und verfallenen Unterständen vorbei, den Berg hinauf. Das sind die Situationen, wo ich schnell merke, dass ich für die mir innewohnende Kraft einen viel zu großen Körper habe.
Wie bei einem Jenga Spiel haben Lawinen und Wind immer wieder ein Hölzchen entfernt und diesen Unterstand zum Symbol der Unbeständigkeit aller menschlichen Dinge gemacht.
Auch Gabriele stapft langsam hoch, und weil ihr Langsam schneller als mein Langsam ist, wartet sie stets auf mich.
Das ist so ein Wartezeitvertreibfoto.
Es ist kein grob dahingesudelter Weg, sondern immer gut gehbar und kommt durchgehend ohne große Trittstufen aus.
Auf der gegenüberliegenden Seite, hoch über der Felbertauernstraße, sieht es so aus:
Der Schlingen-Schlangen-Kurvenpfad würde noch weiter hochführen (wohin auch immer), doch hier ist die Abzweigung, die man nicht verfehlen darf. Es ist nur noch der Kristallkopf (Ochsenbug) angegeben. Weil aber unser Gipfel am Weg dorthin liegt, ist das jetzt auch unsere Abzweigung.
Neben uns ragt der Hintereggkogel (2638 m) auf, und was der mit Paulis Tourenbuch zu tun hat, erzähle ich später.
Gabriele befindet sich bereits auf der Nuenitzwiese.
An einem Lawinenopfer vorbei (Heuschober oder Unterstand), geht es jetzt stetig in hohem Wiesengras weiter.
Und dann werden wir überrascht. Was am Meer ein begehrter Strandbungalow ist …
… ist in den Bergen eine solche Jagdhütte samt Solarstrom und fließend Wasser. Hier legen wir eine Rast ein und beneiden intensiv den Besitzer. Ein gnadenloser Schluckauf informiert ihn über unsere Gefühle.
Der Pfad ist auch im hohen Gras nicht zu verlieren. Weiter geht’s an zwei verfallenen Stadln vorbei …
… zu dieser einfachen, seilversicherten Steilstufe.
Nach der überwundenen Steilstufe wandern wir nur mehr wenige Meter weiter, bis wir in dieser Wiese hochsteigen. Irgendwo dahinter sollte sich unser Gipfel befinden, es ist der östlichste Punkt im Auslauf des Frosnitzenkammes der Venedigergruppe.
Links im Bild kann man den Weiterweg zum Ochsenbug erkennen.
Und dann stehen wir auch schon am Ziel unseres (meines) Begehrens.
Auf diesem wunderbar schafverschissenen Grasgipfel.
Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Nuenitzköpfl (2025 m)
Blick auf das ausmündende Tauerntal mit seinen schneebedeckten großen Buben. Die Höhe der Berge hebelt die Jahreszeiten aus. Und die Breitengrade auch.
Hier mit Pfeil bezeichnet knickt der markierte Pfad auf den Ochsenbug in das Ostkar ab.
Und irgendwie muss es dieses Kar hochgehen. Für mich heute ein unvorstellbar weiter Weg.
Leopold war jedoch oben: Ochsenbug, 3008 m, Venedigergruppe.
Wir stehen unter der Nordwand des Hintereggkogels (2638 m). Und auch da war Leopold schon oben: Hintereggkogel, was lange währt wird endlich gut.
Es ist unglaublich, wie viele Touren Leopold in Osttirol gemacht hat. Immer öfter wird mir klar, wie umfangreich und wertvoll sein Tourenbuch ist. Auf diesem Wege: „Meine allergrößte Hochachtung und eine tiefe Verbeugung vor deinen Leistungen, lieber Leopold, und vielen Dank für deine zahlreichen, beeindruckenden Tourenbeschreibungen!“
Unsere wohlverdiente und in meinem Fall auch wohlnotwendige Rast verbringen wir unterhalb des Gipfels, auf diesem riesigen Jausenfelsen nistend …
… mit Blick auf Matrei.
Der Abstieg ist gleich dem Aufstiegsweg, mit einer Abweichung. Wir kehren am Strumerhof ein.
Das war ein feiner Tag, und als schwerst Glücksversehrte benötigen wir beim Strumerhof noch farbenfrohe Medizin zur Festigung unseres Befindens. Allerdings sollte man bei solchen Getränken über die Grenzen der eigenen Prinzipienlosigkeit Bescheid wissen.
Somit habe ich meine Jahresgipfelliste fortsetzen können und mich freut’s. Für denjenigen, der solche Listen ersinnt, sind das so kleine Träumereien. Sie erschaffen eine Wunschzukunft, oder zumindest den verspielten Teil einer Wunschzukunft. Für 2026 gibt es ja schon einige Ideen, wie hier nachzulesen ist: Jahresgipfel.
Senf dazu? Sehr gerne!
Darf’s ein bisserl mehr sein?
Weitere Unternehmungen in der Region Osttirol (Auswahl):
- Wanderung auf den Hausberg der Innervillgratner
Kreuzspitze (Eggeberg) (2624m) - Osttirol erster Tag: Rund um die Sillianer Hütte
Schützenmahd (2224m), Füllhorn (2445m), Helm (Monte Elmo) (2060m), Hornischegg (2550m), Hochgruben (2538m) - Osttirol dritter Tag: Böses Weibele
Böses Weibele (2521m), Rastl (2403m) - Bergsteigerisches Jourgebäck in den Karnischen Alpen: Hochalpl (2384 m)
Hochalpl (2384m) - Osttirol zweiter Tag: Wo im Himmel Blumen wachsen
Golzentipp (2317m), Alplspitze (2296m)
Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.
Zeit: je nachdem | ↗ : 735 hm | Distanz: 9,8 km | markiert | sehr steil | hoher Ausgangspunkt | Quellen: für den Ochsenbug einige | must have: natürlich nein | Gipfel: 1 Nuenitzköpfl (2025 m) |
Ausschnitt aus
Karte 4309, Österreich digital.
ⒸKartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.
Die Bildbeschriftung erfolgte mit:
PanoLab Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Ⓒ Christian Dellwo.
Meine Quellen:

Peterka (1977): Kleiner Führer durch die Glockner-, Granatspitz und Venediger-Gruppe mit angrenzenden Gebieten. Bergverlag Rother, München

Mair (2010): Höhenwege & Gipfelziele. Bergwandern in Osttirol und Oberkärnten. Tyrolia Verlag, Innsbruck.



























































