Biwaknacht unterm Brandstätterkogel (2234 m)

Früh aufbrechen, wenn man einen Berggipfel besteigen will, denn, „Der frühe Vogel fängt den Wurm“, ist die ewig unhinterfragte Weisheit unserer Altvordern. Wenn man aber arbeiten muss und noch dazu eine weite Anfahrt hat, kann man die Sache auch später angehen, leer geht nur derjenige aus, der gar nicht loszieht. So oder so lautet meine Devise dafür:

„Die zweite Maus bekommt den Käse!“

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Darum stehe ich um 17:30 Uhr, für ein Biwak vollbepackt wie ein Yak, am Parkplatz beim Ingeringsee. In einem mittäglichen Anfall von Natursehnsucht und weil mein Schrank voller unbenutztes Outdoorequipment (Klumbert für draußen) ist, habe ich beschlossen, den Brandstätterkogel (2234 m) und am Folgetag den Hochreichart (2416 m) und den Hirschkarlgrat (2282 m) zu besteigen.

Die Seebesucher treten die Heimreise an, und ich ernte verwunderte Blicke, als ich mich für den Abmarsch bereitmache. Weil mein Auto auch die Nacht über am Parkplatz stehen wird und ich den Bergrettern keinen unnötigen Nachteinsatz bereiten möchte, platziere ich diesen Text, in dem ich zugegebenermaßen etwas übertreibe, hinter die Windschutzscheibe:

Ich bin gerade dabei, die Seckauer Tauern zu überschreiten und komme erst am Donnerstag, den 25.8.2016 wieder zum Auto zurück!

Also machen Sie sich bitte keine Sorgen.

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Es ist noch ganz schön heiß, und ich bin doch reichlich angepackt. Aber meine Vorfreude hilft beim Tragen, und so wandere ich gut gelaunt den ersten Abschnitt die Straße zurück, um bei der Ochsenwaldhütte die Forststraße in den Wald zu nehmen.

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Noch g’scheiter wäre es gewesen, die wenigen Meter zum See zu wandern und die parallel zur Anfahrtsstraße verlaufende Forststraße zu gehen, denn die mündet beim Holzkreuz (zur Erinnerung an den Holzknecht Heinrich Zetre errichtet) in den markierten Weg. Diese Idee überfällt mich erst später beziehungsweise zu spät.

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Schon bald gut eingeschwitzt wandere ich hoch, solange, bis ich die ersten Ansichten der Berge vor mir habe. Bei diesem Anblick glaube ich schon einmal das Brandstättertörl einsehen zu können und irre damit, wie sich wenige Minuten später herausstellt. Das ist das Ochsenkar, begrenzt vom Brändstätterkogel (links) und dem Maierangerkogel (nicht zu sehen).

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Der Weg dreht in den Westen, und jetzt stehe ich am Beginn des Brandstättergrabens.  Es fehlt schon ein bisschen an Licht, nur oberhalb leuchtet es noch hell, und da will ich hin.

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Auf der rechten Bachseite (orographisch links) führt ein guter Steig hoch.

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Ich laufe dem Sonnenkranz hinterher und bin immer ein wenig zu langsam, – und das ist gut so. Der Schatten des Hochreicharts vertreibt nicht nur das Licht, sondern auch die unbarmherzige Restschwüle des heißen Sommertags. Somit habe ich, unerhofft, sehr gute Anstiegsbedingungen. Im Sonnensink – und Schattenanstiegstempo stapfe ich hoch.

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Falbes Licht legt sich wie ein getönter Schleier über den Gegenhang.

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Gegenseitig verschatten sich die Berge im Südwesten.

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Kurz vor der Quelle öffnet sich der Graben, und das Gelände legt sich etwas zurück. Gleich habe ich es geschafft.

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Ohne Ahnung, wer die Verantwortlichen von meinem Kommen informiert hat, freue ich mich darüber.

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Die Quelle empfinde ich bemerkenswert. Sie entspringt und ist sofort ein Bach. Da gibt es kein Zwischenstadium, keine Kindheit des Wassers, kein Getröpfel und kein Gerinsel, – das Wasser macht sogleich auf kaltgesottener Halbstarker. Es lärmt gewaltig.

Einen Meter oberhalb des eigentlichen Bachs finden sich diese „Quellbauten“.

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Hier droht mir die größte Gefahr des ganzen Tages, der Verlust eines Fingers. Schneidendkaltes Tauernwasser friert mir fast die Fingerspitzen ab. Weil ich die Situation gut überstehe, will ich aus Dankbarkeit einen Eid schwören. Einen Eid, den ich auch erfüllen kann:

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„Ich schwöre, dass ich mit dem Schönerwerden endlich aufhören werde!“

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An der Quelle bleibe ich nicht lange und steige schon bald weiter zum Törl hoch.

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Im Brandstättertörl bzw. in alten Aufzeichnungen auch Reicharttörl genannt (2021 m),  kann ich auch in die Nordseite blicken. Unter mir verschattet das einsame Brandstätterkar. Vom Hochreichartschutzhaus zieht ein Steig durch dieses Kar hierher ins Törl.

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Das Finstererhorn (2081 m) ist jetzt gar nicht finster und glänzt in der Abendsonne.

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Der Brandstätterkogel erstrahlt auch noch im Abendlicht, und ich beschließe seine Besteigung, auch wenn mir am Weg zu ihm die Sonne abhanden kommt.

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Ich bin einfach eine Stunde zu spät dran. Was soll’s. Den Rucksack lasse ich am Rücken, weil ich vielleicht auch am Gipfel einen Schlafplatz finde, – Wasser habe ich genug mit. Trotzdem begutachte ich Halm für Halm die Graspölster im Törl auf ihre Eignung als Schlafplatz sehr genau. Vielleicht werde ich meinen müden, angealterten Körper heute noch irgendwo hier ins Heu betten. Halbwegs ebene Flächen gibt es, und schön weich ist es auch.

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Ich steige hoch und bleibe immer wieder stehen, um dem Tag beim Müderwerden zuzusehen.

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„Die Sonne machte ihren üblichen Rundgang ums Haus, als der Nachmittag in den Abend hinüberreifte.“

(V. Nabokov, Lolita)

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Schattengekühlter Wind weht über die Kante. Viel mehr noch als im Törl. Noch ein letztes mal an diesem Tag wird der Brandstätterkogel (nomen est omen) zum entflammten Streichholzkopf.

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Am breiten Rücken zum Brandstätterkogel kann ich erstmals den Maierangerkogel (2356 m) sehen. Über diese Einschartung ist er unschwierig ebenfalls ersteiglich, nur, mir fehlt heute die Zeit. Denn schon die wenigen Meter zum Gipfelkreuz verdunkelt sich der Himmel.

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Wenn sich der Schatten mit dem Wind paart, wird es ganz schön ungemütlich. Ich erkläre doch das Törl zu meinem Ankerplatz (im Bild, links der Mitte) und werde dort die Nacht verbringen.

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Ich beschleunige meine rucksackgebremsten Schritte und schaffe es trotzdem nicht, bei Restsonne den Gipfel zu erreichen. Das gerade erzeugt aber die gewisse, heimliche Feierlichkeit, die fast jedem meiner Gipfelbesuche zu eigen ist.

Obligatorisch und unverzichtbar: Gipfelfoto Brandstätterkogel (2234 m).

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Bei immer dichter werdender Dunkelheit eile ich ins Törl zurück und suche mir in der weichen Wiese meinen Schlafplatz. Die erste Wahl ist nicht ideal, weil ich mich nicht ganz eben bette. Das korrigiere ich noch in der Nacht. Bei (fast) völliger Abwesenheit von Licht, nur im tastenden Lichtfinger meiner Taschenlampe, ist das gar nicht so einfach zu bewerkstelligen.

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Ich schlüpfe in trockene Socken und ziehe ein frisches T-Shirt und einen Pullover über. Meinem Schlafsack unterlege ich eine Zeltunterlage, eine aufblasbare Isoliermatte, und fertig ist mein Bett ohne Bettkante. Danach berücksichtige ich noch die Information aus einem Outdoor-Ratgeber, – dass man mit den Füßen voraus in den Schlafsack steigen soll.

Weil ich kein Kamerastativ eingepackt habe (kommt auf die Packliste), gelingt mir kein Foto vom Sternenhimmel. So finster war es nur zu Beginn der Nacht, danach…

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…wird der Himmel zum schwarzen Ballkleid, bestückt mit abertausenden, funkelnden Swarovskisteinen. So etwas Schönes habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Später kommt der Mond und überstrahlt in seiner Selbstherrlichkeit den ganzen Sternenglitter.

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Mir gelingt es doch noch, für wenige Stunden in mich selbst hineinzukriechen und zu schlafen. Darum weiß ich nicht, wer mir in der Nacht einen Kübel Wasser über den Schlafsack geschüttet hat. Für Morgentau ist es viel zu viel Wasser, denk ich mir. Weit und breit ist allerdings niemand zu sehen, und nach Gamsurin riecht es auch nicht. Wird wohl doch das Gepisel des Morgens sein.

Noch bevor die Sonne die Horizontlinie überspringt, taucht der Hochreichart, in atlasblauen Samt eingebettet, über dem Törl auf. Es ist Zeit, aufzustehen und da hinaufzusteigen, denkt es in mir. Und das tue ich dann auch – wie hier nachzulesen ist:

Mille grâces Hochreichart (2416 m) et Hirschkarlgrat (2282 m)

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Im Anstieg ca. 1020 Hm und zurückgelegte Entfernung ca. 7,5 km.

Senf dazu? Sehr gerne!

blog@monsieurpeter.at

Meine Quellen

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Ausschnitt aus Karte 4309, Österreich digital. ©Kartografie: Kompass-Karten GmbH, Lizenz-Nr.8-0512-ILB.

PanoLab  Beschriftungsprogramm für Panoramabilder Version:  v 1.0.2    © 2007 Christian Dellwo.

Auferbauer(2014): Niedere Tauern Ost mit Murauer Bergen und Turracher Höhe. Wanderführer. Bergverlag Rother, München.

Auferbauer (2000): Bergtourenparadies Steiermark: Alle 2000er vom Dachstein bis zur Koralpe. Verlag Styria, Graz.

Buchenauer (1987): Höhenwege in den Niederen Tauern. Verlag Bruckmann, München.

Buchenauer(1975): Verliebt in die Heimat. Leykam Verlag, Graz.

Hödl (2008): Bergerlebnis Wölzer, Rottenmanner, Triebener Tauern und Seckauer Alpen. Steirische Verlagsgesellschaft, Graz.

Hödl (1998): Vom Dachstein ins Weinland: Neue prachtvolle Touren am Dachstein, in den Tauern und zu den hohen Almen. Verlag Styria, Graz.

Holl (2005): Niedere Tauern. AV-Führer, Bergverlag Rother, München.


Darf’s ein bisserl mehr sein?

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Besonders Umtriebige können auch noch im Tourenbuch und der Gipfelliste stöbern oder auf der Tourenkarte herum strawanzen.