Ennsberg (1373 m) und Hühnerkogel (1474 m)

Wer eine Wanderung gerne mühsam und beschwerlich beginnt, folge meiner heutigen Wanderung auf Schritt und Tritt. Die holzverseuchte Rampe des hochgezogenen Bergrückens von Kleinreifling auf den Ennsberg ist ein vorzüglicher Spender dieser Gaben. Obwohl ich das bereits einmal erfahren durfte, will ich heute erneut davon kosten, denn es gibt auch eine Belohnung für die Mühen: den feinen Felsgipfel am Hühnerkogel (1474 m).

Bloß den Beginn dieser Wanderung gestalte ich ein wenig anders als sonst. Ich fahre den Hammergraben entlang, bis zur Einmündung des Gschieberbachs bei Hochhaus.

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Gleich nach der Straßenbrücke wandere ich einen verwachsenen Ziehweg hoch.

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Obwohl ich keine Umzäunung übersteige, werde ich von Schafen begrüßt und ein Stück weit begleitet. Als der Forstweg gänzlich vom wuchernden Grün…

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…verschlungen wird, bleiben die Schafe zurück. Das ist ihnen jetzt zu blöd. Nur mir nicht. Durch nachtnasses, hüfthohes Gras wandere ich bis zur Einmündung einer Forststraße.

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Die Forststraße transformiert sich zu einem Pfad, und ohne großen Höhengewinn quert dieser zu den Wiesen…

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…oberhalb von Kleinreifling. Mein Blick schweift über die gemähten hellgrünen Hänge zur Kirche und zur Enns.

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Von der Forststraße weist eine Tafel auf die erste Möglichkeit zum Gratanstieg. Ich empfehle die vollständige Ignorierung.

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Denn unsichtbar und verwunschen ist der Pfad, lediglich ein dunkler verwachsener Tunnel. Diesen lichtarmen Raum will ich nicht betreten, und ich drehe um.

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Ich gehe auf der Forststraße weiter und nehme den zweiten, markierten Gratanschluss. Allerdings kann man diesen Anstieg ebenfalls völlig vergessen.

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Hölzerne Tristesse empfängt mich. Sie führt mich in einen furchtbar steilen Schlag. Markierungen und Wegspuren sind nur sporadisch zu erkennen. Moderndes, sperriges Restholz deckt zentimeterdick den Boden. Jeder Schritt will wohlüberlegt sein im steilen Gelände.

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Es folgt eine böse Halbestunde. Ganz nach oben, zur unteren steinernen Begrenzung des grünen Baumbandes, muss ich. Und es ist viel steiler, als dass ein Foto das zeigen könnte.

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Oben angekommen, wird aus dem Wunsch, eine Pause zu machen, ein echtes Bedürfnis. Hinter mir ist die Forststraße zu erkennen, und meine Empfehlung ist,…

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…die Forststraße bis zu diesem Punkt hochzuwandern. Das ist zwar einen Kilometer länger, aber erspart gehörig Körner und fördert das Vergnügen an dieser Wanderung. Die Straßenkehre, die ich meine, habe ich gelb eingekreist.

Gratbetretung

Steigspuren finden und verlieren sich im hohen Gras. Dort braucht man aber nicht wirklich einen Weg.

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Vereinzelt gibt es langgerutschte Fußspuren im Lehm. Über liegengelassene Äste und entrindete Stecken steige ich hoch.

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Bis auf ein paar Buchen am Bergscheitel wurde der Ennsberg völlig abgeholzt.

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Vom Dürreck kann ich im diesigen Licht auf Weyer blicken.

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Noch sind die neugepflanzten Bäume nur grüne Punkte am riesigen grünen Rücken des Ennsberges, aber schon bald werden sie sich zu einem blickdichten Jungwald erheben.

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An diesem Zaun verlieren sich die Pfadspuren. Für ein kurzes Stück müsste ich durch dichtes unwegsames Staudengewächs, um am Gratrücken weiterwandern zu können. Ich übersteige lieber den Zaun und spaziere innerhalb seiner spitzen Grenzen.

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Der Berg bekommt jetzt eine ungeahnte Gipfelfläche. Vor mir öffnet sich eine riesige Weide mit Kühen,…

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…aberhunderten Trollblumen…

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…und etwas abseits der Markierung, dem Ennsboden (1293 m).

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Weil ich ein Baumanalphabet bin, weiß ich bei diesem Anblick nicht, ob das jetzt ein Ex-Laubträger oder ein Ex-Nadelträger ist.

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Wo in meiner Karte lediglich markierte Pfade verzeichnet sind, finden sich hier jetzt Forststraßen. Sogar einen ziemlich neuen Wegweiser treffe ich an.

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Ich bewege mich noch immer innerhalb der Umzäunung auf dieser Forststraßenvorstufe und mache einen interessanten Fund. Mittig im Strasserl ist eine papierene SMS unterwegs. Mangels Handyfunkmasten muss es offensichtlich die Forststraße benutzen. Die Nachricht darauf beweist mir, dass noch genug Leidenschaft in der Welt ist.

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Zwar drückt „Küßchen“ nicht gerade intensivste Erregung und Hingabe aus, aber immerhin hat sich der/die Schreiber/in große Mühe gegeben und das Licht der Öffentlichkeit nicht gescheut. Wobei, dort oben von Öffentlichkeit reden trifft es halt auch nicht ganz. Vermutlich bin ich heute die ganze Öffentlichkeit – und diese Öffentlichkeit beteiligt sich…

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…vorsichtig an der Angelegenheit. Irgendwie freundschaftlich, weil sie weiß, was sich gehört.

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Ich bleibe auf der Forststraße. Wenn sie schon da ist, kann sie zu meiner Tour auch etwas beitragen, denke ich mir.

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Und das tut sie auch. Am Ende der Forststraße findet sich eine kleine Lichtung, und am bewachsenen Rande dieser Wiese gelange ich auf Steigspuren…

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…auf den Gipfel. Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Ennsberg (1373 m).

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Der Abstieg auf der anderen Seite und die Rückkehr zum markierten Weg ist gar nicht so einfach, weil es so wenige Spuren gibt.

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Der Weiterweg zum Hühnerkogel ist jetzt sehr vergnüglich und der schönste Teil der ganzen Überschreitung. Mal felsig, mal blumig, mal mit Aussicht, mal mit Blumenduft, mal mit angewärmten Holzgeruch in der Nase.

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Noch einmal muss ich eine übereifrig bearbeitete Forstnutzungsfläche durchschreiten, um zum nächsten Gipfel zu gelangen. Der Gipfelaufbau des Hühnerkogels ist an seiner Südseite baumbestanden, und an der Nordseite besitzt er ein ein felsigkahles Gesicht. Solche Vokuhila-Gipfel kommen in den OÖ-Voralpen öfter vor.

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Alle Mühe hat sich gelohnt,…

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…und wieder einmal stehe ich am nur scheinbar unscheinbaren…

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…aber in Wahrheit blumenvollen Gipfel des Hühnerkogels (1474 m).

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Im Gipfelbuch finden sich Einträge vieler Bekannter (Grüße an Waltraud). Bereits mehrmals in diesem Jahr ist auch jener Bergsteiger eingetragen, der nach Peter Habeler als zweiter Österreicher „by fair means – ohne Flaschensauerstoff“ den Gipfel des Mount Everest erreicht hat und das als erster Österreicher über die Nordroute von Tibet aus: Sepp Hinding.

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Erst kürzlich fand ich unter den hinterlassenen Papieren meines im März verstorbenen Vaters diese „Unterstützer-Postkarte“ von der „Everest’95 Nord-Expedition“, an der Sepp Hinding als einziger den Gipfel erreicht hat.

Everest95ExpedBild

Für einen (kleinen) finanziellen Beitrag erhielt jeder Unterstützer eine Postkarte mit den Signaturen der Teilnehmer. Eine sympathische Art der Finanzierung, ganz ohne übertriebenen sponsorenbezahlenden Trommelwirbel in den Medien. So anachronistisch das mittlerweile wirken mag, so sympathisch ist mir das.

EverestNordKarteRückseite

Und weil mich meine Verwandschaft in Weyer aus unerfindlichen Gründen sehr mag,  schenkten sie mir zu meinem Geburtstag das Buch von Sepp Hinding…

CoverBrunnthalerSeppHindingAlleingangamEverest

…mit einer herzlichen Widmung. Das mit der „kleinen Anregung für schöne Bergtouren“ meinte er bestimmt mehr symbolisch. Ich friere mir schon beim Lesen seiner Bergabenteuer sämtliche vorstehende Körperteile ab.

WidmungHinding

Hinding ist im Gipfelbuch öfter eingetragen. Offenbar kehrt er wieder zu den Bergen seiner Jugend zurück (sofern er überhaupt jemals fort war):

„Bis zum Alter von 15 Jahren war Sepp mit seinen Freunden (…) überwiegend im Almkogelgebiet unterwegs. Kein Gipfel, wie Burgspitz, Hühnerkogel, Katzenhirn sowie Großer und Kleiner Almkogel, war vor ihnen sicher. Die Stallburgalm entwickelte sich zur zweiten Heimat, fast jedes Wochende übernachteten sie auf der Hütte, und in den Felsen kletterten sie frei herum“. (Brunnthaler)

Über der Stallburgalm steht der Burgspitz (1429 m).

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Durch den „Nackenspoiler“ des Hühnerkogels kann ich zum Kühberg (1415 m), und der Bodenwies (1540 m) blicken. Das Gesäuse lässt sich nur erahnen und wird fast vollständig vom Wolkendunst verschlungen.

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Der langgezogene Dürrensteigkamm,…

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…dessen Überschreitung ich jedes Jahr plane und bis heute nicht gemacht habe.Ich frage mich, wie lange ich den nahezu erforderlichen Überschreitungsvollzug ungetan lassen kann.

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Weil es sowieso den ganzen Tag schon ein besonders schöner Tag ist, lässt sich das Hintergebirge auch nicht lumpen und schickt mir noch dieses mächtigen Bockkäfer zur Kurzweil bei der Gipfeljause.

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Nach langer Gipfelrast habe ich große Mühe über die Schwelle der Trägheit zu gelangen. Es muss aber sein. Die Wolken über mir werden dunkler. Meine Glieder sind vom langen Sitzen wie festgefroren, und nur mühsam komme ich hoch. Langsam und vorsichtig steige ich die ersten felsigen Meter vom Gipfel ab.

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Der Weg ist zwar begangen, aber trotzdem gut überwachsen. Dieser Waldabschnitt ist schon immer feucht, und in ihm dunstet der eingealterte Geruch von Moder und Fäulnis. Am sogenannten Übergang (1216 m) kreuzen sich die Wege. Zur Stallburgalm ist es nicht mehr weit. Auf den Almkogel fehlen keine dreihundert Höhenmeter mehr. Ich entscheide mich für den südlichen Abstieg nach Kleinreifling.

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Nach wenigen Minuten gelange ich zur angepeilten Forststraße, folge aber nicht der Markierung,…

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…sondern steige gut siebzig Höhenmeter auf der Straße über die Arzmauer hoch.

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Ich habe gehofft, die in meiner Karte verzeichneten Jagdsteige zu finden und damit den Forststraßenweg abkürzen zu können – keine Chance.

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Alles ist wild verwachsen und neu aufgeforstetet. Für eigene Wege ist mir das Gelände  dann doch zu steil. Blick zurück auf den heute überschrittenen Kamm.

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Nur ganz zum Schluss will ich es wissen und steige in die steinige, steile Botanik. Ich werde dafür hart bestraft. Das ist nichts für schwache Gemüter oder labile Momente im Leben. Die läppischen zweihundert Höhenmeter kosten mir Nerven und meine Sonnenbrille, beides verliere ich praktisch unfindbar im überwucherten Gelände.

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Im Anstieg ca. 1165 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 16,5 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

Die Bildbeschriftung erfolgte mit: PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version: 1.0.3  © Christian Dellwo.

Vokuhila auf Wikipedia (abgerufen am 15.7.2017)

CoverHeitzmannHarantOberösterreichischeVoralpen OEAVFührer

Heitzmann, Harant (1996): OÖ-Voralpen. OeAV-Führer, Ennsthaler Verlag, Steyr.

CoverBrunnthalerSeppHindingAlleingangamEverest

Brunnthaler (2003): Sepp Hinding Alleingang am Everest, Ennstaler Verlag, Steyr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

EPILOG

Am 22.04.2007 habe ich mit meinem vierundsiebzigjährigen Vater den Hühnerkogel ebenfalls über den Ennsboden besucht.

Wir sind von der „empfohlenen“ Straßenkehre auf den Grat gestiegen.

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Die Rodungsarbeiten waren noch nicht ganz abgeschlossen.

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Den Ennsberg haben wir ausgelassen.

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Am Gipfel des Hühnerkogels zwang uns allerschönstes Aprilwetter förmlich zur Entkleidung. Mit enblößten Oberkörpern trotzten wir dem Wind, der Sonne und den Frühlingsinsekten.

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Mit meiner alten Kamera brachte ich offensichtlich kein…

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…Selbstauslöserfoto mit uns beiden beim Gipfelkreuz zustande.

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Die Weitsicht war ein klein wenig besser.

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Ganz eigenartige Farbenspiele am Burgspitz über der Stallburgalm.

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Den Abstieg wählten wir über die…

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…Stallburgalm.

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Blick von der Stallburgalm aufs Gipfelkreuz und den felsigen Aufbau.

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Auf der Forststraße hatten wir große Mühe, uns bemerkbar zu machen. Ohne das Anhalten der ganzen Maschinerie haben wir uns nicht vorbeigetraut.

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F I N


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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.