Der Zinken (Mendling) ist der markante, östlichste Punkt des Gamssteinmassivs. Vom Sonnstein (1019 m) bei Göstling kann man ihn gut erkennen. Und in meiner Gipfelvorratsdose, in der Abteilung „Exotik der Nähe“, ruht er schon viel zu lange. Heute besuche ich diesen Gipfel in einer Wanderung, die überraschend viel zu bieten hat.
Das beginnt schon im Sandgraben. Oskar Kokoschkas Großeltern hatten hier und in der Lassing ihre Häuschen. Kokoschka verbrachte als Kind viel Zeit bei seinen Großeltern. Das Kokoschka-Häuschen im Sandgraben, in der Nähe des dortigen Reitgestüts, wurde aus Unkenntnis überbaut.
Der akribische Heimatforscher Reinhard Fahrengruber (nie um ein Augenzwinkern in seinen Texten verlegen) schrieb dazu in den „Historischen Beiträgen des Musealverein Waidhofens“, 38. Jahrgang:
„Am 27. April 1884 heiratete der Geschäftsreisende Gustav Kokoschka aus Prag in Gaming die um 21 Jahre jüngere Romana Loidl, die Tochter des Forstarbeiters Ignatz Loidl, der in Hollenstein am Sandgraben wohnte. Kokoschka beschreibt in seinen Lebenserinnerungen, dass seine Großmutter in diesem abgelegenen Haus einmal eine ganze Schar von Räubern, es dürfte sich um Wilderer gehandelt haben, mit dem Gewehr in Schach gehalten habe. Dieses Haus am Sandgraben, das einzige in Hollenstein, das in der Weltliteratur verewigt ist, wurde leider vor einiger Zeit aus Unwissenheit über seine Geschichte abgerissen bzw. überbaut.“
Neben Gustav Klimt und Egon Schiele zählt der „Oberwüde“ Kokoschka zu den bedeutendsten bildenden Künstlern der Wiener Moderne. Einige Bilder kann man in der Dauerausstellung des Leopoldmuseums oder der Albertina betrachten, aber für mich hängt sein schönstes Bild in Basel: Die Windsbraut (ein Selbstbildnis mit Alma Mahler, 1913).
Im Sandgraben, gar nicht weit vom Kokoschka Häuschen entfernt, führt der markierte, deppertschöne Tischeksteig hoch. Loblieder auf die Eleganz dieses Anstiegs habe ich schon mehrfach gehalten, wie zum Beispiel in diesem Blogeintrag: Gamsstein (1770 m): №4 der Big Five in den Ybbstaler Alpen. Oder in diesem kleinen Beitrag nach unserem New York Besuch: Sehnsucht nach den Ybbstaler Bergen: Vogelnestrücken (1216 m).
Der Anstieg endet auf der Niederscheibenalm. Rechts ginge es in Richtung Gamsstein, …
… ich halte mich auf der Forststraße links …
… bis zu dieser Abzweigung in das Weidegelände.
Dieser Anblick bereitet mir Vergnügen, auch wenn mich die Sonne heute vermutlich nicht erwischen wird.
Die Forststraße macht einen leichten Knick und beginnt anzusteigen. Schon bald habe ich diesen Blick auf die Niederscheibenalm.
Rechts von mir muskelt sich der Hasenfuß (1615 m) mit seinen Felsabbrüchen hoch, …
… und ich kann schon weit in die Eisenerzer Alpen blicken.
An versteckten, sumpfigen Wiesenaugen geht’s vorbei, …
… bis ich auf der Forststraße an den Rand meiner ersten Erhebung gelange.
Mit wenigen Schritten bin ich am Vermessungspunkt, auf 1353 m, und weil Erich von Däniken noch nicht hier war, ist das jetzt auch kein Alien-Artefakt, sondern einfach eine architektonische Fleißaufgabe: statt eines einfachen Grenzsteins wurde hier eine Grenzpyramide gemauert.
Im Errichtungsjahr 1828 wurde in solcher Abgelegenheit (an der Grenze zwischen Steiermark und Niederösterreich) nicht nur dieses Monument errichtet, sondern in nahen Abständen viele weitere. Zu denen komme ich im Laufe meiner Wanderung heute noch.
Annähernd 200 Jahre steht dieser Grenzstein hier, und das ist schon eine Ansage: Zum Beispiel wurde 1828 der Grundstein für die erste Eisenbahn in den USA (Baltimore and Ohio Railroad) gelegt. Da hat sich in der Zwischenzeit doch einiges ereignet …
Und wie es der Zufall haben will, besitze ich eine schmuckschöne originale Aktie dieser Eisenbahngesellschaft. Da kann eine digitale Kontostands-Anzeige nicht mithalten:
Blick zum Königsbergrücken, …
… Stumpfmauer und Königsberg – im Hintergrund der langgezogene Rücken des Hegerbergs mit so selten bewanderten Gipfeln wie dem Hochdreizipf (1466 m).
In den Eisenerzer Alpen sieht es so aus. Und das mit dem Matterhorn und dem Lugauer kommt nicht von ungefähr.
Zu dem eigenartig geformten Bergrücken im Vordergrund gibt es einen Tourenbericht im Blog: Berge ohne Mitlaut: die Akogeln. Am Fuße dieses Bergrückens (GeoPark Gams) befindet sich die begehbare Nothklamm mit übervielen fossilen Fundmöglichkeiten. Darüber berichte ich ebenfalls in diesem Blogeintrag.
Das Stangl (1592 m) befindet sich auch schon viele Jahre in meiner Gipfelvorratsdose. Vielleicht nächstes Jahr?
Mein Weiterweg führt mich über gerodetes Gelände zu dem restbewaldeten Schupfen vor mir. Dort vermute ich die nächste Gipfelpyramide.
Das ist aber gut geirrt – denn der Grenzverlauf und die Gipfelpyramide (links der Bildmitte) am Scheibenbergkogel befinden sich einen abgeholzten Mugel südlicher.
Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto …
… am Scheibenbergkogel (1377 m).
Durch die Holzschlägerungen und Wiederaufforstungen ist das Gelände jetzt sehr ungut zu durchwandern, …
… und weil ich mitunter einfache Lösungen vorziehe, weiche ich nach dem nächsten Grenzmonument …
… auf die nahe Forststraße aus.
Ungewohnter Blick auf den Schneehotspot in NÖ: das Hochkar.
Die Forststraße verläuft weiter parallel zum Grenzverlauf.
Hier sieht es aus, als hätten sich zwei Riesen geprügelt. Das nutze ich jetzt, um in das Gelände abzubiegen.
Dann kommt es schon bald zu einer ersten Begegnung an diesem Tag: Ein Reh, das in die Lichtung springt, sich bei meinem Anblick ertappt fühlt und rasch, mit Erschreckaugen und viel Ohrengewackel wieder in den Wald wegtaucht.
Danach wird es sehr unübersichtlich, und es stellt sich die Frage, hinter welchem dunkelgrünen Wipfelgewirr sich mein Gipfel befinden könnte.
Ich finde wieder zu den südlichen Abbrüchen zurück, dort entlang ist es nicht ganz so schwierig, …
… auf den wolkenumzogenen Gipfel zu gelangen.
Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Zinken (1400 m).
Am Talgrund, zirka 800 Meter tiefer, befindet sich die Erlebniswelt Mendlingtal, die möchte ich für einen Besuch empfehlen – auch mit Kindern.
Die Ausblicksqualität in Richtung Dürrenstein ist sehr bescheiden. Ich setz mich nieder, strecke die Beine aus, schließe kurz meine Augen und freu‘ mich nach dem Aufwachen diebisch über mein Trödeln, das anderen wie eine sündige Zeitverschwendung vorkommen muss.
Von dort bin ich hergewandert, …
… und zu der Forststraße am Fuße des Ruhkogels will ich hin.
Nach dieser intensiven Gipfelrast steige ich über die Wüstenei der Spuren einer vielköpfigen Holzfällermeute zu ihr ab. Das mit der vielköpfigen Holzfällermeute stellt sich später als Irrtum heraus.
Der Abstieg ist kurz und einfach. Hier komme ich zu meinem Vorschlag einer Routenänderung.
Ich würde die Wanderung bis zum Scheibenbergkogel so gestalten, wie ich sie gegangen bin. Jedoch nach dem Scheibenbergkogel die nach Norden abzweigende Forststraße nehmen und auf dem Weg, welchen ich im Abstieg vom Zinken genommen habe, diesen besteigen. Es erspart einiges an fast undurchdringlichem Dickicht und Kratzern an Armen und Beinen und schlimmer Wortwahl.
So in etwa habe ich mir die Holzfällermeute vorgestellt: Die Gesichter zernarbtes Leder, Schnurrbärte, Tagesbärte, Hosenträger, Hüte und Backenknochen.
So sieht die Meute tatsächlich aus:
Man darf hier aber nicht fälschlich sentimental werden. Die Menschen damals waren, wie das vorige Bild beweist, ebenso in die En-gros-Abholzung von Bäumen verstrickt: Eisen, Holzkohle, Papier, Bauholz, Möbel und Zahnstocher forderten das ihre.
Ich treffe auf diese Tafel mit dem ausgeschilderten Luchstrail. Es wird Zeit, dass ich mir den Verlauf dieser ziemlich neuen Wanderidee einmal genauer ansehe.
Blick auf einen Teil meiner heutigen Wanderung, und schon bald …
… hat mich der Tischeksteig wieder.
Senf dazu? Sehr gerne!
Darf’s ein bisserl mehr sein?
Weitere Unternehmungen in der Region Ybbstaler Alpen (Auswahl):
- Über Sieben Hügel musst du gehn…
Geißberg (781m), Schwarzenbachberg (861m), Kranzerspitz (906m), Reifberggkogel (854m) - Sonnbergspitzl und Weißes Kreuz
Sonnbergspitzl (900m), Weißes Kreuz (969m) - Prochenberg
Prochenberg (Kreuzkogel) (1123m), Haselsteinmauer (904m) - Vier Meter zuviel für den Wetterkogel
Wetterkogel (1111m), Hirschkogel (1078m) - Geometrisches Wandern: Im Kreis gehen am Dreiecker (876 m)
Dreieckberg (876m), Urmannsberg (795m)
Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.
Zeit: je nachdem | ↗ : 900 hm | Distanz: 16,7 km | zum großen Teil unmarkiert | viel Forststraße | Quellen: I-Net | must have: naja | Gipfel: 2 Scheibenbergkogel (1377 m) und Zinken (1400 m) |
Ausschnitt aus
Karte 4309, Österreich digital.
ⒸKartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.
Die Bildbeschriftung erfolgte mit:
PanoLab Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Ⓒ Christian Dellwo.
Meine Quellen:
Historische Beiträge des Musealvereins – 38. Jahrgang (abgerufen am 12.1.2026)
Paulis Tourenbuch: Vom Gamsstein über den Scheibenberg zum Zinken (abgerufen am 12.1.2026)

Tippelt (2019): Einsames Bergland zwischen Salza und Ois, Kral Verlag, Berndorf und Queiser GmbH, Amstetten.
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